SchlüchternerMung
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 63. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. 63.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
Samstag, den 22. November 1913.
64. Jahrgang.
Totensonntag.
Des Kommers Pracht, des Herbstes Lust vorbei, Kein froher Ton mehr rings im weiten Raume; Im Feld nur klingt der Raben heisrer Schrei, Und lautlos fällt das letzte Blatt vom Baume. Schon schickt Natur sich wie ein müdes Kind Zum Schlummer an; still ward's auf allen Wegen, In schweren Tropfen kalt der Nebel rinnt Gleich Wehmulstränen, die aufs Herz sich legen.
Das dürre Laub treibt vor sich her im Tanz Der rauhe Nord, der brausend regt die Flügel, Du aber trägst den letzten grünen Kranz Hinaus auf einem frischen Grabeshügel;
Will doch, bevor der Winter kommt ins Land Und wiederum übt feindlich seine Tücken, Zum letzten Male heust der Liebe Hand Die Schlummerstätte ihrer Toten schmücken.
Von keinem Störer unsanft aufgeweckt, Im weiten Kreise welch ein tiefes Schlafen!
Sie alle, die der Schoß der Erde deckt, Sind ja gelandet in der Ruhe Hafen.
Drum klage nicht, wenn früh auch vor der Zeit, Die du geliebt, im Tod von dir geschieden, Den Himmel tauschten sie für Erdenleid, O gönne ihnen ihren selg'en Frieden!
। Doch nicht vergessen laß' die Toten sein!
Drum magst du heut in Wehmut ihrer denken, Noch einmal kränzen ihren Leichenstein, Und dich in dein entschwund'nes Glück versenken.
Dann aber wende den umflorten Blick Zu denen, die das Leben Dir gelassen: Du bist nicht arm bei allem Mißgeschick, Kannst noch ein Herz mit Liebe du umfassen!
Zum Totenfest.
Der letzte Sonntag im Kirchenjahr ist dem Gedächtnis der Toten gewidmet. In Scharen ziehen die Menschen hinaus zu jenen stillen Stätten, wo die großen und kleinen Gräber sind, sie schmücken einen letzten Ruheplatz mit Kränzen der Treue und Dankbarkeit, und wenn sie heimgehen, klingt etwas nach von Friedhofsernst und Todesschmerz, manchmal vielleicht mit einem besonders herben Ton, wenn eine innere Stimme spricht von dieser und jener Lieblosigkeit, mit der man dem Entschlafenen bittere Augenblicke bereitete, Mb trenn nun unabänderlich das „Zu spät" um Herz Mb Gewissen sich legt.
Wir gedenken der Toten. Wir können es kaum lassen, daß ein rüstiger Mann aus seinem beruflichen Schaffen plötzlich abgerufen wurde; es zerreißt einem
das Herz, daß ein liebes, von hundert Hoffnungen umwobenes Kind auf einmal stumm und tot daliegt. Aber auch, wo der Tod längst erwartet werden mußte, wo langwieriges Siechtum vorausging oder silberweißes Haar auf die siebzig oder achtzig Jahre des Pfalz misten wies, ja selbst dort, wo er als eine Erlösung von schwerstem Erdenleid angesehen werden mußte, hat der Tod seinen tiefen, wuchtigen Ernst. Gewiß, er steht nicht als Schrecken vor dem Weisen, der die Un- Vollkommenheit und Vergänglichkeit alles Irdischen bedenkt und ruhig und gefaßt dem eigenen Ende ent- gegengeht. Und doch, es fehlt etwas, wenn der Tod nur als letztes, natürliches Menschenlos gewertet wird. Das Grauen, das dem Sterben anhaftet, kommt doch vielleicht unversehens in volle Erscheinung.
So setzt denn die Religion mit ihrem Troste ein, und zumal das Christentum hat wunderbare Glaubens- und Hoffnungstöne, wenn alles wie in ein ödes, leeres Nichts zu versinken scheint. Die christliche Religion läßt über allem Erdenstaube und Todesleide Ewigkeitsstimmen aufklingen, und es gibt Gott sei Dank noch immer eine große dankbare Gemeinde, die aus herzlicher Ueberzeugung dem schlichten, frommen Liederdichter beipflichtet:
Jesus lebt, mit ihm auch ich.
Tod, wo sind nun deine Schrecken?
Die Unsterblichkeitshoffnung des Christentums läßt sich nicht hinwegstreiten und auch nicht zu Tode spotten. Wo sie als eine innerste, gläubige Gewißheit erlebt wird, da strahlt und tröstet sie aus eigenster Kraft und Stärke, immer empfunden als eine besondere Gnade von oben.
Wir gedenken der Toten. Und ein treues Volk gedenkt am Totenfest besonders auch derer, die einst unrer ihm gelebt und Großes und Gutes in seinem Dienste getan haben. So kann unser deutsches Volk seiner Fürsten nicht vergessen, deren Lebensarbeit noch bis auf den heutigen Tag nachwirkt. Auf diese Weise leben sie in unserem Volke fort, und der Segen ihres Wollens und Wirkens erhält die Erinnerung an sie frisch. Auch die Fürsten im Gebiet des Geisteslebens wie Goethe und Schiller werden nie aus dem Andenken unseres Volkes verschwinden, sie leben in der Bildung neuer Geschlechter. Die Staatsmänner und Heerführer, die das Wohl des Landes stärkten und bewahrten, wird man nie vergessen, ihre Namen werden mit Dank und Ehrfurcht genannt werden. Unvergessen sind auch die Wohltäter der Menschen, Seelen, die es trieb, zu helfen, wo sie konnten, die mit Hingabe und Selbstverleugnung Großes auszurichten vermochten im Dienst der Leidenden, der Kinder, der Waisen oder in Abhilfe öffentlicher Notstände. Unsere Gegenwart ist voll des
Lobes und Ruhmes der vielen, die sich um die späteren Geschlechter Verdienste erwarben. Wer an sie denkt, der sieht sie nicht als Verstorbene an, sondern als Lebende und hört das Wort wohl an: „Folget ihrem Glauben, ihrer Liebe, ihrem Wandel nach!" Ein Lohn ist ihm gewiß, daß jeder gute Gedanke, jedes gute Wort, jedes gute Werk sich irgendwie segensvoll aus- wirkt in der Zukunft, zumal im Leben der nächsten Geschlechter.
Deutsches Reich.
— Berlin. Der Kaiser ist infolge einer leichten Erkältung genötigt, sich einige Tage zu schonen.
— Der Geburtstag des Herzogs Ernst August ist in ganz Braunschweig festlich begangen worden. Abends fand im blumengeschmückten Hoftheater eine Festvorstellung statt. Gegeben wurde der „Barbier von Sevilla" mit Francesco d'Andrade als Figaro. Der Herzog wohnte der Vorstellung bei.
— Der Besuch des russischen Ministerpräsidenten in Berlin wird hauptsächlich Besprechungen mit der deutschen Diplomate dienen. In der Begleitung'Kokowzows befinden sich außer seiner Gemahlin der Direktor der besonderen Kreditkanzlei des russischen Finanzministeriums, Wirklicher Staatsrat Dawydow, und der Sekretär im Finanzministerium Dorliac. Ministerpräsident Kokowzow hat dem Reichskanzler von Bethman Hollweg bereits einen Besuch abgestattet und mit ihm eine fünfviertelstündige Unterredung gehabt. Die Besprechungen des russischen Ministerpräsidenten mit den leitenden Berliner Staatsmännern sollen sich besonders auf die kleinasiatischen und syrischen Eisenbahnfragen beziehen, die zurzeit auch Gegenstand der Verhandlungen zwischen dem früheren türkische Fiuazminister Dschawid Bei, der Deutschen Bank und dein Auswärtigen Amte sind.
— Betreffend die Freifahrt der Beamten und Arbeiter tauchte kürzlich in den Zeitungen das Gerücht auf, daß den preußischen Eisenbahnbeamten und Arbeitern die Berechtigung zur freien Fahrt, die ihnen unter bestimmten Voraussetzungen gewährt wird, entzogen oder weiter eingeschränkt werden sollte. Wie von zuständiger Seite mitgeteilt wird, entbehrt die Nachricht jeder Begründung. Maßnahmen dieser Art sind überhaupt nicht erwogen worden.
— Ueber die österreichische AuswanderungSan- gelegenheit gab im Budgetausschuß der Handelsminister eingehende Auskünfte. Er erklärte, über die bisherigen Ergebnisse der eingeleiteten Untersuchung noch nichts mitteilen zu können, weil dem
Merbotene Afade.
Kriminalroman von Otto Viehofer. 89
Aber was war das? Sein Fuß stockte mit einem Mal- sollte nicht vorwärts? Und so wehe war ihm plötzlich Mi§ H«z? —
Ja, der stockte wirklich, der Fuß Herbert Balthasars, Mb schwer war's ihm, die eben zugemachte Tür zu ver- Wn. Zum ersten Male war's ihm schwer seit seiner ganzen Dienerzeit. Diese schöne Frau, mit wieviel Güte Mb Fürsorge hatte sie ihn doch soeben umsponnen. Und sucht nur jetzt war sie ihm so liebevoll entgegengetreten, sandern immer, immer, tagaus, tagein, während der gan- Zeit. Und das wollte er nun so lohnen? Wollte aas schöne Haupt dem Beil des Henkers überliefern ? War denn ein Judas Jschariot? Und weiter: Nicht nur die Baronin hatte sich ihm gegeben wie ein liebevoller Mensch dein Menschen, sondern alle, alle, die auf diesem Schlosse wandelten. Gut und friedlich umscharte man ihn Metall: in der Küche, im Stall, auf dein Hofe. Und er wieder? Der Wolf war er in der friedlichenHerde! Der
der seine Opfer im Dunkeln suchte! — O, was tat er denn — was tat er denn! —
Einen gewaltigen Ruck hatte sich Herbert Balthasar gegeben, und siehe da, sein Fuß schritt schon wieder wei- tet auf dem Korridor — schritt seinem kleinen Zimmer Er stampfte nun ordentlich auf vor lauter Energie. Jawohl, Herbert Balthasar war wieder er selber — er “rat wieder der Detektiv — der freiwillige indirekte Räch» aller Schändlichkeiten. Ja, das war er, und die da Minnen war das ruchlose Opfer, das er mit seiner Rache «essen mußte. Ein Scheusal ivar sie — ein Teufelsweib Mit einem Engelsgesicht. Was war denn nur gewesen ""t ihm? Bah, solche Schwäche — solche Schwache!
Herbert Balthasar stand schon wieder vor seinem Wuide. Nichts mehr hatte sein Antlitz von dem, was auf dem Korridor durchzuckt.
„Sehen Sie, Freund Johann," sagte er halb schmerzlich und halb freudig, sehen Sie, Sie haben recht gehabt: die Frau Baronin hat mir den Urlaub bewilligt, und nicht nur, wie ich ihn erbat, bis morgen abend, sondern sogar bis übermorgen mittag. Und zum Bahnhof soll mich der Fritz fahren und auch wieder abholen. Und wenn Sie der Frau Baronin während meiner Abwesenheit ein paar Handreichungen machen wollten, so hätte sie nichts dagegen!" Er reichte Johann die Hand: „Und ich danke Ihnen auch schön, Johann; für beides, für den guten Rat und auch für die Bereitwilligkeit, mich zu vertreten!"
„Bitte, bitte," sagte Johann gerührt. Und dann, als die Hände stell wieder gelöst, fortfahrend: „Ja, das sagte ich ja, das sagte ich ja, unsere Frau Baronin ist nicht schlecht. — Wann geht denn nun Ihr Zug, Kaspar?"
Um drei Uhr nachmittags, Freund Johann."
Na, denn will ich Sie nicht länger stören, Kaspar, Sie haben doch noch dieses und jenes zu besorgen. Und was ich vorhin noch vergessen hatte: Mein herzlichstes Beileid auch. — So, und adieu nun, und kommen Sie recht gesund wieder!" K .
Abermals waren die Hände zusammen- und wieder auseinandergefahren, und die Treppe zu seinem Zimmer hinauf trippelte schon Johann. Er hatte seinen Spazrer- gang aufgegeben und wollte sich nun vorbereiten für den Diener.
Und Herbert Balthasar schritt in seinem Zimmer auf und ab. Er überlegte, wie er wohl am besten fein Material fortbringen könnte. Mit den Briefen und dem Revolver wäre es schon gegangen beides hatte er entsag in die Tasche gesteckt. Aber die Sprechmaschine, wo sollte er die hineinstopfen? Seinen Koffer konnte er doch nicht mitnehmen, denn der war viel zu groß für die Kleung- keiten, die man mitzunehmen pflegte, wenn man zuin SCttyy hatte es schon: beim Kutscher hatte er einmal einen recht gefälligen, sauberen Kos«
fer gesehen, darin würde der Phonograph gerade Platz haben. Und das paßte sich auch gerade, denn er muffte, ja dem Stallburschen Bescheid sagen wegen der Fahrt nach dem Bahnhof.
Gleich ging Herbert Balthasar hinaus, und nach zehn Minuten war er wieder da, in der Hand wirklich den Koffer des Kutschers. Er kniete nun vor seinem Spinde,' das er bis dahin fest verschlossen gehalten, niede^, und dann kamen da all die geheimnisvollen Sachen zum Vorschein : zuerst der Sprechapparat mit der besprochenen Platte, dann der noch mit einer Kugel geladene und gesicherte Revolver, dann die beiden Briefe — der geklebte sowohl wie der photographierte —, und dann der große Schlüssel, der zu der kleinen Eingangspforte zum Hofe' paßte. Aber weiter auch nichts, denn all das andere in' dein großen Koffer drinnen hatte noch Zeit. Noch ein paar Tage Zeit. —
Punkt zwei Uhr war Herbert Balthasar zur Reise fertig. Wie sich's gehörte zum Begräbnis: Schwarzen Gehrock mit spiegelblankem Zylinder. Und da rollte dann das gelbe Wägelchen wieder einmal mit ihm von ban« neu.
Viele Worte gab's unterwegs zu wechseln mit dem gesprächigen Stallburschen. Hinüber und herüber flogen sie, und her und hin, und ehe Kaspar und Fritz sich's versahen, ratterte der Wagen vor die Bahnhofsrampe.
„Adieu I" noch kurz, und dann kehrte der Braune wieder um.
Aber als nach zehn Minuten der Zug nach Bremen herandonnerte, da befand sich der Trampitzer Diener gerade in der Bahnhofstoilette. v
Und er befand sich dort auch noch, als der Zug nach drei Minuten Aufenthalt wiederfunkensprühend von bannen rasselte. 196,18*
Dafür schlüpfte Herbert Balthasar aber in den Riesenleib desjenigen Dampfrosses, das fünf Minuten später mit viel Gefayche Wd Geschnauft gen Berlin stop. —