Zchlüchtemer Zeitung
Anzeiger für die amtlichen Bekanntmachungen im Areise Schlüchtern.
Schf«chter«er Lreisttatt
Aette-e Stitx*g im «reift; gegrMet im Mrc 1849.
Bezugspreis frei Hanö, vorauSzahlbar viertelj. 5,80 Mk,, (durch die Post ohne Bestellgeld). Erscheint DienStagS, Donnerstags und SamStagS. Druck und Verlag C. Hohmeister, verantwortl. H.-T. Hohmeister, Schlüchtern. Fern- ruf 65. Erfüllungsort für den gesamten Ge- schästSverkehr mit der Firma Schlüchtern.
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M 104. Samstag, den 4. September 1920. Z3. Jahrgang
Aus Stadt und Kreis.
Schlüchtern, den 3. September 1920.
—* Wir weisen nochmals auf das große Sportfest, veranstaltet mt „Fußball-Verein Schlüchtern 1910", am kommenden Sonntag hin und wünschen dem Verein recht zahlreichen Besuch seines Sportplatzes am Ac:s- brunnen, und vor allem schönes Wetter. Die Einwohner Schlüchterns werden gebeten an diesem Tage zu flaggen. Viele auswärtige und hiesige Vereine beteiligen sich an dem Festzuge, der um 1 Uhr am „Hessischen Hof" seine Ausstellung nimmt und sich durch die Straßen der Stadt bewegt, um auf dem ActSbrunnen zu enden. Der Kriegerverein Schlüchtern bittet seine Mitglieder, sich vollzählig an dem Festzuge zu beteiligen. Besonders sei auf die im Schaufenster des Herrn Kaufmann Fehl ausgestellten Ehrenpreise hingewiesen, die den Siegern im Sportkampfe zuteil werden, ebenso auf die 10 guten soliden Gegenstände im gleichen Schaufenster, welche unter die Verlosung fallen. Lose sind am Sonntag bei den Festdamen käuflich zu haben.
—* Die Obsternte hat begonnen. Bei den hohen Preisen, die Obst noch immer erzielt, ist ein sorgfältiges Vorgehen beim Abernten der Früchte empfehlenswert. Man benutze die zu diesen Zwecken käuflich vorrätigen Obstpflücker, welche jede Frucht ohne Beschädigung abpflücken und ohne daß dabei Fruchtholz geknickt oder sonstwie lädiert wird. Das Obst selbst lagere man gleich nach der Ernte einschichtig auf Strohhürden, und zwar so, daß die einzelnen Früchte sich nicht berühren. Auch sortiere man angegangene Früchte sehr sorgfältig aus. Man wird dann über raschen Verderb des Obstes nicht zu klagen haben und kann beim Verkaufe des Obstes mit zufriedenstellenden Preisen rechnen. Von den aussortierten, etwas angegangenen, Früchten läßt sich ohne viel Zuckerzusatz eine schmackhafte und nahrhafte Marmelade kochen, auch können Obstsuppen daraus ebenso gut hergestellt werden wie aus unreifem Kochobst, das die Hausfrau meistens zu verwenden Pflegt.
—* Die Getreideablieferung ist, wie aus den Veröffentlichungen des Reichsminisiertums für Ernährung und Landwirtschaft bekannt geworden ist, außerordentlich schlecht; sie ist seit der neuen Ernte um ein mehrfaches Hinter der Ablieferung von 1918 zurückgeblieben. Diese mangelnde Ablieferung kann im Verlauf des Wirtschaftsjahres außerordentlich verhängnisvoll werden, wenn nicht eine ganz wesentliche Befferung eintritt. Die bisherigen Ablieferungen gestatten in keiner Weise eine Reserve anzusammeln und die von der Regierung geplante Vorralspoläik durchzuführen. Wir kommen somit im Laufe des Winters und Frühjahrs unfehlbar wieder in die gleich schwierige Lage, wie in diesem Jahre, wo das Brot infolge des Zusatzes an Streck- mitteln sehr schlecht und außerdem an Quantität gering war. Das ist im laufenden Wirtschaftsjahre umso verhängnisvoller, als die Dutchführung des Spa Abkommens eine erhöhte Arbeitsleistung verlangt und für diese erhöhte Arbeitsleistung eine bessere Brotversorgung als erste Voraussetzung gilt. Die Bergarbeiter haben auch immer zuerst mehr und vor allem besseres Brot verlangt. Gelingt cs uns also nicht, eine bessere Brotversorgung herbeizuführen, so können wir auf eine Erfüllung der verstärkten Kohlenlieferungen und damit auf eine Erfüllung des Spa-Abkommens nicht rechnen, was gleichbedeutend sein wird mit der Besetzung des Ruhrgebietes. Was die Besetzung des Ruhrgebietes in nationaler und wirtschaftlicher Hinsicht bedeuten würde, darüber besteht wohl kein Zweifel. Politisch würde sie die größten Gefahren für ein Auseinanoer- sprengen Deutschlands mit sich bringen, wirtschaftlich den Verlust der Kohlen aus dem ganzen Gebiet bedeuten und damit einen Kohlenmangel in den übrigen Teilen Deutschlands hervorrufen, der die bisherigen Schwierigkeiten weitaus in den Schatten stellen, die Industrie ruinieren und der Landwirtschaft ihren Betrieb ebenfalls unmöglich machen würde. Um das zu verhüten, muß unter allen Umständen eine bessere Brotversorgung und stärkere Getreideablieferung her- beigeführt werden.
—* (Eine gute Hühner- und Hasenjagd tu Aussicht.) Nach Mitteilungen aus Jägerlreisen wird mit einem guten Ergebnis der Hühner- und Hasenjagd Serechuet. Infolge des günstigen Wetters im März kamen die sogenannten „Märzhasen" gm durch und
haben wieder zahlreiche Junge gezogen. Die Brut der Rebhühner ist ebenfalls ohne besondere Zwischen- fäße vor sich gegangen und so kommt es, daß auf vielen Revieren starke Völker zu beobachten sind.
—* (Günstige Aussichten für einen Beruf.) Für Eltern von Söhnen wird es intereffant sein zu hören, daß sogar amtlich wieder einmal eine Laufbahn empfohlen wird. Es wird bekanntgegeben: Die nunmehr zum Abschluß gekommene Besoldungsordnung für die Reichsbankbeamten hat zur Folge, daß die Reichsbank- laufahn wieder wie früher sehr günstig geworden ist. Jungen gebildeten Kaufleuten, die mindestens die Ober- sckuudareife haben, bereits dreieinhalb Jahre kaufmännisch tätig gewesen und nach Abzug des vor dem Kriege zurückgelegten Dienstjahres und der Zeit der Kriegsteilnahme bei der Einberufung höchstens 26 Jahre alt sind, bietet sich demnach die Möglichkeit einer gesicherten, auskömmlich bezahlten Lebensstellung.
Hk. Ueber eine dauernde Ausstellung deutscher und französischer Erzeugnisse in Mainz, veranstaltet von der Französischen Handelskammer in den Rheinlauden können Interessenten Näheres auf der Geschäftsstelle Hanau der Vereinigten Handelskammern Frankfurt— Hanau erfahren.
Aus Provinz und Wachöargeöiet.
§ (Taschendiebe auf der Eisenbahn.) In einem v- Zuge zwischen Magdeburg und Hannover wurden vier Reisenden die Brieftaschen und Geldbörsen aus den Taschen gestohlen. Ein Reisender hatte dadurch einen Verlust von 2000 Mark.
§ Hammelburg. Der Weinhändler Markus Katz von hier machte durch Erhängen seinem Leben ein Ende.
§ Brückenau (Rhön). In Oberriedenberg wurde dem Gemeinderechner von Einbrechern der Betrag von 2500 Mark gestohlen.
§ Frankershausen- Eine unliebsame Ueberraschung wurde hier einem „jungen" Pärchen zuteil. Als es auf dem Standesamt zur Eheschließung erschien, verweigerte der Standesbeamte die Trauung, da der Bräutigam noch nicht das gesetzliche Mindestalter erreicht habe. Die Eheschließung muß also um ein paar Monate verschoben werden. Das hielt jedoch die zahlreich erschienenen Hochzeitsgäste nicht ab, dem Hochzeitsmahl nnd Kuchen mit bestem Appetit zu- zusprechen.
§ Milteuberg. Schleichhändler bestellten bei einem Metzger vier Zentner Fleisch u. Wurst, die sie ihm vor dem Orte adnehmen wollten. Dort gaben sie sich als Poltzeibeamte aus und beschlagnahmten die Ware, wobei sie dem Mrtzger e-klärten, er müsse noch zufrieden sein, daß sie ihm Pferd und Wagen nicht beschlagnahmten. Kaum hetten die Gauner das Fleisch, als auch schon die richtige Gendarmerie erschien und sie festnahm.
Wirtschaftliche Wochenschau
Oberschtesie«. Die Verhältnisse in Oberschlesien haben n der. Berichtswoche noch immer keine Klärung erfahren. Polnische Banden beherrschen das flache Land, um nach erprobtem Verfahren die Städte zunächst auszuhungern, damit sie dann für die polnische Eroberung reif werden. Die Franzosen begünstigen die Polen nicht nur durch ein Gewährenlassen, sondern auch durch Taten. Wirtschaftlich sind die Folgen der Vorgänge in Oderschlesien schon deutlich zu spüren. Unruhen und Ausstände haben die Kohlenförderung beeinträchtigt, sodaß die Kraftwerke Groß-Berlius, die mit schiesischer Kohle gespeist werden, wiederholt in die Gefahr des (Sittegens kamen. Nur durch äußerste Anstrengung gelang es, das schlimmste zu verhüten. Es wüssin für Berlin für andere Zwecke bestimmte Kohlen herangeführt werden. Darunter leiden andere Betriebe, da das Ruhrkohlenbecken nicht entfernt auSreicht, um den lebensnotwendigen Kohlenbedarf Deutschlands zu decken. Sobald in Overschlesien einigermaßen die Ruhe wieder hergeftellt ist, ist es die Pflicht der deutschen Regierung beim Völkerbund auf die Vornahme der Abstimmung zu drängen. Overschlesien kann und darf nicht an Polen fallen. Wir haben j.tzt einen Begriff von der Heftigkeit und Nachhaltigkeit, mit der die Polen im Abstimmungsgebiet gewühlt haben. Es wäre vermessen, unter diesen Umständen an einen leichten Sieg zu glauben. Jeder Deutsche, der in Oberschlesien heimats- berechtigt ist, muß seine Stimme abgeben. Das Reich
muß die Kosten tragen, da diese Ausgabe zu denen gehört, die sich in ferner Zukunft reichlich bezahlt macht. Wird die Abstimmung noch weiter verzögert, so wird die ganze Provinz Schlesien ein Aufruhr- und Ausstandsgebiet. Die Vorgänge in Breslau, so bedauerlich sie auch sind, sind ein Warnungszeichen auch für den Verband, den Bogen nicht zu überspannen. Wenn Lloyd Georges Absicht den Frieden in Osteuropa dauernd zu sichern, tatsächlich ausgeführt werden soll, so gehört dazu auch die Erledigung der oberschlesischen Frage. Der Verband hat in einer Weise auf Polens Wünsche Rücksicht genommen, die Abstimmung immer wieder hinausgeschoben, daß Deutschland dadurch Milliardenverluste zugefügt worden sind. Schon deshalb können wir den oberschlesischen Zwitterzustand nicht länger ertragen.
Der Kampf um den Steuerabzug. Eine außerordentliche Verschärfung hat in der Berichtswoche der Kampf um den Steuerabzug erfahren. In Groß- stuttgart haben die großen Werke zu Aussperrungen greifen müssen, weil die Arbeiter sich weigerten, den Steuerabzug zu tragen. Die Regierung hat ihre Unterstützung zugesagt und tatsächlich für den polizeilichen Schutz der Werke gesorgt. Daraufhin sind die Betriebsräte Würtembergs zusammengstreten, um über Kampf- maßnahmen Entschlüsse zu fassen. Der Generalstreik auch für lebenswichtige Betriebe werde angedroht, zum Teil auch in Kraft gesetzt. Alle sachlichen Aufklärungen haben nichts genützt» Die wohlfeile Hetze verfängt, daß die Schieber und Kapitalisten sich vor der steuerlichen Zufassung drücken könnten, während das Einkommen des Arbeiters voll erfaßt würde- Abgesehen davon, daß diese Behauptung unrichtig ist, denn das Kapital wird steuerlich sehr hoch belastet, ist deshalb niemand der Pflicht zum Steuerzahler! entbunden, weil es Schufte und Betrüger gibt, die den Staat prellen. Werden sie gefaßt, so haben sie schwere Strafe zu erwarten. Das Reich braucht aber die Erträge aus der Einkommensteuer. Daß sie als drückend empfunden werden, ist nicht zu ändern, daß sie einer Lohnkürzung gleichen, ist nur tonischer Behelf, aber nicht Absicht. Allein die Steuer muß eben aus dem Lohneinkommen bezahlt werden. Wenn die Arbeiter deshalb die Löhne höher treiben, so geraten sie in eine höhere Steuerstufe, wobei noch nicht berücksichtigt ist, daß alle Preise dann auch steigen. Der Erfolg der Steuerabwälzung ist damit vereitelt. Wir machen uns allgemein noch immer nicht klar, daß wir Einschränkungen unseres Einkommens durch Steuerabzüge als eines der Ergebnisse des verlorenen Krieges hinnehmen müssen. So hart es klingt, es bleibt kein anderer Ausweg, als die Lebenshaltung herabzusetzen. Eine Besserung ist nur durch Mehrleistung wirtschaftlicher Arbeit möglich. Wir sind durch den Krieg verarmt. Unser Bolks- vermögen ist bis zur vollen Höhe durch Schulden belastet. Wer in solchen Verhältnissen lebt, kann und darf nicht Ansprüche stellen, wie sie vor dem Kriege üblich waren. Daß größere Kreise noch unverschämten Luxus treiben, find Ueberzangserscheinungen. Für uns als Volk gilt auch der Grundsaß, daß wir es wirtschaftlich dann nur wieder zu etwas bringen, wenn wir mehr leisten, als zum unmittelbaren Unterhalt erforderlich ist. Das in alle Köpfe einzuhämmern, sollte gerade Pflicht und Aufgabe der sozialistischen Parteien sein, von denen die Sozialdemokraten in der Nationalversammlung selbst für den Steuerabzug gestimmt haben. Widersetzen sich die Arbeiter auch weiter dem Steuerabzug, kommen sie aus dem Regen in die Traufe. Ein Generalstreik aber vollendet unseren wirtschaftlichen Zusammenbruch.
Deutschlands Ernähruugslage. Die landwirtschaftlichen Berufsoerdände haben sich in einem Ausruf an die deutschen Landwirte gewandt, unter allen Umständen die Brotreserve von zwei Millionen Tonnen bis 1. Oktober sicher zustellen. Wenn das geschieht, wird die Zwangswirtschaft für Vieh und Fleisch aufgehoben. Es darf nicht verkannt werden, daß die diesjährige Ernte nicht günstig ist, daß weiter der Mangel an Kohle den Ausdrusch verzögert hat. Immerhin spricht aus dem Aufruf der landwirtschaftlichen Berufsverbände eine Gesinnung, die zeigt, daß nicht immer mit der Erfüllung der wirtschaftlichen Pflichten auch politische Rechte verlangt werden. Fällt erst die Zwangswirtschaft für Vieh und Fleich, so wird in absehbarer Zeit die für Getreide folgen. Es ist vielfach und nicht ohne Grund die Befürchtung ausgesprochen worden, daß die Aufhebung der Zwangs- bewirtschaftung zu einem erheblichen Steigen der Preis