Müchterner Zeitung
Anzeiger für die amtlichen Bekanntmachungen im Kreise 8chtüchtern.
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Schlüchterner Kreisblatt
Aeltefte Zeitung im Kreise; gegründet im Jahre 1849.
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Beilagen: Illustriertes Sonntagsblatt aW)
Amtliche Beilage (Kreisblatt).
86.
Samstag, den 25. Oktober 1919.
70. Jahrgang.
Amtliches.
| J.-Nr. 7789 K. A.
Der § 5 des im Jahre 1907 festgesetzten Reglements betreffenb das Desinfeklionswesen ist durch Kreis aus« schußbeschluß vom 22. September wie folgt geändert worden.
Der Desinfektor erhält für seine Tätigkeit eine Vergütung von
a) 10 Mark pro Tag ohne Rücksicht auf die Zahl der vorzunehmenden Desinfektionen,
b) außerdem für Desinfektionen außerhalb des Wohnortes als Reisekosten:
Ersatz der durch Benutzung der Eisenbahn in Classe 3 entstandenen Auslagen, oder wo die Eisenbahn nicht benutzt werden kann, 20 Pfg. pro km Landweg für Hin- und Rückreise.
Schlächtern, den 23. Oktober 1919.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses.
Europas Lehrmeister.
England ist und bleibt das Land, von dem man lernen kann. Nicht um in sklavischer Nachahmung sich zu räuspern und zu. spucken, wie John Bull es zu tun jeliebt — aber vorbildlich bleibt doch die überlegene Weisheit, mit der dieses Volk auch die schwierigsten Situationen zu meistern versteht. Ein schier unfehlbarer Instinkt läßt es, in nationalen ebenso wie in sozialen toten, den richtigen Weg finden, ar Gefahren zu lüdk.u nden, fast speervnd j>~ «vu .«hvi», an oener. hnbere Nationen zugrunde gehen — und avs jeder Krisis dieser Art scheint das Reich mit seiner altüber lieferten Gesellschaftsordnung sich kräftiger und ißegesficherer als zuvor zu erheben. Scheint — ob indessen auch der innere Stand der Dinge diesen Andruck immer rechtfertigen mag, ist eine andere Frage.
Wie hat Deutschland nicht in diesem Jahre schon gezittert und gebebt, als die Eisenbahner, Beamten und Arbeiter von der Unruhe der Zeit ergriffen wurden und ihre Forderungen an den Staat durch plötzliche Stillegung des Verkehrs durchzusetzen suchten! In England gärte es auch in diesen Kreisen seit langem schon. Aber weder Regierung noch Volk zeigten die geringste Unruhe. Nicht einmal das Unterhaus wurde wegen der drohenden Streikgefahr aus seinen Herbst- ferien herausgerissen; die Regierung war auf dem Posten und wußte, was sie zu tun hatte. Einmal: verhandeln selbstverständlich und immer wieder verhandeln,
Bergmanns Tschterlein
Roman von Martin Förster.
(Fortsetzung.)
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Er richtete sich rasch und ernüchtert auf und sagte in eisigem Tone: „Gut l Dann weigere ich mich, einen Finger in dieser Sache zu rühren, dann müssen die Dinge ihren Lauf nehmen. Ich habe mich bereits bemüht, Neumann zum Schweigen zu veranlassen. Fragen Sie Ihren Vater, und er wird Ihnen sagen, baß ich ihn bevollmächtigt habe, dem Wilddieb, wie Sie ihn nennen, eine der besten Stellen im Schacht zu geben. Wenn Sie Ihren Vater nicht retten wollen, warum sollte ich mir Mühe geben, ihn zu retten?"
„Ich kann es nicht glauben, ich will es nicht glauben!" rief sie mit gebrochener Stimme, indem le auf ihrem Stuhl zusammensank und ihr Gesicht mit den Händen bedeckte. „Wie kann ich wissen, ob dies nicht nur ein erdachter Plan ist, um mich in die Falle zu locken?"
„So habe ich nichts mehr zu sagen, Fräulein Vachse," antwortete er mit Aufbietung seiner ganzen Würde.
„Ich bedaure nun, daß Sie mich für einen Schurken halten. Wenn Sie an dem zweifeln, was ich sage, sragcn Sie Neumann oder ihren Vater selbst! Wenn d"se Ihnen die Wahrheit sagen, dann werden Sie bereuen, daß Sie meinen warnenden Worten nicht geglaubt haben. Soll ich jetzt meiner Haushälterin klingeln und sie beauftragen, Sie nach Hause zu begleiten?"
Er hob sich und ging auf die Klingel zu. Jutta nand mit tränenden Augen und ausgestreckten vänden da und blickte ihn an, so fleyend, so
solange es den Führern der großen Arbeiterverbände gefiel. Dabei aber die äußerste Grenze der Zugeständnisse von vornherein festgestellt und unbeirrbar inne- gehalten, desto hartnäckiger, ja bestimmter der Gegner von bloßen Forderungen zu Drohungen überging. Neben den Verhandlungen wurden aber in aller Stille die umfassendsten Vorkehrungen getroffen, um, sollte es wirkich zur Arbeitsverweigerung dieser dem öffentlichen Wohle dienenden Volksteile kommen, der Gesamtheit sicherzustellen, wessen sie unter allen Umständen bedurfte. Und so setzte, als der Streik begann, wie aus der Pistole geschossen ein Automobtlverkehr größten Maßstabes ein, für den sich 25 000 Kraftwagenführer der Regierung zur Verfügung gestellt hatten, und der vor allen Dingen den Lebensmittelbedarf der großen Städte deckte. Das hatte zur Folge, daß die Stimmung im Lande ruhig blieb, und daß die Bevölkerung dem ungewohnten Schauspiel In abwartender Haltung zusah.
Keinem Teile der Arbeiterschaft fiel es auch nur im Traume ein, die Bewegung durch Sympathiestreik zu unterstützen, niemand fühlte sich durch die Gebote der sonst auch in England hochgehaltenen Solidarität veranlaßt, den Eisenbahnern zu Hilfe zu kommen: sie hatten den Streik auf eigene Faust beginnen, nun sollten sie ihn auch aus eigenen Kräften durchkämpfen. Lloyd George aber, der aus dem Volke hervorgegangene Premierminister des britischen Weltreiches, hatte jetzt nur noch eine Antwort für die Streikführer: erst muß die Arbeit bedin-'ÄNAsl^s wieder EfW^irmen werden, ehr ich mich überhaupt auf irgendwelche Fortsetzung meiner Unterhaltungen mit Euch einlasse. Man kennt diesen Mann in England zur Genüge, um zu wissen, daß er sein Wort hält, daß er das Brechen nicht scheut, wenn es mit dem Biegen nicht gehen will. Und so ließ die Wirkung seiner schroffen Haltung gar nicht lange auf sich warten. Die Reihen der Aus- ständigen begannen sehr bald zu wanken, hier konnte ein Zug abgelassen, da eine Linie in Gang gebracht werden, und nach drei, vier Tagen schon war es entschieden, daß der Staat, die Regierung, die Volksze- samtheit ihren Willen durchgesetzt hatte und nicht eine Gewerkschaft, die unter Verkennung der Grenzen ihrer Macht einen Kampf gegen die Interessen der Nation vom Zaun gebrochen hatte.
Bedingungslos find die Eisenbahner, wie Lloyd George es gefordert hatte, zur Arbeit zurückgekehrt, und was er ihnen nunmehr an kleinen Zugeständnissen ein- räumt, ist wirklich nicht der Rede wert, soll nur ver
fassungslos, daß er doch gerührt mitten im Zimmer stehen blieb.
„Warten Sie noch einen Augenblick!" bat sie. „Ich kann Ihnen jetzt nichts versprechen, Herr Diedrich. Geben Sie mir Zeit zur Ueberlegung. Ich bin nicht im stande, mich so schnell zu fassen. Geben Sie mir eine Woche Bedenkzeit!"
„Eine Woche ist zu lang," sagte er ruhig. „Wer weiß, was sich in dieser Zeit ereignen kann. Neumann mag das Geheimnis verraten, und dann —"
„So sagen wir drei Tage," flehte sie.
„Das soll mir recht sein. Am Sonntag abend kommen Sie also zu mir u»»d geben mir Ihre Antwort. Und nun fassen Sie sich und lassen Sie den Mut nicht sinken. Wenn es Ihnen recht ist, werde ich jetzt klingeln."---
Um für die zuletzt geschilderten Ereignisse ein Verständnis zu gewinnen, bedarf eS eines kurzen Rückblickes.
Fcanz Degow halte, als er seine Stellung verließ, um gerade in Langen au Arbeit zu suchen, seine ganz bestimmten Gründe verfolgt.
Das überraschende Testament seines Onkels, das die rechtmäßigen Erben vollständig mit Stillschweigen überging, hatte seiner Mutter bis zu ihrer Todesstunde weder Ruhe noch Rast gelassen, und sobald er mit erlangter Großjährigkeit im stande war, selbständige Schritte zu tun, hatte er versucht, Aufklärung darüber zu gewinnen.
Er hatte zunächst Einsicht in das Testament genommen und sich eine Abschrift von demselben verschafft, worauf er nach sorgfältiger Prüfung zu der festen Ueberzeugung gekommen war, daß hier ein grober Betrug vorliegen müsse. Diese Fälschung ans Licht
hüten, daß der beschämende Charakter ihrer Niederlage gar zu offenkundig wird. Daran kann der Regierung nichts gelegen sein; sie darf darauf vertrauen, daß diese Lehre weder von den Eisenbahnern noch von ihren Führern vergessen werden und daß sie auch bet der gesamten Arbeiterschaft des Landes heilsame Nachwirkungen zurücklassen wird. Niemand wird gemaßregelt, niemand materiell geschädigt, aber die Autorität der Regierung, die gesellschaftliche Ordnung sind mit starker Hand vor Benachteiligung geschützt worden, ohne daß auch nur ein Schuß abgegeben, eine Verhaftung vorge- nommen zu werden brauchte. Dieser Erfolg konnte denen, die ihn. errungen haben, immerhin schon eine Messe wert sein. So hilft sich das englische Volk gegen innere Gefahren.
Deutsches Reich.
- Berlin 22. Okt. (Ander Schwelle des Friedens.) Die hiesigen unterrichteten Regierungsstellen hoffen, daß der Friede in ungefähr zehn Tagen in Kraft treten wird. Zu der Reutermeldung, die von neuen Zwangsmaßnahmen des obersten Rates der Alliierten wegen deutscher Verletzung des Waffenstillstandes sprach, meint man, daß es sich um einen willkürlichen Zusatz durch Reuter handelt, da keinerlei Gründe vorliegen, die die Entente zu einer solchen Drohung bestimmen könnten.
— Nürnberg, 21. Okt. (Der Wiederaufbauminister.) Oberbürgermeister Tr. Geßler von Nürnberg hat sich
Geßler ist 4t Jahre alt und aus Lindau gebürtig. Er ist katholischer Konfession. Er war dritter Staats- anwalt in Straubing, dann mehrere Jahre Gewerbegerichtsrat in München, 1910 Bürgermeister von Regensburg und seit 1914 ist er Oberbürgermeister von Nürnberg. Er ist einer der führenden Männern der süddeutschen Demokratie.
— Eine Steuer für die Reklamierten. Bei den Steuerberatungen in den Ausschüssen der Nationalversammlung ist auch der Gedanke der Einführung einer R klamierten Steuer erötert worden. Danach sollen alle im Kriege reklamierten Personen mit einer besonderen Steuer in Form etwa eines fünfprozentigen Zuschlags für jedes Jahr der Reklamation belegt werden. Der Zuschlag soll von den Sätzen des Reichsnotopfers berechnet werden. — Man möchte dringend wünschen, daß dieser Gedanke in der Tat umgesetzt wird. Es würde einen Akt steuerlicher Gerechtigkeit darstellen,
zu bringen und die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen, sollte fortan die vornehmste Aufgabe seines Lebens sein, und um diesen Zweck erfüllen zu können, begab er sich an den früheren Aufenthaltsort seines Onkels und wahrscheinlichen Schauplatz der betrügerischen Tat. Hier brächte er bald in Erfahrung, daß sowohl der Rechtsanwalt wie die beiden Zeugen, welche das Testament unterschrieben hatten, bereits seit Jahren den Ort verlassen hatten und über ihren Verbleib jegliche Spur fehlte, Tatsachen, welche- natürlich nur zur Bestätigung seines Verdachtes dienen konnten.
Es hieß außerdem, daß der betreffende Notar, Bernhard Franke, sich später in zweifelhafte Prozeßan- gelegenheiten eingelassen habe, deren Aufdeckung für manche der Beteiligten, so auch für ihn einen schleunigen Luftwechsel geraten erscheinen ließ. Die beiden Zeugen, Gilbert und Kunze, waren in dem Herrenhause bedienstet gewesen und, als dasselbe in andere Hände überging, wahrscheinlich außer Landes gegangen. Jedenfalls hatten die drei sich ungefähr um dieselbe Zeit aus dem Staube gemacht.
So weit waren Franz Degows Nachforschungen gediehen, als seine plötzliche Verhaftung allen weiteren Bemühungen ein Ziel setzte. Dieser zum mindesten unangenehme Zwischenfall führte jedoch dazu, ihn mit dem geriebenen Advokaten Willroth bekannt zu machen, der nicht allein durch seine glänzende Verteidigungsrede Franz Degows zeitweilige Freilassung erreichte, sondern sofort auch für den von diesem verfolgten Fall das lebhafteste Interesse an den Tag legte.
Er innerte sich sofort der näheren Umstände jener Testamentseröffnung, die damals alle Welt in Erstaunen gesetzt hatte, und des Kollegen Franke, der sich niemals des besten Rufes erfreut hatte. (Fortsetzung folgt.)