Zchluchterner Mung
mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
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Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1,20 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 Pfg.
3i 60. Mittwoch, den 26. Juli 1916. 67. Jahrgang.
I Wer Brotgetreide verfüttert, versündigt sich am Vaterlande!
Amtliches.
Für diejenigen Herrn Bürgermeister und Gutsvorstände, welche noch nicht im Besitze der neuen Einkommen» und Ergänzungssteuertarife mit den erhöhten Zuschlägen sind, findet eine einmalige Nachbestellung statt. Die Anzahl der benötigten Tarifen ist bis spätestens Freitag, den 28. d. Mts. meinem Büreau an- zuzeigen. Der Preis beträgt einschl. Porto 0,75 Mk. für das Stück.
Der Vorsitzende der Einkommensteuer-Veranlagungs-Kommission. von Trott zu Solz.
J.-Nr. 2343 R. K. An Liebesgaben für die Truppen gingen weiter ein: von Frau Hohmeister Schlüchtern: 5 Mark in bar, 60 Briefpostkarten, 150 Briefumschläge, 150 Briefbogen, 2 Gläschen Celee; von Frau Gähringer in Schlüchtern: 12 Flaschen Weißwein; von Ferd. Rüffer in Schlüchtern; 100 Zigaretten ; 5 St. Seife, 4 Nagelbürsten, 6 Taschentücher; 7« Pfd. Malzkaffee.
Schlüchtern, den 22. Juli 1916.
Der Männerverein vom Noten Kreuz.
Aufruf.
Durch die Maßnahmen unserer Feinde ist eine große Oelknappheit eingetreten. Dieser kann dadurch begegnet werden, daß aus Ohstkernen Oel gewonnen wird. Es ist nach einem neuen Verfahren gelungen, aus Sternen von reifem Obst gutes Oel herzustellen und ergeht daher an alle Schulen, Anstalten,. Gasthäuser und Privathaushaltungen die dringende Bitte, die Sterne von Kirschen (auch Sauerkirchen) Pflaumen, Zwetschen, Mirabellen, Reine klaude und Aprikosen zu sammeln.
Pfirsichkerne sind für die Oelgewiunung wertlos. Auch Kerne von gekochtem und gedörrtem Obst können verwendet werden. Es ist besonders daraus zu achten, daß die einzelnen Kerngattungen nicht vermischt werden, sondern getrennt zur Ablieferung gelangen.
Das Trocknen der Kerne geschieht am besten an der Sonne, andernfalls bei gelinder Wärme auf dem Ofen. Es ist bei dem letztgenannten Verfahren Vorsicht gebo-
Zm Schatten
I der Ueterpaulsfestung.
Roman von Hermann Gerhardt. 23
Während er sich am Kahn zu schaffen machte, geriet die schwärmerische Prascovia in Ekstase: „Sieh bloß! Nastia," flüsterte sie der Schwester zu: „ist er nicht der reine Lohengrin?"
„Ganz und gar!" hauchte die phlegmatische Nastia, die sich meist damit begnügte, der anderen getreues Echo zu sein.
Unter obligatem Gekicher und ängstlichein Getue waren die beiden Mädchen ins Boot gestiegen; darauf kamen Werner unb Katia an die Reihe und als letzte Margarete. Unbefangen reichte sie dem Präfekten die Hand, diesen aber durchfuhr es bei ihrer Berührung wie ein elektrischer Schlag.
Man war schon ein ganzes Stiick gerudert, als Nastia, über den Bootsrand gelehnt, ganz in ihrer Nähe etivas Weißes auf der dunklen Flut schwimmen sah. Mit dem Ausruf: „Wasserrosen! O, die muß ich haben I" bog sie sich so weit herüber, daß das kleine Fahrzeug bedenklich ins Schwanken geriet und nur die Geistesgegenwart des Präfekten, der, die Ruder schnell aus der Hand legend, sich mit seinem ganzen Gewicht auf die entgegengesetzte Seite warf, verhinderte ein Kentern desselben.
Die jungen Damen schrien wie auS einem Munde, Anzig Margarete gab keinen Laut von sich, wenngleich ihr Herz ein paar wilde, angstvolle Schläge tat. Sie hatte die Empfindung, als hielte ein eiserner Reif sie umklammert, bis es' ihr gum Bewußtsein kam, daß es der Arm des Präfekten sei, der sie mit fast schmerzhaftem Druck an sich preßte. Der ganze Vorgang spielte sich in ein paar kurzen Augenblicken ab, dann war die Gefahr vorüber unb alles saß wieder auf sel
ten, daß die Kerne nicht rösten, da sie dann für die Oelgewinnung nicht mehr zu gebrauchen sind.
Anhängende Reste von Fruchtfleisch an den mangelhaft gereinigten Kernen können schon in geringer Menge den Wert einer sonst guten Ware herabsetzen. Verschimmelte Kerne sind völlig wertlos.
Die nach den vorhin genannten Vorschriften behandelten Kerne sind in gut getrocknetem Zustand bei der Sammelstelle von Frau Kaufmann Fehl, Schlüchtern, Fuldaerstraße abzugeben.
Jeder ist in der Lage und deshalb verpflichtet, durch Sammlung der Oelknappheit zu steuern.
Schlüchtern, den 24. Juli 1916.
Der Vorstand des Vaterländischen Kranenvereins.
Die Vorsitzende: Der Schriftführer:
Frau von Trott zu Solz. Rollmann, Pfarrer.
Dom Rriegsschauplatz.
Amtlicher Tagesbericht.
Die Kngtänder in Longuevat geworfen.
WTB Großes Hauptquartier,24. Juli.
Westlicher Kriegsschauplatz:
Wi^sich herausgestellt hat, wurden die gemeldeten englischen Angriffe gegen die Front Thiepval—Guille- mont von Teilen von elf englischen Divisionen geführt, deren mehrere hastig von anderen Fronten herangeholt waren. Den einzigen Vorteil, den der Feind auf der ganzen Linie erreichen konnte und den wir noch nicht wieder ausgebessert haben, das Eindringen in einige Häuser von Poziöres, mußte er mit außerordentlich schweren blutigen Verlusten bezahlen. JnLongueval warf ihn der mit Wucht geführte Gegenstoß der bran- denburgischen Grenadiere von Douaumont glorreichen Angedenkens. Aus einer Kriegsgrube, südwestlich Guil- lemont, in der der Gegner sich vorübergehend eingenistet hatte, brachten wir drei (3) Offiziere einhundertund- vierzig (141) Mann unverwundet heraus.
Südlich der Somme sind kleinere französische Unternehmungen bei Soyecourt und westlich von Vermandovillers in unserem Feuer gescheitert. Die Artilleriekämpfe flauten nur vorrüber- gehend ab. Unsere Beute aus den Kämpfen seit dem 15. Juli beträgt nach bisherigen Feststellungen achtund- sechszig (68) Maschinengewehre.
Rechts der Maas steigerte sich der beiderseitige Artilleriekampf mehrmals zu großer Heftigkeit. Infanterie- tätigkeit gab es hier nicht.
Oestlicher Kriegsschauplatz:
Auf dem nördlichen Teile der Front und bei der
neu Plätzen mit bleichen, entsetzten Gesichtern. Margarete hörte noch, wie der fräsest einen tiefen Atemzug tat. „Er muß sich furchtbar erschrocken haben!" dachte sie bei sich und empfand noch nachträglich das heftige Zittern seines Körpers, während er sie wie in einem Schraubstock festgehalten hatte. Sie blickte zu ihin auf und konnte ihre Singen nicht wieder abwenden; denn waS sie sah, war ein von Leidenschaft verzerrtes Gesicht, dessen wild flackernder Blick sie förmlich verschlang!
Wie wenn ein Vorhang sich hebt, hinter welchem unvermutet eine erschreckende Vision erscheint, um sofort wieder zu verschwinden, denn schon im nächsten Augenblick sah sie den Präfekten vor sich sitzen, zwar bleich im unsicheren Mondlicht, aber doch mit seinem gewohnten, ruhigen Lächeln.
„Sie sehen angegriffen aus, Fräulein Rittberg, was wahrscheinlich wohl nicht zu verivnndern ist," bemerkte er in seiner natürlich»! Sprachweise; „hoffentlich hat Ihnen der Schreck nicht geschadet!" Damit bückte er sich nach Ihren! Tuch, das zu Boden gefallen war und reichte es ihr.
Sie aber vermochte sich in Stimme und Benehmen nicht ganz zu beherrschen.
»Ich — habe mich allerdings sehr erschrocken," sie strich mit zitternder Hand über die Augen. „Gottlob nur, daß es beim Schreck geblieben ist!"
„Ein kaltes Bad kann unter Umständen recht unangenehm sein," setzte er hinzu; „es hätte schlimm ablaufen können."
In der Nacht hatte Margarete einen beängstigenden Traum. Der Präfekt tarn in ihr Zimmer. Ueber die moudbeschieueueu Dielen schlich er leise auf den Fußspitzen bis an ihr Bett, beugte sich über sie, und sie fühlte seinen heißen SItem über ihr Gesicht hinstreichen. Sein Blick bohrte sich förmlich in sie hinein, so daß sie wie gelähmt dalag.
Nach angstvollen Augenblicken, die ihr wie eine Ewigkeit erschienen, erwachte sie endlich mit unterdrücktem
Armee des Grafen v. B o t h m e r außer Patrouillen- kämpfen keine Ereigniffe.
Nordwestlich von Beresteczko wurden starke russische Angriffe glatt abgeschlagen.
Balkan-Kriegsschauplatz:
Unverändert. Oberste Heeresleitung.
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Der Kaiser geht andre Ksifront.
WTB. Berlin, 24. Juli. (Amtl.)
Seine Majestät der Kaiser hat sich vom westlichen auf den östlichenfKriegsschauplatz begeben. In seiner Beglei- tuug befindet sich der Chef des Generalstabes des Feldheres.
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Ein Seegefecht an der englischen Küste.
WTB. Berlin, 24. Juli. (Amtlich).
In der Nacht vom 22. zum 23. Juli unternahmen deutsche Torpedoboote von Flandern aus einen Vorstoß bis nahe der Themsemündung, ohne dort feindliche Seestreitkräfte anzutreffen. Bei der Rückkehr stießen sie am 23. Juli morgens auf mehrere englische kleine Kreuzer der „Aurora"-Klasse und Torpedobootszerstörer. Es entspann sich ein kurzes Artilleriegefecht, im Verlause dessen Trefferwirkungen auf den Gegner erzielt wurde. Unsere Torpedoboote sind unbeschädigt in ihren Stützpunkt zurückgekehrt.
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Ein zweites deutsches Kandels-v-Aoot in Amerika eingetroffen.
Karls ruhe, 24. Juli, (zb.)
Die „Baseler Nachrichten" melden aus London:
Ein zweites deutsches Handels-U-Boot soll in Long-Jslandsund, nördlich von New-Dork, angekommen sein. Das Unterseeboot ist im Dock von Bridgeport verankert. (L.-A.)
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Das unsichtbare „Deutschland".
Haag, 24. Juli, (zb.)
„Daily Chronicle" meldet aus New-Aork: Am 20. Juli bei Tagesanbruch war die „Deutschland" unsichtbar geworden. Man konnte vom Ufer aus nicht feststellen, ob lediglich die Masten und das Periskop niedergemacht waren, oder ob das U-Boot bereits abgegangen war. Man berichtet, daß die Kriegsschiffe der Entente 50 Meilen vor dem Hafen Netze ausqe- legt haben. (L.-A.)
Aufschrei und setzte sich im Bette aufrecht, stand aber noch so unter dem Einfluß ihres Traumes, daß sie ganz deutlich zu hören vermeinte, wie die Tür rasch und leise zugeklinkt wurde. Ganz verängstigt »nachte sie mit zitternde» Fingern Licht an und sandte ihre forschenden Blicke in alle Ecken des Zimmers. Nichts war zu sehen als die bekannten unb vertrauten Gegenstände. Dann stand sie auf und probierte an der Tür, sie war zuge- schloffen, wie sie am Abend vorher gewesen.
„Das ist ja unerhört!" schalt sie sich, „ich bin doch sonst kein solcher Hasenfuß, was ist denn plötzlich über mich gekommen?"
Damit legte sie sich wieder inS Bett und versuchte einzuschlafe». Aber umsonst! Sie verbrachte den Rest der Nacht, ohne ein Auge zuzutun und zuckte bei jedem Geräusch zusammen; erst als die Morgendämmerung anbrach, ließ die Spannung ihrer Nerven nach und sie. schlummerte ein. —
Am Sonntag war das Wetter regnerisch, so daß die Damen es vorzogen, sich im Hause die Zeit zu vertreiben. Es ward hin und her debattiert, was man anfangen sollte, und endlich verfiel jemand aufs „Gedankenlesen". Die Idee fand Anklang. Da bereits alle» versammelt war und nur Rittberg fehlte, erbot sich Bi- ruleff, ihn zu holen. Die Tür zum Wohnzimmer bet Hauslehrers stand offen und er guckte hinein; es war niemand darin. Darauf ging er an die Schlafzimmer- tür und rief: „Herr Rittberg 1“ Da keine Antwort erfolgte, warf der Präfekt noch einen raschen Blick in bie Runde, ob sich auch wirklich niemand im Zimmer befand, und stand gleich darauf vor den» Schreibtisch, die auf demselben verstreuten Papiere mit Späheraugen überfliegend. Einen angefangenen Brief las er schnell und aufmerksam durch; er war an einen von Werners, Kommilitonen gerichtet und schilderte in humoristischer, doch nicht sehr schmeichelhafter Weise die Familie Fe„ derowsk^. - 231,^