Telefon Nr. 65. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. «5.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Tireisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 Pfg.
86. Samstag, den 25. Oktober 1913, 64. Jahrgang.
Dmtfchss Reich.
— Berlin. Die Trauerfeier für die mit dem Marinelustschiff „L. 2" Verunglückten. Am Dienstag mittag wurde in der neuen evangelifchen Garnisonkirche auf dem Kaiser Friedrich-Platz die Trauerfeier für die mit dem Marineluftschiff „L. 2" Verunglückten abgehalten. Die Kirche war weihevoll geschmückt. Zu Seiten des Altars hingen zwei Marinekriegsflaggen herab. Vor dem Altar waren die 23 Särge aufgebahrt, die unter einem Hügel von Blumen und Kränzen verschwanden. Prinz Adalbert hatte um 10 Uhr einen Kranz des Kaisers und einen solchen der Kaiserin niedergelegt. Von 101/, Uhr ab erschienen die leidtragenden Angehörigen der Verunglückten und werden vonMarineoffizieren zu ihrenPlätzen geleitet. Dann füllte sich allmählich die Kirche mit einer gewaltigen Trauerversammlung. Man bemerkte u. a.: den Reichskanzler, der einen großen Kranz durch seinen Adjutanten Freiherrn von Sell niederlegen ließ, die Minister und Staatssekretäre, die Admiralität und die Generalität, darunter Großadmiral von Tirpitz, den Kriegsminister v, Falkenhayn, Chef des Generalstabes General von Molkte, ferner die fremden Marineattachss, die Herren des Hauptquartiers, Mitglieder des Reichstages, Vereine mit ihren Fahnen, eine Deputation der Studentenschaft der Berliner Technischen Hochschule. Auf der Empore hatten Marinemannschaften und andere Truppenteile Platz genommen. Vor der Kirche und nach dem Garnisonkirchhof zu stand die Trauerparade. Vor der Kirche fanden sich ein: der Kronprinz und die Kronprinzessin, sowie die Prinzen Eitel Friedrich, Adalbert, August Wilhelm, Oskar und Joachim. Unter Glockenlämen nahte um 12 Uhr im Kraftwagen der Kaiser in Admiralsuniform und die Kaiserin. Der Kaiser begrüßte zunächst den Großadmiral v. Tirpitz und sodann den alten Grafen Zeppelin, welcher in Ulanenuniform erschienen war und sprach längere Zeit mit beiden Herren. Sodann begrüßte der Kaiser die Kronprinzessin, den Kronprinzen und seine anderen Söhne. Die Majestäten nahmen darauf in in der rechten Seitenloge der Kirche Platz. Die Feier begann mit dem Gesang „Jesus meine Zubersicht". Alsdann hielten der evangelische und der katholische Garnisonpfarrer Ansprachen. Gesang schloß die Feier. Nach dem Garnisonkirchhof setzte sich dann der Trauerzug in Bewegung, voran die Leichenparade', dann die Leichenwagen mit sieben Särgen. Der Kaiser und die Kaiserin ließen die Leichenwagen an sich vorüberziehen und kehrten aldann in das Königliche Schloß zurück. Hinter den Leichen
wagen schritten die Angehörigen der Verunglückten und die Vereine und die übrige Trauerversammlung. Auf dem Garnisonfriedhof waren die Grüfte mit Tannengrün ausgelegt. Kraftfahrer senkten die Särge in die Gruft. Infanterie und Artillerie feuerte Salut.1 ^Mj -w 9 W MW
— Der Zusammentritt des Reichstages. Wie der „Kceuzztg." aus Reichstagskreisen geschrieben wird, steht dem Plane nichts entgegen, die Reichstagsarbeiten am Dienstag, den 25. November aufzunehmen, denn dann stehen bis Sonnabend, den 13. Dez., dem Tage der Weihnachtsvertagung 3 volle Beratungs» Wochen zur Verfügung, die vollkommen ausreichen, um neben etwaigen Interpellationen, von denen noch nichts verlautet, die erste Lesung des Etats und die anderen ersten Lesungen zu erledigen, die etwa für den Beginn von Kommissionsarbeiten nötig sind.
— Zu dem Kronprinzenbrief in der Welfenfrage veröffentlicht die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" folgende Erklärungen: „Die „Leipziger Neuesten Nachrichten" bringen Mitteilungen über ein Schreiben des Kronprinzen an den Reichskanzler in der Braun- schweigischen Thronfrage. Wie wir hören, hat in dieserAngelegenheit eineKorrespondenz zwischen dem Kronprinzen und dem Reichskanzler stattgefunden, bei der der Kronprinz seinen Bedenken gegen die Thronbesteigung des Prinzen Ernst August ohne ausdrücklichen Verzicht auf Hannover Ausdruck gegeben hat. Der Reichskanzler hat in seiner Antwort unter eingehender Schilderung des Sachverhalts die Gründe dargelegt, die für die Haltung der preußischen Regierung maßgebend sind." , Daraufhin hat der Kronprinz in einem Briefe aus Hopfreben vom 17. d. M. ,ffein lebhaftes Bedauern darüber ausgesprochen, daß sein Privalbrief an den Reichskanzler öffentlich erwähnt worden ist. Völlig falsch war die Auslegung eines Teiles der Presse, als stelle er sich in Opposition zum Kaiser. In der Sache selbst hat der Kronprinz dem Reichskanzler erwidert, daß dessen Schreiben für ihn zur Klärung der Angelegenheit wesentlich beigetragen habe."
— Die Jahrhundertfeier der Völkerschlacht ist überall, wo Deutsche wohnen, von dem vaterländisch gesinnten Teil des Volkes festlich begangen worden. Umzüge, lodernde Höhenfeuer, Fackelzüge, feierliche Ansprachen, Festtafeln und andere Veranstaltungen bekundeten nicht nur im Reiche, sondern auch in den Schutzgebieten und in fremden Ländern die Liebe und Treue der Deutschen zu ihrem freien, festgeeinten Vaterlande. Besonders glänzend verlief die Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig, an der außer vielen anderen Fürstlichkeiten auch der
Kaiser teilnahm. Die schwungvolle Weihrede hielt der Vorsitzende des deutschen Patriotenbundes, Kammerrat Thieme, von dem König Friedrich August von Sachsen das Ruhmesmal des deutschen Volkes in seinen königlichen Schutz übernahm,
— Die sozialdemokratische Gedächtnisfeier der Völkerschlacht stellte sich naturgemäß allenthalben dar als eine, offene Bekundung völligen Mangels an Vaterland'sliebe und nationalem Stolz. In Berlin lautete die Tagesordnung von 34 öffentlichen Volksversammlungen: „Völkerschlacht und Völkertrug". Die Redner, unter denen sich die Reichstagsabgeordneten Ledebour, Robert Schmidt, Zubeil, Poetzsch, Stadthagen, Büchner befanden, setzten den großen Moment unsrer Geschichte vor 100 Jahren möglichst herab und erhoben Einspruch gegen die Völkerschlachtfeier in Lerpzig. Dies sei keine Kundgebung des deutschen Volkes, sondern ein militärisches Schaustück zu Ehren der anwesenden Fürsten. Ueberall wurden die jugendlichen Versammlungsbesucher aufgefordert, in die sozialdemokratischen Jugendvereine einzutreten, um so das Uebergewicht gegen die „gegenwärtig grassierende patriotische Pfadfinderbewegung" zu bilden. Die Parteileitung und mit ihr die ganze Sozialdemokratie hat jedenfalls wieder einmal bekundet, wie fern sie sich von der nationalen Gemeinschaft des deutschen Volkes stellt..
Rmiand.
— Die Lösung des österreichisch-serbischen Konflikts ist durch die entschiedene Haltung Oesterreichs überraschend schnell geglückt. Der österreischungarische Geschäftsträger von Stork hatte im zAuswärtigen Amt zu Belgrad eine Verbalnote überreicht, in welcher die Forderung ausgesprochen wurde, daß die serbischen Truppen binnen acht Tagen das Gebiet des autonomen Albaniens vollständig geräumt haben müssen. Darauf hat Serbien in wohlverstandener Wahrung seiner Lebensinteressen es vorgezogen, dem berechtigten Verlangen Oesterreichs nachzugeben. Der Generalsekretär im Belgrader Auswärtigen Amte Stefanowitsch erklärte dem österreisch-ungarischen Geschäftsträger v. Stork, daß der Befehl zur Räumung der von serbischen Truppen besetzten Gebiete Albaniens beschlossen und angeordnet worden sei. Die Räumung werde innerhalb der festgesetzten Frist von 8 Tagen durchgeführt sein. Die serbische Regierung hat ferner durch ihre Vertreter den Mächten mitgeteilt, daß sie den serbischen Truppen befohlen habe, sich unverzüglich über die Grenzlinie Albaniens zurückzuziehen, die durch die Londoner Konferenz festgelegt worden ist.
Mröotme Made.
Krimmalroman von Otto Viehofer.
78
Wer von einer Herrenhand stammten sie, das sah er wohl, kräftig und weit ausholeud war die Feder übers Couvert geflogen, und auf einen männlichen Absender deulete ja auch schon das Couvert an und für sich. Sollten da etwa der Herr Graf?
DerDiener klopfte an die Tür zum Salon, das „Herein" klang heraus, und in ihren Händen hielt Baronin von Paltzow den Brief.
Einen einzigen scharfen Blick hatte der Detektiv, als sie ihr Auge auf die Schriftzüge des Couverts gerichtet, unbeobachtet auf das schöne Antlitz der Baronin getan, und nun zog er wieder fast lautlos die Tür hinter sich zu. Nein, nein, da war nichts zu wollen: die Mienen dieser Frau verrieten nichts, nichts würde er lesen darin, und würde er auch noch zwanzig Jahre hineinschauen in das schöne Antlitz. Nun, er würde ja schon sehen, auf alle Fülle mußte er auf dem Posten sein heute abend, der Sprechapparat stand ja schon bereit. .
Zehn Uhr abends war es, und da stand HerbertBal- thasar in seinem verschlossenen finstern Zimmer, die schwarze Kappe vor das Gesicht gebunden, wiederum an dem halb geöffneten Fenster und spähte vorsichtig in den Parthinaus. Er mußte kommen jetzt, der„Ponto",denn
Baronin befand sich in ihrem Boudoir, ganz wie sonst, wenn sie ihn erwartete. —
Was war das, finster war es soeben geworden im Boudoir? Die Baronin würde doch nicht etwa ?
. Wahrhaftiger Gott, sie ging zu Bett, die Frau Baro- ! »in, denn das Licht, faum wahrnehmbar, kam plötzlich i uns ihrem Schlafzimmer.
1 . HE, vielleicht gingen die Frau Baronin auch noch s MlzuBett und hattennurdieGnade „Ponto" heute ganz im%et§ auszuzeichnen, ihn in ihrem Allerheiligsten — I ^ WsMmW zu empfAngen, Herrgott, und was wurde
dann mit dem Sprechapparat im Boudoir? Nicht be- noch etwas davon hörtest, aber erschrecke nicht mir ist lauschen konnte der die beiden dann. Und er, Herbert heute, als ich von Deiner geliebten Seite auriicfMrh» Balthasar? Da stand er dann wieder und wußte nicht, '
wie der Wind wehte in diesem Schloß.
Wieder ging das Auge des Detektivs scharf die Fensterfront entlang, und plötzlich hatteesan Schärfe verloren und starrte nur noch sinnend in den Park hinein: dunkel war es mit einem Mal auch in dem Schlafzimmer der Baronin geworden. Ah, ah, seine Ahnnng am Nachmittag hatte Herbert Balthasar doch nicht getäuscht: der kam heute überhaupt nicht, der „Ponto". —Nun, dann hatte auch der Sprechapparat heute nacht nichts mehr zn suchen in dem Boudoir. Fort mußte der vom Ofen dort, denn sonst konnte das Stubenmädchen ihn noch aufstöbern beim Staubwischen morgen früh. Aber noch nicht, noch nicht, erst mußten die Frau Baronin wieder fest einschlafen. Ha, und war der Apparat geborgen, dann ging es hinein — nicht in sein Bett, wohl aber in den Salon der Baronin. Den Brief mußte er haben von heute nachmittag. Im Schreibtisch wurde der stecken, denn der Mörder war verurteilt und die Gefahr vorüber.
Herbert Balthasar schloß das Fenster wieder, zog die Maske vom Gesicht, und dann entblößte er seinen Oberkörper und kühlte mit dem in der Karaffe befindlichen Wasser erst einmal ordentlich die erhaltenen Beulen, die ihm jetzt wieder ganz besonders brannten und schmerzten. Keines Lichtes bediente er sich dazu, denn sein Auge hatte sich, zumal es draußen nicht sehr finster war, an das Dunkel, das in seinem Zimmer schwebte, bereits ge-
^Eine Stunde später stand Herbert Balthasar hinter der Tür seines Garderobenschranks, den Oberkörper tief in das Innere des Schrankes geschoben; in der einen Hand hielt er die aufgeflammte Taschenlampe und m der anderen den Brief, den er soeben im Schreibtisch der Baronin gefunden hatte. Und da las er mit gespannten «ügen • „Schloß Bruckhoff, in der Nacht vom 22. zum 23. März 19.. Mein teuerstes Lieb! Ich weiß nicht, ob Du .
an der Mauer Deines Schlosses, und zwar außerhalb des Parkes, etwas Böses zugestoßen: ich bin von einem Strolch, der im Gebüsch dort nächtigte, überfallen worden. Ja, nicht nur überfallen, sondern auch beraubt bin ich worden. Beraubt des Revolvers meines Urgroßvaters des halb verrosteten Schießeisens, das ich, wie Du ja weißt, bis dato hoch in Ehren gehalten, und das berufen ivar, nicht nur allein auf Schritt und Tritt mich zu beschützen, sondern auch in unser beider Leben eine so entscheidende Rolle zu spielen. 197 tg*
Laß Dir's erzählen, mein Herzensschatz: Steige' ich da an der Außenseite der Mauer fidel und kreuzvergnügt den Baum herab, als es in einem Busch plötzlich lebendig wird. Ich stutze einen Moment, und als ich nichts entdecke, ziehe ich, in der Meinung, es könnte ein bissiger Koter sein, meinen Revolver und knalle hinein in den Busch. Und was kommt da von rückwärts aus einem andern Busch gestürzt? Ein Kerl — ein ruppiger Strolch. Milden wilden Rufen: „Hund verdammter, Du willst hier einen armen Wanderburschen totschießen? Warte das zahl' ich Dir heim!" sitzt er mir plötzlich an der Kehle, daß mir fast der Atem stockte. Nicht als ob ich vom Baum zur Erde gestiegen, sondern als ob ich in die Hölle gefahren wäre, war mir da zu Mute. Ich hieb um mich und wehrte mich selbstverständlich wie ein Löwe, aber kaum hatte ich den Kerl abgeschüttelt, da klammerten sich seine Finger, Eisendrähten gleich, schon wieder um meine Handgelenke. Wiederum gewaltige Rucke meinerseits,—. und ich war frei zum zweiten Mal. Aber da, da hatte ich schon wieder ein paar Püffe, daß mir fast Hören und Sehen verging, und, ehe ich noch recht wußte wie, — da war's geschehen — da hatte der Kerl meinen Revolver in seinen Händen. Ich stürzte mich nun auf ihn wie ein Tiger, aber da knackte schon der Hahn — der Hahn mei-' ner eigenen Schußwaffe in den Händen des vermaledeiten Strolches, begleitet wiederum von wilden Drohungen " i