tnukunb Verlag: y.Sttürfeto Söhne* Gesthüstsst: Vahichvfstr.L * sernfprrwc.x»- * Poststhklkk:fsrankslwtLM.rrroo
Rr. 117 (1. Blatt) Samstag, den 2. Oktober 1926 78. Jahrg.
Amtliche Bekanntmachungen.
Landratsamt.
.Jagdveroednung.
Auf Grund der §§ 39 und 40 der Jagdordnung vom 15. Juli 1907 (G. S. S. 207) wird für den Regierungsbezirk Kassel
a) die Eröffnung der Jagd auf Fasanenhähne und Fasanenhennen auf Donnerstag, den 30. Sept. 1926, b) der Schluß der Jagd auf Fasanenhähne auf Dienstag, den 17. Mai 1927,
i c) der Schluß der Jagd auf Fasanenhennen auf Montag, den 17. Januar 1927 und
d) der Schluß der Jagd auf Rebhühner auf Dienstag, den 16. November 1926 festgesetzt.
Kassel, den 15. September 1926.
Der Bezirksausschuß.
| J.-Nr. 9186. Der Herr Medizinalrat (Kreisarzt) wird am D i e n s t a g , den 5. n. M t s., von vormittags 9 U^ r ab im hiesigen Kreishause Sprechstunden halten.
I Schlächtern, den 27. September 1926.
Der Landrat. J. V.: Dr. Hausmann.
Äreisausschrrtz.
Kreis-Biehversicherungsverei« Schlüchtern.
In nächster Woche erfolgt Revision aller der bei uns versicherten Tiere. Hierbei werden auch neue Beitrittserklärungen und Versicherungsanträge, gültig vom 1. Oktober ab, entgegengenommen.
Gemeinden, die noch nicht unserem Verein angeschlossen sind, erhalten auf Wunsch unsere Satzungen mit Formularen und nähere Auskunft zugeschickt. | Schluß der Neuanmeldungen am 15. Oktober.
Der Vorsitzende des Vereinsvorstandes:
P f a l z g r a f.
Das europäische Problem.
Italien und das Rheinlandabkommen.
k Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph sihästigt sich in längeren Ausführungen mit den europäi- en Problemen unter besonderer Berücksichtigung der italienischen Politik. Bis zu welchem Grade der gegenseitige 2lrg« Mit, so schreibt der Korrespondent, die Beziehungen der lontinentalen Großmächte trotz Locarno und Thoiry noch durchdringe, ergebe sich einerseits aus der Rede Poincarss m Bar le Luc und andererseits aus dem Mißtrauen Musso- muz gegenüber einer prinzipiellen Regelung von deut alliierten Problemen durch ausschließlich deutsch-französi perhandlunge«. In italienischen Kreisen hat man die Lv- ^chierstatter auf die zahlreiche« und bedeutenden Gelegen- Mien aufmerksam gemacht, bei denen die italienischen Internen infolge der Abwesenheit eines italienischen Delegierten bei den Zusammenkünften zwischen den alliierten Premierministern oder ausländischen Ministern gelitten hätten.
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Italien habe als Gegengarant des Locarnopaktes, ob« Kohl es nicht eine der 'Besatzungsmächte sei, ein erhöhtes Interesse und erhöhte Verantwortlichkeit für jedes Rhein- landabkommen. Italien habe ein dominierendes Interesse on Verträgen mit den Westmächten und den Problemen der österreichisch-deutschen Vereinigung, ferner verlange es das Vorrecht über alle anderen Mächte einschließlich Deutschlands, falls irgend ein altes Kolonialmandat srciwcrdc oder ein neues Waffen werden sollte. Die neuerliche Entwicklung seiner Metallindustrie und sein Mangel an eigenen Kohlenquellen lvürdc jede deutsch-französische Kohlen-, Eisen- und Stahl- lonibination zu einer wirtschaftlichen Angelegenheit machen, an der die italienische Halbinsel in hohem Maße interessiert sei. . Es fei in Berlin gesagt worden, so fährt der Korrepon- ^"i fort, daß Frankreich für rund zwölf Millionen aus dem ^aargcbict herausgekauft werden könnte und Belgien für W Millionen Pfund aus Enpeu und Malmedy. Nun er- « aber Frankreich und Belgien Aufammen ungefähr ( Prozent der Reparationszahlungen. Infolgedessen wurde m Finanzierung dieser Operation eine Gcsamtreparatwns- uwbilisiorung von dreißig Millionen Pfund bedingen, unab- N"y>g von der von Frankreich für die baldige Räumung des K ^"frmdes geforderten Summe. Englische und amerikanssche Sachverständige schätzten, daß die internationalen Geldmärkte AMvärtig (eine größere Auflegung der Dawcs-Elscnbahn- Ntigatwncn als 60 Millionen Pfund aufnehmen konnten.
^ug von 30 Millionen Pfund für das Saargebiet und pcn-Nchlmedy würde ein Saldo von weiteren 30 Millionen verbleiben, vo>r denen nur 16 Millionen Pfund an San M fallen würden. Man müsse sich jetzt fragen, ob Wnkreich mit dieser Summe als Kompensation für die c,,„?Pa»drä>lNluug zufrieden sein werde, um so mehr, als die
>wr dann aufgelegt werden könnte, nachdem Franko N sowohl das amerikanische, wie auch das britische Schulden- "awMtnen ratifiziert habe.
Die Kriegsschuldfrage.
Amerikanische Stimmen.
Wie aus New Iork gemeldet wird, schreibt der „New Pork Herald", Stresemann wäre an sich bereit, das ganze moralische Odium der Kriegsschuld Deutschlands zu übernehmen, wenn dadurch Deutschland von den Reparationen befreit würde. Er könne dies aber nicht tun, da die Kriegsschuldfrage die Grundlage des Versailler Vertrages bilde.
Die „World" schreibt, es wäre leichter, als zu vergeben und zu vergessen, wenn die Deutschen und Poincars die ganze Schuldfrage der Geschichte überlassen würden. Stresemann habe wahrscheinlich die Kriegsschuldfrage aufgeworfen, um die deutschen Rechtsparteien zu beruhigen. Aber nichts sei schlimmer als eine solche Debatte in dieser Stunde.
Die „New Aork Times" sprechen von Stresemanns Takt in Genf, da er dort die ganze Frage gar nicht aufgeworfen habe. Obgleich Stresemann an die Unschuld Deutschlands am Kriege glaube, habe er doch nicht die Rückgabe Elsaß-Lothringens verlangt, sondern habe im Locarno-Vertrag für alle Zeiten darauf verzichtet. Er versuche auch nicht, eine Revision der Ostgrenze durch Gewalt zu erreichen. Endlich bestehe er nicht mehr auf der bedingungslosen Rückgabe Eupen-Malmedys und des Saargebietes, sondern wolle sehr viel Geld darauf bezahlen.
Was man in London sagt.
Die „Westminster Gazette" in London gibt an leitender Stelle ihrer Meinung über die Kriegsschuldfrage Ausdruck.
Das Blatt erklärt, daß es in der Vergangenheit wiederholt der Auffassung Ausdruck verliehen habe, daß die Zentral- mächte in der Hauptsache für den Verlaus der Ereignisse, die zum Ausbruch des Weltkrieges geführt haben, verantwortlich seien. Es sehe keine Veranlassung, diese Meinung zu ändern. Falls durch spätere Informationen es erforderlich wäre, das ursprüngliche Urteil zu modifizieren, so müsse es hauptsächlich mit Bezug auf die von Oesterreich gespielte Rolle getan werden.
Aber die „Westminster Gazette" habe in der Vergangenheit („und sie tue es auch heute noch immer") Einspruch gegen den Versuch der Sieger des Weltkrieges erhoben, in den Versailler Vertrag andere Meinungen hineinzubringen, als in ihm zum Ausdruck gebracht worden wären.
Schurman bei Coolidge'
Deutschlands „glänzende" Lage.
Der amerikanische Botschafter in Berlin, Schurman, besprach mit Präsident Coolidge die Lage Deutschlands.
Schurman setzte Coolidge auseinander, daß Deutschland die nächstjährige Reparationszahlung ebenso pünktlich leisten würde, wie die im letzten Jahre. Deutschland, dessen Lage Send sei, habe nur ein wirklich schwieriges Problem, ich die Arbeitslosenfrage. Aber auch in der Vorkriegszeit hätte Deutschland immer 50 Prozent der heutigen Arbeitslosenziffer gehabt.
Schurman hält die Aenderung in den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich für äußerst beachtenswert, besonders wenn man bedenke, daß noch vor Jahresfrist offener Haß zwischen den beiden Völkern bestanden habe. Den deutsch-französischen Haß gebe es heute nicht mehr.
Tagung der Deutschen Vollspartei.
Köln, 30. September.
Die große Reichsparteitagung der Deutschen Volkspartei, die eine Konferenz der Landesvertreter, eine Sitzung des Zentralvorstandes der Partei und die des eigentlichen Parteitages umfaßt und sich über vier Tage erstreckt, hat heute hier ihren Anfang genommen. Der Parteitag ist diesmal außerordentlich stark beschickt. Mehr als 12 0 0 Delegierte der deutschvolksparteilichen Organisationen werden erwartet. Dazu kommen die Teilnehmer aus der näheren Umgebung, so daß mit einer Gesamtzahl von etwa 4000 Personen gerechnet werden kann. Die Eintrittskarten zu der großen Stresemann-Versammlung am Samstag, die in der riesigen Messehalle stattfindet, sind bereits seit einigen Tagen vergriffen. D r. Stresemann wird am Freitag in Köln erwartet.
Den Auftakt der Tagung bildete heute eine sehr stark be- suchte Konferenz aller deutschen Landtagsfraktionen und der preußischen Staatsratsmitglieder der Deutschen Volkspartei. Die preußische Landtagsfraktion ist vollzählig erschienen. Ferner bemerkte man zahlreiche Abgeordnete der Landesfraktionen. Zu Leitern der Tagung wurden die Abg. v. Campe, Leidig, Bürger, Dingeldch, Leuthäuser und Dr. Jarrcs berufen. Abg. Bürger (Bayern) sprach dann über den Finanz- ausgleich.
->-» Der Gcwcrkvcrcin christlicher Bergarbeiter Deutschlands hielt in Königswinter seinen stark besuchten Reichs- jngendtag ab, an dem u. a. der Führer der christlichen Gewerkschaften, Stegerwald, und der Reichsarbeitsminister Dr. Brauns teilnahmen. Reichsarbeitsminister Dr. Brauns führte in seiner Ansprache u. a. folgendes aus: Die Gewerkschaften sind geboren aus der Zeit der Not. Auch jetzt müssen wir aus der Not zur Größe hcrauswachscn. Der Rückschlag der Gewerkschaften in der Krisenzeit ist ganz verständlich. Nicht leere Hochrufe auf die Republik, nicht hohle Phrasen, sondern allein praktische Arbeit am neuen Staat zum Schutze der breiten Bolksmassen kann uns retten.
Neues vom Tage.
— Die Verhandlungen des Deutschen Beamtenbundes mit dem Gesamtverband der deutschen Beamtengewerkschaften haben zu einer Einigung geführt, sodaß die Verschmelzung der beiden Beamtenorganisationen bevorsteht.
— Die Reichsindexziffer für die Lebenshaltungskosten ist nach den Feststellungen des Statistischen Reichsamteö für den Durchschnitt des Monats September mit 142,0 gegenüber dem Vormonat (142,5) um 0,4 Proz. zurückgegangen.
— Die polnische Regierung Bartel ist am Donnerstag abend zurückgetreten.
— Am Donnerstag Nachmittag wurde der bisherige Weltrekord im 1000 Meter-Laufen, den der Schwede Lindgren hielt, mit 2:26:8 von dem Franzosen Martin im Stadion Colombes bei Paris geschlagen.
— Die Vertreter der deutschen, französischen, belgischen, luxemburgischen und saarländischen Stahlwerke sind am Donnerstag zu einer Einigung in der Frage der kontinentalen Rohstahlgemeinschaft gelangt, die am i. Oktober in Kraft gesetzt wird.
— Der bereits wegen Betruges vorbestrafte Alois Forschner, der vom Roten Kreuz als Kassierer bei der Zen- tralfürsorgestelle Düsseldorf angestellt worden war, hat, dem „B. T." zufolge, wiederum Unterschlagungen in Höhe von 90 000 Mk. begangen. Er wurde jetzt vom Gericht zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt.
— Das Zurückfluten der englischen Bergarbeiter an die Arbeit dauert an. Weitere 9000 Arbeiter sind nach den Gruben zurück- gekchrt, wodurch die Gesamtzahl der Arbeiter, die während der letzten drei Tage ihre Tätigkeit wieder ausgenommen haben, auf 24 000 gestiegen ist.
— Lloyd George wird seine Reise nach Sowjetrußland im kommenden Frühjahr antreten. Sein Besuch wird rein privaten Charakter tragen.
— Der schweizerische Nationalrat hat mit allen gegen zwei ' •—nei der Kommunisten den deutsch-schweizerischen Handelsvertrag ratifiziert.
— „Associated Preß" meldet aus Mexiko, daß in Tonala eine mit Steinen, Stöcken und Gewehren bewaffnete Menge die Wiedereröffnung der Regierungsschulen verhinderte, weil die Katholiken sich gegen die Erteilung des Unterrichts durch Laien sträuben. Nach Tonala sind Truppen entsandt worden.
SinheiWont gegen Deutschland.
Der russisch-litauische Frcundschaftsvcrtrag.
Wie aus MöNrel gemeldet wird, haben die dort soeben bekannt gewordenen Einzelheiten des russisch - litauischen Freundschaftsvertrages in dortigen deutschen Kreisen ungeheueres Aufsehen erregt.
Man gewinnt nämlich aus den bisher vorliegenden Mitteilungen über den Vertrag den Eindruck, daß Rußland sich zur Anerkennung der litauischen Souveränität über das gesamte Gebiet des gegenwärtigen Litauens unter allen Umständen verstanden hat. Man wär sich darüber klar, daß Litauen auch für sich die gleiche Interpretation des Artikels 16 der Völkerbundssatzung in Anspruch nehmen würde, die Deutschland in Gens für sich verlangt hat. Daß sich aber die Sowjctrcgicrung bezüglich der Mcmclfragc vorbehaltlos den litauischen Standpunkt zu eigen gemacht haben soll, wird als eine deutliche Spitze gegen Deutschland empfunden, zumal, da die russische Regierung den litauischen Besitzstand vor der polnischen Annektion des Wilna-Gcbictcs nicht ausdrücklich anerkannt hat, sondern lediglich von der bisherigen Auffassung sprach, die die Lösung der Wilna-Frage den beiden direkt beteiligten Mächten überläßt und russischerseits eine Volksabstimmung Vorsicht.
Der Abschluß eines russisch-litauischen Freundschafts- Vertrages wird als erster taktischer Gcqcnzug der Sowjet- regierung gegen das durch Deutschlands Teilnahme gefestigte Locarno-System geweitet. Man mißt dem Abschluß dieses Vertrages auch deshalb so große Bedeutung zu, weil bisher die litauische Regierung auf Festigung ihrer freundschaftlichen Beziehungen zu England oeii größten Nachdruck gelegt hat, während sie jetzt nach der sowjetrussischen Seite abgcschwcnkt ist.
In Berliner politischen Kreisen ist man der Ansicht, daß vorstehende Meldung unter dem Gesichtspunkt der verständlichen Erregung der deutschen Kreise in Memel zu werten ist. Da der amtliche Bertragstext in Berlin noch «ichi eilige troffen ist, ist eine genaue Nachprüfung des Tatbestandes noch nicht möglich. Man glaubt aber berechtigten Anlaß zu der Vermutung zu habest, daß sich in dem amtlichen Text des Vertrags nichts befindet, was als eine Trübung der bisherigen deutsch-russische« Beziehungen empfunden werden müßte.
-<-* Das Ende der Hctzfilmc. Nach Blättermeldungen auS Paris wurde in der ersten Vollversammlung des Internationale« Filmkongresscs ein Vorschlag angenommen, der besagt, daß allen an der Filmherstellung beteiligten Kräften an» empfohlen werden soll, jegliche Darstellung streng zu der» meiden, die geeignet erscheint, die Völker zu entzweien. Ein Antrag der belgischen Delegation, der dahin ging, daß durch eine allzu enge pazifistische Einstellung die von den Soldaten und der Zivilbevölkerung zur Verteidigung ihres Landes gebrachten Opfer nicht ganz unberücksichtigt bleiben dürfen, wurde abgelehnt.