mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr.«». Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. «3.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
Samstag, den 18. Oktober 1913.
64. Jahrgang.
Die Leipziger Völkerschlacht.
Der Korse meinte, ihm gehöre die Welt, Man sollte tanzen, wie's ihm gefällt, Auf Erden wollt' er gebieten allein Und glaubte voll Wahnwitz, Gott selber zu sein.
Doch Preußens Blüte die Knospe sprengt. Ein jeder zur Lanze, zum Schwert sich drängt, Es dröhnte das Hurra durch Mark und Bein, Die Schar Alexanders stimmt mächtig mit ein.
Der Kronprinz von Schweden kam über das Meer Mit Gustav Adolfs reisigem Heer; Der Kaiser Franz war auch dabei, Zu brechen endlich die Tyrannei.
Ob weit die Menge der Feinde sich dehnt, Ob weit der Rachen der Hölle gähnt, Die blanken Schwerter in tapferer Hand Geht's vorwärts für König und Vaterland.
Der Strom des Feindes zum Durchbruch schwillt, Aus tausend Schlünden der Donner brüllt, Die Kugeln werden wie Hagel gesät, Nach Ost und nach West sich Napoleon dreht.
Friedrich Wilhelm und Alexander winkt, Und Schwedens Kronprinz den Degen schwingt, Und Dorck und Blücher mit Sturmesmacht Beginnen die blutige Völkerschlacht.
Und als der dritte Tag sich neigt, Des Feindes trotziger Donner schweigt. Mit Zinsen bezahlte der rächende Blitz Die Schulden von Jena und Austerlitz.
DaS war die Leipziger Völkerschlacht, Die hat zertrümmert Napoleons Macht. Bor hundert Jahren ist sie geschehn, Jhc Ruhm wird immer und ewig bestehn.
Heldengeist.
Zum 18. Oktober.
Die Vergangenheit öffnet ihre Tore. Aus ihnen sieht die Erinnerung einen langen Heldenzug schreiten, den sie dankbar und ehrerbietig überschaut.
Seid uns gegrüßt, ihr Kämpfer von Leipzig, die ihr unter schwerem Druck jahrelang eure Kräfte gestählt euren wachsenden Unmut gezähmt und die schwerste und ernsteste Selbstzucht geübt habt, die wohl je ein Geschlecht gekannt hat. Wir gedenken der Tapferkeit und Mannhaftigkeit, mit der ihr euer Blut und Leben dem Altare des Vaterlandes geweiht habt.
Seit gegrüßt auch, ihr Männer und Frauen, die nicht unter dem Donner der Schlachten stehen konnten. Euer stilles Heldentum an Haus und Herd stellt sich würdig neben den Mut der Kämpferscharen. Ihr habt gearbeitet, Euch gemüht und gedarbt, ihr habt willig alles dahingegeben, um die Wehr des Volkes in den heiligen Kampf stellen zu können. Ihr habt mit Gedanken und Gebeten und treuester Fürsorge hinter den Reihen der Streiter gestanden, sodaß sie sich von Eurer Liebe getragen wußten.
Seid gegrüßt, ihr Greise und ihr Unmündigen, die ihr die schwere Not jener Zeit habt mittragen helfen. Ihr habt an eurem Teile den Beweis dafür erbracht, daß ein wahrhafter Heldengeist alle Glieder eines Volkes erfassen kann, und daß ein zu Boden getretenes Geschlecht auch die festesten Fesseln durch den rechten Geist zu brechen vermag.
Seit gegrüßt endlich ihr deutschen Familien, über die der Tag von Leipzig die Trauer des Todes gebracht hat, sodaß euch die Siegeskunde zugleich den Schmerz des Abschieds auferlegte von euren Männern, Vätern und Brüdern, die auf dem Felde der Ehre geblieben waren. Wieviele von Euch haben hinterher jahrelang in stillem Heldengeist aushalten müssen, um die geschlagenen Wunden und ihre Sorgen zu überwinden.
Ihr alle aus dem Geschlecht jener Tage wäret getragen und durchglüht von dem Heldengeist, der am 18. Oktober auf dem Felde bei Leipzig die unwürdigen Bande zerbrach und unser deutsches Volk aus der tiefsten Schmach zu einer neuen Erhebung führte. Wir ehren euch dankbar im Geiste als den würdigsten Heldenzug unserer deutschen Geschichte. Wir ehren eure Führer, die euch aufs Neue innerlich auf die Kräfte der religiösen und sittlichen Wiedergeburt gegründet haben, die letzten Endes doch die Quelle der völkischen Erhebung gewesen ist.
Und im Rauschen dieses Heldengeistes fühlen wir deutlich, wieviel uns heute fehlt, wie sehr wirzinuerlich dem Erbe der Zeit vor hundert Jahren schon untreu geworden sind. Wir bangen darum, ob unser Volk in einer neuen Feuerprobe so bestehen würde, wie einst ihr. Wir wollen und sollen immer tiefer erkennen, daß nichts anderes unser Volk innerlich gesund und äußer
lich stark erhalten kann, als der Geist, der eure Brust erfüllt hat. Und so geloben wir, zu der 100jährigen Wiederkehr der Leipziger Tage, euren Heldengeist besser zu verstehen und unsere Jugend darin zu erziehen.
DeilLfches Nrich.
— Der 70. Geburtstag des bayerischen Gesandten am preußischen Hofe, des Grafen von und zu Lerchen- feld bot den Anlaß zu außerordentlichen Beglückwün- schungen des Jubilars. Prinzregent Ludwig hat ein Handschreiben an den Gesandten gerichtet, in dem er seinen Dank für die vielen hervorragenden Dienste bekundet, die er dem kgl. Hause u. dem Staate in einer langen und ehrenvollen Laufbahn geleistet hat. Unter den Gratulationen befinden sich ein Telegramm des Kaisers, '.des Reichskanzlers, der im Namen der Reichsregierung und der preußischen Staatsregierung seine Glückwünsche aussprach, ferner Telegramme des Königs von Sachsen, zahlreicher bayerischer Prinzen, einer Reihe anderer Fürstlichkeiten, der Senate der drei Freien Städte, des Bundesrats, sämtlicher Staatssekretäre sowie aller preußischen und bayerischen Staatsminister.
— Im Spionagenprozeß Kreutner und Genossen hat das Reichsgericht die Angeklagten in vollem Umfange für schuldig befunden. Es erhielten der Schankwirt Kreuter 4 Jahre Znchthaus, 6 Jahre Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht, der Schlosser Dringenberg 4 Jahre 6 Monate Zuchthaus, 10 Jahre Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht, der Schlosser Schäfers 1 Jahr 6 Monate Zuchthaus, 3 Jahre Ehrverlust, der Sprachlehrer Silvestre de Sacy 1 Jahr Gefängnis. Kreutner und Drmgenberg waren beschuldigt, sich zu Spionagezwecken Zeichnungen der hydraulischen Pumpe, der schweren Geschützturmkorstruktion 1908/12 und des mechanischen Geschoßansetzers verschafft zu haben. Dringenberg und Schäfers haben 'die Zeichnung der Pumpe der Aktiengesellschaft Friedrich Krupp in Esfen gestohlen. Silvestre de Sacy sollte Kreutner auf der Flucht nach Frankreich als Dolmetscher dienen.
— Der Preußische Städtetag hielt in Breslau seine achte Tagung ab. Vertreten waren 124 Städte. Der Vorsitzende, Exellenz Wermuth, Oberbürgermeister von Berlin, eröffnete die Tagung mit einem Hoch auf den Kaiser und König und hieß die als Ehrengäste Erschienenen, Oberpräsidenden Exellenz Dr., von Guenther und die Regierungspräsidenten Freiherrn von Tschammer und Quaritz- Breslau und von Schwerin-Oppeln willkommen. Oberpräsident von
Verbotene "Made.
Kriminalroman von Otto Viehofer. 76
Erkannt werden? Kein Gedanke, denn erstens saß der „Sttoldyißm nur zu echt, und was zweitens seine Stimme anbetraf, so hatte „Ponto" die nur ein einziges Mal gehört und selbst da noch in verstelltem Baß, damals, als er beim Herrn Grafen als Vertreter der Getreidefirma Mann u. Co. erschienen war. Nein, nein, Herbert Bal- thasar hatte in dieser Beziehung durchaus nichts zu befürchten. Innerlich mußte er sich belachen, trotz des gefährlichen Vorhabens, nun vielmehr darüber, daß es ihm gelungen war, der Riesenflasche, aus der die Gutsmamsell den Korn für die Leute einschenkte, im unbewachten Augenblick einen Besuch abzustatten. Nur ein paar kräftige Schlucks hatte er sich da abgefüllt, und sich bannt dann den Duft gegeben, der seinem momentanen Aeuße- ren entsprach. —
Herbert Balthasar horchte plötzlich gespannt nach der Mauer hin. War das nicht so, als raschelten Schritte jenseits im Grase, oder war es nur der Wind gewesen? Auf, die Ohren, sperrangelweit, —Wahrhaftig, näher kam da etwas, hnsch, husch durch das junge Gras.
Teufel und Hölle, wie das durch den Körper des Detektivs gefahren war. Straff gespannt war plötzlich jede Muskel, so daß die Finger den Stein in seiner Hand wie fünf mächtige Drähte umklammerten, die Kieferknochen waren hervorgetreten vom gegenseitigen starkenDruck, und die Augen stierten weit aufgerissen die beiden groben Säume hinauf, die ihr schwarzes Geäst hüben und drüben über dje Mauer sandten. Und von innen, von seinem Herzen,'stieg es herauf in mächtigem Strom, er wußte selbst nicht, ob heiß oder eisig, wälzte sich bis in die Kehle, darüber hinweg bis an die Schädeldecke, und ließ die Nerven sich schwingen in nur einem einzigen Ak- wrd: „Fasse ihn, ringe mit ihm, erreiche Dein Ziel." i - ^Jm — da kam es schon angeklettert von drüben
— auf der Mauer war es jetzt, — auf dem Baume schon I diesseits — und da, da stand es schon auf dem Boden, schwarz und hoch und massig und kerzengerade.
Zeit war es jetzt für Herbert Balthasar, hinweg mit ! dem Stein aus seiner Hand. — So, da bumste und rollte j er schon in dem gegenüberliegenden Busch und die aus- j einandergefahrenen Zweige schnellten raschelnd wieder zu- ; rück.
Ha,wie die plötzlich zusammengefahren war, die schwarze ; Riesengestalt vor ihm. Nach vorne streckte sie schon ihren ■ mächtigen Fühler, und da — Blitz, Knall, hinein drü- : ben in den rumorenden Busch, daß die Ziveige sich bo- j gen zum zweiten Mal.
Auf, Herbert Balthasar! „Hund verdammter, Du willst j hier einen armen Wanderburschen totschießen, einen armen, obdachlosen Teufel, der unter dieser Mauer Schutz suchte? Warte, das zahle ich Dir heim!"
Krach! schlugen die beiden Körper zusammen. Ruck! — rupp! — ruck! Funkelnde Augen, Zähneknirschen beiderseits. Klatsch, puff, ruck, rupp.
„Strolch, elender, laß los meinen Revolver, oder — 1“ Patsch, puff, ruckruck.
So, da hatte er ihn, den Revolver—der Detektiv! Was, der andere hatte noch nicht genug? Auf, den Hahn! Knackknack: „Hund, verdammter, mach Dich aus dem Staube, oder der zweite Schuß gilt Dir. Dich werde ich lehren, harmlose Menschen hier überfallen!"
Husch, stob es plötzlich durchs Gebüsch, husch, husch, weit nach vorn übergeneigt, mitlangenSätzen und zähneknirschend. Und weiter floh er — der „Ponto", weiter ins Feld hinein, um auf weiten Umwegen nach seinen heimischen Penaten zu gelangen.
Und der Detektiv?
Nun, der hatte wie eine Katze über die Mauer gesetzt, war mit leichten, aber Riesenschritten durch den Park geeilt, mP durch das Fenster, dessen einen Flügel er von
außen zugezogen hatte, in sein dunkles Zimmer gestiegen.
Und da warf er nun schleunigst die Lumpen ab und verbarg sie zusammen mit dem falschen Bart in seinem Koffer. Dann streckte er seinen Oberkörper weit in den Garderobenschrank hinein, zog die Tür heran, ließ seine Taschenlampe aufflammen und maß und besah sich den errungenen nur noch mit einer einzigen Kugel geladenen Revolver.
Und mit einem Mal lag er in seinem Bett. Und da wischte er sich erst einmal den Schweiß von der Stirne, und dann lachte er in sich hinein. Nein, Unsinn, er lacht« nicht in sich hinein, sondern es lachte aus ihm heraus. Ein breiter Strom kam da aus seinem Innern geflossen, nicht wie der vorhin, von dem er nicht gewußt, ob heiß oder eisig, sondern ein warmer, molliger Strom, es war — die Freude. Den Revolver hatte er nun, den halb ver- rosteten und ererbten Schießprügel „Pontos". Samt einer. Kugel. Den Fünfmillimeterrevolver, von dem der Kreisarzt seinerzeit gesagt, einen solch deren Volkskreise. Er war am 3 -, —__„ — — heißen Ringen irgend einen äußeren Schaden davongetra- gen hatte. Nein, nicht ein Hieb des andern war ihm inS, Gesicht gefahren, geduckt hatte er sich su ‘ '
gewunden und Stöße ausgeteilt wie ein Ji
en trügen nur die nie», äel, ohne daß er bei dem
Gesicht gefahren, geduckt hatte er sich «und gedreht und gewunden und Stöße ausgeteilt wie ein Jiu-Jitsu-Kämp-- fer. Aber des andern Antlitz hatte er auch geschont, er hatte aus bestimmten Gründen den nicht kennzeichnen wollen. — 197,18*
Und was nun? Wann sollte et nun verduften aus diesem Schloß? Donnerwetter ja, doch gleich, gleich—. auf schnellstem Wege zum Staatsanwalt geeilt und ihm dieses Schießeisen präsentiert und den Brief da im Koffer, und die besprochene Schallplatte. Fein paßte sichs doch jetzt, kein Mensch rührte sich im Schloß, den Schutz hatte also niemand gehört. Hinaus wieder durchs Fenster mitsamt dem großen Koffer, hinauf den einen Baum an der Mauer dort, und hinunter den andern, und weg war ^ - £ Äe^MÄSM