Schlüchterner Zirung
Schlüchterner Kreishtatt — - — schlüchterner Tageblatt.
M 7 Montag, den 10. Januar 1921 73. Iahrg.
Aus der Heimat.
—* Schlüchter«. (U.-T. Lichtspiele). In letzter Stunde ob Zimmer Nummer 6. Der alte Graf Anders hat seinen besten Freund Graf Tristan zum Tee gebeten, um mit dem vertrauten Freunde sein Testament zu besprechen und dasselbe umzuändern. Die beiden- Herren find im eifrigsten Geplauder, als ein markerschütternder Schrei das Haus dvrchtöP. Graf Anders wird durch den Schreck von einem Herzkrampf befallen^ und sinkt toi auf feinen Stuhl, während Graf Tristan von der herbeieilenden Dienerin die Nachricht erhält, daß des Grafen Nichte plötzlich verschwunden ist. Alle Nachforschungen sind vergebens, Lilly Anders bleibt verschoLen. Mit forgenumhüllter Stirn steht Graf Tristan vor einem dunklen Geheimnis, und am Totenbette seines treue» Freundes gelobt er diesem, nicht eher zu ruhen, als bis er dieses schreckliche Geheimnis gelöst. Eines Tages .entdeckte er in einer der Wände die Fotografie des Testaments, das der Graf hinterlassen, und schon glaubt er sich auf der Spur, doch der Weg sollte ihm noch schwere Hindernisse bereiten. Auch ein Aufruf seines Notars ist ergangen. Graf Triftau ist fchon schon mutlos geworden, als er beim Notar eine Dame trifft, die dem Notar'Aufklärung geben kann. Doch leider wurde der Notar irregeführt. Graf Tristan merkt aber, daß er auf der Spur ist, er folgt der Dame und entdeckt, daß diese mit den Schuldigen in Verbindung steht. Die geheimnisvollen Telefousprecher Bill! und Paul Brocker hatten ihr Zeichen an der Telesonzelle vermerkt, und nunmehr glaubt sich Graf Tristan seiner Sache stcher. Er reift auf das von Paul Brocker mit seinen Genossen verabredete Landgut und hier muß er zu seinem großen Schrecken scheu, daß seine liebe kleine Freundin, die Tochter seines besten Freundes, Lilly Anders, verborgen gehalten und als Magd behandelt wird. Sie muß den schweren Eimer schleppen und unter Drohungen schwere Arde . - -teten. Es wird ihr gesagt, daß sie ein ganz armes Mädchen ist und das Glück hat, daß sie ein Mann heirate» wird. Willenlos muß bad arme Mädchen alles über sich ergehen lassen; in Wirklichkeit ist sie aber die Uaiverjalerbin des alten Graf Aaders, und die beiden Diebe haben das Testament gestohlen. Graf Tristan hat seine Zeit zu verlieren, er will Lilly retten, wird aber von der Bande übersatten, doch gelingt es ihm, sich zu befreien. Schon haben sie die arme Lilly als Braut geschmückt, mit großer Unruhe sehen der angebliche Ehemann und fein Genosse auf dir Uhr, ungeduldig, daß der Pfarrer nicht kommt: denn .die Stunde, wo baß Testament eingeretif werben soll, ist gekommen. Der Pfarrer kommt. Aber welches Entsetzten unter der Hochzeitsgesellschaft, als dieser sich seines Talars und Maske entledigt — und Graf Tristan vor den Dieben steht. Lilly weiß nicht wie ihr geschieht, sie weiß auch n cht, wie fie ihrem Schöpfer danken soll, der sie in letzter Stunde rettet. Doch Graf Tristan nimmt sie in seine
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Arme und erzählt ihr ihre Leidensgeschichte. — (Die Tragödie an der Goldküste.) Im Rahmen einer grandiosen Natur spielt sich die Liebesidylle zweier junger Paare ab. Die zügellose Leidenschaft eines gewissenlosen Abenteuers stört das Glück der Verlobten, ein Freund aber verhindert seinen verbrecherischen Anschlag «nb opfert dabei sein eigene? Leben. — (Die ägyptische Tänzerin). Zwei junge amerikanische Studenten befinden fich in arger Geld- verlgenheit. Sie ziehen sich dadurch.aus der Klemme, daß der eine von ihnen als ägyptische Tänzerin, der andere als sein Impresario auftritt. Die Maskerade bietet Anlaß zu Szenen voll drastischen Humors.
—* (Die Auswanderung aus Deutschland nach dem Kriege.) Die Auswanderung aus dem Reiche wird statistisch mit sehr unvollkommen ersaßt Auszeichnungen über die Abwanderung über die trockene Grenze bestehen gar nicht. Nur die Uebersee-Auswanderer werden in den deutschen und in einigen ausländischen Häfen gezählt. Von diesen liegen bisher nur Angaben für Amsterdam und Rotterdam vor. Es wanderten 1919 2931 Personen über Amsterdam und 213 über Rotterdam aus, insgesamt 3144 Auswanderer. 1920 dagegen wanderten 4377 Personen über Amsterdam, 1017 über Rotterdam und 616 über Hamburg—Bremen aus. Im beschränkten Maße hat auch eine Auswanderung über andere Häfen, z. B. über Genua, stattgefunde«. Trotz der für Auswanderer widrigen Umstände — vaßpolizeiliche Vorschriften, ungünstiger Kursstand der Mark — hat die statistisch erfaßte Auswanderung 1920 fich schon bis zu« Oktober (§010) gegenüber 1919 (3144) fast verdoppelt.
—* (Vom Arbeitsmarkt im Dezember.) Nach den Berichten der Landesarbeitsämter weist die Zahl der unterstützten Erwerbslosen im Reiche, die seit dem 15. September. 1920 im langsamen Rückgang begriffen war, wieder eine Stet gerung auf. Am 1. Dezember wurden 276539 Männer und 73753 Fraubn, insgesamt 350292 Pee^üen, v.s Haupt- empfänger unterstützt, gegen 348599 am 15. November und 349747 Zuschlagsempfänger (Familienangehörige) gegen 333961 am 15. Mvember. Aas der hohen Zahl der Unterstufen Erwerbslosen muß auf nicht weniger hohe Z-ffern von Arbeitslosen, die keine Unterstützung empfangen, geschloffen werben. Ferner drückt sich die ernste Lage des AebeitsmarkteS nach wie vor in der großen Zahl der Kurzarbeiter aus und in dem ständig wachsenden Umfang, den die Maßnahmen der produktiven Srwervsloseafürsorge an- nehmen. Die Landwirtschaft nimmt nur vereinzelt jüngere Knechte und Hausmägde auf — trotz der Ruffenablösungen in verstärktem Umfange — da die Arbeiten in der Land- wirtschaft grösstenteils ruhen. Die BermittlungStätigkeit im mitteldeutschen Bergbaugebiet beschränkte sich auf den Ersatz ausscheidender Leute. Die Eisenindustrie forderte nur einzelne Facharbeiter an. Aus der Spinnstoffindustrie lauten b‘e Berichte verhältnismäßig günstig. Das Bild der Jgol.tim duftne und im Lektetdunasgewerve ist nicht einheitlich. Ja
Sachsen-Anhalt war das GcuußmiUelgewerbe (Tabak- und Schokoladenfabriken) für Arbeitskräfte aufnahmefähig. Hausangestellte fehlen an vielen Orten.
Kleine politische Aachrichten.
Das Kohle« Abkomme« von Spaa soll vor die MmPer-Ko«ferenz.
Nach einer Meldung des . Corriere de Sera" aus Rom werden die Verhandlungen bei der bevorstehenden Minister- konferenz sich vor allem auf eine Regelung der Kohlenlieferung richten. Nach dem Geist des Friedensvertrages gelte es für sinngemäß, daß die deutschen Kohlenlieftrungen an Frankreich sich allmählich verringern, wogegen die Lieferungen an Italien um 50 Proz. erhöht werden.
Für einen raschen Friedensschluß mit Deutschland.
Aus Washington wird berichtet, daß Senator King dem Kongreß einen Antrag unterbreitet hat, der die Aufhebung des Völkerbundespaktes vorschlägt: unter dieser notwendigen Voraussetzung könne der Friedensvertray mit Deutschland unterzeichnet werden. King setzte auseinander, daß es außerordentlich notwendig ist, daß die Vereinigten Staaten nicht niehr länger die Annahme des Friedenszustandes mit De u ts ch l a n d verzögern..
Scheidemanns Memoiren.
Scheidemann kündig: das Erscheinen eines Memoiren- werkes mit deni Titel „Der Zusammenbruch" an. Es soll im Januar veröffentlicht werden. Als Probe daraus sind im „Vorwärts" Begegnungen und Gespräche mit Bethmann Hvflweg abgedruckt.
Angreifen der Bergarbeiter in derEnkwaffnungsfrage.
Die sozialdemokratische „Rheinische Zeitung" wiederholt wir großer Bestimmtheit die Behauptung, daß die Bergarbeiter entschlossen seien, nötigenfalls die Entwaffnung der bayerischen Einwohnerwehren durch Sperrung aller Kohlen- Zufuhren zu erzwingen. Die Bergarbeiter hätten auch in ihren Unterhaltungen mit dem Reichsminister des Innern dasselbe erklärt. Durch diele Erklärung sei auch die Reise des bayerischen Ministerpräsidenten v. Kahr nach Berlin veranlaßt worden.
Der Ruhreinmarsch wird erwogen.
Der „Matin" meldet, daß Marschall Fach $u den B«. taSnngen des Alliierten Kneasrates in Paris eingetroffen ist. Die Sitzung findet entgegen der ursprünglichen Bestimmung erst am 8. Januar statt. Der „Matin" spricht offen aus, daß die Frage des Einmarsches in das Ruhrgebiet zur Beratung stehe.
Sturmkewegt« Schicksale.
Roman von Max Esch.
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Echwoigeii herrschte dann in dem behaglichen Raume Beide hingen ihren Gedanken nach. Nur zu kurz war das Glück gewesen, das Braunhofen an der Seite seiner bildhübschen, temperamentvollen Gattin genossen. Ganz baß Eben bild der Mutter war die jetzt achtzehnjährige Tochter Mizzi.
Nach geraumer Zeit unterbrach der Oberst das Schweigen: „Armer Egon, jetzt kann ich so recht das Opfer würdigen, daS Du unserer Freundschaft brachtest. Aber nun versprich mir auch, bei unserer gemeinsamen Liebe zu der Verklärten, der Karte zu entsagen. Sieh, Egon, ich habe ja nur Dein Bestes im Sluge, Du mußt eß Dir selbst sagen, daß baß Leben, baß Du bisher geführt, kein gutes Ende nehmen kann. Suche Dir ernste Betäligung, dann wirst Du auch über die Epiellsidenschaft einen vollen Sieg davontragen."
„Habe Dank, Kurt," erwiderte Ladewig, beeinflußt durch die weiche Stimmung, in der er sich befand, „eS liegt zwar nicht viel daran, wie ich mein Leben einrichte, denn wenn ich die Singen einmal schließe, hinterlasse ich keine näheren Angehörigen. Aber ick will doch Deine Mahnung beherzigen und hinfort alß anstän i Per Mensch durchs Leben gehen, denn auch ich habe ja einen Platz in der Gesellschaft auSzufüllen. Von heute an soll eß anders werden. Schade, daß ich zum Heiraten schon ziemlich bejahrt bin, sonst könnte man sich nach einen Hausstand münden. Doch baß wäre Torheit von mir. Aber wie ist eß, Kurt, wenn ich mich recht erinnere, wolltest Du und Deine Tochter in diesem Jahre längere Zeit aufs Land in eine ruhige Gegend ziehen. Wenn baß noch Deine Absicht sein sollte, dann komme doch nach Bannewitz hinaus. Ruhe und gesunde Luft gibt eß da draußen zur Genüge. Mit dem Besuch würdest Du mir gleichzeitig einen großen Gefallen tun, denn durch Deine stetige Wurcgmig würde mein Entschluß, mir eine geregelte Tätigkeit vorzn- uehmeu, auch wirklich zur Ausführung gelangen."
„Die Absicht besteht bei mir noch, und dankbar nehme ich Beine Einladung für meine Person an, ob Dii ü iudes dankt «üwqkstmileu ist, ist eine andere Sache," r.-eilte sich ■ vramchpfen zu entgegnen. «Mein« Tochter »st etwas ver- 1
wöhnt, und wer wollte es einem jungen Mädchen verdenken, wenn es sich gegen den Aufenthalt in der Bannewitzer Einsamkeit sträubt. Nun, auch darüber werben wir ja bald im klaren sein. Du bleibst doch zu Tisch bei mir?"
„Tut mir leib, Kurt," entschuldigte sich Ladewig, „Dir eine Absage geben zu müssen. Aber ich bin heute Gast bei Kommerzieurat Level. Doch, wenn Du gegen Abend so gegen 6 Uhr frei bist, komme ich auf der Rückfahrt nach Barmewitz einen Augenblick zu Dir, die Antwort Deiner Tochter zu oer- nehuien. Rede Mizzi nur gut zu, dann wirb sie gewiß auch Verlangen nach Banuewitz Fluren, Wäldern und dem großen See tragen. Jetzt ist ja die schönste Zeit da draußen. Und bis ' zu Euch sind ja nur zwei Stunden Wagenfahrt auf schöner Chaussee und zum größten Teile durch Wald." Er »hob sich
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und verließ, von Braimhosen gefolgt, baß Zimmer. Nachdem i er von dem Diener Hut und Stock in Empfang genommen, ;
’ verabschiedeten sich beide.
2. Kapitel.
Der Oberst begab sich in sein Ai l fitSzimmer zurück, das erhaltene Geld fortzuschließen, um sodann der Tochter Mit« ; teilmig von der Einiadnng zu machen.
Bevor er daS Gemach verließ, öffnete er ein Fenster. Wohlgefällig ruhte sein Blick auf dem gepflegten Garten, in dem es aus BoSkelts und Rundteilen in bunter Farben- ■ skala aufleuchtete und von dein zarte Wohlgerüche aus-
strömten.
Hohe lebende Hecken und Bamngruppen schlössen daß ' tlenie Erdenfleck . en ringsum ein, gleichzeitig schattige Gänge bildend und ein Gartenhäuschen fast ganz im Grün legen
denk.
Schon wollte sich Braunhofen vom Fenster zurückziehen als sein Auge hinter einer Hecke die Tochter im Gespräche mit einem Offizier erblickte.
ES schien aber kein angenehmes Gespräch zu fein, daS die beiden jungen Leute führten, denn der Gesichtsausornck des jungen Mädchens deutete auf Sturm. Das kannte der Oberst. Leise vor sich hinpfeifend, entfernte er sich von seinem Fensterplätze. Darin ähnelte Mizzi ihrer verstorbenen Mutter ebenfalls. DaS K i - hatte von d.-r Mutter den starken Eigen- wU gecrN. Ev feekÄlSM dii Verklärte war so fi»8 und
scharf konnte sie werden, wenn sie gereizt wurde. Nichr gern, erinnerte sich Braunhofen solcher Augenblicke, in Denen e, vor seiner Gemahlin kapitulierte, um nur Ruhe zu baden.
Die Tochter glich nicht nur äußerlich, sondern auch i, ihr«» Temperament der Mutter. Sie mußte von dem Vetter, denn dieser war der junge Offizier, wohl inieDer einmal gehänselt worden sein, wie schon oftmals zuvor.
Lächelnd setzte sich Braunhofen in einen Sessel, zündete sich eine Zigarre an und griff nach den Zeitungen, aber die Szene im Garten beschäftigte seine Gedanken derart, daß er vorerst noch nicht zum Lesen kam. „Geschieht dem guten Jungen schon recht, wenn ihm die Mizzi tüchtig die Leviten lieft Wird übrigens nicht lange dauern, denn was sich liebt, das neckt sich," schmunzelte er vor sich hin. Für ihn, Den Vater, stand eß ja fest, daß die beiden jungen Menschenkinder sich in Liebe zugetan seien, und baß war ihm ganz recht. Keinen würdigeren Gatten hätte er sich für die Tochter wünschen können, als den verwandten Leutnant von Bevern, dessen Erziehung Braunhofen seit dem Tode der Eltern BevernS überwacht und geleitet hatte.
Schmollend würden die beiden jungen Leute heute auS. eittandergehen, um bei ehester Gelegenheit wieder Frieden zu schließen, der dann so lauge dauern würde, bis einer Geringfügigkeit wegen der Streit von neuem entflammte, in dem bie Tochter, dank der Taktik beß Vetters, oftmals den kürzeren zog. Darum schätzte der Oberst den jungen Offizier um so höher, zumal MizziS Heftigkeit in solchen Streitfällen nicht gut übertroffen werden konnte.
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Selbst in solchen Lagen bewahrte Beveru seine überlegene Ruhe, vor der Mizzi schließlich die Segel streichen mußte.
Ja, so temperamentvoll war die Mutter ebenfalls gewesen. Nur ihm, Braiuihofen, war es niemals vergönnt, die Gattin durch Ruhe und Ironie zu entwaffnen, wie Bevern das sa trefflid) bei Mizzi zu wege brächte. 255,30
Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden jurt* gen Leuten gelangten nach mehr aber weniger umfangreicher Redeschlacht regelmäßig zum Ausgleiche. So war Das bisher stets gewesen Heute aber war das nicht der Fall, handeln es sich doch zivischen den beiden um ein sehr ernstes Tysma Um die Rühmst.' Das allerdiugs ahnte der Oberst nicht. -