SchlWemer Zeitung
Kreis-Kmtsblatt * Myemeinee amtlicher KnzeLger für Kar Kreis Ächlüchtem
Nr. 14
Dienstag, den 2. Februar 1926
78 Fahrg.
Amtliche Betanntmachnngrn
Landratsamt.
J.-Nr. 937. Bis zur Neubesetzung der hiesigen Be- terinärratöstelle ha<7 der Herr RegierungS-Präsident den Herrn Veterinärrat Dr. Goldmann in Fulda mit der Mit Versetzung dieser Stelle beauftragt.
Zu Seuchenfeststellungen usw., die zweckmäßigerweise von Gelnhausen aus zu erledigen sind, kann auch der Veterinärrat Dr. Ocker in Gelnhausen herangezogen werden.
Schlächtern, den 28. Januar 1926.
Der Landrat. J. V.: Schultheis.
Allgemeine Ortskrankenkaffe Schlüchtern.
Bekanntmachung.
Die alsbaldige Einzahlung der noch rückständigen Beiträge aus den Zahltagen für die Monate Oktober, November und Dezember 1925 wird hiermit in Erinnerung gebracht.
Hebetermine finden statt:
1. In Sterbfritz, am Freitag, den 5. Februar 1926, von nachmittags 3 bis 6 Uhr, in der Böhmschen Gastwirtschaft daselbst;
2. In Steinau, am Mittwoch, den 10. Februar 1926, von vormittags 10 bis 4 Uhr nachmittags, in der Eckart- schen Gastwirtschaft daselbst;
3. In Salmünster, am Mittwoch, den 17. Februar 1926, von vormittags 9 bis 12 Uhr im Gasthause „Zum Engel" daselbst;
4. In Soden, ebenfalls am Mittwoch, den 17. Februar 1926, von nachmittags 1 bis 4 Uhr im Gasthause „Zur Hoffnung" daselbst, und zwar wie seither auch für alle den genannten Orten naheliegenden Gemeinden.
Rückstände müssen wegen des Jahresabschlusses unverzüglich zur zwangsweisen Einziehung gebracht werden.
Schlächtern, den 30. Januar 1926.
Der Vorstand der Allgemeinen Ortskrankenkasse.
Die poliiik der kommenden Woche.
(Von unserem Berliner Mitarbeiter.)
Die Arbeiten des Reichskabinetts, das durch die Annahme des Vertrauensvotums am Donnerstag erst die verfassungsrechtliche und parlamentarische Grundlage erhalten hat, werden in der kommenden Woche mit verstärk- E Eifer wieder ausgenommen werden. Zunächst findet rm Mittwoch die ursprünglich für letzten Sonnabend ange- jetzte Sitzung des Auswärtigen Ausschusses statt, in der vor allem der Antrag der Deutschnationalen über die Verschiebung des E i n t r i t t s in den V ö l k e r b u n d M Debatte stehen wird. Die Meldung eines Berliner Blattes, daß in dieser Sitzung bereits die letzte Entscheidung über den deutschen Antrag zum Völkerbund gefällt und daß dann der Antrag unverzüglich gestellt würde, wird von zuständiger Seite als irreführend bezeichnet. Wie wir erfahren, steht die Regierung auf dem Standpunkt, daß erst der Auswärtige Ausschutz zu hören ist und daß sich dann das K a b i n e t t darüber s ch l ü s s i g zu werden hat, wann es den Antrag in Genf stellen soll. Im gegenwärtigen Augenblick läßt sich noch keineswegs sagen, wann die Reichsregierung die Zeit zur Stellung des Antrages für gekommen hält. In parlamentarischen Kreisen nimmt man es als selbstverständlich an, datz der deutschnationale Antrag abgelehnt wird. Nach den Erklärungen, die Luther und Stresemann im Reichstag abgegeben haben, ist viel- mehr eine so rechtzeitige Anmeldung Deutschlands zum Völkerbund zu erwarten, daß der Eintritt noch zu der 6 r u h j a h r s t a g u n g des Völkerbundsrates im März erfolgen kann.
w Auch die ursprünglich für Mittwoch dieser Woche in Aussicht genommene Etatrede des neuen Finanzministers V e i n h 0 l d ist auf die übernächste Woche verschoben worden. Der Reichstag wird sich in dieser Woche nur mit w Vorlagen beschäftigen. Die wichtigste innen- politische Angelegenheit der nächsten Tage ist zweifellos me Frage der F ü r st e n a b f i n d u n g. Am Freitag ist m einer interfraktionellen Besprechung ein Gesetzentwurf vereinbart worden, der in der Frage der Fürstenabfindung reichsgesetzliche Regelung herbeiführen soll. Vor Wortlaut des Antrages ist vertraulich und wird erst am Dienstag von dem Vorsitzenden des Rechtsausschuffes Vr. Kahl eingebracht werden. Wie man annehmen kann, vewegt er sich in der Richtung des Kompromisses, das wiederholt in seinen Hauptpunkten schon gekennzeichnet ^drden ist. Der Antrag findet die Unterstützung der putschen Volkspartei, des Zentrums, der Demokraten, der Bayerischen Volkspartei und der Wirtschaftlichen Vercini- ?un0- Er wird vor seiner Veröffentlichung auch den an» Parteien unterbreitet werden, und es besteht Grund Erwartung, datz er die Herbeiführung eines Kom- promisses auf breiter Parteigrundlage ermöglichen wird.
nimmt an. dab auch die Deutschnationalen diesem Kompromiß zustimmcn werden. Zweifelhaft ist die Hak- rung der Sozialdemokraten. Doch dürften diese nicht so ohne weiteres von ihren: bereits eingeleiteten Volksent- Icheid zurücktreten.
Befreiung der Kölner Zone.
Flaggenuieverholung in Köln und Bonn.
Wenn auch die Räumung Kölns offiziell erst in der Nacht vom Sonntag zum Montag erfolgt ist, so hat sie sich doch tatsächlich schon am Sonnabend nachmittag vollzogen. Pünktlich um 3 Uhr, wie vorgesehen war, wurde die britische Flagge auf dem englischen Hauptquartier in Köln eingeholt. Die zur Parade ausmarschierten englischen Truppen zogen darauf nach dem Bahnhof und verließen eine halbe Stunde später die Stadt. Köln ist damit frei. Eine ungeheure Menschenmenge wohnte dem Schauspiel unter lautem Jubel bei.
Schon eine Stunde vor dem historischen Akt hatte sich eine ungeheure Menschenmenge auf dem Domplatz gegenüber dem englischen Hauptquartier angesammelt. Kurz vor 3 Uhr erschienen der englische Generalstabschef Oberst Horpe, der Delegierte der Rheinlandkommission Oberst Birch und der englische Generalkonsul Dun. Kurz vor 3 Uhr erklang englische Militärmusik, und eine Kompagnie englischer Infanterie erschien aus dem Domplatz. Ein englischer Feldwebel, Greenood, der bereits seit Beginn der Besetzung in Köln ist, hatte die Aufgabe, die Flagge einzuholen.
Die Truppe präsentierte, c" erklang die englische Nationalhymne und die Flagge wurde heruntergeholt. Wenige Minuten darauf wurden die rot-weitzen Kölner Farben auf dem Gebäude gehißt. Wäh^nd dieses seier- lichen Moments brauste aus den Kehlen der ungezählten Tausende deutscher Zuschauer Freudenrufe über den weiten Domplatz.
Die englischen Truppen marschierten unmittelbar nach Einholung der Flagge zum Bahnhof ab, wo sie nach Wiesbaden verladen wurden. Es war ein Zug für sie bereitgestellt, der die 500 Mann, die den Rest der englischen Besatzung in Köln gebildet hatten, aufnehmen konnte. Zurückgeblieben sind nur ein englischer Soldat, der in einem Kölner Spital liegt, und das Personal der englischen Heilsarmee. Der Sonderzug, der die Engländer nach Wiesbaden brächte, fuhr um 3 Uhr 35 Minuten aus der Halle, und damit war Köln bon Engländern frei.
Einige Zeit nach dem Einziehen der .englischen Flagge wurde auf dem bisherigen britischen Hauptquartier eine riesige schwarz-weiße Preußenfahne unter den brausenden Hochrufen der noch immer zahlreich aus dem Domplatz versammelten Menge gehißt.
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Ein telegraphischer Gruß.
Das Kölner Telegraphenamt hat an alle mit ihm verbundenen Telegraphenämter aus Anlaß der heute erfolgten Räumung Kölns folgenden Gruß gesandt:
„Es loht der Himmel in roter Glut, Es brennen die Fackeln, es brennt das Blut. In den Glockenturm jauchzen die Lieder hinein: Es lebe die Freiheit am deutschen Rhein!
Die Berge klingen, es braust der Strom, Die Glocken jubeln vom hohen Dom, Verrauscht die Jahre, die wir verbüßt, O Freiheit am Rhein, sei gegrüßt!"
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Die Frauzosen verlassen Bonn.
Kurz vor drei Uhr stellte sich die letzte, in Bonn zurückgebliebene französische Kompagnie vor den: Hauptquartier im prächtigen Schloßgarten in unmittelbarer Nähe der Universität auf, um hier zunächst die Hauptwache einzuziehen. Dann erschollen die Hellen Klänge zum Marsch nach der Poppelsdorfer Allee, wo vor, dem Haus des Kommandierenden Generals noch die französische Fahne wehte. Unter Paradeaufstellung und unter den feierlichen Klängen der Marseillaise wur^ - die Trikolore am hohen Balkon eingezogen, schlie bom Stock geschnitten und zufammengefaltet. D. hielt der General mit gezogenem Degen angesichts der gesenkten Regimentssahne eine Ansprache. D:c Verladung der Truppen erfolgte aus dem Güterbahnhof.
Der Abbau der Bezirksdelegation Koblenz.
Koblenz, 1. Februar. Das hiesige Regierungsge- bäudc, in dein bisher die Kreis- und Bezirksdelegation Koblenz untergebracht war, ist fast völlig geräumt. Die Dienststellen haben ihre Abwicklungöarbeiten erledigt. Die Beamten sind zum weitaus grüßten Teile in ihre Heimat entlassen worden. Nur einige von ihnen, darunter auch die Pressestelle, wurden zum Oberpräsidium verlegt. Mit dem 15. Februar muß das RegierungSgebände geräumt sein.
— Der Deutsche Reichstag hat sich aus Mittwoch, den 3. Februar, vertagt.
— Die Vorarbeiten für die Wahlreform sollen aus Anweisung des RcichSiuncnministerv sofort abgeschlossen werden.
— Der Auswärtige Ausschuß des Reichstages ist zu einer Sitzung aus Mittwoch, den 3. Februar, unberufen worden. I» dieser Sitzung wird Rcichöaubenminister Dr. Stresemann die in seiner Rede am Donnerstag angekündigten näheren Mitteilungen mache».
Befreit!
Von
Richard Posselt.
In mitternächtiger Stunde zum 1. Februar kündete die Deutsche Glocke am Rhein vom Kölner Dom den Anbruch neuer deutscher Freiheit am Rhein und alle Glocken, nicht nur Kölns, sondern des gesamten befreiten Landes setzen zu feierlichem Dank- und Frei- Heitsgeläute ein. Kölner Land, rheinisches Land, heiliger deutscher Boden von fremder Besatzung frei! Nur wer weiß, was diese Bevölkerung in diesen langen, schweren 7 Jahren fremder Besatzung erduldet hat, wer ahnt, wie diese deutschen Brüder und Schwestern diesen Tag der Freiheit herbeisehnten, der wird begreifen, welche Gefühle ihre Herzen in dieser mitternächtigen Stunde erfüllten. Schon im letzten Sommer aus Anlaß der Rheinischen Jahrtausendfeier zur Erinnerung an tausendjährige Verbundenheit deutscher Kultur rechts und links des Rheines hat das übrige deutsche Volk gesehen wie unerschütterlich der Glaube am Rhein an die unbezwingliche Einheit des deutschen Volks- und Stammestums ist. Wie stark die Treue zu Reich und Volk am Rheine wurzelt und wie groß die Hoffnung und derWillezudeutscherZukunft und deutscher Treue im rheinischen Volk begründet ist. Heute, wo auch die letzten Fesseln und Schranken zwischen den Ländern rechts und links des Rheines wenigstens am Riederrhein gefallen sind, werden diese Bande der Zusammengehörigkeit deutscher Volksstämme im Osten und Westen deutschen Landes sich immer fester gestalten. Nicht rauschende Feste sollen und werden gefeiert, um diesen Tag der Freiheit zu grüßen, aber die Freude wird impulsiv aus den Herzen der rheinischen Bevölkerung hervorlodern, daß endlich die Ve- satzungszeit ihr Ende fand.
Wenn heute die erste Besatzungszone vom letzten Mann fremder Besatzung frei wurde, so erfüllen die Besatzungs- mächte nur eine V e r t r a g s p f l i ch t, der sie allerdings schon ein volles Jahr früher hätten nachkommen müssen. Keine Militärkommission, keine Botschafterkonferenz und keine Alliierte Regierung wird dem deutschen Volk die Auf- , kassung nehmen können, daß die Besatzungszeit für die 1. Zone willkürlich und ohne Rechtsgrund um' ein volles Jahr verlängert wurde. Die Rechtslage und die Vertragsleistun- Si Deutschlands in der Frage der Reparationen und der twaffnung war so eindeutig feststehend, daß nur sehr vage Behauptungen und sehr fadenscheinige Begründungen vorgebracht werden konnten, um die Besatzungszeit der 1. Zone durch Willkür der Vertragsbruch zu verlängern. Das muß ausgesprochen werden auch an dem Tage, wo trotz allem das deutsche Volk Freude und Genugtuung darüber empfindet, daß endlich ein Stück rheinischen Landes recht- und vertragsmäßigen Zuständen zugeführt wurde. Es soll nicht darauf eingegangen werden, daß es zur Erreichung dieses Zustandes noch sehr eindringlicher deutscher Vorstellungen in den Hauptstädten der alliierten Mächte bedurfte. Ein Vertragszustand ist geschaffen worden, nichts anderes!
Hierbei aber allein darf es nicht bleiben. Mit Deutschland haben England, Frankreich, Belgien und Italien am 1. Dezember v. I. in London einen Pakt unterzeichnet, der der Befriedung Europas, der Versöhnung einstmaliger Gegner, der Schaffung eines neuen Geistes auch am Rhein dienen soll. Die Wirkungen dieser Abmachungen von Locarno müssen die Verhältniße auch in den besetztbleiben- den Zonen vollkommen umgestalten. Soll dieser in Locarno so eindringlich gepredigte neue Geist sich wirklich durchsetzen, dann hat eine fremde Besatzung am Rhein keine Daseinsberechtigung mehr. In Deutschland verlangt niemand etwas Unmögliches. Man begreift, daß man aus innerpolitifchcn Gründen in den Ländern der früheren Entente langsam den Geist von Versailles abbauen und daß erst allmählich sich der neue Geist durch entsprechende Taten durchsetzen muß. Trotzdem aber besteht die deutsche Erwartung zu Recht, daß, wie man aus sor- Mlistischen Scheingründen die, Besatzungszeit der 1. Zone um über ein Jahr verlängerte, die Vesatzungsfristen der 2 und 3. Zone aus moralischen Gründen, aus Gründen der Vertragstreue gegenüber ungeschriebenen Gesetzen wesentlich abgekürzt werden müßen! Deutschland wird in kürzester Frist seinen Eintritt in den Völkerbund anmelden. Damit tritt der Vertrag von Lcoarno in Kraft und damit hat der Geist von Locarno aufgehört, ein willkürliches Phantom zu sein, sondern muß nunmehr greifbare und sichtbare Gestalt am Rhein annehmen.
Wenn daher am 1. Februar durch die befreiten rheinischen Lande die Glocken zur Begrüßung der Freiheit klingen, dann mögen sie von allen beteiligten Mächten gleichzeitig als Mahnung erkannt werden, daß das Gewissen der Welt sich gegen den Geist von Versailles und für den Geist von Locarno entschieden hat. Der Freiheit in der 1. Zone muß sehr bald die Freiheit am Rhein im Geiste von Locarno folgen!
Gründung eines internationalen Erzichnngöbüros.
Genf, 31. Januar. Die seit einiger Zeit beabsichtigte Gründung eines internationalen ErziehungsbüroS ist nunmehr erfolgt. Die Initiative ging von dem Jean Jacques Rousseau. Institut aus. 5IHe Vereinigungen, die an Erziehungsproblemen interessiert sind, werben zur Mitarbeit cingeladeu. Das Büro wird unter der Leitung deS Professors Pierre Bovet von bet Genfer Universität stehen.