MlWewer Zutuns
ßreis-Kmtsblatt * Ullyememer amtlicherftafctiQer für Kar Kreis Schlüchtern
M 132 (1. Blatt)
Samstag, den 6. November 1926
78. Jahrg.
. Amtliche Bekanntmachungen,
randratsamt.
/ Z.-Nr. 10422. Nachdem durch meine Verfügung vom 2t, v. Mts. — Nr. 9893 Kreisblatt Nr. 127 — der Be- ynn des Unterrichts in den ländlichen Fortbildungsschulen auf den 15. November festgesetzt worden ist, ersuche ich die Herren Bürgermeister, in deren Gemeinden Fortbildungsschulen mit mindestens 10 Schüler sich befinden, gemäß Ziffer
|f II, Absatz 1 der im Märzheft 1924 der Zeitschrift für das '< ländliche Fortbildungsschulwesen veröffentlichten Grundsätze für
die Unterstützung ländlicher Fortbildungsschulen aus Staatsmitteln, mir bestimmt innerhalb 14 Tagen die Einträge auf Erlangung einer Staatsbeihilfe einzureichen.
• Aus den Anträgen müssen die Namen des Schulleiters
und der Lehrer, die Schülerzahl, die Zahl der Unterrichts- stundcn und die voraussichtlichen Aufwendungen für Lehrmittel usw. hervorgehen.
| Die Berichtsfrist ist genau einzuhalten. Später eingehende Anträge können nicht berücksichtigt werden.
[ Schlüchtern, den 3. November 1926.
Der Landrat. J. V.: Schultheis.
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Z.-Nr. 10525. In der Gemeinde Wernarz, Bezirk Brük- M, ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen.
Schlüchtern, den 3. Nov. 1926. Der Landrat.
Mreisausschutz.
- U Z.-Nr. 6069. Unter Bezugnahine auf meine Kreisblatt- ! Fügung vom 15. Oktober 1926 — Nr. 124 des Blattes i! b«. Rücktransport der Hagener Stadtkinder, ersuche ich nochmals die Herren Bürgermeister um Angabe b i ö spätestens
; ;um 13. November 1 9 2 6 :
1 I 1) der Personalien (Name, Beruf, Wohnort) der
? über die festgesetzte Abreise — Zeitpunkt — am 30. Oktober | 1926 in ihren Pflegesiellen verbliebenen Stadtkf>^
l 2) wann die fraglichen Kinder voraussichtlich in ihre Hei- n Mi zurückkehren,
/ 1 3) der Personalien der Pflegeeltern.
Sollten aus anderen Großstädten Pflegekinder heute noch h ihren Pflegestellen sein, so sind diese ebenfalls zu melden.
Fehlanzeige ist ni cht erforderlich.
i Schlüchtern, den 2. November 1926.
Der Vorsitzende des Kreiswohlfahrtsamtes.
| I Bekanntmachung.
H Die Einzahlung der noch rückständigen Beiträge aus den Mitermintn der Monate Juli, August und September 1926 ^>ro hiermit in Erinnerung gebracht.
11 Hebetermine finden statt:
' I K In St ein au
„ am Mitttvoch, den 27. Oktober 1926, von vor- i« mittags 10—4 Uhr nachmittags in der Eckatt- * I , sehen Gastwirtschaft daselbst,
1111 2. in Sterbfritz
am Mittwoch, den 3. November 1926 von nach- nrittagö 3—6 Uhr in der Böhm'schen Gastwirtschaft , daselbst,
■ 2. in Salmünster
M am Mittwoch, den 10. November 1926, von vor- M mittags 9—12 Uhr im Gasthause „Zum Engel" I , daselbst,
!■ 4. in Soden
ebenfalls am Mittwoch, den 10. November 1926 von nachmittags 11/2—41/2 Uhr im Gasthause „Zur
, [ Hoffnung" daselbst
r und zwar wie seither auch für alle in den genannten Orten naheliegenden Gemeinden.
e 1 An den Hebetermintagen 27. 10. und 10. 11. bleibt * E die Kasse in Schlüchtern für den Geldverkehr ge- schlössen.
Rückstände müssen nach diesen Tagen unverzüglich
■ Zur kostenpflichtigen Einziehung gelangen.
Die Herren Bürgermeister bitten wir um Bekannt- machung in seither üblicher Weise.
Schlüchtern, den 21. Oktober 1926.
___ Der Vorstand der Allgemeinen Ortskrankenkasse.
1 d^tadt Schlüchtern.
Bekanntmachung.
U Aus Verkehrs- und sicherheitspolizeilichen Gründen kann Aufstellen von Marktbuden längs der Fuldaerstraße nicht Melassen werden .Der Marktplatz für Kram- |?atFte wird daber auf die Promenade in der n a u e r st r a si e verlegt. Demzufolge findet der Kal- | k'"^kt am Montag, den 8. November ds. Jö. auf dem Platz ’ der Hanauerstraße statt. Das Aufstellen von Marktbuden . ^fuldaerstraße ist verboten.
Schlüchtern, den 5. November 1926.
Magistrat: Gaenßlen. Die Polizeiverwaltung: Gaenßlen.
Zahlung von Abgaben.
Im Monat November 1926 sind an Steuern und Abgaben für November 1926 bez. Vormonaten an die Stadt- kaste Schlüchtern zu zahlen:
Staatliche und städtische Grundvermögenssteuer, Hauszinssteuer, Gewerbeertragösteuer, Gewerbekapitalsteuer, Schulgelder, Hundesteuern, Holzgelder, Beiträge zur Landwirtfchaftö- kammer, Beiträge zur Landwirtschaflichen Berufsgenossenschaft sowie alle besonders angeforderten Abgaben.
Die Steuer- und Abgabenzettel sind bei der Zahlung vorzulegen.
Schlüchtern, den 2. November 1926.
Der Magistrat. Gaenßlen.
Die unerhörten Steuern.
Das Berliner Kartell dcö selbständigen Mittelstandes hatte am Mittwoch zu seiner großen Kundgebung gegen die steuerliche Ueberlastung aufgerufen. Um 2 Uhr schlössen die meisten kleineren Geschäfte in Groß- Berlin ihre Türen, damit auch die Konsumenten auf die Protestaktion aufmerksam werden mußten. In verschiedenen großen Demonstrationsversammlungen, in denen Vertreter des Handels und Gewerbes zu der unerhörten Steuerüberlastung Stellung nahmen, wurde eine Resolution angenommen, in der es unter anderem heißt: „Die Angehörigen des gewerblichen Mittelstandes erheben schärfsten Protest gegen die steuerliche Ueberlastung des Mittelstandes gegen das immer stärker werdende Eindringen der öffentlichen Hand in die Wirtschaft, gegen die Unmäßige Verschwendung von öffentlichen Geldern in Reich, Ländern und Gemeinden. Zm Abwendung der drük- kenden augenblicklichen Lasten wird gefordert: Bei Erhebung! der Gewerbesteuer durch die Gemeinden für das Rechnungsjahr 1925 die sofortige, vorbehaltlose Anwendung des § 4 der Gewerbesteuerordnung. Für 1926 Anwendung der
Berücksichtigung deS wirklichen Ertrages im Jahre 1926. Für die Zukunft wird ferner gefordert: Jnkrafttrtten des Finanzausgleiches bis spätestens am 1. April 1927; Schaffung eines klaren, einfachen und übersichtlichen Steucrsvstems auf folgenden Grundlagen: Schaffung einer Reichseinkommensteuer mit begrenztem Zuschlagörecht der Länder und Gemeinden wie in der Vorkriegszeit, Abbau der Gewerbesteuer, Beseitigung der Hauszinssteuer als solcher; keine Umwandlung in eine öffentliche Rente, Herabsetzung der öffentlichen Ausgaben, größte Sparsamkeit in allen Verwaltungen und I schleunigste Durchführung der seit Jahren angekündigten Ver- wallungöreform." Man kann nur sagen, daß wohl jedermann dieser Protestaktion Sympathie entgegenbringt, denn die steuerliche Ueberlastung fühlen nicht nur die Handwerker und Gewerbetreibenden in Berlin, sondern im ganzen Reiche bis in den kleinsten Ort hinein. Die Verzweiflungsrufe des gewerblichen Mittelstandes, die in diesen Tagen überall jum Himmel schreien, sollten nicht von den maßgebenden Körperschaften mit einer Geste in Form von Achselzucken überhört werden; denn die Folge dieser unerhörten steuerlichen Ueberlastung bedeutet den gänzlichen Niedergang des gewerblichen Mittelstandes und Schädigung des ganzen Wirtschaftslebens.
Erhöhung der Erwerbsloscnfürsorgc.
Berlin, 4. November. Nach ausgedehnter Debatte beschloß der Reichstagsausschuß für soziale Angelegenheiten bei Stimmenthaltung der Völkischen, der Deutschnationalen und der Wirtschaftlichen Vereinigung, daß bis zum 31. März 1927 die Bezüge der Hauptunterstützungsempfänger in der Erwerbs- losenfürsorge wie folgt erhöht werden: 1. für Erwerbslose über und unter 21 Jahren, die keine Familienzuschläge be- ziehen und nicht dem Haushalt eines anderen angehören, um 15 Prozent; 2. für alle übrigen Hauptunterstützungsempfänger um 10 Prozent. Außerdem wurde noch ein sozialdemokra- tischer Antrag angenommen, der bestimmt, daß die jugendlichen Erwerbslosen, soweit sie bereits Erwerbsarbeit auSgeübt haben, in die Erwerbslosenfürsorgeunterstützung einzube- ziehen sind.
Deutsch-bulgarische Schnldcnvcrhandlungen.
Sosia, 4. November. Der Direktor der bulgarischen Staatsschuldenverwaltung, Dr. Stoyanoff, ist am Mittwoch zur Aufnahme der Schuldenverhandlungen nach Berlin ab» gereist.
" Heraufsetzung des Wahlalters. Der Reichsminister deS Innern Dr. Külz, der dem Reichskabinett den Entwurf eines Gesetzes über eine neue Reichswahlordnung unterbreitet hat, hat außerdem auch einen zweiten Gesetzentwurf über Heraufsetzung des WahlalterS vorgelegt. Durch das neue Gesetz, das verfassungsändernd ist, da nach der Verfassung alle 20jährigen Personen wahlberechtigt sind, soll die Wahlberechtigung auf Personen beschränkt werden, die das 21. Lebensjahr überschritten haben. Das Gesetz über die neue Reichs- wahlvrdming sieht den Wegfall der Reichsliste und die Einführung des Einer-Wahlkreises vor. Die Reststimmen sollen vollständig innerhalb der Wahlkreisverbände ausgeglichen werden. •
Neues vom Tage.
— Im Zeppelin-Luftschiffbau sind die Vorarbeiten und Vorversuche für den Neubau deö L. Z. 127 soweit beendet, daß der eigentliche Bau in Angriff genommen werden konnte, der im Herbst 1927 fertiggestellt sein dürfte.
— Die italienische Kammer wird auf Antrag Mussolinis am 9. November zu einer außerordentlichen Tagung zusam- mentreten.
— Aus allen Teilen des Rifgebietes wird eine neue Auf- standsbewegung gemeldet.
— Wegen der italienischen-französischen Zwischenfälle wurde eine Anzahl Verhaftungen vorgenommen, darunter wurde u. a. auch Obster Rieciotti Garibaldi verhaftet.
— In Münster i. W. wurden durch Ermittelungen der Banken umfangreiche Scheckfälschungen aufgedeckt, die durch einen Holzgroßhändler AloiS Schäfer verübt wurden. Der Gesamtbetrag des Schadens wird auf 500 000 Mark geschätzt.
— Aus Ranch wird der Tod des Generals Gerard gemeldet, der während des Weltkrieges die 8. französische Armee befehligte.
— Die englische Regierung schätzt den Gesamtverlust infolge des Bergarbeiterstreiks auf 260 bis 270 Millionen Psd. Sterling.
Zum Sturze Sinowjews.
Von Dr. Elias Hurwicz.
Bereits vor Monaten, als infolge der berühmten „Verschwörung der Opposition im Walde", Sinowjew aus dem „Politischen Büro" der Russischen Kommunistischen Partei ausgestoßen wurde, machten wir auf die Folgen aufmerksam, die diese Maßregelung auch für die Stellung Sinowjews als Haupt der Kommunistischen Internationale wohl nach sich ziehen würde. Heute, da Sinowjew bei seiner Opposition verharrte, ist diese Folge eingetroffen: durch einen vorläufigen Parteibeschluß, der aber auch von dem jetzt in Moskau tagenden Parieikongreß bestätigt wurde, ist Si- '1 - n.v nun auch von seinem Posten als Vorsitzende- de»
Mit ihm verschwindet nicht nur vom politischen Horizonte der Sowjetunion, sondern auch des internationa'-m Sozialismus eine der markante sten Persönlich- feiten. Markant freilich nicht so sehr als Persönlichkeit, sondern durch die hervorragende, verantwortliche Stellung, die er sowohl als Vorsitzeittier der Leningrader Sowjets, wie auch der Kommunistischen Internationale inne hatte. Denn eine Persönlichkeit im eigentlichen Sinne dieses Wortes ist Sinowjew nie gewesen. Schon frühzeitig, noch zu Lebzeiten Lenins, erwarb er sich den Spitznamen des „Fadens, der der Nadel überall sklavisch folgt". Die Probleme durchdringende Nadel war Lenin, der folgsame, aber wenig originelle Schüler: Sinowjew. In dieser Beurteilung treffen sich sowohl Lunatscharski, der Sinowjew von früh aus kannte, als auch Oskar Blum, der ihn, „die willigste und ausgiebigste Feder, die sich Lenin zur Verfügung stellte" nennt.
In dieser Unselbständigkeit wurzelt nicht zuletzt auch Sinowjews polittsche Tragödie. Nach dem Tode des Meisters verlor der willige Schüler den Halt, die politische Orientierung. Er kehrte wieder zurück zu den abstrakten Prinzipien des Kommunismus, zu den verba magistri, in denen er eine Rechtfertigung für seine Opposition zu finden suchte. Wenn wir jedoch fragen, wer in Wahrheit den Weg weitergeht, den Lenin gebahnt hat: Sinowjew oder sein mächtiger Gegner, der ihn jetzt zu Fall brächte — nämlich Stalin, so kann die Antwort kaum zweifelhaft sein, daß eben Stalin Lenins politischer Testamentsvollstrecker ist, da dieses Testament nun einmal in der Abkehr vom reinen Kommunismus zugunsten der Realpolitik besteht.
Der zweite, auch das Ausland unmittelbar angehende Grund der Sinowjewschen Tragödie aber besteht in seiner Stellung als H a >u p t der K 0 m in u n i st i s ch e n Internationale. Es wird keine Uebertreibung sein zu sagen, daß dieses Amt zumindest so schwer, wenn' nicht noch schwerer, noch komplizierter war als das Amt Lenins selbst. Während Lenin immerhin mit einem Lande zu tun hatte, dessen wirtschaftliche Struktur dazu die denkbar einfachste ist, mußte Sinowjew gleichzeitig die Zügel halten über die Bewegung in einem Dutzend verschiedener Länder, deren politische und wirtschaftliche Verfassungen höchst ungleich waren, von denen manches einzelne schon (es sei nur an Deutschland erinnert) in seinem sozialen und wirtschaftlichen Aufbau höchst kompliziert lvar und ist. Was Wunder, wenn dieser „Meister der Gemeinplätze", wie ihn Blum nennt, nicht imstande war, die sich vor ihm fortwährend auftürmenden kaleidoskoparttgen Problemkom- plcxe zu meistern?
Mit dieser Frage ergibt sich aber auch wohl die Antwort auf die weitere, mit ihr zusammenhängende: Was wird minmehr aus der Kommunistischen Internationale werden? Denn die soeben angedeuteten Schwierigkeiten find im Laufe der Zeit nicht geringer geworden, sondern noch größer (schon infolge der Spaltungen innerhalb der Komintern selbst). So ist die Krisis Sinowjews auch die Krisis der Komintern. Und mag er noch so unzureichend gewesen sein — man sieht vor der Hand nie» mand, der das von ihm verlorene Amt mit Aussicht auf Erfolg übernehmen könnte.