Schlüchterner Leitung
Kreis-Amtsblatt * Allyemeürer amtlicher Anzeiger für K«r Kreis -chlüchtem örmkrmb Vertag: tz.Steisktd Söhae* Sestpästsst: Lahnhofstr.ü * fernstrv.Nr.i^y * postfch«kiusst>«ckstrotaM.rt»zyo Nr. 153 (1. Blatt) Samstag, den 25. Dezember 1926 78. Jahrg.
Amtliche Bekanatmachaage«
LandratSaMt.
J.-Nr. 11662. Die Bestimmungen des Vogelschutzgesetzes vom 30. Mai 1908 (R. G. Bl. S. 317), nach welchen insbesondere jede Art des Fangens oder Tötens von Vögeln solange der Boden mit Schnee bedeckt ist, verboten ist und bestraft wird, bringe ich hievmfit in Erinnerung.
Die Ortspolizeibehörden und die Herren Landjagereibeamten ersuche ich, gegen Zuwiderhandelnde vorzugehen und deren Bestrafung herbeizuführen.
Ich mache zugleich auch darauf aufmerksam, daß das Schießen in der Nähe von Wohnhäusern ohne polizeiliche Erlaubnis nach § 368 des R. Str. G. mit Geldstrafe bis zu 150 RM. oder entsprechender Haft bestraft wird.
Schlächtern, den 22. Dezember 1926.
Der Landrat. J. V.: Schultheis.
J.-Nr. 11982. Die Herren Bürgermeister derjenigen Gemeinden, in welchen sich Waisenkinder befinden, deren Pflege und Erziehung auf Kosten des evangelischen Waisen- Hauses zu Hanau gewünscht wird, haben die diesbezüglichen Anträge bis zum 15. Februar n. Js. hierher einzureichen, vorher jedoch solche den Ortsgeistlichen zur Beifügrmg seines Gutachtens vorzulegen. Auf die Kreisblattverfügung vom 15. November 1892 — J.-Nr. 8028 — Kreisblatt Nr. 49 wird Hingewiesen.
Schlächtern, den 22.12. 1926. Der Landrat. J. V.: Schultheis.
Der Fall Aouzier.
Die Freisprechung Rouziers rechtskräftig!
Die Freisprechung des französischen Unterleutnants Rouzier durch das Landauer Kriegsgericht ist, wie die Ber- liner Blätter melden, rechtskräftig.
Zu der Meldung einer Telegraphenagentur, daß der Frei- spruch, der dadurch rechtskräftig geworden ist, daß innerhalb der 24stündigen Revisionsfrist von dem Anklagevertreter keine Revision angemeldet worden ist, bemerkt der „Vorwärts", daß der Freispruch automatisch rechtskräftig wurde, da das französische Strasrecht eine Einspruchsmöglichkeit überhaupt nicht kennt.
Wenn dem tatsächlich so ist, dann wird die deutsche Regierung eben andere Mittel finden müssen, um dem Recht zum Siege zu verhelfen.
Französische Blätterstimmen.
Die Pariser Presse beschäftigt sich jetzt teilweise auch mit dem Urteil des Landauer Kriegsgerichtes.
Der „Temps" nimmt das Urteil des Kriegsgerichtes in Schutz und sucht seine Beweisführung dadurch zu bekräftigen, daß es deutsche Staatsangehörige schmäht. Das Blatt schreibt, man habe wohl das Recht, seine Richter zu beschimpfen, aber nicht das Recht, sie zu verleumden. Trotz der wirkliche» oder vorgetäuschten Entrüstung der deutschen öffentlichen Meinung erschienen jedem nicht voreingenommenen Beurteiler die Verhandlungen in Landau als gerecht geführt.
Alle Zeugen seien zu Wort gekommen. Die Verteidigung habe sich frei auswirken können. Die Anklagebehorde, die gegen Rouzier eine leichte Verurteilung gefordert habe, habe die gleiche Mäßigung den deutschen Angeklagten gezeigt.
Blatt will die Auseinandersetzungen nicht dadurch verschärfen, daß es auf die Vergangenheit zurückkommt, und so fragt es. Da man die Frage auf dieses Gebiet trägt, ist es nicht untersagt, an die skandalöse Freisprechung notorischer Verbrecher durch die deutsche Justiz zu erinnern, die in allen Graden Die deutsche Hierarchie im letzten Kriege gedeckt hat'? Man kann uns nicht das Recht verweigern, zu bemerken, daß es um Schuldige handelt, die vor das Gericht nicht allein durch Frankreich, sondern durch den alliierten Block und die offenttich Meinung der Welt gefordert wurden, während das Reich Die Sadisten und Piraten des kaiserlichen Heeres systematisch gedeckt hat. In Deutschland ruft man auch die Locarnopolitik an. Der „Temps" will dieses Problem nicht vergiften bemerkt aber, daß, wenn ein Menschenleben im
Opfer gefallen ist, der deutsche Nationalismus alles ge an habe um dort einen gewissen feindlichen Zustand zu entwickeln. es nicht wahr, daß das Reich keine Gelegenheit habe vorüber gehen lassen, um gegen die Besetzung zu protestieren oder mehr oder weniger offen die Bevölkerung in
eine Art heiligen Krieg
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Urteil gefällt. Man könne nicht verhindern, jenem d>e sich bei dieser Gelegenheit bemühen, gegen Frankreich d Deutliche Meinung Deutschlands zu cnS.V daßdie Politik vonLocarno in ihrer grundsätzlich n Bedeutung Und ihren Wirkungen konterkarikiert sei, was sicherlich »ich von diesseits des Rheines komme.
Während die übrigen Blätter beredt schweigen,' weil sie offenbar nicht das gleiche Kunststück vollbringen wollen, wie es der „Temps" dadurch vollbracht hat, daß er dem deutschen Volke die ungerechtesten Vorwürfe macht, tadelt als einziges Blatt der linksradikale „L e S 0 i r" das Urteil von Landau, indem er schreibt, es werde nicht dazu beitragen, Europa zu befrieden. Das Blatt erklärt, es fei charakteristisch, daß der Regierungskommissar es für seine Pflicht gehalten habe, sich gegen die Entspannung in den deutsch-französischen Beziehungen zu wenden. Ein Kriegsgericht könne begreiflich die Dinge nur unter militärischen Gesichtspunkten beurteilen. Dieses Kriegsgericht habe die Einstellung zu weit getrieben und es werde ohne Zweifel immer eineunheilvolleRolleim Hinblick auf die Entspannung in Europa spielen dadurch, daß es immer ein Kriegsziel verfolge, und das sieben Jahre nach dem Waffenstillstand! In allen Zeiten der Geschichte habe die militärische Besetzung ähnliche Fälle wie den von Germersheim zur Folge gehabt. Man müsse auf die Ursachen zurückgreifen, um die Wirkung beurteilen zu können.
Große Erregung in Germersheim.
Die französische Kommandantur in Germersheim hat, um Ausschreitungen der erregten Bevölkerung zu verhindern, an- geordnet, daß die W 0 h n u n g des freigesprochenen Rouzier bis zu dessen Abreise ans Germersheim durch Gendarmerieposten bewacht wird. Die Bevölkerung zeigt tiefste Erregung über das Urteil. Viel besprochen wird, daß nach der Freisprechung des RouzierdasgesamteRichterkollegium noch im Gerichtssaal auf den Unterleutnant Rouzier zutrat und ihn ostentativ in Gegenwart der Verurteilten beglückwünschte.
„Ein Skandal!"
Der gewerkschaftliche Pariser „Peuple" sagt, man hätte allenfalls verstehen können, daß dieser Prozeß mit einem allgemeinen Freispruch endete, aber die Verurteilung aller deut- chen Angeklagten und der Freispruch von Leutnant Rouzier ei ein Skandal. Das Urteil fordere eine Begnadigung der Deutschen.
— Aus Paris wird gemeldet, daß die sozialistische Parteileitung auf das an sie von 'ir deutschen sozialdemokratischen Partei gerichtete Telegramm beschlossen hat, bei der französischen Regierung zugunsten der Aufhebung des Landauer Urteils sowie der sofortigen Haftentlassung der deutschen Angeklagten vorstellig zu werden.
Der Fremdenyatz in China.
London, 23. Dezember. Die „Daily Mail" meldet aus Kiukiang, 120 Meilen südöstlich von Hankau, die ausländer- feindliche Stimmung sei durch erneute bolschewistische Propaganda stärker geworden. Die Lage an Ort und Stelle sei zwar äußerlich ziemlich ruhig, doch sehr ernst. Auf Anraten des britischen' Konsuls sei die ausländische Niederlassung in Kuling — zehn Meilen von Kiukiang — von den Einwohnern geräumt worden.
Die Landtagswahlen in Thüringen.
Weimar, 23. Dezember. Wie zuverlässig verlautet, hat die thüringische Regierung als Zeitpunkt für die thüringischen Landtagswahlen den 30. Januar bestimmt.
Rückkehr Dr. Luthers.
Bremen, 22. Dezember. Der frühere Reichskanzler Dr. Lucher ist von seiner Südamerikareise wieder zurückgekehrt. Er äußert sich über die deutschen Exportmöglichkeiten nach Südamerika sehr günstig.
□ Kältewelle aus Rußland. In Berlin ist ein plötzlicher Temperatursturz eingetreten, der das Thermometer von 2 Grad Wärme in den Mittagsstunden auf 4 Grad Kälte in den Abendstunden hat sinken lassen. Dieser Temperatursturz ist auf eine gewaltige Kältewelle zurückzuführen, die aus Rußland kommend, über Deutschland hereingebrochen ist. Aus Königsberg wurden 14 Grad, aus München 9 Grad, aus Posen 8 Grad und von der Zugspitze 19 Grad Kälte gemeldet.
□ Tenkmalbeschädigung. In der Siegesallee in Berlin ist in der Nacht vom Denkmal Friedrich Wilhelms I. der Arm völlig abgebrochen worden. Er wurde neben dem Denkmal gefunden. Die Nachforschungen nach dem Täter waren bisher erfolglos.
□ Die Masscnknndigungcn in der Schuhindustrie. In Berlin wurde sämtlichen in den Betrieben der Schuhindustrie beschäftigten Arbeitern, im ganzen etwa 5000 Mann, zum 7. Januar gekündigt. Im ganzen Reich beträgt die Zahl der gekündigten Arbeiter etwa 80 000.
□ Ärbcitslosendcmonstration in Stettin. Vor dem Rathause fanden Demonstrationen von Arbeitslosen statt, welche eine Weihnachtsbeihilfe forderten. Zu schweren Ausschreitungen, von denen gerüchtweise verlautet, ist es nicht gekommen.
— Reichöaußmminister Dr. Stresemann wird nach den Feiertagen doch eine kürzere Erholungsreise antreten und wahrscheinlich einen Platz in der Südschweiz zum Aufenthalt ivählcn.
— Nach dein B. T. soll Botschafter v. Hösch Anweisung erhalten haben, bei der französischen Regierung dahin vorstellig zu werden, daß sie im Falle Rouzier einen Modus finden möge, der der berechtigten Entrüstung in Deutschland im Sinne einer (Genugtuung Rechnung trage.
— Auf der Chaussee Wesel-Rceü geriet ein Polizeiauto infolge der großen Glätte ins Schleudern und fiel um. Ein Oberleutnant wurde getötet, der Chauffeur und ein Landjäger schwer verletzt.
Die Weihnachlswoche.
Von Argus.
Der Abschluß der Verhandlungen des Völkerbünde rates in Genf, durch welche die Lebensdauer der internationalen Militärkontrolle für Deutschland endgültig begrenzt wurde, erschien uns als ein erfreuliches Weihnachtsgeschenk, von dem wir erhofften, daß es in der Zukunft alle Erwartungen erfüllen, würde, die darauf gesetzt waren. Zu dieser Bescherung hat sich in den letzten Tagen vor dem Christfest noch eine Ueberraschung gesellt, die uns mehr als deutlich gezeigt hat, wie viel unsere inneren Verhältnisse noch zu wünschen übrig lassen, und wie viel noch geschehen muß, bis in Deutschland wieder eine wirkliche politische Stabilisierung erfolgt ist. Der Sturz des Ministeriums Marx ist erfolgt durch ein Mißtrauensvotum der Linksparteien des Reichstages, welche durch diese Kundgebung eine Umbildung des Reichskabinetts herbeiführen wollten, und durch die Deutschnationalen, welche durch ihre Abstimmung eine „Klärung der Lage" Herbeizuführen beabsichtigten. Eine Notwendigkeit war für diese Situation nicht gegeben, aber es sollte nun einmal eine Regierung geschaffen werden, welche die Garantie bot, eine feste parlamentarische Mehrheit, die im Reichstage schon so lange gefehlt hat, zu erlangen. Daß dies Ereignis gerade in die Weihnachtsfreude hineinplatzte, war unliebsam, es muß sich nun herausstellen, ob das mit dem jetzigen politischen Schachzug erstrebte Ziel auch wirklich erreicht wird. Es ist eine Frist von mehreren Wochen für die Bildung des neuen Reichskabinetts geboten, die allerdings kein leichtes Stück Arbeit für den Reichspräsidenten von Hindenburg bedeuten wird. Voraussagungen sind hier sehr wenig statthaft, denn bei unseren parlamentarischen Angelegenheiten kommt es eben gar zu leicht anders, als man denkt.
Der Reichskanzler Dr. Marx, der mit seinem letzten Reichskabinett etwa ein halbes Jahr am Ruder geivesen ist, hat jetzt zum dritten Male seine Erfahrungen gemacht. Zweimal ist die Volksvertretung von ihm aufgelöst worden, ohne daß die Neuwahlen ein günstiges Resultat ergeben hätten, und es ist schließlich nicht ausgeschlossen, daß wir P Verlauf des Winters oder gegen den Frühling b'u die drilie Reichstagsauflösung durch Dr. Marx erleben. Wir wollen indessen hoffen, daß eine neue Zuspitzung der politischen Lage vermieden wird. Zum Glück dürfen wir damit rechnen, daß der besonnene und trog seines hohen Alters tatkräftige Reichspräsident die rechten Wege zu finden wissen wird, um den Reichswagen vor einem jähen Umschlägen zu bewahren. Die letzte Krisis wurde noch verschärft durch eine Rede des sozialistischen Abg. Scheidemann, in der er recht bedenkliche Dinge zur Sprache brächte, die nach allgemeiner Anschauung nicht in die Oeffentlichkeit gehören. Es wird hoffentlich das letzte Mal gewesen sein, daß Derartiges mit- unterlief. Als zweifellos wird im Reichstage angenommen, daß, wie auch die Neubildung des Reichsministeriums ausfallen möge, der Außenminister Dr. Stresemann die Leitung seines Ressorts behalten werde. Es handelt sich jetzt vor allen Dingen darum, die Räumung des Rheinlandes und des Saargebietes in absehbarer Zeit herbeizuführen, eine Ausgabe, die weniger leicht erscheint, als heute vielfach angenommen wird. Die Verhandlungen nach Thoiry sind noch weit im Rückstände, denn die Sachverständigen sind immer noch bei der Arbeit, die Höhe der finanziellen Gegenleistung festzusetzen, welche Deutschland für die Freigabe des Rhein- und Saargebietes entrichten soll. Daß über die zu stellenden Bedingungen der französische Premierminister Poincars und ein Außenminister Briand nicht ganz derselben Meinung ind, ist bekannt, und es wird daher darauf ankommen, wie ich die beiden Staatsmänner einigen werden. So lange Zoincars das französische Staatsschiff führt und in seiner finanziellen Aktion u-iiv^g hat, wir» er natürlich daran festhalten, daß seine Pläne" gegenüber Deutschland zur Aus- sührung gelangen. Wenn die Angelegenheiten der franzö- sischen Finanzen einen Wandel aufweisen, so wird sich auch politisch ein Umschwung vollziehen. Einstweilen ist es Poincars gelungen, die Annahme des Etats in beiden Kammern durchzusetzen, und das war das Ziel, welches er sich selbst von vornherein gestellt halte.
Einen politischen Putsch hat es in Litauen gegeben, wo sich die Opposition ans Staatsruder gebracht hat. Es wird befürchtet, daß sich aus dieser Umwälzung weitere Verwicklungen herausbilden, die von Polen und Rußland mit Besorgnis beobachtet werden. Namentlich die Polen haben es schon länger auf die litauische Hauptstadt Kowno abgesehen. So ist trotz des Völkerbundes und aller anderweitiger Vorsichtsmaßnahmen int Osten abermals Zündstoff angehäust, und wir dürfen uns nicht wundern, wenn es eines Tages eine Explosion gibt.
Reichsaußenminister Dr. Stresemann hat in Hamburg seine besten Hoffnungen für die Zukunft geäußert, aber auch er hat darauf hingewiesen, daß wir Etappe für Etappe vorwärts schreiten, also Geduld haben mü sen.
Erregung und Unwillen im höchsten Maße hat das unglaubliche Urteil des sranzösischen Kriegsgerichtes in Landau, das mit dem Freispruch des Leutnants Rouzier endete, in ganz Deutschland hervorgerufen. Mit diesem Urteil kann es nicht sein Bewenden haben, hier muß vielmehr unbedingt Remcdur geschaffen werden.
— Aus dem Memelgebict sind eine Anzahl Reichsdeutsche darunter zwei Redakteme des „Memeler Dampfboot" aus- gewiesen worden.