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Müchtemer Mung

mit amtlichem Ureisblatt. Alonatsbeilage: landwirtschaftlicher Ratgeber.

TelefmMr. 65. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. «3.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitAreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 Pfg.

Mittwoch, den 10. Dezember 1913.

64, Jahrgang.

Bekanntmachung.

Das unterzeichnete Bezirkskommando stellt noch in diesem Herbst einen zweijährigen Freiwilligen (Schreiber) ein.

Geeignete Bewerber wollen umgehend Lebenslauf Zeugnisse und Meldeschein hierher einreichen.

Königliches Bezirkskommando Hanau.

Die Jahresversammlung des Roten-Kreuz-Vereins wird auf

Freitag, den 12. Dezember dieses Jahres Nachmittags 2/2 Uhr anberaumt.

Tagesordnung:

1. Geschäftsbericht und Legung der Jahres-Rechnung.

2, Bewilligung von Mitteln zur Entsendung skro- Phuloser Kinder in Soolbäder.

3. Errichtung einer Tuberkuloje-Fürsorgestelle für den Kreis.

4. Bewilligung eines einmaligen Beitrags zur Ein­richtung von Heilbädern im neuen Kreiskranken­haus.

5. Verschiedenes.

Sämtliche Mitglieder des Vereins werden zur Versammlung hiermit ergebenst eingeladen.

Schlüchtern, den 2. Dezember 1913.

Der Vorsitzende des Roten-Kreuz-Vereins: Valentiner.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser ist Sonntag früh von Stuttgart wieder in Potsdam eingetroffen.

Der Ausmarsch des Infanterie-Regiments Nr. 99 aus Zabern vollzog sich ohne jeden Zwischenfall.

Der Reichstag setzte am Donnerstag die Be­sprechung des Falles Zabern fort. Der Reichskanzler nahm in einer weiteren Rede Anlaß, eine Reihe von Mißverständnissen und Jrrtürmern klarzustcllen denen seine erste Rede in der Auffassung des Hauses be­gegnet war. Ferner ergänzte er seine ersten Aus­führungen namentlich nach der Richtung, daß er seine Stellung zur Politik von Elsaß-Lothringen als unabänderlich konsequent im Sinne der Verfassung kennzeichnete. Er warnte vor einer pessimistischen Beurteilung der Dinge und sprach erneut die Hoffnung aus, daß die Zukunft bald eine Ausgleichung der Gegensätze bringen möge. Wie die erste, so wurde

auch diese Rede namentlich von den Sozialdemokraten durch Zischen und Zurufe häufig auss ungebührlichste gestört. Nach längerer Debatte wurde ein von fort­schrittlicher und sozialdemokratischer Seite beantragtes Mißtrauensvotum gegen den Reichskanzler gegen die Stimmen der Rechten angenommen. Am Freitag begann die Besprechung der Jntepellation wegen der Arbeitslosigkeit. Auf die Begründung der Inter­pellation durch den Sozialdemokraten, der ganz ent­schieden eine weitgehende staatliche Unterstützung der Arbeitslosen verlangte, antwortete als Stellvertreter des Reichskanzlers Staatssekretär des Innern Dr. Delbrück mit außerordentlichem Geschick in langen, unwiderleglichen Ausführungen. Er erklärte eine staat­liche Arbeitslosenversicherung für schlechtweg ausge­schlossen. Einen allgemeinen Notstand könne er nicht anerkennen, ein leichtes Weichen der Konjunktur gebe er zu. Als Abhilfsmittel gegen die Arbeitslosigkeit empfahl er die Ausbildung eines ganzen Netzes von Arbeitsnachweisen. In der Debatte wies u. a. Graf von Carmer-Ziesewitz (dkons.) auf das bedauerliche An« wachsen der Landflucht hin.

Zur Audienz beim Kaiser in der Zaberner Angelegenheit waren der Reichskanzler, der Statthalter von Elsaß-Lothringen und der kommandierende General v. Deimling nach Donaueschingen befohlen worden. Der Kaiser hat zur Erledigung des Falles zu be­stimmen geruht, daß die Garnison von Zabern bis auf weiteres nach dem Truppenübungsplatz Hagenau verlegt wird. Die schwebenden kriegsgerichtlichen Ver­fahren werden mit Beschleunigung zu Ende ge­führt.

Eine sozialdemokratische Hetze wegen des Falles Zabern ist von der Parteileitung in Gang gesetzt worden. An der Spitze desVorwärts" protzt ein Aufruf des Parteivorstandes, in dem die Genossen auf­gefordert werden, so schnell wie möglich Protestver­sammlungen wegen der Vorgänge in' Zabern einzu- berufen. Die Versammlungen sollen Verwahrung ein- legen gegen dieunerhörten Provokationen", die der Reichskanzler und der Kriegsminister dem Reiche und damit dem ganzen deutschen Volke angeblich ins Gesicht geschleudert haben! In dem Aufruf der Kölner sozialistischen Parteileitung heißt es, die Massen sollen in Aktion treten, weil das deutsche Parlament zu schwach sei, dem Hochverrat der Militärdiktatur zu wehren. Die Massen müßten zum Angriff auf die Militärdiktatur vorgehen, ehe sie Schlimmeres an- richte.

Die Ansprache des Königs von Sachsen bei der Vereidigung der Rekruten ging aus von einer ernsten Mahnung, in treuer Pflichterfüllung es den

Vätern gleichzutun, und gipfelte in dem Hinweis, daß ein braver Soldat nicht bloß ein treuer Diener von König und Vaterland, sondern ein frommer gottes- fürchtiger Verehrer seines Gottes und seines Schöpfers sein muß. Der alte Spruch:Not lehrt beten" weise den Soldaten ganz besonders auf die Frömmigkeit und Gottesverehrung hin.

Bei dem Jubiläum des (1. hannoverschen) In­fanterieregiments Nr. 74 zu dem sich mehr als 10,000 ehemalige Angehörige des Regiments eingefunden hatten, wurde eine vom Kaiser gestiftete Hannoversche Jubi­läumsdenkmünze an die früheren Offiziere, Unteroffi­ziere und Mannschaften des Regiments verteilt und eine Reihe von Auszeichnungen durch den Regiments­kommandeur Prinzen Friedrich Wilhelm zur Lippe überreicht. Als Vertreter des Kaiseas war .der kom- mandierende General des 20. Armeekorps, Exzellenz von Emmich, erschienen.

Ausland.

Der deutsche Chef der türkischen Militärmission, Generalleutnant Liman von Sanders ist, wie aus Konstantinopel gemeldet wird, durch besonderen Er­laß des Sultans als Chef der Militärmission bestätigt und zum Mitgliede des Obersten Kriegsrates sowie zum Kommandanten des 1. Korps mit dem Range eines Divisionsgenerals ernannt worden.

Die Beilegung des russisch-türkischen Zwischen« falles ist erfolgt. Von russischer Seite wird erklärt daß die Pforte eine Note an die russische Botschaft richtete, in der sie die russischen Forderungen annahm. In Anerkennung seiner Verdienste, seiner Leistungen, und seines Patriotismus hat der Sultan dem Groß- wesir die Brillanten des Jmtiazordens verliehen. ES ist dies die höchste Auszeichnung, welche an Nichtge- krönte verliehen werden kann. Gleichzeitig richtete der Sultan an den Großwesir ein äußerst schmeichelhaftes Schreiben.

Der Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung Albaniens wurde in Valona festlich begangen. Die öffentlichen Gebäude und die Konsulate hatten Flaggenschmuck angelegt. Die Straßen waren reich geschmückt. In einer öffentlichen Versammlung wurden patriotische Reden gehalten. Es fand eine große Massenkundgebung statt. Vor dem RegierungS- g-bäude hielt Ismail Kemal eine Ansprache an die Menge.

Eine treffende Würdigung der deutschen Drei­bundpolitik bietet der Bericht, den im Ausschuß für Acußeres der Oesterreichischen Delegationen Marquis Bacquehem über den Voranschlag des Ministeriums des Aeußeren erstattete. Der Bericht wirftJ einen

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Mröotene Ufade.

Kriminalroman von Otto Bichofer. 96

Und auf einmal öffnete er den recktsseitigen Wagen- schlaq, ließ den Kutscher halten und stieg, unter dem Bor­de, ein Bediirfnis befriedigen zu Nüssen, aus.

Der Kuticker kümmerte sich selbswerstän

WQ®er KMschK"u'iminerte'stch selbstverständlich nun gar nicht um seinen Herrn, sein ganzes Sinnen und Trach­ten war vielmehr nur vorn auf die Pferde gerichtet. Und hätte er sich nach seinem Herrn auch wirklich umgesehen, die Holzschuhe au dessen Füßen hctte er in der Finster­nis keineswegs wahrnehmen könnm.

Der Graf, der also kaum einenSchntt vom Kutscher­bock entfernt stand, zog nun mitseiuer Linken den Re­volver, und, während die Rechte nach den Zügeln der Pferde griff, krachte plötzlich ein Schuß, und der Kut­scher Friedrich sank, zu Tode getroffen, auf dem Bock zu-

Die erschrockenen Pferde komten nun keineswegs von der Stelle denn die Rieseufaist des Grafen hatte sie völlig in der Gewalt. Und übrgens taten die den Tie­ren nur allzu bekannten Schnuichelworte des Grafen das ihre, uni sie fast augenblicklich nieder ^beruhigen.

Nun band der Graf die Zügel fest hob die Leiche des Kutschers oom Bock, besidelte mit deren Blut das Innere des .Wagens, brach hr die Knie und verstaute sie dann in dem Hohlraum unterm Kutscherbock.

Um nun weiter den Aischein zu erwecken, daß der Baron im Innern des Wagns, und zwar m vorgebeug- ter, abwehrender Stellung irfdfoffen worden sei, durch­schoß der Graf mit einer zueiten Kugel die Scheiben bei­der Wagenschläge. , t m

Ruhig setzte er sich dauuf auf den Bock, wandte das Gefährt um und fuhr 6i> an die Schloßmauer zurück. Hier machte er dann Hat, nahm die Holzschuhe unter den Arm und stieg ab. Ais dem Wagen nahm er nun puch seine Stiefel, ein triftiger Peitschenhieb nach den

Pferden, und die stoben in wilder Angst vor das ge­schlossene, große Hvftor. Der Graf wußte: es wird un­ter dem Schloßpersonal ein großer Wirrwarr entstehen, alles wird nach dem Tore eilen.

So stieg er denn an gewohnter Stelle ganz gemäch­lich in den Park, um die Holzschuhe wieder an den Ort zu setzen, an dem er sie gefunden hatte. Ein paar Minu­ten später, und er eilte ungehindert seinem eigenen Schlosse zu. Und der Regen kam hinterher und verwischte die flachen Spuren, die seine nur mit Strümpfen be­kleideten Fiiße hinterlassen hatten. Den angehabten, stark mit Blut besudelten, nagelneuen Anzug sowie die Wäsche des Barons verbrannte der Graf sofort.

Nun, meine Herren, wollte es das Geschick, daß der arme Wenzel Koczmierski beschlossen hatte, gerade an die­sem Abend heimlich seinen Dienst zu verlassen. Heim­lich seinen Dienst zu verlassen, weil ihn seiner Meinung nach Baron von Paltzow gekränkt hatte, und weil es ihm ohnehin schon nicht gefallen hatte auf Schloß Trampitz. Als er im Hofe das Schreien und Lamentieren seiner Mitarbeiter über das geschehene Unglück vernahm, störte ihn das in seiner Kammer nicht im geringsten. Wie sollte er auch? Hatte der Baron ihn denn nicht genug geärgert gehabt? Schaden konnte es nicht, wenn der von irgend jemand einen ordentlichen Denkzettel bekommen hatte. Sie verstehen mich doch recht, meine Herren: ich gebe hier nur die Gedanken des Polen wieder, keineswegs meine eigenen." Die beiden nickten bejahend, und der-Detektiv fuhr fort:Alsopackte Wenzel Koczmierski in der Kam­mer ruhig seine Sachen, und siehe da, plötzlich be­merkte er, daß ihm die Holzschuhe, die er bei der Arbeit getragen hatte, fehlten. Er erinnerte sich, daß er sie im Parke gegen ein Paar leichter Pantinen, die nun schon sein Bündel barg, eingewechselt, und dort dann hatte stehen lassen. Als dann der Oberinspektor Eisele, der ihn, als Fremden, gar nicht vermißte, mit den andern Mann­schaften den Baron suchte und das weibliche Element jam­mernd sich zurückgezogen hatte, also als es auf dem

Hofe wieder vollkommen ruhig geworden war, schlich sich Wenzel Koczmierski in den Park, und siehe da, seine Schuhe standen an derselben Stelle, an der er sie hatte stehen lassen. Seine Holzschuhe, die inzwischen ein Gras und Doppelmörder getragen hatte.

Und ein paar Minuten später hatte Wenzel Kocz­mierski Schloß Trampitz verlassen, um o grausiges Schicksal nur gar zu bald als Doppelmörder niedergeknallt zu werden. O, o, meine Herren, welch un­glückselige Verkettung der Umstände I"

Der Detektiv hatte eine kleine Pause gemacht, und dann fuhr er, während die Blicke seiner Zuhörer mit Be­wunderung und doch auch wieder schmerzlich auf ihm ruhten, wieder fort:Und nun, meine Herren, greife ich wieder zur Baronin zurück. Als ihr von dem zweiten Inspektor die Unglücksbotschaft überbracht wurde, damar­kierte sie sofort eine Ohnmacht. Ja, sie lag in Ohnmacht bis tief in die Nacht hinein, trotzdem der Hausarzt sich unausgesetzt um sie bemühte. Und als sie dann endlich aus der Ohnmacht erwachte, da fand sie es für gut, zu schreien und zu toben, und fortgesetzt nach ihrem Man» zu rufen.

Und zum zweiten Mal fiel die Baronin in Ohnmacht, und zwar am Morgen, als an der Tür die Zofe mel- dete:Herr Doktor, die die Gerichtskommission ist da und will will die Untersuchung vornehmen, viel­leicht gar gar die gnädige Frau Baronin verneh­men." .. ?

War nun die erste Ohnmacht sowohl wie das Ge­schrei und das Rufen der Baronin nach ihrem Manne weiter nichts als eine meisterliche Berstellungskunst, so steht es doch fest, daß die zweite vollkommen echt war. Denn bei der Nachricht der Zofe war plötzlich eine heil­lose Furcht über die Baronin gekommen, die Furcht vor den nun konunenden Dingen. Und die Furcht vor den kommenden Dingen war es auch, die sie dann aus der Ohnmacht in einen Fieberwahn übergehen hieß. 197,18*