Wüchterner Zeitung
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Amtliches Organ für Stadt und Kreis Schlüchter«
M. 139
Allerlei vom T«ge.
Das Defizit des italienischen Staatshaushaltes ist für das Jahr 1921-22 von 6,070 auf 7,‘275 Millionen Lire ^^^Die schwebende Schuld des Deutschen Reiches an diskontierten Mjatzanweisungen hat sich in der 3eit vorn 1. bis 10. November um 60 268 430 000 auf 663 901937 000 Mark erhöht.
Der Tagelohn für einen Danziger Hafenarbeiter ist auf 360" Mark festgesetzt lvorden. _ _
Die Deutschnationalen haben im Reichstag einen Antrag auf Einführung der Wahlpflicht gestellt.
Die belgische Regierung ist ersucht worden, eine De. leaation zur Lausanner Konferenz zu entsenden.
Oberpräsident Roske hat eine Versammlung der Nationalsozialistischen Partei in Hannover verboten.
Das sächsische GeiamiminisieriNM beschloß, den nein jgervählten Landtag auf den 1. Dezember einzubernfetz ! Der bayerische Landtag lehnte einen Antrag auf sofortige Aufhebung der Volksgerichte mit den Stimmen sämtlicher bürgerlichen Parteien ab.______
In der Schwebe.
Die BetHaudlungen Cunos mit den Parteien. ’
»-»>Der „Lok.-Anz." berichtet: Geheimrat Enno hat sich nach seiner Rückkehr nach Berlin sofort ä« einer Besprechung zum Reichspräsidenten tegeben und hat ferner mit den Führern des Zentrums sowie mit den Führern der herrischen Volkspartei fünfeutert. Selbstverständlich antet über den Inhalt der Besprechungen nichts Nül^.... Im Reichstag haben die Fraktionen der Deutschen Botksimrtei und des Zentrums getagt. Beide Sitzungen sind ur streng vertraulich erklärt worden. Doch verlautet aus Zentrumskreisen soviel, daß erneut von der Persönlichkeit des bisherigen ReichsfinanzministcrS Dr. Hermes gesprochen worden ist. Man darf vermuten, daß nun das Zentrum damit einverstanden wäre, wenn Dr. Hermes wieder Finanzumuster würde. Daß innerhalb der Fraktion des Zentrums starke Kräfte vorhanden sind, die Dr. Wirth wieder an der Spitze des Reichskabinetts sehen möchten, kann W Wunder nehmen.
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fing den früheren Reichskanzler FMreWach. mit dem er neben anderen Dingen auch die Mitische Lage besprochen hat. Wie nach dem „B. T." ferner verlautet, ist beabsichtigt, die Regierungserklärung im Reichstage am nächsten Donnerstag abzugeben, da man hofft, daß bis dahin die neue Regierung gebildet sein wird.
Die Suche nach neuen Männern.
Zur Frage der Kabinettsbildung schreibt die „Boss. 3tg.": Nach unserer Kenntnis beabsichtigt Geheimrat Enno zwei neue Männer aus der Sozialdemokratischen Partei in das Kabinett zu bringen, und zwar außer Dr. Hilferding, der noch nicht der Fraktion angehört und dessen Eintritt in das Kabinett anscheinend auch von den Parteien der Arbeitsgemeinschaft wegen seiner hervorragend sachlichen Eignung sehr gern gesehen würde, auch noch den ihm befreundeten Geschäftsführer der Einkaufs- gesellschast Deutscher Konsumvereine, Hamburg, Ever- ling, der nach der Revolution kurze Zeit dem Hamburger Senat angehört hat. Am umstrittensten wird das jAußenministerium sein. Geheimrat Emwhat das Auswärtige Amt Dr. Hermes angeboten. Diese Wahl hat mehrere Parteien verstimmt, vor allem im Zentrum selbst wenig Beifall gefunden.
Die Deutsche Volkspartei verhalt sich abwartend und -wird ihre Haltung abhängig machen von der Zusammcn- Aetzung des Kabinetts. Die Absicht, das Auswärtige Ämt Dr. Hermes zu übertragen, scheint aber auch in den ^Reihen der Deutschen Volkspartei nicht freundlich auf- <renommen worden zu sein. Die Stellungnahme der Deutschen Volkspartei wrid letzten Endes wohl davon aWingen, ob der neue Kanzler auf die offizielle Mitarbeit der Deutschen Volkspartei Wert legen wird.
Der „Vorwärts" über die Schwrerigkeiteri. v^Xer „Vorwärts" schreibt zur Lage: Die vorhande- Len Schwierigkeiten sind zu fuchen vor allem darin, daß Lu TMer bürgerlichen Politiker an Projekten feitet Leren Unausführbarkeit eben erst durch den ^turz des Kabinetts Wirth praktisch bewiesen worden ist, ab.r amo Karin, daß das Zentrum m seiner augenbi-M
Kng geneigt scheint, jeden Nachfolger Werths mit mip- gnügten Augen zu betrachten. Es gibt zwei Momente, eine Kabinettsbildung zum Scheitern zu bringt, die direkte Ablehnung und die Belast« « mit «nan^ Ehrbaren Vedingnngen. Es besteht die Gefahr, daß öav Mette Moment gegenüber Cuno reichlich zur Anmen- »n«g gebracht werden könnte. Wer mit der Sozialdemo- kratte eine biegierung will, der muß die Sozwldemokratie 4o nehmen, wie sie ist, und nicht so, wie ue, muh seinen Wünsll^it sein müßte. Wird dieses Moment, das Schiff durch tiberlastung zürn Sinken zu bringen, zur Anwendung gebracht, so kann das nur von anderen Porlelen Keschehem Jedenfalls hat die Sozialdemokratte dafür Verständnis gezeigt, daß Deutschland heute innere Wirre«. die aus einer ratlosen Krise entspringen, nicht verträgt Ist dieses Verständnis bei den anderen Parteien anch vorhanden, dann wird es Wer das Kabinett M yt einer Verständigung kommen. Im Augenblick aber ^aen die Dinge noch so, daß es überflüssig ist, darüber Betrachtungen anzustellen, wie die neue Mmisterliste aussehw wird. Kein Name ist gewiß, nicht einmal der * »er ^ 3ki icr ^ ^ j®Ä“ÄS"«Ä
Dienstag, 21. November 1922
sei noch alles im Werden. Harriman habe er mitgeieilt, daß er nun wohl der Hapag untreu werden müsse. Deutschlarrös Politik müsse darauf gerichtet sein, dem Reiche das Vertrauen des Auslandes wieder zu gewinnen. Er hoffe, das Kabinett in »stürze zusammenzu- bringen.
Cuno und die Börse.
Viel besprochen wird m parlamentarischen Kreisen folgende Notiz des „Vorwärts": Die Nachricht von der Berufung Cunos auf den Reichskanzlerposten wurde bereits von der Neuvorker Börse mit einer beträchtlichen, Heraufsetzunq des Markkurses beantwortet. — Auch in Berlin drückte sich die zuversiästliche Stimmung in einem scharfen Rückgänge der Devisen aus.
Englische Hoffuuugeu aus die Deutsche Volkspartei.
Die „Times" bezeichnen es als ein Wunder, daß Wirth es trotz der enormen Schwierigkeiten so lange zu amtieren verstanden habe. Der Eindruck des Regie-j rungswechsels auf die englische öffentliche Meinung ist 70 Prozent Indifferenz, 10 Prozent verstärktes Mißtrauen, 20 Prozent Erwartung einer erheblichen Konsolidierung der deutschen Politik. Wenn die Deutsche Volkspartei aus ihrer bisherigen Stellung Hinter de« Kulissen heranstritt. Zu der dritten Gruppe gehören wohl die meisten der in England maßgebenden Schichten und Meinungen. :
Pomearee Wer de« Merbsturz.
n Kammer wuroe die Aussprache n betreffend die allgemeine nu^
über die
äußere Politik der Regierung fortgesetzt. Mrmsterprä-^ sident Pomearee erklärte zu- Beginn der Rede, daß er versucht habe, festzustellen, daß die Orleutpolim Franke retchs sich keinen Augenblick gegen die Alliierten gewendet habe. Frankreich wolle nur die Aufrechterhaltung
nur geschlossen werden , nach einer Verständigung zwischen den Alliierten. Er hoffe, daß zwischen den Alliierten aus der BrüMer Konferenz in der Reparatious- frage Uebereinsti rrxnrnng erzielt werde. Das Bankier- komitee habe die Frage einer internationalen Anleihe
— . - . . ~ Frankreichs ge-
deut-
66 sei ,
für Deutschland «Sr
nicht verzichtet. Deutschland könne feine Hochfinanz und seine Industriellen veranlassen, einen Teil der ausländischen Devisen, die sie im Auslande besäßen, nach Deutschland zurückzuführen. Nach Kriegsschluß habe das deutsche Reich mit vollen Händen ausgegeben, ohne neue Steuern einzuführen, ja, ohne die bestehenden Steuern einzukassieren. Es habe von der Inflation gelebt. Es könne also nicht mehr behaupten, daß der Marksturz wegen der ungeheuren Schuld und der geleisteten Zahlung erfolgt sei. Poincaree gibt zu, daß Deutschland heute ebensowenig wie ein anderer Staat mit seinem Gelde seine gegenwärtige Schutd begleichen könne. Aber das könne geschehen durch äußere Kredite, die es erhalten könne, wenn es seine Finanzen umgestalte. Deutschland könne aber auch mit Sachlieferungen und durch seine Arbeit für den Wiederaufbau oder durch seine Arbeiter wirken.
Der konservative Wahlsieg in England.
m> Nach dem nunmehr vorliegenden Schlutzergebnis der englischen Wahlen ist hervorzuheben, daß die Konservativen und damit das Kabinett Bonar Law mit einer überwältigenden Mehrheit abgeschlossen haben. Die Konservativen haben 358 Sitze erhalten und werden danach im Unterhause eine Mehrheit von 96 Stimme« über alle anderen Parteien besitzen. Die Arbeiterpartei hat es von 75 auf 138 Sitze gebracht. Sie wird nun die offizielle Opposittonspartei sein. Für die Liberalen ist der durch Lloyd George verursachte Spaltungsprozeß verhängnisvoll gervoü>en. Die Liberale» Lloyd Georges haben nur 54 Sitze gegenüber 121 im alten Unterhause erhalten, während die Liberalen Asguith eine kleine Verbesserung von 52 gegenüber 34 Sitzen zu verzeichnen haben. Von den weiblichen Kandidaten sind nur drei gewählt worden.
Flucht des Sultan».
Die Nationalversammlung von Angora hat nach einer Meldung der „Times" beschlossen, den abgesetzten Sultan vor ein Gericht zu stellen und teilte Auslieferung zu fordern. Anscheinend um diesem Schicksal zu entgehen, ist der Sultan aus Konstantinypel geflüchtet. Bemerkenswert ist, daß der Sultan trotz aller Beschlüsse von Angora nicht auf den Thron verzichtet. Es liegen fol= gende Meldungen vor:
Nach einer Reutennelduug aus Konstancinopet hat sich der Sultan auf das britische Schlachtschiff „Malayg" begeben, das sofort nach Malta abgegaugen im
Weiter meldet Reuter aus Kouftantinovet über die Flucht des Sultans, der Sultan habe General Harring- ton geschrieben, daß er sein Lebe« in Gefahr erachte und lum britischen Schutz bitten müsse. Er beabsichtige jedoch, den Palast nicht vor Freitag zu vertasjeu. Alle Vorbei Leitungen seien daher getroffen worden. Freitag morgen fuhr ein Kraftwagett mit dem stellvertretenden Dragoman der britischen Botschaft und dem Adjutanten des Generals Harrington vor einem Seitcneipgang zum Palast vor. Während die Ablösung der Wache stattfand, begab sich der Sultan mit seinem Söhne Prinz Meymed Ertrogul und sechs Mitgliedern des Prllaftstabes in eilten Kranwagen und „fuhr zu dem britischen Marjue-
74, Jahrgang
stützpunkt, wo General Harrnlgwu uno oer vrrnicye Oberkornmissar Henderson den Sultan empfingen. Der Sultan ging, cchne daß sich ein Zwischenfall ereignete und ohne daß irgend jemand die Flucht überhaupt bemerkte, an Bord des „Malaya". Dort wurde der Sultan vom Vizeadmiral Brock empfangen. Henderson bewillkommnete ihn im Namen des Königs. Der Sultan ver- ficherte, daß er sich unter dem Schutze Großbritanniens -sicher fühle und sagte nachdrücklich, daß er nicht abdavke, sondern sich nur aus der Gefahr begebe, die ihn unmittelbar bedrohe. Die „Malaya" ging sofort nach Malta -ab, wo Anweisungen bezüglich des Aufenthaltsortes für den Sultan eintreffen werden.
Briefivechsel znffsche« K«Mi»a n»d Ebert.
Der bayerische Ministerpräsident Dr. von Knilling hat an den Reichspräsidenten ein Schreiben gerichtet, in dem er Mitteilung von seiner Wahl zum Mlnisterpräsi- denten macht und dann forffährt: Ich möchte nicht verfehlen, hiermit die Mtte zu verbinden, Sie möchten mich in meinem aufrichtigen Bestreben, im Interesse unseres gemeinsamen großen deutschen Vaterlandes wie auch Bayerns die besten Beziehungen zu Reiche zu pflegen, unterstützen. Im einzelnen gestalte ich mir hierwegen auf die Darlegungen in der Programmrede Bezug zu nehmen, die ich im bayerischen Landtag gehalten habe." — Der Reichspräsident hat mit einem Schreiben geantwortet, in dem es heißt: „Ich wünsche Ihnen aufrichtigen Herzens, daß Ihre Amtsführung dem Lande Bayern wie unserem gemeinsamen deutschen Vaterlands zum Segen gereichen möge und darf auch hinten gegenüber die Versicherung wiederholen, daß ich in der Erlial- tung guter und vertrauensvoller Beziehungen zwischen dem Reiche und Bayern sters ente besondere Aufgabe meines Amtes erblicken werde.
Pierpont Morga« kommt nach Berti«?
In Berliner amerikanischen Kreisen erwartet man auf Grund von Mitteilungen aus Paris, daß Pterpour Morgan in allernächster Zeit in Berlin eintreffen wird, um über die schwebenden Finanzlragen Besprechungen aufzunehmen.
Dentfett Reichste
270. Sitzung
Auf der Tagesordnung steht die zweite Berarung des Antrags Hergt td.-n.) auf Ermäßigung der Jnsera- »eustener. Der Ausschuß hat einstimmig beschlossen, die Steuer für die erste Million der vierteljährlichen Jnse- rateneinnahme ein % Prozent zu ermäßigen, für die zweite Million auf 1 Prozent, für die dritte Million aus 1% Prozent und für höhere Einnahmen auf 2 Prozent. ' Abg. Koenen (Komm.) beantragt die Aufhebung der gesamten Umsatzsteuer überhaupt, da sie nur den Ber- Draucher ausbeute, während die Besitzenden mit ihrer Einkommensteuer noch um Jahre im Rüchstande wären bind schließlich mit entwertetem Gelde bezahlten. Zum Im indessen müßten die Arbeitergenossenschaften von der, Umatzsteuer befreit werden.
i Abg. Brüh« td.-n.) tritt für den Antrag des Ausschusses ein.
Abg. Kahmaun (Soz.) gibt au, daß die Umsatzsteuer iin roher Weise wirke und beseitigt tverden sollte. In der nächsten Zeit würden die Sozialdemokraten die Be- reiuung der Konsumgenossenschaften beantragen, jetzt freiten sie aber keinen Anlaß, dem kommunistischen Antrag zuzustimmen.
Antrag Koenen wird nunmehr abgelehnt und der "AuSschußantmg in zweiter und dritter Lesung angenommen gegen die Stimmen einiger Kommunisten.
Die neue Vorschrift soll mit Wirkung vom 1. Ja- üuar 1923 ab in Kraft treten.
Die Novelle zum Gewerbe- und Kaufmaunsgerichis- nesetz, durch die die Zuständigkeitsgrenze der Geldentwertung entsprechend erhöht werden soll, wird nach kur- jzer Aussprache in allen drei Lesungen mit der Maßgabe nur genommen, daß die Gehaltsgreirze für die Zustand ig- feit aus 840 000 Mark erhöht wird.
Alsdann wird die Aussprache über die neue Ge- schästksrduuug des Reichstages fortgesetzt.
Abg. Lebebour (U. S.) protestiert gegen die schema- iische Beharrölung der Frage und beantragt Zurückver- 'meisung des Entwurfs an den Ausschuß.
Nach unwesentlicher Debatte schließt die allgemeine Aussprache. Antrag Ledebour wird gegen die Stimmen der Antragsteller und der Kommunisten abgelehnt. Ab- gelehnt. wird ferner ein Antrag der Deutschnationalen, der auch von der Mehrheit der Volkspartei unterstützt wurde, wonach der Reichstagspräsident mit seiner Wahl aus seiner Fraktion ansscheideu möge.
Das Haus nimmt eine Reihe von Paragraphen ohne weitere Debatte an inid genehmigt einen Antrag der Volkspartei auf Einsetzung eines Ausschusses für Ver- kehrsangelegenheiten.
Nach längerer unwesentlicher Debatte wird die Wei- iterberatmrg auf Sonnabend vertagt.
Die trostlose Kohlenlage.
£ In Berlin haben Verhandlungen zwischen der Re- bargsten«tommtffion und der Reichsregierung stattge- iunden über die neuen Kohlenförderungen der Erteute, Mit welchem Ergebnis, wird sich herausstellen, wenn die Reparationskommission in Paris ihre Beschlüsse gefaßt ^t Dort soll die Entscheidung fallen. In Berlin ist nichts unversucht gelassen worden, die Reparations^ kommtssion unter Beibringung eines erdrückenden Be- weismaterials vor Augen zu führen, wie trostlos die Koblenlaae Deutschlands ist und wie rwmöalich die