Zchlüchterner Zeitung
Anzeiger für hie amtlichen Bekanntmachungen im Breise Schüchtern.
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Schlüchterner Frreisbtatt
AeLteste ZeitUNg im Kreise; gsgrmdet i« Jahre 1849,
M »6. Dsnnerstas, den 1. Juli 1920.
Anzeigen: kl. Zeile oder deren Raum 60 Pfg., Reklamezeile 2,— Mk. Bei Betriebs» störungen kein Schadenersatz oder Minder» gebühr einschließlich BezugS. Keine Gewähr für Platz, Aufnahme-Zeit und Belealieferung. Kein Nachlaß bei gerichtlichen Zwischenkastm. Zahlkarte Frankfurt a. Main Nummer 11402.
72. Jahrgang
Aus Stadt und Kreis.
Schlüchtern, den 30. Juni 1920.
—* Vorn Juli. Der Erntemonat Juli hat seinen Einzug gehalten. Heiß und brennend sendet die Sonne ihre Stahlen hernieder und scheint überhaupt nicht vom Himmel weichen zu wollen. Zitternd und flimmerrnd) von keinem, noch so schwachen, Lufthauch bewegt, liegt die kochende Mittagshitze drückend auf allen Feldern, Rainen und Büschen, und unter ihrer Backofenglut werden die satten Farben des Laubes noch immer dunkler und tiefer, lassen durstende Gräser müde die feinen Rispen sinken und reift in Feld und Garten alles der Vollendung entgegen. Grillen und Zikaden zirpen in jedem Busch und Strauch, und in später Abendstunde, wenn die Dunkelheit endlich angebrochen, schwirren leuchtende Johanneskäfer durch die Luft oder fitzen wie die Laternen kleiner Heinzelmännchen tief im Gras und Laub versteckt. Auf den Feldern aber reift die goldene Flut, deren Ertrag uns mit dem täglichen Brot für das kommende Jahr versorgen soll. Gelber und gelber werden die starren Halme schärfer zugeschnitten und harlkantig in der Form die Aehren, die das hartwerdende Korn bergen. Ein leises Rauschen geht durch die Kornwogen, als streifte die Roggenmuhme darin herum, die in heißer Mittagsstunde allen Kmdern den Hals umdreht, wenn sie beim Kornblumenpflücken in die Felder hineinlaufen und die Aehren zertreten. In den Gärten offenbart sich der Sommer, dessen erster Monat der Juli ist, womöglich noch unmittelbarer und Basaltiger. Im Blumengarten haben alle Kinder FloraS jetzt ihr Festtagstleid angelegt. Rosen über Rosen, Levkojen, Aurtkeln, Mohn, Löwenzahn und wie sie alle heißen, übersprühen mit tausend farbigen Tupfen den grünen Rasenteppich. In den Gemüsebeeten steht alles in vollster, üppig entwickelter Pracht und an den Obstbäumen und Sträuchern reifen die letzten Kirschen und Stachelbeeren, während Aepfel und Birnen' sich langsam zu färben beginnen- Von morgens drei Uhr ab bis in die sinkende Nacht hinein ist der Landmann in dieser Zeit auf den Beinen. Der Städter aber, dessen Arbeitsbelastung sich gleichmäßiger auf das ganze Jahr verteilt, flieht in diesem heißesten aller Monate aus den ' Stelnwüsten der Stadt hinaus in die farbenfrohe Sommernatur, um im waldigen Gebirge oder am Gestade der sonnen- flimmernden See Erholung, zu suchen und neue Kräfte für den Winter zu sammeln-
—* Behalte Geld im Beutel! Nämlich die Steuern. Die Übermittelung der Steuereinschätzungen an die Steuerpflichtigen erfolgte in den letzen Jahren oft-, so
spät, daß der Betrag für zwei Vierteljahre kurz nacheinander gezahlt werden mußte, was um so weniger angenehm empfunden wurde, als der Ecfolz von Reklamationen zunächst auf die Entrichtung der Abgaben ohne Einfluß blieb. Ja diesem Jahre, wo die Reichseinkommensteuer Geltung gewonnen hat, kann es leicht noch länger dauern. Es ist daher praktisch, Geld für die Steuern zurückzulegen. Was die Steuer- reklamationen betrifft, so ist dringend zu empfehlen, sich an die Wahrheit zu halten. Man kommt damit am weitesten.
—* Auf dem 19. Kinzig-Gau-Turnfest zu Gela- Hausen am 26., 27. u. 28. Juni wurden nachstehende Turner aus dem Kreise Schlüchtern preisgekrönt:
Oberstufe.
1. Zwölfkampf.
Preis
Punkte
1.
Heinr. Böller,
T.-V. Schlüchtern
1317,
14.
Hans Dorn,
// H
100
24.
Leo Ebert,
// //
947,
25.
Heinr. Freund
// V
937,
35.
Heinr. Ebert
H f/
84
Oberstufe. 2. Neunkampf.
4. Ignatz Ruppel, T.-V. Soden-Stolzenbg.78
5. Joseph Hild, „ „ 747,
18. August Kobitz, „ Schlüchtern 63
—* Schaffen HeiratSgesuche glückliche Ehen? Es ist schon behauptet worden, daß die glücklichsten Ehen die seien, die durch HeiratSgesuche in den Zeitungen zustande gekommen sind. Das ist wohl etwas übertrieben; andererseits wird mau zugeben müssen, daß zwei, die sich „auf diesem nicht mehr ungewöhnlichem Wege" gefunden haben, mindestens so glücklich miteinander werden können, als. wenn die Bekanntschaft beim Tanze, auf der Reise oder durch sonst einen Zufall gemacht würde. Ein Heiratsgesuch in der Zeitung gewährt von vornherein eine größere Bürgschaft für ernste Absichten, und es find die schlechtesten Herren nicht, denen ihr Beruf keine Zeit läßt, sich der Geselligkeit zu widmen, und es sind erst recht nicht die schlechtesten Damen, die aus Mangel an Herrenbtkannt- schaft sich des Heirettsgesuches bedienen. Zudem ist der suchende Teil genötigt, von vornherein sich über seine Verhältnisse offen zu äußern, lauter Gründe, die dafür sprechen, daß eine auf diese Weise zustandegekommene Ehe glücklich wird. Bestimmt wissen wir, daß dies bet einer ganzm Anzahl Ehen, die durch HeiratSgesuche zustandegekommen sind, der Fall ist und daß gewöhnlich dem HeiratSgesuche in der „Schlüchterner Zeitung" in kurzer Zeit eine VerlobungSanzeige folgt.
—* Wie verhütet man das Bitterwerden der Gurken? Gurken, die während ihres Wachstums schutzlos der Soune preiSZ-egeben sind, werden immer
bitter. Man hat daher bei den Gurkeuheeten dahin zu wirken, daß die Gurken stets unter den Blättern ruhen. Im allgemeinen hat dies die Natur schon so eingerichtet, mitunter geschieht es aber doch, daß deckende Schutzblätier fehlen, und da hat man dann künstlich einige Gurkenblätter über die Früchte zu ziehen. Aus diese Weise wird nach dem Urteil eines Fachmanns in „Ueber Land und Meer" das Bitterwerden der reifenden Gurken mit aller Bestimmtheit verhindert.
—* Das Gesetz, betreffend das Diensteinkommen der unmittelbaren Staatsbeamten in Preußen (beamten- DiensteinkommenSgesetz) am 7. Mai 1920 ist nunmehr in Kraft getreten. Unsere Leser wird es gewiß interessieren, welche im Kreise vorhandene» oder sonst näher bekannten Beamtenarten die einzelnen Gehaltsgruppen, deren es dreizehn gibt, argehören. Wir dürfen umso größeres Interesse voraussetzen, als auch unsere städtischen Beamten in diese Gruppen eingereiht worden find. Wie wir gehört haben, ist dies in der letzten Stadtverordnetensitzung geschehe». Es gehören z. B. zu Gruppe 5: Kanzleiassistenten, Vermeffungsasfistenten, Katasterassiftenten, Kreisassistenten, Maschinenmeister u. s. w.; zu Gruppe 6 : Kulturbau- sekretäre, Förster, Kanzleisekretäre, Katastersekretäre, Justizsekretäre, Gerichtsvollzieher, Kreissekretäre, (bisher Kreisassisteuten) ; zu Gruppe 7 : Revierförster, Regieruvgsobersckretäre (bisher Regterungssekretäre), Technische RegierungSobersekretäre (bisher Reg. Bausekretäre), Justizobersekretäre (bisher Gertchts- schreiber), Kreisobersekcetäre (bisher Kreissekretäre), Lehrer; zu Gruppe 8: Rentmeifler der Kreiskaffen, Präparandenlehrer, Mittelschullehrer; zu Gruppe 9: Regierungslandmeffer, Katasterkontrolleure, Polizeiräte, Seminarlehrer; zu Gruppe 10: Oberförster, Re- gterungsräte, Land.äte, Ämtsgerichtsläte, Studienräte, Prorektoren, Seminaroberlehrer; zu Gruppe 11: Oberstudienräte, Seminardirektoren. — Nach dieser Aufzählung kann sich jeder denkende selbst überlegen, in welche Gruppe unsere städtischen Beamten einzureihen sind. Die Gruppen 7 u. 8 kämen wohl in Betracht. Nach der Vorbildung des Bürgermeisters wäre er wohl der Gruppe 8 zuzuweisen. —
* Steinau. Herr Kuratus Engels in dem benachbarten Dörfchen Alsberg wurde zum Pfarrer der katholischen Gemeinde zu Gelnhausen ernannt und fiedelt am 1. Juli in seinen neuen Wirkungsort über. — Herr Lehrer Diegelmann zu Marborn wurde nach Höchst bet Gelnhausen versetzt. — Herr Lehrer Georg Merz zn Jossr, ein geborener Steinauer, legte anfangs Juni mit Erfolg die zweite Lehrerprüfung ab.
* Steinau. (Und die Teuerung drücket das Land.) Die hiesige Schulklasse erhielt dieser Tage eine Rechnung über ein Faß Fußhodenöl, das unbegreiflicher
feinMi^e VvLdrr.
Romap von Jost Freiherr« von Steinach. 36
(Fortsetzung.) •
Schon seit Wochen hatte man einen Sturm auf die den Eintritt gewährenden Eintrittskarten inszeniert, so daß das Gericht sich entschlossen hatte, den großen Schwurgerichtssaal zu wählen. Galt es doch eine Sensation, wie solche nur selten vorkam: man bedenke, das Mitglied eines der angesehensten Häuser, der Sohn eines der bedeutendsten Großindustriellen, wegen gemeinen Diebstahls vor den Schranken des Gerichts!
Noch in den letzten Tagen vor dem anberaumten Termin waren der Baronin die wärmsten Beiletds- kundgebungen aus allen Kreisen, ja sogar von weither zugegangen. War doch dieser Prozeß fast eben so schlimm, wie der Verlust durch den Tod, ja vielleicht schlimmer noch, denn der bürgerliche Tod schloß einen Lebenden aus der Gemeinschaft der Lebenden aus.
Schon lange vor Beginn der Verhandlung fuhr Wagen auf Wagen vor dem Kriminalpalast vor, dem gewaltigen steinernen Ungeheuer, über dem heute eine mit elektrischer Spannung reich geladene Gewitterwolke zu schwebe» schien. Und erst der Gerichtssaal. Man konnte sich in eine Premiere eines berühmten Autors versetzt glauben. Ganz Berlin W. schien sich ein Stelldichein gegeben zu haben, um diesem forensischen Schauspiel beizuwohnen. Zwischen den gewohnten Gerichtsp^rsonen sah man Leute, die zum ersten Mal hier waren u»d für die auch die nebensächlichsten Erscheinungen den Gegenstand gespanntester Neugier
bildeten. Ziemlich vorn saß Frau von Neudeck, neben ihr Justizrat Meinecke, der langjährige juristische Beirat der Familie; zwei Bänke dahinter hatten Frau von der Traun und ihre liebliche Tochter Platz genommen, während der alte Oberst seinen WM dem miserablen Stadtklatsch vorgezogen hatte. Sein Geburtstag sollte in acht Tagen stattfinden, natürlich, ohne daß er das gewünschte Geschenk, das Porträt seiner Tochter erhielt.
Im Gegenteil, das unfertige Bild war sofort nach Bckanniwerdrn von Ottos Verhaftung auf den Boden geschafft worden, wobei Mutter und Tochter noch alle» um das Bild Wissenden aufs strengste eingeschlärft hatten, ja nichts dem Obersten zu sagen. Selbst Leutnant Edgar, der seit einiger Zeit beständig im Hause verkehrte, war instruiert worden, dem Hausherrn nichts von dem etsistigen Aufenthalt seines Stiefbruders in seinen Räumen mitzuteilen.
Ganz hinten, durch die anderen ziemlich verdeckt, saß Doktor Waldau in einer unbeschreiblichen Aufregung, der er kaum Herr werden konnte. Wohl hatte er da vorne die noch immer Geliebte erkannt, aber sein ganzes Wesen war heute nur von einem Gcdanken beherrscht, sein Gehirn arbeitete wie unter einer hypnotischen Bezauberung nur an der einen fixen Idee: Was bringen die nächsten Stunden! Was liegt in dem dunklen Schoße der allernächten Zukunft verborgen, Freiheit für Deinen Freund/ der wie kein anderer die Freiheit liebt, der nur in freier Luft atmen kann, oder Verhängnis und Strafe, die für ihn gleichbedeutend mit dem Tode ist.
Ein Zischeln und Summen erhob sich in dem Zuschauerraum, das ihn auf flauen ließ; das Richter-
kolleglum war soeben in den Saal getreten; feierlich und ernsten Antlitzes postierten, sich die Herren hinter den grünen Tischen. Noch einige Minuten, und die beiden Angeklagten wurden hereingeführt und mußten auf der Anklagebank Platz nehmen, nicht weit von ihrem Verteidiger, der eifrig in seine Akten blickte und dabei nervös an seinem Schnurrbarte kaute.
Otto saß bleich, aber hocherhobenen Hauptes da, das Publikum wurde nicht recht klug aus ihm, er machte so gar nicht den Eindruck, als ob er schuldig sei. Aber man war an dieser Stätte schon das höchste Maß von Verstellung gewöhnt, deren Menschen fähig waren.
Dagegen zeigte die junge Angeklagte ein ganz anderes Aussehen. Sie saß da ohne ein einziges Mal aufzuschauen, und hielt beide Hände vor das Gesicht. War das das Eingeständnis der Schuld oder nur die entsetzliche Scham, an diesem Orte erscheinen zu müssen?
Wie durch einen Nebel heraus vernahm Waldau die schneidende Stimme des Herrn Präsidenteu: „Also ich frage Sie noch einmal: Bekennen Sie sich schuldig, das Testament ihres Vaters nächtlicherweise aus seinem Schreibtisch entwendet zu haben?
Eine totenähnliche Stille trat ein, nur durch das leise Atmen der angesammelten Menschen unterbrochen. Alles schwieg und wartete lauschend, um nichts von der Antwort des Angeklagten zu überhören.
Dann erklang aus dem Munde des Angeklagten ein lautes, mit fester Stimme ausgesprochenes; „Neins"