Wuchterner Zeitung
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Hchlücht-rner MeisAatt
Netteste AettRW int Kreise; gegründet im Jahre 1849.
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K 85.
Vsnnerotas, den 22. Juli 1920.
78. Jahrgang
Aus Stadt und Kreis.
Gchlüchter«, bc* 21. Juli 1920.
:—* Kommenden Sonntag, nachm. 4 Uhr Veranstalter der Gesangverein „Sängergruß". Salmünster im Saale des Knchauses in Soden unter Leitung des vor trefflichen Musikdirektors Karl Kern und unter Mitwirkung des bekannten Opernsängers Ludwig Windhagen (Bariton) und Adolf Radtke (Klavier), sämtlich aus Frankfurt a. M., ein volkstümliches Konzert. Wir wünschen dem Verein einen guten Erfolg.
—* Aenderung der Fernsprechgebührenordnung in AuSficht. Uns wird geschrieben; Der Reichstag hat die Unwirtschaftlichkett der Gebührenordnung erkannt und folgende Entschließung angenommen: „Die Reichspost- und TelegraphenverwaUung wird beauftragt, eine neue Nachprüfung der Fernsprechgebühren vorzunehmen, wobei namentlich wirtschaftliche und soziale Gesichtspunkte zu berücksichtigen sind". Der wesentlichste Fehler deS Gesetzes lag, außer der 1000 Mark Zwangsaaleihe, darin, daß es gar keinen Unterschied kannte, ob der Teilnehmer groß oder klein, arm oder reich war, ob er den Fernsprecher unterbrochen, sehr viel oder weniger oft oder gar als bequemen LuxuSgegenstand benutzte. Ein solcher Schematismus führt tn der Regel zu Nach- teilen der kleinen Betriebe. Eine gerechte Verteilung der Lasten wäre nun jetzt zu erhoffen, vorausgesetzt, daß die Interessenten sich rühren. Die Reichsschutzgemeinschaft für Handel und Gewerbe in Braunschweig, die in dieser Sache von vornherein klar und zielsicher rorMMtzer: ist, vrganiflrr-t auch an -m Plätze Deutschlands die Bewegung für Abänderung dieses GesetzeS, wo bisher in der Sache wenig oder zu wenig getan wurde.
—* Der Wirtschaftsverband für die hessischen, heffen-naffautfchen und waldeckschen Städte und Kommunalverbände hatte im Marburger Rathaus eine Besprechuug, an der ungefähr HO Vertreter der Kom munalverwaltungen teilnahmen. Neben Fragen der Lohntarife wurde auch die allgemeine wirtschaftliche Lage besprochen. Es kam einheitlich zum Ausdruck, daß mit allen Kräften auf einen Abbau der Preise für die Gegenstände des täglichen Bedarfs, insbesondere für die Nahrungsmittel hingearbeitet werden müßte. Der Verband will den Versuch machen,» in der Ueberzeugung, daß ein Abbau für nur einzelne Kreise von nicht dauernder Bedeutung ist, die Frage für das gesamte Wirtschaftsgebiet des Verbandes einheitlich Mm Austrog zu bringen. Die einzelnen Mitglieder des Äerbandes sollen zunächst Innerhalb ihrer Kommunal verwaltuug in Fi'chlung mit Erzeugern, Kaufleuten und Handwerkern treten und die Frage des Abbaues mit
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Feindliche Brüder
Roman von Just Frecheren von Sietnach *0 (Fortsetzung.)
Frau von der Traun wollte ihr jedoch durchaus nicht den Gefallen tun, sich zu echauffieren, denn sie erwiderte nur kühl: „Ja, man kann sich manchmal 8« sehr in einem Menschen täuschen; manche nähern sich unter der Maske der Freundschaft, die sich später erst in ihrer wahren Gestalt entpuppen.
Frau von Neudeck sah die Sprecherin versteckt von der Seite an; die Bemerkung schien ihr doch etwas M allgemein gehalten zu sein, daß sie ihre psycholo- «ischen Forschungen aufgeben mußte. So warf sie denn bloß wie absichtslos hin: „Ich höre, daß seit einiger Zeit sein Bruder, der Offizier, viel in ihrem Hause verkehrt?"
„Das stimmt und wird auch in Zukunft bleiben. Ober sind Sie der Ansicht, daß durch diesen Prozeß ein istakel auf die ganze Familie gefallen ist?"
„Aber beileibe nicht, meine Verehrtest«," rief die andere erschrocken. Wie hätte sie, deren Freundschaft m*t der Baronin sprichwörtlich war, dergleichen behaup- tm dürfen!
„Es ist doch selbstverständlich," sagte sie, „daß eine pmtlfe nicht unter der Tat eines entarteten Mitgliedes lftben kaun. Die Baronin von Ranzenberg bleibt nach ®k vor meine intimste Vertraute, ohne Frage. Das Mte auch durchaus nicht in meinen Worten gelegen. Ä freue mich bloß, daß sie die Bekanntschaft eines so ^^denswürdigen Kavaliers gemacht haben.
Das Letzte kam ziemlich bittersüß aus ihrem
diesen besprechen. Das Ergebnis diese: Besprechung soll dann einheitlich zusammengefaßt und den zuständigen Stellen überwiesen werden. Von verschiedenen Mitgliedern wurde mitgeteilt, daß die Vertreter der Landwirtschaft sich zu einem Abbau bereit erklärt hätten, unter der Voraussetzung, daß auch Gegenleistungen der Vertreter aus anderen Ständen in der Weise folgen.
Aus Provinz und MachöargeSiet.
§ Gelnhüusen. In der Nacht vom Sonntag auf Montag versuchten Einbrecher in die hiesige katholische Kirche einzudringen. Der Herr Pfarrer wurde jedoch durch das damit verursachte Geräusch wach, gab zwei Blindschüsse ab und alarmierte so die Nachbarschaft, welche sich reichlich einfanb, aber zu spät, die Einbrecher hatten sich schon aus dem Staube gemacht. Scheinbar hatten diese sich die Sache sehr leicht vorgestellt und gingen nicht gerade lautlos zu Werks. Bereits an der Kirchentür, welche sie zu öffnen versuchten, scheiterte ihr Vorhaben.
§ Hanau. Aus dem Paradeplatz wurde ein dem Zirkus Blumeufeld gehöriger weißer Zwergpudel gestohlen. Der Hund ist halb geschoren und trägt Lederhalsband mit blauer Unterlage, hört auf den Name» Lori.
§ Hanau. In der letzten Zeit verübte in hiesiger Stadt der Schneider Philipp Schläger, welcher vor kurzem aus der Nervenheilanstalt Marburg entlasten worden ist, verschiedene Betrügereien. In einer Sache gibt er bei einem hiesigen Geschäfte an, er sei Schneider^ ob es .keftirr. Anzug irmzuarbeits» hsve, mrd erhielt einen Gehrock zur UM-rheit. Nach Empfang dieses suchte er das Wette, inoKAbsicht, In Frankfurt den Anzug zu versilbern. Er wurde am Wilhelms- dader Bahnhof festgenommen. Ferner betrog er einen Schuhmacher um ein paar neue Schuhe. Außerdem hat er nach seiner Entlastung aus der Heilanstalt in Marburg verschiedene Betrügereien begangen.
§ Neuhos. Vor einiger Zeit wurden einer von Frankfurt nach Niederkalbach verziehenden Familie auf dem Bahnhof in Neuhof aus dem Eisenbahnwagen sämtliche Kleidungsstücke und Wäsche gestohlen. Jetzt hat die Polizei die Täter in mehreren jungen Bürsch- chcn, meist Bahnarbeitern, entlarvt. Ihnen werden noch mehrere Eisenbahndiebstähle zur Last gelegt. Sie fitzen alle bis auf zwei, die das Weite suchten, hinter Schloß und Riegel. Die gestohlenen Sachen sind zum großen Teil wieder herbetgeschafft. Bei den vorge- nommenen Haussuchungen ist man außerdem auch einem Seidendiebstahl auf die Spur gekommen.
8 Hrrsfeld, 16. Juli. Die Aufnahmen für ein großes Filmdrama „Johann Baptisic Lingg", haben
„Sie hatten die Braut des Verurteilten, wie ich gehört habe, in Ihre Dienste genommen?" fragte nun die Frau Oberst ihrerseits.
„Allerdings, auf den dringenden Wunsch meiner Freundin. Das hat jetzt natürlich ein für allemal ein Ende; diese Person betritt meine Schwelle nicht wieder "
In Hilde regte sich das Mitleid."
„Aber da sie nun doch unschuldig ist 1" meinte sie zagend.
Frau von Reudeck schlug ein Helles Gelächter auf, hielt sich aber rasch die Hand vor den Mund, da die Frau Oberst ihr einen ziemlich mißbilligenden Blick zuwarf. Ihr war alles Laute in hohem Maße zuwider,
„Mein liebes Kind," sagte Frau von Neudeck, immer noch lachend, „glauben Sie wirklich an dieses Märchen? „Ich bin überzeugt, daß sie ebenso beteiligt war wie er, und daß er nur aus Großmut über ihre Beihilfe geschwiegen hüt. Und ich bin überzeugt, daß in dieser peinlichen Angelegenheit noch nicht das letzte Wort gesprochen ist." —
Während dieses Gespräches saß diejenige, um die es sich drehle, bleich tn einem kleinen Seitenzimmer des Kriminalgebäudks und hörte apatisch den liebreichen Worten zu, die der treue Freund ihres Geliebten an sie richtete.
Mitleidige Frauen aus dem Publikum hatten die Ohnmächtige hierher getragen, wo sie unter Hinzuziehung eines im Hause anwesenden Arztes bald ihr Bewußtsein wiedererlangt hatte. Nun ruhte sie auf einer abqenutz ten Bank mit Rohrgeflecht, vollständig erschöpft und hinfällig, und schien denen fast erzürnt zu sein, die sie
hier begonnen. Die Mimen sind an der Arbeit. Auf dem Marktplatze steht ein großer geheimnisvoller Wagen. Man sah in den Straßen badische Jäger und anderes Militär zu Fuß und zu Pferde. Noch abwechselunr-s reicher wurde das malerische Bild durch bie in den Landestrachten erschienenen Bürger und Bauern und besonders der buntgekleidete« Mädchen.
§ Hcrsfeld. Auf der hiesigen Abwickelungsst^' war nachts eine Schreibmaschine entwendet worden, die für 1200 Mark an einen Bauunternehmer in Friede- wald verkauft wurde. Eine dort ansässige Militäyrerson der Abwickelungsstelle hörte von dem Kauf und erlmmte die gestohlene Maschine wieder, welche von der Polizei beschlagnahmt wurde. Die Entwende« bet Schreibmaschine, zwei hiesige Bürogehülfen, sind in Haft genommen.
§ In der Ortskrankenkaffe in Fürth arbeitet das Personal offenbar nur noch bewaffnet. Der Kaffen- kontrolleur schoß auf den Rendanten nach einem Wortwechsel, diesen am Kopf, in der Brust und am Arm verwundend. Der Angeschossene griff auch zum Revolver und verletzte seinen Gegner durch zwei Schüffe am Bein.
§ Elve Firma in Bad Salzungen verkaufte dieser Tage feine Tafelbutter zu 12 Mk. für das Pfund. Da die rationierte Butter 13 Mk. kostet, blieb diese unverkauft.
§ Eisenach. Eine jugendliche Hochstavlerin ist die Erna H. aus Leipzig, die unter drm hochklingenden Namen Ilse v. d. Born seit 3 Wochen hier eine Gast- rolle gab. Die 17jährige H. reist schon 4 Monate in Deutschland umher, und hat in dieser Z-^ durch Betrug und Erweichen guter Männerherten ihr Dasein zu fristen verstanden. Auch hiesige Geschäftsleute find von der jugendlichen Betrügerin geschädigt.
8 Erfurt, 16. Juli. Beim Bahnhof Erfurt-Nord ertrank beim Bade« im Teich ein achtzehnjähriger Bursche aus Gispersleben.
§ Salzungen. Bei Reparieren des Wasserrades in der Salinenschneidemühle geriet der Maschinenmeister Kühnheld zwischen das Rad und eine Betonwand, wobei ihm der Brustkasten eingedrückt wurde. Der Tod trat sofort ein.
§ Caffel. Das städtische Arbeitsamt stellt fest, daß die Arbeitslosigkeit im letzten Monat erheblich zugenommen hat. Verschiedene Werke mußten eine große Anzahl Arbeiter (atlassen. Die Lage im Metall- und Holzgewerbe hat sich erheblich verschlechtert. Im kaufmännischen Gewerbe ist die Zahl der Stellerksuchen- ben durch Schließung verschiedener Betriebe größer geworden. Gegenwärtig beziehen 1058 Personen Arbeitslosenunterstützung.
8 Caffel. Das Drama eines Liebespaares. Der
aus der so unendlich wohltuenden Bew^ßltlofigkei! ins Leben zurückgerufen hatten.
Ach, es gab kein größeres Glück für sie, als zu schlummern, am liebsten gleich in die Ewigkeit hinüber. Dann gab es keinen Kummer und keine Schande mehr, dann hörte alles auf einmal auf, die kärglichen Tropfen Glückes, aber auch das Unglück, das mit Eimern über fie ausgeschüttet wurde.
Glücklicherweise wich Dr. Waldau keinen Schritt von ihrer Seite, wer weiß, was ste sonst noch zu tun im stande gewesen wäre. Doch alle seine Trostworte prallten an ihrer Teilnahmslofigkeit ab, und er mußte sich als ehrlicher Mann selber sagen, daß in diesem Falle mit freundlichen Zureden verdammt wenia ausgerichtet sei. War doch die Situation in der Tat derartig trostlos, daß schon eine nicht gewöhnliche Energie dazu gehörte, nicht den Mut sinken zu lassen und die Flinte ins Korn zu werfen.
Trotzdem wollte er nichts unversucht lassen, und so begann er alle Gründe hervorzukramen. die er selbst nicht für stichhaltig hielt, um ihr Ottos Tat in einem milderen Lichte erscheinen zu lassen. Sie sah dabei nur wortlos ins Leere, als weile ihr Geist in anberen Regionen. Um so erstaunter war er, als sie ihm plötzlich ihr Antlitz zuwandte und ihn forschend fragte: „Sie glauben also auch an seine Schuld?"
Dr. Waldau wußte anfangs nicht, was er br.auf erwidern sollte, so verblüfft war er. Es dauert: einige Minuten, ehe er ihr zur Antwort gab: „Ja, ist denn nach dem Vorgefallenen, nach den erdrückenden Zeugenaussagen und nicht zuletzt nach seinem eigenen Geständ - nis noch ernstlich daran zu zweifeln?"
„Ja, ich zweifle daran !" entgegnete sie einfach.