mit „Amtlichem Kreisblatt". — Wochenbellage: Illustriertes Sonntagsblatt.
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Mittwoch, den 23. April 1919.
70. Jahrgang.
Der L Mai als Nationalfeiertag.
Eine Kundgebung des Reichspräsidenten.
Weimar, 15. April.
Am Ministertisch; Erzberger, David, Gothein.
Der Präsident eröffnet die Sitzung um 9 Uhr 45 Min.
Erste Lesung der Vorlaze zur Festlegung des
1. Mai als Nationalfesitag.
Nach der Regierungsvorlage sollte der 1. Mai zum allgemeinen Festtag erheben werden.
Hierzu beantragten die Abgg. V. Pay>r (Dem.) und Müller BreSlau (Sozd.) den entscheidenden Paragraphen 1 wie folgt zu fassen:
Es wird ein allgemeiner Feiertag eingeführt, der dem Gedanken des Weltfriedens, des Völkerbundes und des internationalen Arbetterschutzes geweiht ist und für den der Charakter eines Weltfeiertages erstrebt wird. Seine entgiltige Festlegung erfolgt nach Friedensschluß und Verabschiedung der Verfassung. In diesem Jahre wird er am 1. Mai gefeiert, zugleich als eine Volks kundgebung, für politischen und sozialen Fortschritt, für einen gerechten Frieden, für sofortige Befreiung der Kriegsgefangenen, für Räumung der besetzten Gebiete und für völlige Gleichberechtigung im Völkerbund. Der 1. Mai 1919 g lt im Sinne reichs- und lrnoeszesetzlicher Vorschriften als allgemeiner Feiertag. — Nach dem glei chen Anträge soll die Überschrift des Gesetzes lauten: Entwurf eines Gesetzes über einen allgemeinen Feiertag.
Die Unabhängigen beantragen, neben dem 1. Mai auch den 9. November zum allgemeinen Festtag zu machen.
Deutsches Reich.
— Vor kurzem ist in Berlin die Gründung des Reichsverbandes der deutschen Industrie in feierlicher Form vollzogen worden. Der Reichsverband stellt die einheitliche Verschmelzung der beiden bisher getrennten großen Organisationen, des Zentralverbandes deutscher Industrieller und des Bundes der Industriellen, dar. Er bezweckt ein einheitliches Vorgehen der beteiligten Kreise und eine Gemeinschaftsarbeit mit den Arbeitnehmern. Von der gesammelten Kraft der deutschen Industrie läßt stch zweifelsohne Großes für den Wiederaufbau unseres schwer darniederltegenden Wirtschafts lebenS erhoffen, und so ist die Gründung des Reichs- verbandeS als eine vaterländische Tat ersten Ranges zu bewerten und demgemäß freudigst zu begrüßen.
— Etwa 2000 Eisenbahnbeamte haben in Erfurt erklärt, daß sie aus Liebe zum deutschen Volk nicht daran denken, in einen Steif einzutreten, daß sie aber das Streikrecht unbedingt für sich in Anspruch nehmen.
Berlin. (Polnische Truppentransporte durch Deutschland.) Die Transporte der polnischen Truppen über
Vergnranir« Tschterlein
Roman von MartiFn örster. 4 (Fortsetzung.)
Es war ein kräftiger, junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, mit hübschem, offenem, gebräuntem Gesicht. Das Licht der Fackel schien ihm voll ins Antlitz, und er schaute mutig hinein.
„Um die Arbeit zu verhindern? fragte derMinen- besitzer „Wer sagt Euch, daß gearbeitet wird? Diese Leute sollen nur den Schacht ausbeffern, daß alles in Ordnung ist, wenn Ihr wieder zur Arbeit kommt."
„Wenn sie nur ausbeffern sollen, wie kommt es dann, daß sie alle Bergleute sind? war die Erwiderung des Anderen. „Ich weiß es bester, sie fördern Kohlen und denken nicht anS Ausbeffern. Gestern wurden Kohlen gefördert, und heute und morgen wird dies auch geschehen, wenn sie wieder einfahren."
„Sie werden einfahren. Ihr und Eure Kameraden haben hier nichts zu suchen, Sachse; Ihr übertretet die Gesetze. Fort mit euch allen! Ihr wißt, daß ich nicht mit mir spaßen lasse."
„Und wir lassen auch nicht mit uns spaßen," war Sachfts entschlossene Antwort. „Wenn diese Leute den Schacht verlassen, wollen wir auch gehen, eher nicht!"
„Alle Wetter, Sachse, nehmt Such in acht. Ihr könntet morgen mit dem Gefängnis Bekanntschaft machen!" rief Wiedemann heftig.
„Schicken Sie di» Leute fort, sonst weichen wir nicht Platze
„ „Fahrt ein, Leute!" schrie Wiedemann. „Kehrt Euch nicht an die Herumtreiber I"
Coblenz quer durch Deutschland beginnen, wie bereits von der Waffenftillstandskommission mitgetrilt, am 16. 4. vormittags. Der Proviant und die Munition werden wahrscheinlich über Stettin befördert. Die erforderlichen Vereinbarungen über Fahrpläne und Verpflegung-aufenthalte sind gemeinsam getroffen von der Unterkommission für das Transportwesen in Spaa und der Eisenbahn- abteilung des deutschen Generalstabes. Verpflegunzs- aufenthalte während der Durchreise sind für die polnischen Truppen vorgesehen in Gießen, W'.lhelmShöhe, Sangerhausen, Fließen, Neudietendorf, Taucha, Döbci- ugk, Kirchhain und Lissa.
— Amsterdam 16. April. (Churchill über die bolschewistische Gefahr) Nach den hier eingegangenen englischen Blättern vom 12. April sagte Churchill in seiner bereits kurz gemeldeten Rede am 11. April u. a.: Wenn wir mit Deutschland Frieden schließen, so bedeutet das noch nicht, daß wir mit ihm Freundschaft schließ n. Aber ein Frieden würde dsch den Zustand mit sich bringen, daß gew'sse gemeinsame Jnteressm anerkannt werden Die geschlagene Partei würde nach Abtraoung ihrer Verpflichtungen doch wenigstens wieder bessere Aussichten für die Zukunft und Gelegenheit zur Buße haben. Ich glaube nicht, daß wir uns es leiste - können, diesen Streit mit seinem ganzen Haßapparat ohne Ende weiter zu führen. Alle meine Nachrichten von militärischer Seite deuten darauf hin, daß Deutschland dem Zusammenbruch sehr nahe ist. Alle meine militärischen Ratgeber haben betont, daß das wichtigste, was mir tun müssen, ist, Deutschland mit Lebensmitteln und Rohstoffen zur Wiederaufnahme des Wirtschaftslebens zu versehen. Wenn Deutschland in bolschewistische Anarchie versinkt, so gibt nicht nur keine E.'.rschädig-.z, [«..Um w;i würden auch sktvst verarmen. Der Handel würde durch die wachsende Unordnung gelähmt werden. Ein Weg zur Buße steht Deutschland offen, wenn es nämlich den Bolschewismus bekämpft und ein Bollwerk dagegen bildet, so ist das der erste Schritt zu seiner Wiedervereinigung mit der zivilisierten Welt. Uns droht noch sehr große Gefahr. Zwei wichtige Zweige der Menschheit, die Slawen und die Deutschen, sind in tiefstes Elend gesetzt. Es wäre höchst unerwünscht, wenn sie einander in diesem Elend fänden. Wenn Deutschland dem Bolschewismus verfiele, so würde die Wirkung davon bis nach China bemerkbar sein. Wenn Deutschland aus innerer Schwäche oder infolge feindlichen Einmarsches der bolschewistischen Pest verfiele, so würde es zwar zweifellos in Stücke gerissen werden, aber was würde dann aus uns werden, was aus dem Frieden, den wir sehr wünschen, aus dem Wiederansblühen des Handels, aus dem Völkerbund. Es würde dann zwei Verbände geben, einen Bund der besiegten und einen Bund der siegreichen Nationen, und der Bund der besiegten könnte leicht die Rüstungen wieder aufnehmen, während der Bund der siegreichen
„Wenn diese Leute heute abend einfahren, so werden sie es ihr ganzes Leben hindurch bereuen," sagte Sachse sehr ruhig nnd nachdrücklich. „Und Sie werden es auch bereuen, Herr Wiedemann."
„Fahrt ein I Noch einmal! Ich befehle es ! Tretet zurück, Sachse, oder, bei Gott, ich erschieße Euch. Morgen sollt Ihr hierfür büßen."
Der rote, flackernde Fackelschein fiel auf den blitzenden Lauf eines Revolvers in der Hand des Minenbesitzer. Die Waffe war auf SachscS Kopf gerichtet, aber er zuckte nicht mit der Wimper. Er richtete nur {eine brennenden Augen fest auf das von Leidenschaft entstellte Gesicht seines Herrn und sagte ruhig: „Wenn Sie nicht Vernunft annehmen wollen, dann mag es geschehen. Ich werde aber erst ein Wort m't den Leuten reden. Hö.t mich einen Augenblick an," wandte er sich an die Abtrünnigen. „Ihr, Jakob, Fritz, Jürgen, Jochim, habt alle Verwandte im Dorf. Mein! ihr nicht, daß Sure Väter und Mütter, Eure Schwersten: und Brüder, Eure Frauen und Kinder sich Eurer schämen »erden, wenn sie erfahren, daß Ihr abtrünnig geworden seid? Schämt Ihr Euch nicht vor Euch selbst? Wißt Ihr nicht, daß Ihr unsere Feinde werdet, wenn Ihr sitzt arbeitet? Wißt Ihr nicht, daß Ihr diesem Tyrannen helft, da» Brot aus unserer Kinder Mund zu nehmen? Um Eurer Ehre willen, werft die schmutzige Arbeit hin und kommt nach Hause, haltet Euer Wort, wie es Männern geziemt. Wollt Ihr uns feige im Stich lassen?" Die Stimme des Sprechenden klang seltsam eindringlich und herzbewegend. Die Abtrünnigen konnten dem ehrlichen Anruf nicht widerstehen. Einer nach dem andern wandte sich zu Sachs» und zu seinen Begleitern, dann verließ der ganze Trupp
Nationen das Schwert zur Seite legte. Noch einmal würde jenes schreckliche Gleichgewicht von Gegensätzen entstehen, das vor fünf Jahren das Vorspiel zum Ausbruch des großen Krieges bildet. Churchill schloß mit den Worten: Erhaltet Euch eine starke, treue, festgeschlossene, zufriedene, ihren Aufgaben gewachsene Armee, erhaltet Euch die Freundschaft mit Amerika und Frankreich. Macht Frieden mit dem deutschen Volk, leistet mit allen Mitteln dem Bolschewismus Widerstand.
— Aufhebung des Rektorats. Wie die „Deutsche Allgemeine Zeitung" meldet, wird im preußischen Kultusministerium gegenwärtig die Aushebung des autoritativen Rckrorats und die Einführung der kollegialen Verwaltung der mehrklaffigen Schule vorbereitet, um zugleich mit dem in Aussicht stehenden Gesetz über Beseitigung der Ortsschulaussicht in Kraft zu treten;
— Neue empörende Uebergriffe der Polen. Die Usbergriffe, die sich die ausständigen Polen in der Provinz Posen herausnehmen, werden immer unerhörter. Der Oberste polnischen Bolksrat hat angeordnet, daß alle in dem besetzten Gebiete an den staatlichen Schul- anstalten beschäftigten Lehrkräfte (einschließlich der Direktoren), welche .hre Versetzung in'eine andere Provinz oder in eine rein deutsche Gegend beantragt haben (!) sowie alle Studienassessoren, Studienreferendare und sonstigen Hilfskräfte vom 1. April d. Js. ab als nicht mehr in ihren Aemtern befindlich angesehen werden und aus polnischen (?) Ksffen keine Gehälter und Vergütungen zu beziehen haben. Von dieser Verordnung wird eine große Anzahl Posener Studienräte usw. getroffen. — Ferner hat der sogenannte Regierungspräsident Dr. Celichowski bekanntlich eine Verfügung erlassen, wonach allen ^r"™ >« nur oeursch sprechen, zum 30. Sprit d. J. ihre Stellen gekündigt werden. Spätestens Ende April haben sie ihre Dienstwohnungen zu räumen, und hören auch alle ihre Dienftbezüge auf. Durch diesen Gewaltstreich werden über tausend deutsche Lehrerfamilien mit einem Schlage Heimat- und obdachlos. Um sie vor dem Aeußersten zu bewahren, ruft der Deutsche Volksrat zu Posen (Kaiserring 2) zur Bildung von HilfsauSschüssen in den Städten der Provinz auf. Diese Ausschüsse sollen für die Bereitstellung von Wohnungen und Räumen zu» vorläufigen Aufnahme, sowie für die notwendigen Geldmittel sorgen, um den Bedürftigen beizustehen. Wir hoffen jedoch, daß euch die deutsche Reichsregterung sowie die preußische Regierung mit aller gebotenen Schärfe die Interessen der vergewaltigten deu'.schen Lehrer und Lehrerinnen wahrnehmen und sie gegenüber den polnischen Gewalttaten in Schutz nehmen wird.
— Die Chinesen für SelbstbestimmungSrecht. In einem bet der chinesischen Delegation auf der Friedenskonferenz telegraphisch aus Peking eingetroffenen Communiquä besteht die chinesische republikanische Regierung auf der Aufhebung der 21 Forderunge^
in geflossener Reihe den Schacht, und marschierte in» Dorf, den Besitzer und seinen Helfershelfer in der aufgebrachtesten Stimmung zurücklassend. Durch die stille Sommernacht tönte das Johlen der Leute und die Verwünschungen ihres Herrn.
2. Kapitel.
Es war eine weiche, warme Augustnacht. Am Himmelsgewölbe funkelten dre Sterne in voller Pracht, und obgleich der Mond nicht sichtbar war, lag es wie ein heller Schein über der Erde.
Der Streif in dem Herrenschecht dauerte fort. Die Leute waren schon über einen Monat untätig gewesen, und das feindselige Verhältnis zwischen dem Minenbesitzer und seinen Arbeitern hatte eine drohende Gestalt angenommen.
An dem Morgen, welcher dem jüngst berichteten Vorgang am Schacht folgte, hatte der Minenbesitzer Sachse und einige seiner Kameraden wegen Aufhetzung vor Gericht «»gezeigt. Der Beamte hatt« sich jedoch der geschlossenen Verbindung gegenüber machtlos gefühlt und die Leute mit einer Warnung wieder entlassen. Dann hatte Konrad Wiedemann erklärt, den Abtrünnigen ihre geleistete Arbeit nicht bezahlen zu wollen. Als ab.r einer der Leute, welche heimlich Kohlen gefördert hatten, dem Minenbesitzer aufgelauert und ihm angedeutet hatte, daß sie, wenn er ihnen den verdienten Lohn vorenthalte, die Bedingungen bekannt machen würden, unter denen er sie überredet hatte, da änderte er seinen Entschluß und fügte sich Jbet Notwendigkeit.
So war Wiedemann vorläufig geschlagen, aber seine Niederlage macht» ihn um so entschlossener, die Leute zur Unterwürfigkeit zu zwingen.