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Schüchterner Zeitung
Anzeiger für Öse amtlichen Bekanntmachungen im Breise tzchtüchtem.
Bezugspreis frei HauS, voraus zahlbar viertelt. 6,80 Mk., (durch die Post ohne Bestell- geld). Erscheint Dienstags, Donnerstags und SamStagS. Druck und Verlag T. Hohmeister, ortl. H.-L. Hohmeister, Tchlüchterp. Fern- Erfüllungsort für den gesamten Ge.
verantwortl.
mf 65.1 schSstSvrrlehr mit der Fin i Schlüchtern.
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AeLteste ZettMß im Kreise; gsgrßAdel im Zahre 1849.
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Dsnnerrtag, den 28. Oktober 1920. 72. Jahrgang
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Aus Stadt und Kreis.
KchlLchleru, den 27. Oktober 1920.
—* (Simon und Jud ) Der 28. Oktober ist im Kalender den beiden SöTwy tilgen Simon und Juda gewidmet, zwei Jüngern des Heilands, die den Märtyrertod auf der Folter erlitten. Für den Landwirt ist der Simon-Juda-Taa ein besonderer Wettertag, wie so mancher andere Kalenderheilige. Wenn dieser Tag vorüber ist, so soll der Winter seinen Einzug mit beschleunigtem Tempo halten, denn „Wenn Simon und Juda vorbei — rückt der Winter mit Macht herbei." Daß sich an diesen Tag auch anderorts besondere Auffassungen knüpften, und zwar schon vor langer Zeit, beweist uns jene bekannte Stelle aus Schillers Wilhelm Tell, in der der Fischer die Nebersahrt über den See ableugact, denn: „Es geht nicht Herr! 's ist Simon und Judäa, da rast der See und will sein Opfer haben." — Im Gebirge wird im übrigen Simon und Juda als letzter Erntetag durch fröhlichen Schmaus und Tanz gefeiert.
—* Nach § 4 Abs. 4 der Bestimmungen vom 21. Mai 1920 über die vorläufige Erhebung der Einkommensteuer durch Abzug vom Arbeitslohn für das Rechnungsjahr 1920 hat, wenn eine Seite der Steuerkarte mit Steuermarken gefüllt ist, der jeweils letzte Arbeitgeber an der dafür vorgesehenen Stelle den Gesamtwert der auf der Seite eingeklebten Marken ein» zutragen und die Richtigkeit des Eintrags durch Unter- schrift, Namen- oder Firmenstempel zu bescheinigen.
—* Am 20. d. Mts. veranstaltete der Rheiu- Maintsche Verband für Volksbildung mit Unterstützung des Heimatbundes und der Stadtverwaltung durch das Frankfurter Künstler-Theater seine Theatervorstellung „Kabale und Liebe^ von Schiller in der hiesigen Turnhalle. Der Andrang war so stark, daß bereits im Vorverkauf alle Sitzplätze vergeben waren. Die hoch- gestimmlen Erwartungen in Bezug auf äußere Aufmachung und inneren Wert der Darbietungen wurden erheblich übertroffen. Das Frankfurter Künstler- Theater hatte durch seine eigene Stilbühne, die infolge der beschränkten Raumverhältnisse leider nur zur Hälfte aufgestellt werden konnte, einen würdigen Namen geschaffen und in diesem eine Aufführung hineingestellt, die als erstklassig und mustergültig bezeichnet werden muß. An den Darbietungen der einzelnen Künstler wird sich schwerlich etwas aussetzen lassen, so sehr waren alle ihrer Aufgabe gewachsen, so sehr war das Spiel aller wie aus einem Guß und voller Lebens- wahrheit. Der Präsident von Walter des Herrn Franz Klebusch war in Maske und Leistung unübertrefflich. Die Gestalt dieses gewissenlosen Gewalts-
Feindliche Brüder
Roman von Jost Freiherr» von Steinach »3 (Fortsetzung.)
Er hatte in dem Päckchen mehrere Lesezeichen angebracht und übergab seinem Auftraggeber zuerst die erste Sekte.
Waldau las folgendes: Berlin, 7. Juli. O mein immer heißgeliebtes Mincheu! Warum ich Dir die Treue, die ich Dir einst vor dem Altar schwor, nicht über das Grab hinaus gehalten! Wie konnte ich Deiner so vergessen! Vergessen die Jahre des Glücke- und der wunschlosen Zufriedenheit! Vergessen Dein sonniges Lächeln, Deine treuen, lieben Augen, Dein mildes menschenfreundliches Gemüt, Deine Häuslichen Tugenden, die nur einzig und allein auf mein Glück gerichtet waren! Ach, ich habe Dein vergessen können, ich habe Dir die Treue gebrochen, und wie habe ich es büßen müssen! An ein kaltes, hartherziges Weih Sefeffelt, die sich vor der Heirat wohlweislich zu verstellen wußte, wurde ich meines Lebens nie mehr froh, Du bist gerächt, aber Du wirst auch jetzt erst ganz von mir gewürdigt, jetzt, da ich eine Folie habe, an der ich Dich messen kann. Meine Leiden nehmen zu> so unerträglich, daß ich beschlossen habe, da ich keinen wahren Freund besitze, sie der Einsamkeit und dem Papier anzuvertrauen. Vielleicht werden ,diese Zetletz gefunden, einst, wenn ich schon längst zur Asche zerfallen^ und dann mögen sie meinen Lesern zur Warnung! dienen, bei der Wahl ihrer Lebensgefährtin die größte Vorsicht walten zu lassen. Die meisten Menschen behandeln diesen ihren wichtigsten Entschluß mit meinem^ «eichtfinn, über den ich wahrhaft erstaunt sein würdet
Menschen konnte nicht besser gezeichnet werden. Die Damen Herta Genzmer und Gertrud Bergmann boten in den Rollen der Luise und der Milford Pracht- leistungen, obwohl erstere für die erkrankte Darstellerin dieser Rolle im letzten Augenblick als Vertreterin ein- gesprungen war. Ihr au die Seite zu stellen ist Frau Dora Donato, die der Frau des Stadtmusikanten Miller und der vorsorgenden Schwiegermutter lebenswahre Züge lieh. Die Herren Hellmuth Barkony und Leo Dessau gaben den biederen Miller und den Sekretär, Wurm In vollendester Weise. Der alte Kammerdiener des Fürsten war die Glanzleistung eines noch jugendlichen Künstlers, des Herrn Günther Haeael. Den Hofmarschall spielte Herr Willi Umminger mit fein pointierter Geste. Der Major Ferdinand von Walter wurde von Herrn Hans Otto mit einem jugendlichen Feuer und einer Begeisterung gegeben, die den vom Zeitgeist der Modernen noch nicht Angekränkelten unbedingt mitrtssen und erschütterten. Lobend hervorgerufen zu werden verdienen noch das Kammerkätzchen der Milford und der Diener Herr Martin Gleisner. Ein voller Erfolg! — Ende November wird die zweite Vorstellung „Biberpelz" von Gerhard Hanptmann hier geboten und zwar, um allen Rechnung zu tragen, an 2 aufeinanderfolgenden Abenden. Die Vorstellung am zweiten Abend wird als Volksvor- stellung wesentlich billigere Eintrittspreise haben.
—* Lamari's Erfolg in Elm war groß! Seine zahlreichen Zauberkunststücke, die. mit Humor und Komik vorgetragsn wurden, lösten nicht endenwslleads» Beifall aus. Das Verschwinden- und E-scheineulassen von Gegenständen wurden effektvoll ausgeführt. „Der geheimnisvolle Totenkopf" verriet den anwesenden Damen die tollsten Sachen im Liebes- und Eheglück. Auf dem Gebiete der Gedankenübertragung leistete Lamari ebenfalls Großartiges. Lamari löste alle an ihn gerichtete Aufgaben schnell und sicher. Der Hauptklou des Abends war „Der rätselhafte Mord und dessen Aufklärung". Auf alle die zahlreichen Darbietungen einzugehen, verbietet uns der Platzmangel. Wie man uns soeben mitteilt, giebt der Künstler am Mittwoch abend im „Hotel Deutscher Kaiser" in Schlüchtern einen einmaligen Gastsptelabend. Wer sich einige Stunden in eine rätelhafte Welt versetzen will, der Besuche diese Vorstellung. (Näh. stehe Inserat.)
—* Der Zuschneide Kursus für Herren- und Damen- Garderobe wird in Schlüchtern und Steinau am Montag, den 1. November eröffnet. Herr Zuschneiderlehrer Wienhold wird zuvor am Sonntag, den 31. Oktober, mittags 1 Uhr im „Hessischen Hof" einen fachwissenschaftlichen Vortrag halten und bei dieser Gelegenheit sein patentiertes System den anwesenden Fachkollegen vorführen. Hierbei ist jedem Gelegenheit
wenn — ich nicht ebenfalls jenen Toren beizuzählen wäre. Den wichtigsten Entschluß, ein Wesen an sich zu ketten, mit dem sie bis zum Tode all ihr äußeres und inneres Sein teilen sollen, ein Wesen, mit dem sie Tag für Tag zusammen sein sollen, mit dem sie Leid und Freud vereint ertragen sollen! Und sie besinnen sich meist kürzere Zeit bei Abschluß dieses Geschäfts, als wenn sie irgend ein gleichgültiges Geldgeschäft abschließen sollten. Bei jenem handelt es sich um einen größeren oder kleineren Gewinn und selbst dann, wenn sie einen Verlust dabei erleiden, können sie sich immer wieder aufraffen und brauchen nicht den Mut sinken zu lassen; bei dem Abschluß einer Heirat aber ist alles zu Ende, man ist für ewige Zeit gebunden und wenn man schlecht gewählt hat, wird einem Geschäft Gewinn und Verlust gleichgültig, man wird lebens- überdrüssig und steht sein Dasein als verfehlt an. Darum kann ich nur aus voller Seele dem Worte einer deutschen Schriftstellerin beistimmen, die da sagt: Wenn zwei Menschen das Unvernünftigste tun, was man überhaupt tun kann, so nennt man das eine Vernuuftehe. Nicht wahr, das ist trefflich gesagt? Und es trifft den Nagel auf den Kopf, ich weiß das aus eigener Erfahrung. Noch einmal meinen innigsten Gruß für heute, Dir, mein liebes Miucheu, die ich auf dieser Erde allein geliebt habe."
Waldau hatte zu Ende gelesen und gab es dem Detektiv zurück, indem er sich die Augen wischte.
„Hier", sagte Weiler, indem er ihm ein anderes Blatt hinreichte, „lesen Sie nur den Anfang, das andere hat für uns kein Interesse."
Und Waldau las: „ ... wenn die Leute glauben, daß wir in einer glücklichen Ehe leben. O, wenn sie
geboten, sich von der Einfachheit und leichten Erlern« barkeit dieses Systems zu überzeugen. Die Methode des Herrn W. ist ftaatlicherseits anerkannt und an vielen Handwerkskammern, Innungen, Fachvereinen eingeführt. Aus diesem Grunde wäre ein Besuch der Versammlung seitens der hiesigen Fachwelt sehr zu empfehlen (Siehe Annonce.)
—* Welch ungeheuren Umfang die Steuerflucht und die Steuerhinterziehung angenommen hat, geht aus einer Aufstellung hervor, die die Dresdener Postüber- wachungsstelle herausgibt. Danach ist in der Zeit vom April bis September folgendes festgestellt und den zuständigen Finanzämtern zur steuerlichen Erfassung mit- geteilt worden. An verschobenen Vermögen ins Ausland eine Milliarde Kronen, 200 Millionen Mark und 156162 verschiedene Aktien. Ferner an verschobenen Vermögen im Inland 8 Millionen Kronen, 39 Mill. Mark und 5711 verschiedene Aktien. Von all diesen Aktien und Vermögen war der Steuer bisher nicht das geringste bekannt. In derselben Zeit sind von der Dresdener Post und i on der Dresdener Usberwachungs- stelle noch Meldungen über Kapital- und Steuerflucht in Höhe von 51 Millionen Kronen, 12 Mill. Mark und 5378 verschobene Aktien, sowie über 547 Waren- Verschiebungen nach dem Auslande erstattet. In wei« teren 48 Fällen sind dem Reichsfinanzministerium Besitzer von ausländischen Wertpapieren mitgeteilt worden. Das ist das Ergebnis einer einzigen Ueber« wachungSstells während eines halben Jahres.
—* (Eine Idee zur Ver!L.7^rung der PsUzeiftunbe.) Polizeikommissar Fischer in Zeltstadt schlägt vor, die Polizeistunde auf 2 Uhr nachts zu erhöhen und von 10-/, Uhr abends ab au Ort und Stelle eine Steuer einzuziehen. Zu diesem Zweck sollen nach dem „Leipziger Tageblatt" Kontrolleure von 10-/, Uhr ab die Lokale aufsuchen, den Gästen mit Tagesstempel versehene und bei der Ausgabe zu lochende Bons aus- händigen. Der Betrag, der für gewöhnliche Wirtschaften auf 1 Mark pro Person festzusetzen wäre, wäre aber in größeren Städten und Weinlokalen, Dietm usw. auf 10 bis 20 Mark zu erhöhen. Dabei könnten zahlreiche Arbeitslose in allen Städten als Kontrolleure anaestellt werden.
♦ Sterbfritz. Die im Frühjahr d. Js. hierae- gründeten „Basalt- und Kunststeinwerke" verwirklichen ihre Projekte nicht, weil die Aufschlüsse des Basaltvorkommens im Rommersbrunnen unbefriedigend ausgefallen sind. Demzufolge wurde Samstag das Fabrikwesen der ehemaligen Chamottefabrik an ein Frankfurter Konsortium verkauft, welches unter der Firma „Gummiwerke Sterbfritz" die hiesigen Fabrikanlagen sofort umbauen läßt zu einem Betriebe, der 200 bis 300 Arbeiter beschäftigen wird. Der Um- und Aus
hineinsehen könnten in das Innere dieses Dorados, wenn sie all die Bitterkeit, all den Groll kennen würden, die sich im Laufe der Jahre in meinem Herzen gegen dieses herrschülchtige Weib angesammelt, die ich meine Gattin nenne —"
„Bitte geben Sie das Blatt her, diese kurzen Zeilen genügen vorderhand. Und nun bitte, dieses!"
.,... Da rief mich Lona herbei und erzählte, waS ihr passiert, und daß Otto nur der Dieb des Schmuckes sein könne. Er habe auf dem Büfett gelegen und kein anderer sei inzwischen in das Speisezimmer getreten. Ich forderte meinen Sohn auf, seine Taschen zu zeigen, da zieht er plötzlich den gesuchten Schmuck hervor, wirft ihn auf den Tisch und ruft meiner Frau wütend zu: „Sie haben den Schmuck gestohlen, nicht ich!" „Dein Sohn!" sagte sie höhnisch, als er hinausgegangen war, „ist ein ganz gemeiner Dieb und ich hoffe, Du wirst die notwendigen Konsequenzen daraus ziehen." Kurz und gut, sie peinigte mich so lange, bis ich ihr versprechen mußte, diesem unwürdigen Sproß des Hauses meine väterliche Liebe und damit zugleich den Nießbrauch meines Vermögens zu entziehen. Sie besprach sich mit Rechtsgelehrten, die es als unzweifelhaft erklärten, daß ich auf Grund dieser Tat berechtigt sei, ihn zu enterben. Als ich länger über die Sache nachdachte, da ging mir plötzlich ein Licht auf; ich erinnerte mich, daß die bewußte Brosche tatsächlich meiner heißgeliebten, ersten Frau, seiner Mutter gehört hatte, und daß ich aus Vergeßlichkeit und im ersten Rausche der Flitterwochen das Kleinod meiner zweiten Frau geschenkt.
(Fortsetzung folgt )