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Schüchterner Zeitung

Kreis-Amtsblatt * Allyememer amtlich erAnzeiyev fiir ben Kreis Schlüchtem

Kruckunö Vertag:H.Steinfelö Söhne* Geschäftsff:Bahnhofsto.6 * fevnfpxr.MW* postpcheckk.stankstwtci.M.eseoo

Rr. 3

Dienstag, den 6. Januar 1925

77. Jahrg

Neues vom Tage.

Reichskanzler Dr. Marx ist erneut mit der Regierungs­bildung beauftragt worden.

Die Münchener Polizeidirektion hat das Gesuch eines Aus­schusses unter Dr. Webers Führung um Bewilligung einer Feier zur Freilassung Hitlers im Bürgerbräukeller verboten.

Der Thüringische Landtag tritt am 13. Januar wieder zusammen.

DasVölkische Echo" in Nürnberg hat wegen finanzieller Schwierigkeiten sein Erscheinen eingestellt.

Nach einer Meldung aus London ist zum britischen Kommissar der Nhcinlandkommission Oberstleutnant Perch ausersehen. Auch der britische Vertreter der Rheinlandkommission in Solingen, Derrh, wird sein Amt im Februar niederlegen.

Die Kommunistische Partei in Oldenburg hat den Landtags- abgeordneten Reimers aus der Partei ausgeschlossen, weil er sich weigerte, sein Mandat niederzulegen.

In Italien sind fast alle oppositionellen Blätter beschlag­nahmt worden.

Pflichten.

Der Alltag meldet sich jetzt wieder zu Gaste. Die Fest- uni Feiertage sind verrauscht, das alte Jahr ist dahin, das neue verlangt sein Recht. Und wie es nun einmal steht im deutschen Volk, wird man sagen dürfen, daß dieses Recht zu 99 v. H in Pflichten besteht. Der Kreis unserer Rechte wird immer enger, der unserer Pflichten immer weiter gezogen. Das gilt für das Volk, galt für den einzelnen. Ueber unsere Rechte und Pflichten als Volk zu urteilen, ist uns kaum noch beschieden. Wenigstens tut man nachgerade so im internationalen Verkehr. Die Räumungsfrage hat das wiederum gezeigt. Ein unhalt­barer Zustand. Ein Zustand, der auf jedem einzelnen Deutschen lastet, der Verhältnisse schafft, denen sich jeder ein­zelne in seiner Lebensführung beugen muß. Der eine mehr, -der J^ä* minder, ubei getroffen wird jeder von ihm. So werden aus ehemaligen Rechten Pflichten, und unter den Pflichten wiegt wiederum die Arbeit am schwersten.

Nun hat die Arbeit eigentlich nie auf unserem Volke gelastet, weil sie uns eine Selbstverständlichkeit war. Das deutsche Volk gehört zu den arbeitsfreudigsten der Erde, und der durch diese Arbeitsfreude in Werte umgesetzte deutsche Besitz darf ruhig als eine der Ursachen angesehen werden, die das Chaos 1914 heraufbeschworen. Ist so die Arbeitsfreude ein deutscher Besitz von unendlichem Wert, so drückt die Last, die der Ver- failler Friede unserem Volk auferlegte, leider das Ergebnis deutscher Arbeit zu einem internationalen Besitz herab.' Wir sind nicht mehr Herr dessen, was wir schaffen, unsere Arbeits­kraft ist in ihren Erfolgen nicht mehr unser eigen. Vielleicht ist das einer der Gründe, ja, mehr als das, mit hoher Wahr­scheinlichkeit ist das der Hauptgrund, der so manche moralische Begriffe in Deutschland verschoben hat. Der Arbeitswille wird gebrochen, wenn das Arbeitserzeugnis zu einem hohen Prozentsatz nicht mehr unser eigen sein darf. Die Arbeits­freude muß unter solchen Verhältnissen schwinden, und ehrliche Arbeit kann nicht mehr so hoch im Preise stehen wie früher. Wenn Segen um mit Schiller zu sprechen nicht mehr der Mühe Preis ist, dann lohnt sich die Mühe nicht mehr so wie früher, und mancher wird an der Notwendigkeit ehrlicher Arbeit zu zweifeln beginnen. Daß trotz alledem das deutsche Volk in allen Nachkriegsjahren arbeitsam geblieben ist, stellt ihm ein gutes Zeugnis aus, aber in dem geschmälerten Preis der Mühe liegt doch auch der Antrieb für einen Erwerb, der mindere Arbeit und mindere Gewissenhaftigkeit voraus- fetzt. Daher immer und immer wieder das Aufleben von Fällen unehrlicher Machenschaften, für die früher in Deutsch­land kein Boden war. Daher die Unterschlagungen und Bestechungen, die Betrügereien und Fälschungen von denen im Deutsafland von heute leider so oft die Rede sein muß. Die abgelaufene Woche hat in Berlin ja leider wieder den Blick in einen Riesenskandal tun lassen. Kutisker, Barmatkonzern, Staatsbank, die Kette will nicht abreißen, ein Glied wird beschivert durch das nächste, ein Sumpf, der früher in Deuisch- land nicht möglich gewesen wäre. Ein ganz großer Fall als Beispiel?:ner zertrümmerten Geschäftsmoral, ein ganz großer, ein besonders bezeichnender Fall, aber leider nur einer unter dielet'. Moralische Verwilderung wohin man blickt. Und im Grunde kein allzugroßes Wunder, wurden uns durch den Kriegsausgang doch alle Fundamente ehrlichen Gedeihens unter den Fügen geradezu weggezogen. Da mußte es ein großvj Straucheln und Fallen geben, und die politische Moral j mit ihr-er Gerinaachtung von Verträgen ist auch nicht dazu ao^mn, dcr persönlichen und geschäftlichen Moral ein gutes Beispiel'zu geben. Der Schwache hat keine Rechte, er hat nur Pssich'en, 'ein: Besiegte hat zu tun, was man ihm gebeut, zu geben, 9X1$ man von ihm verlangt. Wie sich das Beispiel der Großen dann im Kleinen auswirkt, zeigt die Zeitgeschichte, zeigt die gelockerte persönliche und geschäftliche Moral. Daß darin inbe^T. k.-ine Entschuldigung für verbrecherische Handlungen, fi'< Unterschlagung und Betrug, Fälschung und Bestechung liegt, ist ii&i^ Im Gegenteil, hier gilt es fest zuzufassin.

Berlin, 4. Januar. Reichskanzler Dr. Marx hat an die Stadt Saarlouts ein Schreiben gerichtet, in dem er erklärt, daß keinerlei Angebot seitens der französischen Regierung über eine etwaige Abtretung der Stadt Saarlouis an ihn ergangen sei. SaS französische Dementi sei demnach richtig.

Marx erneut beauftragt.

Nach den Besprechungen mit den Führern der Reichstagsfraktionen hat der Reichskanzler dem Reichs- Präsidenten über das Ergebnis der Aussprache Bericht erstattet. Da nach der von den Fraktionen eingenom­menen Haltung die Bildung einer auf parlamentari­scher Mehrheit beruhenden Regierung nicht möglich ist, hat der Reichspräsident den Reichskanzler Marx beauf­tragt, eine dieser parlamentarischen Lage Rechnung tragende Reichsregierung zu bilden. Reichskanzler Marx hat den Auftrag angenommen.

Wie sich schon aus dieser amtlichen Mitteilung er­gibt, hatten auch die rein formalen Besprechungen des Kanzlers mit den Deutschnationalen und den Sozial- demokraten keine Klärung der Lage herbeiführen kön­nen. Das Berliner Zentrumsorgan, dieGermania", schreibt zu dieser Wendung der Dinge:

Das Ende vom Liede wird also die Bildung eines überparteilichen Kabinetts sein. Freilich unter­scheidet sich dieses Kabinett von reinen Geschäfts­ministerien der üblichen Art dadurch, daß es die Haupt­träger der bisherigen Politik wieder übernimmt. Wir werden es also mit einer Regierung zu tun haben, die ihrer Vorgängerin wesensverwandt ist. Die neuen Männer, die vermutlich politisch weniger abgestempelt sein werden, dürfen an diesem Charakter nichts ändern.

ein Vorstoß Mussolinis.

Eine Drohrede in der Kammer.

Mussolini hielt in der italienischen Kammer eine äußerst temperamentvolle Rede, in der er sich scharf gegen die Opposition wandte und versteckte Drohungen aussprach. Zuerst verteidigte sich Mussolini gegenüber gewissen Anschuldigungen, als habe er die Gewalt­tätigkeiten gegen Amendola, Misuri und Forni ange­ordnet, und ging alsdann zum Angriff gegen die Oppo­sition über, der er dorwa.es, die Hund »um Frieden ausgeschlagen zu haben; er machte die Opposition für die Unruhe im Lande verantwortlich, der bisher schon eine Reihe Faschisten zum Opfer gefallen feien. Der Hinweis aus falsche Freunde, die er in der letzten Zeit durchschauen gelernt habe, wurde in Kammerkreisen aus Salandra gedeutet. Besonderen Eindruck machte es, als Mussolini mit Energie betonte, daß er Mittel und Wege zur Verfügung habe, um der Opposition ein Ende zu machen, und daß in 48 Stunden die Lage, sei es im guten, sei es mit Gewalt, geklärt werden würde.

Giolittianer, Orlandianer und Kriegsteilnehmer brachten eine Tagesordnung ein, welche die Gewalt­tätigkeiten gegen die Presse und die Ungesetzlichkeiten im Lande tadelt, aber sie sonnte nicht erörtert werden, weil Mussolini ihre Vertagung auf sechs Monate bean­tragte, was seine Mehrheit sofort annahm. Alsdann wurde die Vertagung der Kammer auf unbestimmte Zeit von derselben Mehrheit angenommen und die Sitzung aufgehoben, sodatz die Opposition nicht ein­mal zu Worte kommen konnte.

Stresemann-Rede im Reichsrat.

Berlin, 4. Januar. In der Sitzung des Aus­wärtigen Ausschusses des Reichsrates gab der Reichs­außenminister Dr. Stresemann eine ausführliche Dar­stellung der gegenwärtigen Lage der auswärtigen Po­litik. Er betonte, daß die Note der Alliierten über die Räumung der Kölner Zone noch nicht eingetroffen sei, der Eingang aber demnächst erwartet werde. In der Aussprache wurde die Frage der Handelsverträge besprochen. Auch Reichswirtschaftsminister Hamm nahm dazu das Wort. Beschlüsse wurden im Ausschuh nicht gefaßt.

Zu den Wiener Kommnnistenvcrhaftungcn.

Wien, 4. Januar. Zu den Verhaftungen reichs- deutscher Kommunisten wird noch berichtet, daß sich nach Auflösung des Reichstages viele deutsche Kommu­nisten, gegen die Haftbefehle Vorlagen, nach Oester­reich begehen haben. Die österreichische Regierung hat beschlossen, diese reichsdeutfchen Kommunisten auszu- weisen und einige, die keine Ausweise hatten, zu ver­haften. Dies ist auch in den letzten Tagen geschehen. Die anderen Kommunisten dürften bereits Wien ver­lassen haben. Die Meldung, daß die Kommunisten einen geheimen Kongreß abhielten und eine Aktion unternahmen, um die österreichische kommunistische Par­tei zu reorganisieren und aktionsfähiger zu machen, wird bestritten. Auch die hiesige Sowjetgesandtschaft erklärt, alle Nachrichten, daß die reichsdeutschen Kom­munisten mit Hilfe der hiesigen diplomatischen Ver- tretung Rußlands eine Aktion eingeleitet hätten, seien unrichtig.

Moyiveroleme r,uszrca)n»ngen.

Berlin, 4. Jan. Der Militärschriststeller, General der Infanterie v. Kühl tn Berlin, und der Komponist Hans Pssimer in München sind zu Mitgliedern der freien Bereun- gnna von Gelehrten und Künstlern gewählt worden und haben den'Orden Pour le Mörite für Wissenschaft und Künste erhalten.

Erleichterung der Auslandsreisen.

Aufhebung des Sichtvermerkes.

Nachdem mit dem 31. Dezember 1924 die für die Aus­reise aus dem Reichsgebiet bisher erforderliche steuerliche Unbedenklichkeitserklärung der Finanzämter weggefallen ist, hat der Reichsminister des Innern jetzt eine Bekanntmachung erlassen, die eine Reihe von Bestimmungen der Paßbekannt­machung vom 4. Juni abändert. AIs wichtige Bestim- m u n g ist hervorzuheben, daß Reichsangehörige in Zukunft zum Grenzübertritt keines Sichtvermerks mehr bedürfen, d. h. sie können jederzeit lediglich auf Grund ihres Passus das Reichsgebiet verlassen und in das Reichs­gebiet einreisen. Insbesondere werden auch die Aus­ländsdeutschen von der Verpflichtung entbunden, sich vor der Einreise in das Reichsgebiet bei der zuständigen deut­schen Vertretung im Ausland einen Sichtvermerk zur Wiedereinreise zu beschaffen. Für nichtdeutsche Personen ist von Bedeutung, daß sie für die Ausreise aus dem Reichsgebiet als vom Sichtvermerkszwang befreit gelten, wenn sie beim Grenzüberschritt in bestimmter Form nachweisen, daß sie ihren Wohnsitz oder dauernden Aufenthalt im Reichsgebiet haben.

Die deutscherseits getroffene Neuregelung ändert nichts an dem Umstand, daß leider sämtliche fremden Staaten für die Einreise in ihr Staatsgebiet von Reichsangehörigen noch Einreifevisen Verlangen. Die Reichsregierung wird bemüht sein, zugunsten der Reichsangehörigen Paßtechnische Erleichte­rungen im Verkehr zu einzelnen fremden Staaten nach dem Grundsatz, der Gegenseitigkeit herbeizuführen.

politische Tagesschau.

** Die Räumungsnote. Der diplomatische Korrespondent desDaily Telegraph" bestätigt, daß die Absendung der alliierten Note nicht vor dem 10. Januar zu erwarten sei. Es müsse nicht nur der von den Botschaftern aufgesetzte Text geprüft und wenn notwendig verbeffert werden, sondern die in Frage kommenden Regierungen müßten sich auch über die mündliche Erklärung verständigen, die die Gesandten in Berlin bei der Ueberreichung der Note abgeben sollen.

*« Zu den Handelsvertragsverhandlungen mit Frankreich. In der letzten Vollversammlung der Niederrheinischen Han- delskammer in Duisburg erklärte der Präsident, General­direktor Dr.-Jng. Reusch, zu den Handelsvertragsverhand- lungcn mit Frankreich, mit Wissen der Regierung sei versucht worden, in privaten Verhandlungen die wichtige Frage der Einfuhr von Eisen und Stahl aus Elsaß-Lochringen zu losen, bisher' jedoch ohne Erfolg. Die Schaffung eines internationalen Stahltrustes, die im Zusammenhang mit diesen Verhand­lungen in der Oeffentlichkeit verhandelt wurde, sei ganz aus­geschlossen. Möglich sei nur die Wiederherstellung von Ver­einbarungen, wie sie vor dem Kriege bestanden haben, und die sich lediglich auf Schienen und Formeisen beschränken. Die von den Franzosen gewünschte Aufrechterhaltung der zoll- freien Einfuhr Elsaß-Lothringer Erzeugnisse, wie sie bisher auf Grund des Friedensvertrages geschah, dürft unter keinen Umständen zugegeben werden.

^ Straffer legt sein Mandat nieder. Aus München wird amtlich mitgeteilt, daß der völkische Landtagsabgordnete Gregor Straffer, der im Wahlkreis Niederbayern auf dem Wabl- VorschlagVölkifcher Block" gewählt worden ist, auf diese Wahl verzichtet hat und aus dem Bayerischen Landtag aus­geschieden ist.

-- Zur Verhaftung des kommunistischen Abgeordneten Katz in Wien wird von dort aus weiter berichtet, daß sich Katz in Wien zur Teilnahme an einer internationalen Konferenz kommunistischer Führer aufhielt, die eine Neuorganisation der österreichischen Partei zum Ziele hatte. Außer Katz befanden sich auch die «eichstagsabg. Ruth Fischer und verschieden- andere deutsche und russische Kommunisten in Wien. Auf die Nachricht von der Verhaftung des Katz haben die nach Wien gekommenen Kommunisten die Stadt, teilweise unter Zurück- lassun" eines Teiles ihres Reisegepäcks, fluchtartig verlassen.

*« Das bayerische Konkordat. Während in den letzten Tagen noch von der Wahrscheinlichkeit einer weiteren Verzögerung des Konkordats berichtet wurde, teilt jetzt das Organ des Baycrifchen Bauern- und Mittelstands - Bundes mit, daß bereits am nächsten Mittwoch im Berfaflungs-Ausschuß des Landtages mit der Annahme des Mantelgesetzes zu den Kirchenverträgen zu rechnen ist. Im Plenum werden nach der Mitteilung des Blattes die Koalitionsparteien, die Zen- trumSabgeordneten und der Beamtenvertreter, Abgeordneter Kratofil, für das Mantelgesetz stimmen, welches damit mit 73 gegen 56 Stimmen der Sozialdemokraten, der Völkischen, der Kommunisten und der Demokraten zur Annahme gelangen dürfte.

" Oesterreichs Auseinandersetzung mit den Habsburger«. Die österreichische Cbristlich-Soziale Partei hat entsprechend, dem Drängen aus ihren Wählerkreisen den Beschluß gefaßt, die Frage der Habsburgischen Vermögenskonfiskation ein­gehend zu prüfen. Zu diesem Zwecke wurde ein besonderer Ausschuß gebildet, der eine Ueberprüfung des Konfiskations- ^esetzes vom Jahre 1919 vornehmen soll, was durch das Vermögen der Habsburger zugunsten der österreichischen! Republik beschlagnahmt wurde. Die Christlich-Soziale Partei will versuchen, einen gerechten und billigen Ausgleich in dieser Frage herbeiführen. *