Schlüchterner Zeitung
Anzeiger für die amtlichen Bekanntmachungen im Breite Schlüchtern.
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Schüchterner Lreisblatt
Aelteße 3eUu»g i« Kreise; ZegrZLdrt i« Jahre 1849.
Anzeigen: Y. Zeile oder deren Raum 60 Pfg., Reklamezeile 2,— Mk. Bei Betriebsstörungen kein Schadenersatz oder Minder- gebühr einschließlich BezugS. Keine Gewähr für Platz, Aufnahme-Zeit und Beleglief«nug. Kein Nachlaß bet gerichtlichen ZwHchenkvst«. Zablkarte Frankfurt a. Main Nummer 11406.
M rs.
Dsnnerrtag, den 24. Juni 1920.
72. Jahrgang
Umsatz und Verdienst.
1. Nicht so sehr darauf kommt es an, wieviel man mit einem einmaligen Umsatz von WoO Mark verdient, sondern darauf, wie man im Jahr diesen Umsatz macht. Wenn ein Geschäftsmann heute für 1000 Mark Ware = einkauft, an der er 50*/, verdient und ein Jahr dazu braucht, um sie zu verkaufen, so ist das ein viel schlech- ; Utes Geschäft, als wenn er nur 25% daran verdiente, * sie aber jeden Monat auSverkaufte.
Im ersteren Falle verdient er mit seinen 1000 Mk. nur 500 Mk., im zweiten Falle aber 3000 Mk.
Es ist deshalb ein Rechenfehler, zu ängstlich die Reklamespesen zu scheuen, wenn sie dazu dienen können, den Umsatz sehr zu beschleunigen.
Würde ein Geschäftsmann, dir von einer Ware für 1000 Mk. jährlich umsetzt und daran 500 Mk. verdient, die Hälfte dieses Gewinnes von vornherein für geschickte Reklame opfern, so wäre es ihm in allen Fällen möglich, den Umsatz so zu steigern, daß er sich wesentlich besser dabei stünde.
Er kann durch die Reklame dcn Bedarf überhaupt erhöhen, kann bei Leuten, die sonst nicht daran dächten, den Artikel zu kaufen, vielleicht garnicht wüßten, daß er rxistiert, den Wunsch erregen, ihn zu besitzen; er kann aber auch einen Teil des überhaupt möglichen Umsätzes vom Geschäfte der Konkurrenz weg und in sein eigenes lockm.
Allerdings muß der Aufwand für Reklame im richtigen Verhältnisse zu dem Erreichbaren flehen, und hier liegt der eigentliche Angelpunkt für die Frage, ob 7«—* dtNtchWWDÜamv »"ch werden kam» oder nicht.
Wer sich darauf versteht, erreicht vielleicht mit einer geschickten, kleinen und darum billigen Anzeige mehr als ein anderer, der da glaubt, er muffe darin alles sagen, was sich überhaupt von seinem Geschäfte Gutes sagen läßt.
Ein Werbebrief oder ein Prospekt kann, je nachdem er geschickt oder weniger geschickt abgesaßt ist, großen Erfolg bringen, sich glänzend bezahlt machen oder total versage«. Es sind aus der ProxtS Falle bekannt, wo ein einziger geschickt geschriebener Prospekt einem »eugegründelen Geschäfte von vornherein einen derartigen Schwung verlieh, das cd alle Schwierigkeiten, mit denen sonst eine Neugründung zu kämpfen hat, im Fluge Überwand.
Ja Amerika bestanden schon längst Institute, die strebsamen Geschäftsleuten und Angestellten briefliche Unterweisung in allen Finessen der Reklame erteilen. Auch ist Deutschland wurde neuerdings von einem unserer erfolgreichsten R<.klamefachieute auf Grund von mehr als dreißigjährigen Erjaheungen d.r Deutsche Werbe-Unterricht I Jve sen, glissen am L-ch,
begründet, der sehr gelobt wird. • Wer sich für Reklame interessiert, sollte sich die sehr interessanten Drucksachen des Unternehmens kostenlos schicken lassen.
Es gibt in Deutschland auch eine Anzahl berufsmäßiger Neklameberater, die sich ihre Kunst und ihre Erfahrungen sehr güt bezahlen lassen und von denen die, welche gute Erfolge aufzuweisen haben, sicher nicht mit manchem Industriellen tauschen würden. Jahreseinkommen von 50000 Mk. waren bei ihnen schon vor dem Kriegs nichts Seltenes.
Aus Stadt und Kreis.
Schlüchtern, sen 23. Juni 1920,
—* Am Donnersiag, den 24. Juni 1920, abends 8 Uhr findet eine Sitzung der Stadtverordneten« Versammlung mit nachstehender Tagesordnung statt: 1. Verwaltungsbericht. 2. Haushaltsetat für 1920. 3. Erhöhung des Beitrages für den israelitischen Religionsunterricht. 4, Erhöhung des Zinsfußes für Hypothekendarlehen bei der Sladtsparkaffe. 5. Uebernahme der Kosten für Instandsetzung der im Hospital- gebäude durch das, Krlegsgefangenen-Arbeitskommando benutzten Räume.
—* Ueber unser täglich Brot hört man jetzt vielfach klagen, zum Teil nicht ohne Berechtigung. Es ist vielfach anscheinend in zu heißen Oefen gebacken, dadurch erhält , es eine dicke Kruste und bleibt im Innern feucht (knaljchig). Die Schuld wird natürlich auf ganz andere als die wirklichen Ursachen geschoben. Wir haben uns deshalb einmal an zuständiger Stelle erkundigt und erfahren das, daß dem hiesigen Kreise für fernen Bedarf in der Zeit vom 16. Mai bis 15. Juni teils Roggen- teils Gerste- und Maismehl geliefert worden ist, viel anderes Mehl, alsy nur Roggen und Weizenmehl dem Reich nicht in ausreichender Menge zur Verfügung steht. So war der Kreis genötigt, zu 50% Roggenmehl, 20% Gerstenmehl, 20% Maismehl und 10% Hulsenfruchtmehl zu verbacken. Bei richtiger Bearbeitung, die — was allerdings auch gesagt werden muß — gerade zur Zeit während und nach der Kornblüte besonders schwierig ist, weil in dieser Zeit das Mehl „arbeitet", muß diese Mischung ein durchaus gesundes und sehr nahrhaftes Brot geben. In der Tat ist es auch wett besser als das Brot, das wir 1916 nehmen mußten, als an Stelle von Maismehl Kartoffeln betgemischt wurden. Wer sich erinnert, in welchen Versorgungsschwierigteiten sich der Kreis im Dezember und Januar befand, wer in den Tageszeitungen ließt, daß z. B. im Bezirk Düsseldorf z. Zt. nur 2 7, Pfo. Brot wöchentlich ausgeaeb.n weiden
können, hergestellt aus 80% Maismehl und 20% Hafermehl, also ganz ohne Roggen und Weizenmehl, der.wird froh sein, daß es dem hiesigen Kreise nach langen Schwierigkeiten ermöglich ist, ein Brot in her vorgenannten Beschaffenheit bis zur neuen Ernte und in der bisherigen Menge von 3'/, Pfd. wöchentlich zur Verfügung stellen zu können. Zu diesem Kapitel lesen wir noch in einer Frankfurter Zeitung folgende Klagen der Bergleute über schlechtes Brot. — Essen, 19. Juni. Der Betriebsausschuß der Zeche Saelzer-Neuack über- gibt bet Oiffentlichkett eine Entschließung, in der er u. a. heißt: Die Klagen über ungenießbares Brot und über das vollpänotge Stocken in bet L eserung dackfähigen Mehls nehmen in den Bergarbeuerkreisen einen bedrohlichen Egarakter an. Die Tatsache, daß hier in Essen an die schwer arbeitende Bevölkerung ein uudesinlerüares, gesundheitsschädigendes „Etwas" als Brot ausgegeben wird, erregt die Gemüter außerordentlich. Die Bergarbeiter haben in den letzten Monaten gezeigt, daß sie durch Verfahren von Ueber- schichten und demgemäß durch Steigerung der Förderung gewillt sind, der Allgemeinheit Opfer zu bringen. Von morgens 5 Uhr bis abends 5 Uhr, also volle 12 Stunden, müssen sie bei ihrer schweren Arbeit während der Ueberschichten von dem Mischmasch, in Essen Brot genannt, leben. Die Folgen davon find, daß die Bergarbeiter bis zu 90 Prozent an Magenbeschwerden leiden, arbeitsunfähig werben und unsere Förderung von Tag zu Tag zurückgeht. Ja, die Lage ist noch bedrohlicher. Die Bergleute erklären, in Kürze die 17» Scylchten Nicht mehr verfahren zu wollen, wenn unser Bros» nicht bester wird.
—* (Sozlald. Part. Deutsch!.) Der Kretsverein Schlüchtern hat auf seiner letzten Kreiskonferenz be- schtoffen, alljährlich ein Vcrbani-s-Sommerfefl zu ver-- änstalten. Der Anfang von diesen Festen soll am 15. August in der Kreisstadt Schlüchtern auf dem herrlichen Acisbrunnen gemacht werden. Die Ortsgruppe Schlüchtern setzt alles daran, um nach den während der langen Kriegsjahre entbehrten Festen, ein Sommerfest größten Stils zu begehen. Für Gesangsvorträge, Vorksbe- lasttgungen und Kinderspiele wird bestens gesorgt werden Alles Nähere wiro später bekannt gegeben.
—* Aus die mit möglichst sofortiger Bareinzahlung auf das nach dem Gesetz vom 31. Dezember 1920 demnächst zu veranlagende und zu erhebende Retchsnot- opfer verbundenen erheblichen Vorteile wird nochmals Hlagewtesen. Wer biS zum 30. Juni d. Js. bar einzahlt, braucht für je 160 Mk. nur 92 Mk. Hiuzu- geben, wer vom 1. JaU bis 31. Dezember d. Js, bar emz^hlt, immerhin nur 86 Mk. Die Ersparnis ist also eine ganz beträchtliche insbesondre im ersteren "alle. I n Hörigen wird aus die Ausführungen hierzu
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Feindliche Brüder.
Roman von Jost Freiherr« von Stetnach. 34
(Fortsetzung. -
Ich glaube selbstverständlich nicht eher an seine Schuld, bis sie mir nicht haarscharf bewiesen wird."
„Nun, vorläufig stehen seine Aktien niedrig", sagte Waldau trübe. „Und wenn er den belastenden Zeugen- "Utzsagen gegenüber nichts Triftiges zu entgegn-n weiß, ^ fürchte ich für seine Sache einen schlimmen Ausgang."
„Das wolle Gott verhüten!" rief der alte Offizier und reichte ihm die Hand zum Abschied. „Sollten Sie in dieser Angelegenheit einen treuen Freund und Be later gebrauchen, so wissen Sie, wo Ewald v. Goswin in sind er ist."
Er ging und Waldau wandte sich nach der entgegengesetzten Richtung seiner Behausung zu. Schon N der Treppe kam ihm Finke mit einem geheimnis. vollen Blick entgegen.
„Herr Doktor," sagte er mit verhaltener Stimme, *orin im Wohnzimmer sitzt schon seit einer halben Stunde eine anschein-nd ältere Dame, tief verschleiert, vie Sie durchaus dringend sprechen will und sich nicht ooweisen lassen wollte."
„Hat sie nicht ihren Namen genannt?" fragte Moldau neugierig.
„Nein, sie wollte alles Ihnen selbst mitteilen."
Waldau nahm rasch mit Finkes Hilfe seinen Ueber« W ab und begab sich dann in das bezeichnete Sinnier. Bet seinem Eintreten stand eine stattliche -stau von ihrem Sitze auf und redete ihn sofort mit ko Worten an: „Herr Doktor Waldau nicht Ntr
„Der bin, ich amrvtu^v, .aq 14 vie^^t fragen — ?"
Die Lerne schlug ihren dichten Schleier zurück, er schaute in ein weltstembeS Antlitz.
„Sie werben sich natürlich wundern, mein Herr," fuhr die Dame fort, „eine Fr».moe so ohne weiteres in Ihr Heim einbeingen zu seyen, aber Sie warben )o|on die ganze Wichtigkeit der Miffion, bis mich zu Ihnen suhrt, erkennen und verstehen. Mein Name ist Frau von tileudeck, und ich komme aus das dringende Ersuchen meiner Freundin, der Frau Varomn von Ranz^iverg, soeben von Eisenach, wo mein Gut gele- gen ist, hierher nach der Residenz. Ich denke, jetzt wird Ihnen mein unerwarteter Befuch schon etwas vel,iänbticher sein."
Der Lolior lud sie höflich zum Sitzen ein, fügte aber hinzu, daß er ihr letoer darin nicht betpflichten könne; er vermöge sich durchaus ihren Besuch vor- läufig nicht zu erklären.
„Nun denn, Sie werden sogleich volle Aufklärung erhalten," sagte Frau von Neudeck. „Sie können stch wohl denken, oafi mir dieser Besuch bet einem Herrn, und einem fremden dazu, nicht sehr leicht geworden ist, und nur die besonderen Umstände rechtfertigen in diesem Falle die besonderen MUtel. UedrlgenS sind Sie mit gar nicht so unbekannt, Herr Doktor; mindestens indirekt kenne ich Sie schon eine geraume Weile. Sie verkehrten srüher stark mit der Familie des Obersten von der Traun, wenigstens was die Tochter anbelangt", fügte sie lächelnd hinzu. Und als er abwehren wollte, winkte sie besänftigend ab. „O, ich weiß, ich weiß, Sie brauchen mir nichts zu sagen. Sie haben sich um ihre Hand beworben wie mein armer Junge auch.
Sie hat Sie beide adsallen lassen, dagegen ist nichts zu machen. H lbe ist hochmütig und im höchsten Grade herzlos Und ich glaube, Sie können recht froh sein, daß es so ausgega.lgen ist." —
„Sie wollten auf Ihre Angelegenheit kommen!" unterbrach sie Waldau, unangenehm berührt, „ich bitte also darum, gnädige Frau!"
„Wie Sie wünschen, Herr Doktor," versetzte Frau von Neudeck. „Aber rs handelt sich um Ihren Freund Otto Baron von Ranzenberg, den Stiefsohn meiner unglücklichen Freundin."
„Unglücklich, wieso?" fragte Waldau ironisch.
„Ja, glauben Sie vielleicht, es kann der Baronin gleichgültig sein, ob ein Sproß ihrer Familie vor das Tribunal kommt? Natürlich ist sie unglücklich, stnd zwar im höchsten Grade, und aus diesem Grunde sendet sie mich zu Ihnen, dem einzigen, der mit ihrem auf Abwege geratenen Sohne in Konnex steht."
„Wenn Sie wünschen, weiter mit mir zu verhandeln, gnädige Frau," fuhr ihr Waldau scharf in die Rede, „so bitte ich, jede meinen Freund beleidigende Redewendung zu unterlassen. Otto ist zwar angeklagt, aber nckch ist nicht das geringste erwiesen."
„Es freut mich, Herr Doktor," sagte die Dame in ihrem sanftesten Tone, „in Ihnen einen so treuen Freund zu finden, der noch immer da ein felsenfestes Vertrauen zeigt, wo es den andern schon längst entschwunden wäre. Doch gleichviel, das hat mit unserer Angelengenhelt eigentlich nichts zu tun. Es handelt sich vielmehr darum, die unangenehme Geschichte ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Um es kurz zu sagen, meine Auftraggeber in möchte um jeden Preis einen öffentlichen Eclat vermieden wissen.
(Kortsetznng folgt.)