Schlüchtemer Zeitung Kreis-Amtsblatt * Ullyememer amtlicher Anzeiger für öen Kreis Schluchtem örmkunö Verlag:tz.SteinfeLö Söhnen Geschäftsst-.Bahnhofstv.6 ★ fernspv.Nr.^ * Postscheck: P?cmkftMa.M.2ZD »M««W—»—-»»--»—-»»«»——»«—««»«N»«--»EE»W>«««^—«^«»M«»»»M»»»MM»W»»«»»»««««MW»^»EM««»»W«^W»^»»WW»»WW»M»^>M^^
Nr. 11 (1. Blatt) Samstag, den 24. Januar 1925
77. Jahrg.
Amtliche Bekanntmachungen.
Landratsamt.
A. VII. Nr. 65. Schon seit längerer Zeit hat sich, bei der hiesigen Handwerkskammer das Fehlen eines umfassenden Verzeichnisses der Handwerksbetriebe ihres Bezirks als ein Mangel bemerkbar gemacht, dessen Abstellung nicht länger hinauögescboben werden kann.
Einmal ist diese Aufstellung bestimmt, eine wesentliche Unterlage für Statistiken zu liefern, sodann kommt sie mangels ausreichenden steuerlicyen, insbesondere gewerbesteuerli- chen Materials für die künftige Regelung der Aufbringung des Haushaltsbedarfs der Kammer in Frage und schließlich zwingt eine dringende binnen kurzem zu schaffende organisatorische Neueinrichtung unmittelbar zur Anfertigung der Liste. Insoweit die Handwerksbetriebe Gewerben angehören, * für die Zwangsinnungen bestehen, käme in Frage, die erforderlichen Angaben von diesen zu beschaffen, indessen würden auf diese Weise, da nur ein Teil der Gewerbe zu Zwangs- innungen organisiert ist, die Verzeichnisse nur teilweise zu erlangen sein. Um zu einem lückenlosen Material zu kommen, bleibt nach Lage der Verhältnisse, wie eingehende Erwägungen ergeben haben, nur übrig, die Urlisten gemeinde- weise durch die Gemeindebehörden aufstellen zu lassen.
Die Listen müssen sämtliche selbstständige Handwerker des Ortes umfassen und auch als Adrcssenmaterial verwendbar sein. Die Vordrucke werden den Gemeinden von der hiesigen Handwerkskammer unmittelbar geliefert werden und sind nach Ausfüllung durch die Gemeindebehörden auch wieder, und zwar bestimmt bis zum 5. k. Mts. unmittelbar an die .Stummer zurückzureichen. In Fällen, in denen Wohnsitz und Beiriebsstätte eines Handwerkers in verschiedenen Gemeinden Legen, ist der Wohnsitz maßgebend.
Cassel, den 13. 1. 1925. Der Regierungspräsident.
. Lez. Springorum.
—
J.-Nr. 521. Die Ortöpolizeibehörden und Landjägereibeamten mache ich auf die im Amtsblatt Nr. 3 der Regierung in Cassel unter Ziffer 24 zum Abdruck gelangte Bezirkspolizeiverordnung vom H. Januar d. Js. betr. öffentliche karnevalistische Veranstaltungen aufmerksam.
Gemäß Erlaß des H rrn Munsters des Innern vom 31. Dezember 1924 — II. E. 1792 —, betr. Karnevalsver- bot (Min. Bl. f. d. t. V. 1925 Seite 5) verbietet die neue Polizeiverordnung ebenso wie schon die gleichzeitig aufgehobene Bezirks-Polizeiverordnung vom 5. Januar 1922 (Amtsblatt S. 13) alle öffentlichen karnevalimschen Veranstaltungen unter freiem Himmel; derartige öffentliche Veranstaltungen in geschlossenen Räumen werden an eine schriftliche polizeiliche Erlaubnis geknüpft, die spätestens 10 Tage vorher bei der Ortspolizeibehörde zu beantragen ist.
Schlüchtern, d. 20. 1. 1925. Der Landrat. J. V.: Schultheis
I .-Nr. 671. Diejenigen Ortsbehörden, welche mit der Erledigung meiner Verfügung vom 12. d. Mts. Nr. 244— Kreisamtsblatt Nr. 7—, betr. die Zahl der Geburten und Todesfälle im Jahre 1924 pp. noch im Rückstände sind, werden an deren sofortige Erledigung erinnert. Schlüchtern d. 22. 1. 1925. Der Landrat. I. V: Schultheis.
I.-Nr 585 In der Gemeinde Dipperz, Kreis Fulda, ist die Maul- und Klauenseuche festgestellt worden.
Schlüchtern, b. 20.1.1925. Der Landrat. J. V.: Schultheis.
I.-Nr. 518. Die Herren Bürgermeister ersuche ich, die Verzeichnisse der Handwerksbetriebe mit größter Sorgfalt aufzustellen und b e st i m m t b t 6 z u m 5. n. Mts. a n die H a n d w e r k s k a m m e r in Cassel einzusenden.
Schlüchtern, den 20. 1. 1925.
Der Landrat. J. V.: Schultheis.
Kreisausschust.
J.-Nr. 285 K. A. Das Landeöbauamt Fu'da ist beauftragt, die Verordnung über die Erhebung von Voraus eistun- gen für die Wegeunterhaltussg vom 25. November 1923 (G. S. S. 540) für, die Landstraßen und Landwege Schlüchtern durchzuführen. Die in Frage kommenden Unternehmer, das sind alle die, die innerhalb des Landkreises Schlüchtern befestigte öffentliche Wege mit Fahrzeugen über das gemein übliche Maß hinaus benutzen oder durch Dritte benutzen fassen, wollen dein Landeöbauamt die notwendigen Unter- lagen auf Erfordern zur Verfügung stel e 1. DaS Landes au- amt ist ermächtigt, über die Höhe deS zu zahlenden Jahreü- PauschbetrageS mit den Unternehmern zu verhandeln.
Schlüchtern, den 19. Januar 1925.
Der Vorsitzende deS KreiSauSschusseö.
Stadt Schlüchtern.
Oeffentliche Mahnung.
An alle Zahlungspflichtigen, die ihre an die Staht- kaffe Schlüchtern zu entrichtenden Steuern und sonstigen Abgaben noch nicht bezahlt haben, ergeht hierdurch öffentliche Mahnung.
Eine Einzelmahnung erfolgt nicht.
Bei Meldung zwangsweiser Einziehung sind sofort zu zahlen:
Preußische Grundvermögenssteuer, Preuhi- sche Hauszinssteuer, Gewerbesteuer, Waffergelder, Pachtgelder, Schulgelder, und andere Abgaben.
Schlüchtern, 20. 1. 1925. Der Magistrat: Gaenßlen.
Wirth gegen Luther.
Der ehemalige Reichskanzler in Opposition. -
Der ehemalige Reichskanzler Dr. Wirth erklärt« in einer Unterredung mit einem Pressevertreter über seine Stellung zu bent Kabinett Luther und zu der vom Reichskanzler abgegebenen Regierungserklärung u. a., daß er zu dieser Regierung in Opposition stehe und sich nach dieser Richtung von seinen politischen Freunden, welche eine Art wachsame Neutralität als Ausdruck der politischen Meinung des Zentrums bekannt gegeben hätten, unterscheide.
Diese wachsame Neutralität ergänze er durch wachsames Mißtrauen. Es sei ganz zweifellos in den Reihen der Zentrumsanhänger im Lande eine starke Beunruhigung vorhanden, welche auf eine lebhafte Aussprache in unseren Kreisen geradezu hindränge. Die Erklärung des Zentrums ziehe nach rechts so scharfe Grenzen, daß man es nur schwer verstehen könne, wie das Zentrum in einer solchen Regierung zwei Minister, die ihm nahestanden, habe lassen können. Er halte . das Verbleiben von Zentru^-mwistern in dem Kabinett Luther nicht für politisch richtig.' Die Zentrumsfraktion habe jedoch den anderen Weg vorgezogen.
Die Zentrumsfraktion — so sagte Wirth weiter — werde allerdings denjenigen Mitgliedern, die anderer Auffassung seien, durchaus Gelegenheit geben, ihre abweichende Meinung durch Stimmenthaltung oder entschiedenes Nein zum Ausdruck zu bringen. Das Zentrum kenne keinen Fraktionszwang. So nehme er sich die Freiheit, als entschiedener Republikaner dieser Regierung gegenüber das klare und entscheidende Nein auszu- sprechen.
Deutschlands Zahlungsfähigkeit.
Auf 40 Milliarden geschätzt.
Der belgische Ministerpräsident Theums gab in Ergänzung seiner letzten Kammerrede, gestern nachmittag im Senat eine neue Erklärung über die Ergebnisse der Pariser Finanzkonferenz ab.
Die Zahlungsfähigkeit Deutschlands sei von den alliierten Sachverständigen aus 40 Milliarden Goldmark sestgesetzt worden, die Deutschland in Ausführung des Sachverständigenberichts zu zahlen habe. Der Anteil Belgiens an den Reparationen sollte ursprünglich mit nur 2,5 Prozent bemessen werden. Thcnnis sei es gelungen, 4 Prozent durchzusetzen. Der belgische Anteil werde aber 4,8 Prozent, vielleicht sogar 5 Prozent erreichen.
Zur Frage der belgischen Schulden gegenüber Frankreich erklärte Theunis, daß darüber augenblicklich Verhandlungen stattfinden. Die belgischen Verpflichtungen belaufen sich auf 216 Millionen Franken. Von französischer Seite sei vor- geschlagen worden, die gegenseitigen Schulden in Form von Konventionen zu verrechnen. Es liege kein Grund vor, dieses Anerbieten abzulehnen, da es den Vorteilen Belgiens entspreche. Belgien werde 1928—1929 auf Gruird des Sachver- ständigenberichts 500 Mill. Franken erhalten, die es für die Abzahlung seiner Schulden verwerten werde. Das Pariser Finanzabkommen habe vielfach enttäuscht. Ohne Zweifel hätte Belgien besser abschneiden können, doch ist zu bedenken, daß mir nicht die einzigen Opfer des Krieges sind. Es ist immer- hin festzuhalten, daß das Abkommen einen größeren Anteil an den Zahlungen sichert. Wir werden endlich aus der Lage herouskommen, in die wir durch den Krieg hineingeraten sind.
Eine Zwischennote!
London, 22. Jan. Der diplomatische Berichterstatter deS „Daily Telegraph" schreibt, die alliierten Regierungen, be« sonders die britische seien geneigt, eine Weitere vorläufige Rote nach Berlin zu seuoen, die auf die von Stresemann vor- g brachten Argumente und Anfragen in einem allgemein gehaltenen Sinn antworten würde. Auf diese Weise werde Zeit für eine eingehende Erörterung des Berichts der Kontroll- kommission zwischen den alliierten Regierungen gewonnen werden, bevor über den genauen Wortlaut der endgültigen Note an Deutschland eine Entscheidung gefällt wird.
Die breite Grundlage des Kabinetts.
Der zweite Tag der großen Aussprache im Reichstag schloß mit einer erneuten Rede des Reichskanzlers Dr. Luther, in der dieser mit Befriedigung feststelle» konnte, daß das außenpolirische Programm seiner Regierung im Reichstage eine breite zustimmende Front gefunden habe. Der Kanzler tat das mit den Worten: „Mir scheint diese Feststellung für die weitere Arbeit des Kabinetts von größter Bedeutung; denn es wird in der Tat in schwierigen Aufgaben, deren Lösung das Kabinett auf sich genommen hat, eine starke Stütze für das Kabinett sein, wenn es weiß, daß seine auswärtige Politik eine solche breite Grundlage im Deutschen Reichstag hat."
Im Zusammenhang mit der Nichtraumung der Kölner Zone kam Dr. Luther dann auf den immer noch ausstehenden Bericht der Militärkontrollkommission zu sprechen, der der Reichsregierung immer noch nicht zugegangen ist. Der Kanzler erklärte dazu: „Sollten die Ententemächte Material im Besitz haben, so kann ich hier nur den dringenden Wunsch aussprcchen, daß dieses Material uns baldmöglichst zugeleitet werden möchte, sowie das Bedauern darüber aussprechen, daß diese Zuleitung nicht längst erfolgt ist. Dazu wäre während der Ausübung der erneut aufgenommenen Kontrolltätigkeit die beste Gelegenheit gewesen. Ich glaube allerdings, daß nach etwaiger Vorlegung solchen Materials wir den Ententemächten den Nachweis erbringen würden, daß dieser Material in großem Umfang unzut«fferü> ist."
Weiter befaßte sich Dr. Luther auch noch einmal mit dem Auslande, indem er in bezug auf das Dawes-Abkommen hervorhob: „Das Ausland, das naturgemäß großes Gewicht daraus legt, daß die einmal abgeschlossenen Abkommen nun von uns auch erfüllt werden, muß uns auch in den Bestrebungen unterstützen, die dahin gehen, eine Form zu finden, in der wir die innere Lastenverteilung, in der Wrr die innere Lösung der Aufgaben unsererseits vollziehen können. So ist es durchaus nicht richtig, wenn Stimmen aus dem Ausland herMerklingen, die in dieser Mehrheitsbildung den mangelnden Willen sthen im Sinne der Ausführung dessen, war abgeschlossen ist. Ich sehe umgekehrt m der Mehrheitsbildung als solcher eine brauchbare Methode, um einen Weg zu finden, wie man in sachlich tragbarer Weise das ausführen kann, wozu wir verpflichtet sind."
Zum Schluß seiner längeren Ausführungen faßte der neue Reichskanzler die sachliche Einstellung seines Kabinetts noch einmal in folgenden Worten zusammen: „Wenn gesagt worden ist, das Kabinett sei zu weit nach rechts gegangen, so wissen Sie alle, daß ich als Kanzler zwar durchaus nicht Diese Srrge gehabt habe, denn ich habe einfach ein sachliches Mehrheitskabinett für mich gesucht. Aber ich habe mich wohl bemüht, auch Persönlichkeiten zu gewinnen, die für die politische Einstellung als mehr links gerichtet gewirkt hätten. Sch glaube, daß darüber der Demokratischen Partei die inzelheiten bekannt sind. Sie werden durch Ihr Urteil darüber zu entscheiden haben, ob Sie der Regierung, wie sie unter meiner Kanzlerschaft gebildet ist, die Voraussetzung zur Arbeit geben wollen. Diese Entscheidung wird, wie ich an« nehme, in den nächsten Tagen gefällt werden. Fällt die Entscheidung so aus, daß ich mit meinen Kollegen die Arbeit aufnehmen kann, so werden wir uns bemühen, sachlich« Arbeit, wie ich nur wiederholen kann, im Dienst« des ganzen deutschen Volkes zu leisten."
In Berliner parlamentarischen Kreisen wird angenommen, daß der Reichskanzler kurz vor der entscheidenden Abstimmung über den Billigungsantrag noch einmal das Wort ergreifen wird. Wie die dem Reichsaußenmin-ster Dr. Stresemann nahestehende „Zeit" erfährt, wird dieser im Laufe der politischen Aussprache das Wort nicht ergreifen, da der Kanzler alle außenpolitischen Fragen bereits genügend gewürdigt habe und zu einer großen außenpolitischen Red« die gegenwärtige Lage keinen Anlaß gebe.
Deutschlands guter Wille
Die Ausführung deS Tawes-Planes.
Der ReParationSagent Parker Gilbert hat der Repa- rationskommission erklärt, daß die Ausführung des Sachverständigengutachtens durch Deutschland einen außerordentlich befriedigenden Verlauf nehme. Gilbert wies dabei auf ine Tatsache hin, daß Deutschland bisher 22 Millionen Goldmark an die Alliierten zuviel gezahlt habe. Auf die politische Situation ging der Generalagent nicht näher ein. Hob jedoch hervor, daß der neue Reichskanzler Dr. Luther die Ausführung des Dawes-Planes in vollem Umfange zugesichert habe. Obwohl Gilbert e§ ablehne, sich zu den politischen Fragen zu äußern, wies er darauf hin, daß die Nichtraumung des Kölner Brückenkopfes die Ausführung des Dawesgutachtens betracht- lich erschwere. Die Unterbringung der 16 Milliarden Eisen- bahnobligationen und der 5 Milliarden Jndustricver.- schreibungen wurde nicht näher erörtert, doch glaubt man die Jndustrieverfchreibungen innerhalb der nächsten sechs Monate auf dem Weltmarkt unterbringen zu können. Gilbert wird am Samstag nach Berlin zurückkehren und erst wieder in ein paar Wochen in Paris Bericht erstatten.