Schlüchterner Zeitung
i Bezugspreis vierteljöhrl. 15. Mk., einzelne Monate 5. —Mk.: ; durch Boten frei Haus ob. durch b. Post scinschl. Bestellgeld) : : Anzeigenpreis je mm einspaltig l. W., Reklamen 2.50 Mk.: : Rabatt nach Tarif. — Postscheckkonto : Frankfurt a. M. 11402.; r Bankkonto': Dresdner Bank Schlüchtern, Fernsprecher Nr. 05.;
Kreisblatt
: Erscheint 3mal möchenll. Drahtanschr.: Krrisblatt Schlüchtern. • ; Druck u. Verlag Fa. T. Hohmeister, Schlüchtern. Verantwort!, j :Schnftleil. H.»E. Hohmeister, Schlüchtern. Geschäftsstelle Drei- : ; brüderstr. 9. — Im Falle höherer Gewalt, Betriebsstörung ob. ; t Stromsperre erlischt jede Verpflichtung aus Schadenersatz. •
l•*«t*•*««tet«*ttl«»««••««*tu•M«t•«l«t*t••««»*••*««t«a«•**K•»t•t»e«»•tt|
Nr. 265
Amtliches Organ für Stadt und Kreis Schlächtern
Donnerstag. 22 Dezember 1921
73. %’hrp(Wß
I« der nächsten Nummer bringen wir eine aus Wahrheit u. Dichtung geworbene WeihnachsSerzählnng, die 5 Sahre nach beendetem 30>jShrigen Kriege im jetzigen Kreise Schlüchtern spielt und Herrn Pfarrer Hoffmann in Gundhelm zum Berfaffcr hat. Wir hoffen damit unseren Lesern eine wahre Wethnachts- f«ude zu bereiten.
Wieviel vom Tage.
w $te Rheinlandkommission hat die „Deutsche Zeitung" in Berlin auf drei Monate im besetzten Gebiet verboten. wBriwn- hat Harvey, dem amerikanischen Botschafter in London, mitgeteilt, daß Frankreich die Flottenabrü- stung nach dem Borschlage Hughes annehme.
V^Ki englische« Unterhanse teilte Chamberlein mit, dah um» das Unterhaus bis zum 31. Dezember vertagen sollte. weil die Besprechungen in Dublin wohl kaum vor Wei-nanuen beendet werden würden.
Der Zweikampf in Lsndon»
Dis Konferenz zwischen Lloyd George und Briand hat in London ihren Anfang geklommen, und es erhebt sich eine ganze Reihe von Problemen, die jetzt ihrer Lösung harren, und die wohl kaum so ohne-weiteres zur Befriedigung aller Beteiligten zu einem günstigen Ende geführt werden können. Im Vordergründe des Interesses steht naturgemäß die große Frage der Eutschä- digungen und diese wiederum hat zum Gegenstand zweifellos die Besprechungen über das-Wiesbadener Ab- kommen. England kann es noch immer nicht verschmer- zen, daß Frankreich mit Deutschland ein derartiges Son- derabkommen geschlossen hat, während doch eigentlich jedem Angehörigen der Entente cordiale es vertraglich verboten ist, unabhängig von den anderen Alliierten. Verträge zu schließen. Da aber nun einmal in Wiesbaden das entscheidende Wort gesprochen worden ist, und -altz-saSr wEöort unterschrieben w.-r. ™.:i schwer rück gängig gemacht werden kann, will Lloyd George wenig- stells den Versuch machen, mit Briand dahin übereilizw- kommen, daß auch England mit Deutschland einen ähnlichen Vertrag schließe. Nun muß natürlich angesichts der Haltung -er englischen Industrie, die ja jenseits des Aermelkanals ein größeres Machtwort zu sprechen hat, als die französische tu Frankreich, und die einer umfangreichen Warenlieferung durch Deutschland den größten Widerstand entgegensetzen würde, Lloyd George diesem Umstände Rechnung tragend, danach trachten, nur solche Waren von Deutschland zu verlange», die den Engländern die geringste Schwierigkeit bereiten. Das Augenmerk richtet sich da vor allen Dingen auf die chemische Industrie und da besonders auf die deutsche Farben- vroduktion, die der Feindbund trotz aller Anstrengungen während des Weltkrieges und auch nach dem Wafs.'N- stillstand und Friedensschluß vergeblich zu ersetzen trachtete.
Es ist klar, daß England einen Wiederaufbauvec. ng »ach dän Dtuster des Wiesbadener Abkommens mit Deutschland nicht allein auf Grund der Lieferung an Farben treffen kann. Deshalb taucht wieder der alle englische Plan der englischen Industriellen aus, wonach wir dazu verpflichtet werden sollen, die ehemalige RDunii- jggjggggwMBEäas&i^^
Der Liebe ewiges Licht.
Roman von Erich Friesen.
11) (Nachdruck verboten^
„Willkommen in meinem Haufe, Ebba!"
„So ist's recht," schmunzelt der Alte. „Ihr seid ja Ingen-gespielen. Und Verwandte noch o-endretn. Gib ihr den Bruüerknß, Gunnar!"
Langsam beugt sich das bleiche, dunkle Männerge- sicht über das rosige, blonde Frauenantlitz.
Eine Sekunde lang ruhe« ihre Lippe» aufersnnder.
Dau« treten beide schweigend zurück.
. Hätte »och vor kurzem irgend jemand Ebba zu Iag«n gewagt, der Kuß von einem Paar Männerltp- pen könne sie in Erregung versetze» — sie würde es "ls tiefste Beleidigung ihrer Frauenwürde zurück- üewiesen habe«. Und doch fühlt sie jetzt bei diesem nur verwandtschaftliche» Kuß in ihrem Herzen einen ultsamen Aufruhr: wie das Aufflattern eines wilden Vogels in einem engen Käfig. Nie, selbst nicht zu Mer Zeit, da der Marquis öe Lavallisre sich um ihre snanh bewarb und sie in ihrer Unerfahrenheit meinte, M zu lieben — niemals hatte sie diese beängstigende «nö doch so beseligende Empfindung.
Rasch bückt sie sich zu dem aus müden Augen nach w hin blinzelnden Kater hinab und streichelt sein chwarzglänzendes Fell, um ihre Befangenheit zu ver- dergen.
Nach einer Weile wendet sie sich verstohlen nach Gunnar nur
Doch den hat der Vater bereits in einen Lehnsessel ^drückt und selbst neben ihm Platz genommen.
. Tunvor erscheint völlig ruhig. Nur vielleicht.noch E'N wenig bleicher als vorher.
h«d aufs neue steigt tiefe Röte in Ebbas Wangen, 11119 Beschämung über ihr Erröten wegen einer solch
kammer Europas, Rußland, auf Rechnung Englands wieder aufzubauen. Hier wird ein nicht unerheblicher Widerstand Frankreichs einsetzen, da es wohl ichweruch wird zugeben können, daß England auf russischem Boden Prioritätsrechte erlangt. Als Kompensation dafür wird denn auch, wie jetzt überall behauptet wird, Lloyd George darin willigen, die französische Schuld von 5o, Millionen Pfund Sterling zu annullieren und rm AUstauich dafür deutsche Reparationsbons der Serie E beattiprucheu, die dann vernichtet werden sollen. Rußland ist einer der wundesten Punkte der französischen Politik, die eifersüchtig darüber wacht, daß auf dem Boden oes ehemaligen Zarenreiches keine Macht allzugroße Vorteile erringe Vielleicht wird Lloyd George dann schließlich den Franzosen die Konzession machen müssen daß auch sie an dem Ertrage der deutschen Arbeit in Rußland, beteiligt werden. Sobald man jedoch in dieser recht fchwie- rigen Frage zu einem Resultat gelangt ist, erhebt sich die ungleich wichtigere, wie sich in Zukunft das Verhältnis zwischen den Alliierten und besonders zwilchen Frankreich und Eiigland gestalten soll? Man hat es an der Themse noch nicht nicht vergessen, daß Paris mit Angora einen Sondervertrag abgeschlossen hat, daß Frankreich hier auf klein-asiatischem, Boden den^ngli- scheil Interessen direkt enigegenarbeitete und rückstchls- los seine eigenen Ziele verfolgte und dem Prestige Großbritanniens beträchtlichen Schaden zufügte.
Das Vorgehen der Franzosen auf der Washingtons Konferenz, das, wenn es auch mißlang, ur^prungUch darauf hinausging, auf Kosten Englands eine Annäherung an Amerika zu erreichen, hat man London ebenfalls noch nicht vergessen. Dah, r soll jetzt bei den gegenwärtigen Besprechungen schließlich die Frage einer A llianz an stelle der Entente erörtert werden. Diese Allianz will man recht eng gestalten. Man hat da ganz absonderliche Dinge vor, bei denen besonders em Ab- komnien über die Seerüstusigei', eine groue Rolle spielt. England würde sich in diesem Falle verpflichten, Frankreich gegen jeden Angriff zur See ncherzustellen. Das ist eine Frage von zweifellos wulthisiorischer Bedeutung. Nähme Frankreich diesen Vorsihlag au, so würde es damit ohne weiteres alle Wut Hu auf eine Weltmacht- aeMns inrfgr.?:» vMßr»».—«v W^re üün .vv.\ Ba;»«-^ Englands herabgesunken, und der trotz Weltkrieg Friedensschluß und aller Beteuerungen der >reundichaft noch bunter heftchcude uralte natürliche Gegensatz zwischen
tuimer bestehende uralte nattirliche Gegensatz zwischen den beiden Staaten diesseits und jenseits des Aermel kanals wäre aus der Welt geschafft, jeder spätere Kampf vermieden, und Großbritannien hätte einen neuen Krieg gewonnen, hätte ein-n der bedeutsamsten Siege seiner Geschichte erfochten, ohne auch nur ein einziges Schiff, auch nur einen einzigen Soldaten zu opfern. Außerdem sollen natürlich auch die allgemeinen Pläne Europas in wirtschaftlicher und politischer Richtung besprochen werden, aber dazu wird es bei der jetzigen Zusammenkunft in London kaum noch kommen. Eins neue Konferenz zu Beginn des Jahres, an der nicht nur die alliierten Länder, sondern auch Rußland und die Mittelmächte teil- nehmen sollen, wird die Weltwirtschaftsprobleme zu lösen versuchen. Der Zweikampf in London, der jetzt aus- gefochten wird, hat größte Bedeutung für Frankreich und
ermel-
England.
Lloyd Georg-rs Plan für den Wiederaufbau.
Die erste Besprechung zwischen den beiden Premierministern in London hat planmäßig Montag vormittag um 11 Nbr beannr'eic ist aber nach weniger als xwei
gleichgütttge« Sache, wie es ein verwandtschaftlicher
_ „Glaub mir, mein Junge —> bemerkt soeben Meister Wybrands eindringlich — „keiner ander» Perfo» weibliche» GeMechts würde ich Einlaß in unsere durch die Wissenschaft geweihten Räume ge- währt habe». Aber - wie ich schon vorhin sagte — Oba fehle» die typisch weibischen Charaktereiqen- f(basten; um» dann sie gewissrmaße« unter die Av- «ormitäte» klafststziere». Mbt es nicht a»ch Rose», arte» ichne Dust? Und Säugetiere ohne Mutterliebe? Warum also nicht auch zur Abwechslung einmal ein Weib mit männlichem Großhirn?"
Weder Kböa »och Gunnar antworte» Gunuars Auge« folgen unverwandt Ebbas schlanker Gestalt. Und Ebba fragt sich verwundert, was in diesem seltsamen Blick wohl liegt. So merkwürdig abstrakt er- schetut er ihr, gleichsam unirdisch, als ob er nicht da« Weib in ihr sehe, sondern ein Wesen aus einer an- i deren Welt. Auch nicht der Schimmer eines Lächelns ’ huschte bisher über Gunnars ernste Züge. Nicht ein- ; mal in dem Moment, als er sie in seinem Hause willkommen hieß. Und keine Frage, weshalb sie Trauer- kleider trägt. Nichts.
„Er wird sich kaum mehr erinnern, daß ich verheiratet war," denkt sie mit leiser Bitterkeit. „Was ' kann es ihn auch kümmern, ob ich Frau bin oder ; Mädchen oder Witwe!"
Inzwischen hat Meister Wybrands aufs neue be- • gönnen, sein Steckenpferd zu reiten. Mit einer lei ■ seu, etwas müden Stimme erzählt er von einem Belebungstrank, den er aus den Blutenkelchen einer ; ganz besonderen, exotischen Pflanze gebraut und der wie eine „flüssiger Sonnenstrahl" durch die Adern rinne.
»Flüssiger Sonnenstrahl!" wieöerholt Gunnar mit plichlich erwachendem Interesse. „Auch mein Auge
Stunden Dauer auf Dienstag vertagt worden. Der Mit- arbetter des „Manchester Guardian" glaubt berichten zu können, daß Lloyd George beabsichtige, die Beziehungc der europäischen Staaten nett zn regeln. Er wolle einen dreiseitige« Vertrag zwischen England, Deutschland und Frankreich anregen, durch den jedes der drei Länder nes ge« einen Angriff irgendeines der beiden anderen Länder geschützt werden soll. Ein Sonderberichterstatter des Blattes meldet: Von französischer Seite verlautet, daß BrianS seine Politik im Prinzip festgelegt habe. Der franzöfische Premierminister sei nach den letzten Beratungen Loncheurs mit Lloyd George und Hörne zu dem Enttchluß gelangt, falls die britische Regierung bereit ser, Frankreich gewisse finanzielle ZngeMnönifse zu machen, dem großen Plane Lloyd Georges für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Enrovas unter Einschluß Deutschlands nnd Rußlands keinen Widerstand entgeaeuznsetze«.
(Es war bisher nicht möglich, eine Bestätigung dieser außerordentlich wichtigen Meldung zu erhalten.)
tat Zu den vorstehenden Auslassungen des „Manchester Guardian" bemerkt der „Vorwärts . Wir hatten diesen geradezu märchenhaft klingenden Auslassungen keinen Raum gewährt, wenn sie echt aus einer Quelle stamm- ten, die burdw - ernst zu nehmen ist.
Zurückhaltung der franzöfische« Prefie.
** Die französische Berichterstattung über die Londoner Besprechungen ist bis jetzt ausfallend spärlich. In einer Depesche des „Jntransigeant" findet sich der Satz: „Zur allgemeinen Entzückung sah man die Herren Rathenau und Fischer (zuerst hieß es, daß sich Dr. Simons in der Begleitung Dr. Rathenaus befände) ankommen." Es scheine, daß Rathenau in Downingstreet einen Besuch abgestattet hat, während Lloyd George und Briand kon- feiterten.
Keine großen Erwartungen.
N* Aus London wird gemeldet: Ueber die Besprechunger. zwischen Lloyd George und Briand erklärte ein auch in Deutschland bekannter, Lloyd George nahestehender Diplomat, daß nach seiner- Meinung bestenfalls ein kurzfristiger Zahlungsaufschub herauskommen werde
** Aus London wird gemeldet: Die Blätter eifenneu die große Bedeutung der Konferenz zwischen Lloyd George und Briand an, betonen aber, daß jetzt noch keine endgültige Entscheidung zu erwarten sei, weder bezüglich der dringendsten technischen Fragen noch der Grundsätze der künftigen Politik der Alliierten. „Daily Telegraph" betont, daß man jetzt den Weg für einen späteren gründlichen und ausführlichen Gedankenaustausch ebnen müsse, der aber vor dem 16. Januar stattfiuöen müßte.
Frankreichs Welthandel.
tat In den ersten Monaten des Jahres 1921 belief sich der Wert der französischen Eimnhr auf 20 324 Millionen Franken gegenüber 45 450 Millionen im gleichen Zeitraum des Jahres 1920. Die Ausfuhr betrug 19 370 Millionen Franken gegenüber 24 626 Millionen im Vor- ahre. Die Handelsbilanz Frankreichs ist damit in die- em Jahre fast wieder ausgeglichen, während die Ein- uhr im letzten Jahr die Ausfuhr um den Wert von ungefähr 20 Millionen Franken überstieg.
Einberufnng des Oberste« RateS.
r^-Reuter meldet aus London: In manchen Kreise: wird darauf hingewiesen, daß die Besprechuuaesi rw^
hat heute nackt etwas wie einen .flüssigen Sonnen- strahl' getrunken!"
„Bah, du, mit deinen kalten Sternen!" wehrt der Alte verächtlich ab.
„Und doch strahlt fast jeder dieser Sterne mehr Licht aus, als die Sonne, der du das Ausblühen all deiner rvichtige» Pflanzen verdankst," beharrt Guunar voll EnthWasmus. „Onkel Henrik — ein neuer Stern ist aufgetaucht am Firmament — hell, strahlend in bläulichem LM, wie die Augen deiner —"
Er stockt und blickt befangen nach Ebba hinüber.
^Meinethalben!" wehrt der andere ab. „Ein seltenes Phänomen, wie meine Tochter. Was weiter?"
^Nr sollst dir dieses Wunder an schauen. Komm mit mir nach meiner Sternwarte —"
„Nein, mein Lieber!" lacht der Alte mit gutmütigem Spott. „Ich soll mir wohl da oben Rheumatismus holen? Wozu? Um »in«! kleinen Stern zu betrachten? Da guck ich mir lieber hier meine Lampe an, die für mich ebenso schön leuchtet und sicher weit nützlicher ist."
Ebba hatte, den blonden Kops leicht vorgebeugt, die Hände um ein Knie geschlungen, dem kleinen Scharmützel der beiden schweigend zugehört. Jetzt fcd lagt sie die leuchtenden, blauen Augen voll zu Gunnar auf. Und mit Bedauern gewahrt sie, wie bet ihres Vaters Spott eine Wolke der Enttäuschung über fein soeben noch in heller Begeisterung strahlendes Gesicht ^^
Schüchtern legt sie die Hand auf seinen Arm.
„Darf ich mitsammen, Gunnar?"
Er blickt sie verwundert an.
Ihre Stimme klingt so jung und lebhaft, daß sie auf den Träumer wirkt wie ein erfrischender Was-er» strahl inmitten sepgender Sonnenglut.
Zusttmmcnd neigt er das Haupt Dann legt er ihr seinen Mantel um die Schultern und öffnet die Tür (Fortsetzung foXot)