Schlüchterner Zeitung
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Kreisblatt
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Amtliches Organ für Stadt und Kreis Schlüchtern
Nr 9
Samstag, 21 Januar 1922
74. Jahrgang
Atlevlet vorn Tsge.
Für den Gesa,tdte«posten in Warschau ist nach der Erenzzeitung" Freiherr von Rechenverg, der frühere Wivemeur von Deutsch-Ostafrika in Aussicht ge- ^^Die Rheinlandkommiffio« hat den Landrat zu Dann L h Eifel seines Amtes enthoben, weil er wiederholt schleckten Willen und passiven Widerstand gezeigt habe.
Der Exkaiserin Zit« ist von der schweizerischen Bun- besbehöröe mitgeteilt worden, daß sie innerhalb dreier Tage, von dem Tage an gerechnet, an dem der operierte Knabe von den Aerzten als außer Lebensgefahr stehend erklärt werde, die Schweiz zu verlassen habe.
^Die rumänische Kammer hat mit Zweidrittel-Mehr- bett dem Kabinett Jonescn das Vertrauen verweigert. Fliesen hat den Rücktritt der Regierung erklärt.
' Das Einfuhrverbot für Waren deutscher Herkunft wird in Australien vom 1. August d. Js. ab anfgehoben werden.
Im Finanzausschuß des Bayerischen Landtages wurden lebhafte Klagen über die wachsende Ueberfrem- dung des bayerischen Wirtschaftslebens durch auslän- disches Kapital erhoben.
$te deutschen Kohlen- und Kokslieferungen. »»Paris. (F. A.) Die Reparationstommission hat beschlossen, die Höhe der deutschen Kohlenlieferungen, die bisher für jeden Monat festgesetzt worden ist, künftig jeweils für das laufende Quartal zu bestimmen. Für die nächsten drei Monate soll Deutschland 5 750 000 Tonne« liefern.
Weiter wird hierzu gemeldet: !
»»Paris. (L. A.) Die Reparationskornmission Veröffentlicht eine Meldung Über die Neuordnung der deutschen Kohlen- und Kokslieferungen. Sie ist bereit, ein Programm für die Kohlen- und Kokslieferungen in den Monaten Februar, März und April aufzustellen. Die Gesamtmenge, die während tzieser Zeit zu liefern ist, ist auf 5 750 000 Tonnen festgesetzt worden, wobei der Koks, in feinern Aeguivalent in Kohlen auögedrückt ist. Es ist abgemacht worden, daß die Lieferungen sich ungefähr .striLMäßig auf sie drei Monate verteilen. Die deutsche Telegatimi habe sich verpflichtet, das Gefamtprvgramm auszuführen.
Geht Dr. Wirth nach Genua?
** Berlin. iB. T.) Vor Beginn der Sitzung des Reichstages besprach man in den Wandelgängen auch die Frage, wer Deutschland in Genua vertreten werde. Wenn auch bisher noch keinerlei Entscheidung getroffen worden ist, nimmt man doch in parlamentarischen Kreisen an, daß der Reichskanzler Dr. Wirth sowie Dr. Rathen«« und einige Mitglieder der deutschen Delegation die an den Verhandlungen in Cannes teilgenommen haben, den Beratungen in Genua beiwohnen werden. Dr. Wirth durfte aber niöglicherrveise nicht während der ganzen Dauer der Konferenz in Genua bleiben.'
Teilnahme Amerikas an der Wirtschaftskonserenz.
h Paris. (F. G. A.) Ein Telegramm des „Exchange- Telegraphen" meldet aus Rom, daß die Regierung der Vereinigten Staaten von Nvrdarnerika der italienischen Regierung mitgeteilt hat, daß die Vereinigten Staaten bereit seien, die Einladung zur internationalen Wirt- schaftskonferenz in Genua anznuebmemiedoch rag bei- Bedinanna. daß die Frage der europaischerl Schul-
der Bedingung, daß die Frage der europäischen den auf der Konferenz nickst zur In'm'tennm
kourme.
EMiaouna Hollands nach Genna.
»»Rotterdam. (T. U.) Die niederländische Regierung hat die von der italienischen Regierung gesandte Einladung zur Wirtschaftskonserenz in Genua erhalten.
Die russischen Vertreter für Gen««.
»»Warschau. (T. U.) Nach Moskauer Meldungen sind Jofse und Barkonowitschi als Vertreter Sowjetrußlands auf der internationalen Wirtschaftskonserenz in Genua ausersehen. Der Führer der russischen Delegation ist noch nicht bestimmt worden.
Lenin nm seine Stellung besorgt.
»» Moskan. (T. U.) Nach Informationen aus maßgebender Quelle wird Lenin unter keinen Umständen an der Konferenz von Genna teilnehmen, da die Befürchtung besteht, daß der radikale Flügel der Kommunistischen Partei die Abwesenheit Lenins dazu benutzen konnte, die Macht an sich zu reißen. Bekanntlich hat der radikale Flügel der Kommunistischen Partei die Entsendung von russischen Delegierten nach Genua «bgelehnt.
Einlenken Poincarees.
»»London. Der „Daily Expreß" meldet aus Paris: Es erscheint nicht mehr so ungewiß, daß Pvinearee selbst nach Genua gehen werde, trotzdem er sich vor seiner Wahl zum Ministerpräsidenten in Zeitungsartikeln nachdrücklich gegen jede Konferenz erklärt habe. Porn- caree habe neuerdings den Konferenzgedanken aus der Grundlage der Briandschen Politik ausgenommen.
Die erste 1b-T«gerate bezahlt.
»»Paris. (F. G. A.) Die deutsche Krtegslasteulom- mission hat am Mittwoch nachmittag dem Wieöergutma- chungsausschuß mitgeteilt, daß die am 18. Januar fälligen 81 Millionen Goldmark geleistet worden sind. Die deutsche Reichsbank hat den Alliierten die entsprechende Menge Devisen zugehen lassen.
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Französische Vorschläge für die Erfassung der Sachwerte?
»» Rotterdam. (S. C.) Die „Daily News" meldet aus Paris: In Erwartung der neuen deutschen Vorschläge ist der Vorsitzende der Wteöerherstellungskvmmissio.i Dubois, mit der Ausarbeitung von neuen Gegenosr- schlSgen für die Heranziehr ng der deutschen Sachwerte be^rstragt worden.
Die französische Regierung vor der Kammer.
»»Paris. lF. Z.) Das neue französische Ministerium wird sich am Donnerstag der Kammer vorstellen. Eni Miuisterrat, der am Mittwoch abend stattfand, hat die Regierungserklärung beraten. Im Anschluß an die Aussprache über die Regierungserklärung sollen die einge- brachten Interpellationen beantwortet werden. Drei von diesen Interpellationen behandeln die auswärtige Poli- tit eine andere die Haltung der französischen Kammer zu den Plänen für die wirtschaftlichen Rekonstruktionen eine weitere die Auslieferung der deutschen Kriegsbe schuldigten.
Lo«che«rs Kampf gegen Poincaree.
»»Paris. Von den wenigen Ministern, die aus dem Kabinett Briand nicht in das Kabinett Poincaree übernommen worden sind, empfindet es der frühere Wiederaufbauminister Loucheur am schmerzlichsten, ,nicht in ötei neue Kombination mit Hineingezogen zu teilt Von Loucheur ist vielleicht der schärfste Kamps gegen das Kabinett Poincaree zu erwarten. Da ihm auch zahlreiche Pariser Zeitungen zur Verfügung stehen, wird die Re- «ieruna Voinearees keine so einstimmige Aufnahme
durch die Variier Presse finden, wie das bei dem Kabinett Briand der Fall war.
Festigung der Stellung Lloyd Georges.
»»Loudou. Wie die „Times" berichten, sind in den letzten Wocheu die Meinungsverschiedenheiten in dem englischen Kabiuetr so groß gewesen, daß man ernstlich mit dem Rücktritt Lloyd Georges gerechnet hat. Jstzt sind die Schwierigkeiten überwunden. Lloyd Georgs' will erst den irischen Vertrag unter Dach und Fach brtngerr. Er ist ferner darauf bedacht, die Möglichkeiten auszunützen, die sich auf 6er Konferenz von Genua bieten werden.
Internationale sozialistische Wiedrransbankonferenz.
»» Berlin. Wie der „Vorwärts" aus KopSihagen meldet, hat der Vorsitzende der dänischen sozialdemokratt- schen Partei, Stauning, an den Führer der Arbeiterpartei, Settderson, das Ersuchen gerichtet, eine inter- sozialistische Wiederanfbankonferenz nach Genua einzu- berufen.
Auch der Franken f2St
»» London. Nach einer Meldung aus Neuyork ist der Franken aus den amerikanischen Märkten weiter wr Sinken begrifM Man V' allgemein der Ansicht, daß Poincaree recht bald die 'cn seiner abenteuerlichen Politik zu füblen bekor trd. ,
Aus der Heimat.
Dir Nafsauische Harrdelskammer-Berrinignug (Handelskammer Dillenburg, Frankfurt a. M., Hanan, Limburg, Wetzlar) hat folgende Eutschlikßvng gefafi:
Die zum 1. Januar 1922 verfügte enorme Erhöhung der Post», Telegramm- und Fernsprechgebühren bedeutet eine kaum noch erträgliche Belastung des Gewerbebetriebes und hat eine außerordentlich nachteilige Wirkung auf den ge« schäftlichen Verkehr auSgeübt.
Wir bezweifeln, ob die Reichspostver«a!tu«g dnrch die neuen Gebührensätze wirklich das Ziel der Beseitigung ihres Fehlbetrages erreicht. Wir befürchten vielmehr, daß infolge des außerordentlichen VerkehrSrückgaugS die Mehreinnahme weit hinter den Erwartuugen der Post"?7B-altnyg zurückbleih,« werden. Okc aver ore RstHspoffverLa: -sg öle uu* bei« Rückgang des Verkehrs sich ergebende Konf gurnz der Herab» setzung ihres Personals vornehmen wird, erscheint uns nach den bisherigen Erfahrungen außerordentlich zweifelhaft.
Demgegenüber verlangen wir, daß die Ausgleichung des Fehlbetrages durch größere Sparsamkeit und WirtschafUich« keit in der Verwaltung herbeigeführt wird.
Wir beantragen ferner, daß die Reichspostverwaltung fobald als möglich eine Statistik über die Entwicklung des Verkehrs unter der Geltung der verfchiedeneu Portsfätze herauSgibt.
Die Erbitterung über die Tariferhöhuug ist in der Bevölkerung umso größer, als die Leistungen der Po^ver» waltang keineswegs im Verhältnis zu den erhöhtea Gebühren stehe«. Nach wie vor sind vielmehr insbesondere auf dem Gebiete des Fernsprechverkehrs die schwersten Mißstäude vorhanden.
Daneben hat die Postverwaltung durch eise Reihe von kleinlichen oder ungerechten Verfügungen die Mißstimmung
Der Liebe ewiges Licht.
Roman von Erich Friese«.
$4) (Nachdruck verboten.)
Und er entfaltet den Veilchenfarbenen n.
Mit einem unterdrückten Aussch . Ebba die Hände vor die Augen. Ihr ist, als grinse Mamsell Tönnesens dreistes Gesicht zu ihr herüber.
„Ach, und wir waren so glücklich!" zittert es fast unhörbar über ihre Lippen.
Ja, Stine Tönnesen hat mit ihrem unfehlbaren Instinkt für die Schwächen und Leidenschaften der Menschen das für ihre Pläne Richtige getroffen: Aus keiner andern Hand hätte Gunnar von Helgeland den Brief entgegengenommen, wie aus Ebbas Händen: Und kein anderer Mensch hätte die Macht gehabt, ihn zum Oeffnen dieses Briefes zu bewegen, wie Ebba!
Oeffnen dieses Briefe Tiefes Schweigen.
Gurrnar lehnt an dem Geländer und liest, während Ebba ihn in atemloser Spannung beobachtet. Der Ausdruck seines Gesichts hat sich ganz und gar verändert. Alles Leben scheint daraus gewichen. Kalt, beängstigend starr erscheinen seine Züge.
Endlich hebt er den Kopf. , . _
Aber nicht Ebba ist es, die sein Blick sucht,- sondern Meister Wybrands, den jahrelange« Genossen seiner selbsgewährten Einsamkeit.
„Onkel Henrik?"
Der Alte, der dumpf vor sich hingebrütet, fährt zu- sammen.
„Ja, mein Junge —" v ,.
Ein Schauer überrieselt Ebba. Die Stimmen beider klingen so ganz anders, als früher — wie aus einer andern Welt heraus, an der sie, Ebba, keinen Teil hat. „Onkel Henrik! Sie will hierher kommen."
„Wer?"
„Karin."
„Nicht mögltch. Verbiete es ihr!"
„Das wird kaum angehen."
Schwüle Pause.
Ebba hat sich aus andere Ende der Plattform zurück- gezogen. Dttt schmerzlicher Verwunderung gewahrt sre, daß die beiden Männer dort, der alte wie der junge/ ihre Anwesenheit ganz vergessen haben. Ist es denn möglich, daß die Schatten der Vergangenheit die strahlende Gegenwart völlig verdunkeln?
„Junge, Junge! Gib nicht nach!" bricht endlich der Alte das unheimliche Schweigen. „Vergiß keinen Augenblick, was sie dir angetan hat! Bedenke, was ihre Anwesenheit auf Schloß Asfö für deine Ruhe bedeutet !"
„Die Sachen liegen jetzt anders," wehrt Gunnar in feierlichem Ernst ab.
Unsinn. — Wieso anders?"
„Lies!"
Meister Wybrands' Hüride zittern, als er den eng beschriebenen Bogen dicht an die Augen hält
Und auch Ebba tritt, einem inneren Impulse gchor chend, näher. * .
Und langsam, jedes Wort betonend, hie und da Nebenbemerkungen einflechtend, liest der Alte:
„Lieber Bruder! Vielleicht wirst du diese Zeilen gar nicht lesen, da Du schon wiederholt meine Briefe nneröffnet hast zurnckgehen innen." (Recht hatte er, Madame!) „Aber ich will es trotzdem noch einmal versuchen.
.Ich bitte Dich, ich flehe Dich an, Gunnar: laß deine ige Schwester ihre Heimat Wiedersehen, bevor sie
einzige Schwester ihre Heimat Wiedersehen, bevor sie die Augen für immer schließt! Laß mich mit meinem Kinde für ein pcmr Wochen zu Dir kommen! Ich bin krank, schwerkrank, Dem Tode nahe —" iBah, die Weiber sind stets krank, wenn man ihnen nicht in allem ihren unvernünftigen Willen läßt!) „Manchmal denke ich, der Gram frißt mix am Herzen, weil Du mir nicht
ich, der Gram frißt verzeihen willst.
„Im Andenken an unsere verstorbenen Eltern —'
(Hol's der Kuckuck, die ist schlau!) „ wirst Du meinen Wunsch erfüllen. Ich muß das Schloß, in dem ich geboren bin, noch einmal sehen, bevor ich sterbe! Du darfst meine Bitte nicht abschlagen. Bedenke, auch ich bin eine Helgeland! Karin.
„Be-enke, auch ich bin eine velgelaud! wiederholtz Ebba tonlos, und ihr ist auf einmal so wehe ums Her- - so unendlich wehe. Sie fühlt, wie die finsteren Geister der Vergangenheit näher und näher konmle«.
Meister Wybrands hat die Hand mit dem Shüef sinken lassen. In seinen alten Zügen zuckt es vor Erregung.
Hol' der Kuckuck alle Weiber!" knurrt er zornig hervor. „Die da weiß, wo sie ihren Bruder auzupacken hat. „Im Andenken an unsere verstorbenen Elter«ß Hahahn! . . . Sag ich's nicht immer: wo ein Weih -ie Hand im Spiel hat, gibt'S Unglück? Hättest dir nicht in ihn gedrungen: „Lies! Lies!^ wendet er sich barsch zu Ebba „der Wisch wäre, wie alle früheren, uneröffnet - an die edle Absenderin zurückgewandert. Nun hast w - die Bescherung!"
, Noch niemals hat Ebba den Vater so böse gesehen. > Ist es nur der Unmut, daß eine des verachteten <w-eEv ; Geschlechtes die Ruhe von Schloß ASkö störstt soLk - Oder spricht da noch etwas anderes mit?
Boa banger Sorge blickt sie auf Gnutiar.
Doch der steckt soeben mit unnatürlicher RnSe den verhängnisvollen Brief in die Tasche und wsrwet sich zum Gehen.
„Was wirst du tun?" knurrt Meister Wybrands.
„Meine Pflicht."
„Bah, deine Pflicht! Schreib ihr meinethalbM, d« verzeihst ihr im Andenken an eure verstorbenen Eltern, oder fahre selber nach Christiania und überbringe : ihr deine Verzeihung persönlich! Aber laß sie nicht ' Herkommen! Laß sie nicht Herkommen! Hörst du?" » (Fortsetzung folgt.)