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Nr. 73 (1. Blatt)
Samstag, den 18. Juni 1927
79. Jahrg.
Amtliche Bekanntmachungen.
Landratsamt.
A. II. Nr. 3106/27. Sofern von der Landwirtschasts- Kammer in Verbindung mit dem Rurhessischen Bauernverein in Zulda am 15. und 16. Juli d. 3s. in Fulda veranstalte- ten Bezirkstierschau Russtellungstiere (Pferde, Rindvieh, Schweine, Zchafe und Ziegen) beim Rücktransport erst am Sonntag, den 17. Juli vormittags am bahnamtlichen Bestimmungsort zurückkommen und ausgeladen werden, genehmige ich hiermit, daß diese Tiere alsbald nach der Rus- ladung an dem genannten Sonntage nach dem Wohnort des besitzers heimgetrieben werden.
Ruf andere Viehtransporte findet diese Genehmigung keine Anwendung.
Rassel, den 10. Juni 1927.
Der Regierungspräsident.
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J.-Nr. 4908. Diejenigen Herren Bürgermeister und GutS- vorsteber, welche mit der Erledigung meiner Verfügung vom 24. Mai d. Je. Nr. 4303 — Schlüchterner Zeitung Nr. 64 —, betr. Bodenbenutzungeerhebung noch im Rückstände sind, werden an deren sofortige Erledigung erinnert. Ich mache nochmals darauf aufmerksam, daß die zweite Aufstellung des Erhebungsbogens mit hierher einzureichen ist.
Schlüchtern, den 16. Juni 1927.
Der Landrat. J. V.: Rehmert.
Stadt Schlüchtern.
Am Samstag, den 18. Juni d. I. wird das Heugras von nachstehenden Grundstücken öffentlich versteigert und zwar:
1. von einer Wiese neben dem Sportplatz (Auwiese), bisher an den Landwirt Konrad Dickert verpachtet gewesen,
nachmittags um 4 Uhr.
Zusammenkunft: an der DreschHalle.
2. Bon verschiedenen Grundstücken des Schreiners Heinrich Schneider am „Dürren Rain" zusammen 1 Hektar 70 Ar groß,
nachmittags um 5 Uhr.
Zusammenkunft: Beim Bahnwärterhaus an der Fuldaer- straße.
Schlüchtern, den 17. Juni 1927.
Der Magistrat: Gaenßlen.
Der Entwurf des Haushaltsetatö der Stadt Schlüchtern für das Rechnungsjahr 1927 liegt in der Zeit vom 20. bis einschl. 27. Juni d. I. im Rathaus — Dienstzimmer des Stadtinspektors — vormittags von 8—12 Uhr zur Einsichtnahme der Gemeindeangehörigen aus.
Schlüchtern, den 17. Juni 1927.
Der Magistrat: Gaenßlen.
Gewerbliche Berufsschule Schlüchtern.
Der Unterricht im neuen Schuljahr beginnt am Montag, den 20. Juni d. I., nachmittags 1 Uhr. Es haben zu erscheinen:
1. alle Lehrlinge, welche seither am Zeichenunterricht am Dienstag nachmittag teilgenommen haben,
2. alle nach Ostern in die Lehre eingetretenen Lehrlinge, deren Schulpflicht am 21. Juni beginnt.
Schlüchtern, den 16. Juni 1927.
Der Vorstand: Gaenßlen.
In der Zeit vom 20. Juni bis einschl. 6. Juli d. I. erfolgt die Reinigung der Schornsteine in der.Elmer- landstraße, Ahlersbacherlandstraße, Hospitalstraße, Elmweg, Graben-, Kaiser-, Kronprinzen-, Garten- und Dreibrüder- straße, Linsen-, Schmieds- und Neugaffe, Brückenauer-, Fuldaer-, Breitenbacher-, Alte-, Kloster-, Bahnhofs- und Lotichiusstraße.
Schlüchtern, den 17. Juni 1927.
Die Polizeiverwaltung: Gaenßlen.
Die interfraktionellen Besprechungen über den Kartoffelzoll.
Zu den interfraktionellen Besprechungen über die Erhöhung des Kartoffelzolleö schreibt die Tägl. Rundschau: Von den in Deutschland eingeführten rund 400 000 Tonnen Kartoffeln bei einem Verbrauch von rund 40 Millionen entfallen etwa 360000 Tonnen auf die Einfuhr von Frühkartoffeln, die einem besonderen Zoll unterliegen, der nicht geändert werden soll. Die Zollerhöhung kommt nur für den Rest von 40 000 Tonnen in Frage. Man wird der Ansicht sein, so führt das Blatt aus, daß der Kartoffelpreis nicht davon abhängt, ob man diese 40 000 Tonnen mit einem Zoll von 50 Pfennigen oder einer Mark pro Doppelzentner belegt. Von diesem Gesichtspunkt erscheint die Erhöhung des Kartoffelzolls keine dringende Forderung zu sein. In der interfraktionellen Besprechung traten die Deutschnationalen für eine Erhöhung ein, während das Zentrum eine Erhöhung ablehnte. Die Deutsche Volkepartei hat keinen bindenden Beschluß gefaßt.
Beschleunigung von Disziplinarverfahren.
Aus mehreren Schreiben des Vorsitzenden des Disziplinar- Hofes, so führt der preußische Minister des Innern, dem „Amtlichen Preußischen Pressedienst" zufolge, in einem Erlaß an die Behörden der allgemeinen und der inneren Verwaltung aus, ergibt sich, daß die Disziplinarverfahren noch immer nicht überall mit dem notwendigen Eifer betrieben werden. Der Minister weist daher erneut darauf hin, daß Disziplinarsachen unter allen Umständen als besonders dringliche Eilsachen zu behandeln sind.
Deutsche Rücksprache mit Tschitscherin.
Berlin, 16. Juni. Der Aufenthalt des russischen Außenministers Tschitscherin in Berlin in den letzten Tagen ist von der deutschen Regierung zu einer informatorischen Fühlungnahme benutzt worden, wobei u. a. der ebenfalls in Berlin anwesende deutsche Botschafter in Moskau, Graf Brockdorff- Rantzau, Tschitscherin über die Eindrücke der deutschen Delegation bei den Genfer Beratungen unterrichtete. Es sei darauf hingewiesen worden, welche Bedenken bei den europäischen Mächten gegen die bolschewistische Auslandspropaganda bestehen, ferner sei Tschitscherin darüber informiert worden, welchen Eindruck die Erschießung politischer Gefangener auf die in Genf versammelten Vertreter der Mächte gemacht habe, und welchen Eindruck es machen würde, wenn durch ultimative Schritte der Sowjetregierung der russisch-polnische Konflikt weiter verschärft werden sollte. Diese Informationen sind lediglich als ein freundschaftlicher Akt der deutschen Regierung aufzufassen, nicht aber als eine besondere Aktion, bei der etwa Deutschland den Sprscher der in Genf versammelten Mächte gemacht hätte.
— Die Ozeanflieger Chamberlin und Levine sind Donnerstag vormittag 11 Uhr von Frankfurt a. M. nach Hannover gestartet, wo sie um 1 Uhr eintrafen. Von dort sind sie um 5 Uhr nach Bremen weitergeflogen und dort um 6 Uhr gelandet.
— In Berlin-Schöneberg geriet am Donnerstag ein Autobus ins Schleudern und stürzte um. Von den 35 Fahr- gästen sind 27 mehr oder weniger schwer verletzt worden.
— Nach einer Meldung aus Quebec wird die Nachricht über die angebliche Auffindung Nungessers und Coli als eine Mystifikation, begangen durch einen jungen Forstbeamten, bezeichnet.
— Verschiedene Bezirke Weißrußlands sind von Stürmen und Wolkenbrüchen heimgesucht worden, die viele Opfer an Menschenleben verursachten. 3000 Hektar Saaten sind vernichtet, 110 Brücken zerstört und viele Wege unterspült worden.
— Der französische Außenminister Briand hat heute Genf wegen einer schmerzhaften Erkrankung am Auge verlassen müssen.
— de Pinedo ist Donnerstag in Rom gelandet, wo er von Mussolini, allen Ministern und einer riesigen Volksmenge begeistert begrüßt wurde.
— Der Student Eiffländer, der vorgab, eine Geldzähl- maschine erfunden zu haben und eine bayrische Bank um 25000 Mark betrogen hat, ist wegen Schwindeleien heute in Nürnberg verhaftet worden.
Rückblick.
Kr. Kr. Donner und Blitz, möchte ein dramatischer Berichterstatter sagen, umwettern die jetzige Tagung des Völkerbundsrates. Es grollt wohl, es wetterleuchtet wohl bedenklich am Horizont, die Atmosphäre ist schwer mit Clek- trizität geladen. Spannungen lagern über den Völkern. Die Schwüle läßt sie nicht frei atmen, denn sie wissen nicht, was mit ihnen geschieht. Bei dem Volk liegt die Souveränität, so lautet der höchste Grundsatz aller Staatsverfassungen des heutigen Europa. Aber entscheiden die Völker wirklich ihr Schicksal? Hängt ihr Schicksal nicht ab von einzelnen Männern? Von deren Reden und Taten? Welches Volk wüßte heute, was diese Männer, in deren Hand das Schicksal der einzelnen Völker gegeben ist, zur Zeit in Genf beraten? Welche Gedanken zwischen ihnen gewälzt werden? Welches Volk wüßte das? Alle Völker stehen in banger Erwartung, ob das Wetterleuchten ringsum sich zu einem schrecklichen Blitzstrahl entwickle, der Mord und Tod in die friedliche Arbeit der Menschen schleudert. Wird in Genf nur Friede geredet und beraten? Selbst diejenigen, die noch vor nicht allzulanger Zeit die höchsten Hymnen auf den friedenssichernden, völkerversöhnenden und kriegverabscheuen- den Völkerbund sangen, müssen heute mit Schrecken gewahren, daß der Völkerbund, will er auch nur seine Existenz erhalten, all den brenzlichen Fragen ausweichen muß. Der Völkerbund darf die drohenden Kriegsgefahren nicht sehen, nicht hören, gar nicht zu reden von: sich ihnen entgegen- -stellen. And das wurde doch gerade von diesem Bund erwartet. Daraufhin lauten seine Bestimmungen. Ein weises Wort von Shakespeare sagt: „Strahlt unsere Kraft nach außen sich nicht aus, so ist es grad, als wäre sie nicht in uns." Es entsteht die Frage, ob der Völkerbund wirklich die Kraft hat, oder ob er seine Kraft nur nicht ausstrahlt. Das Ergebnis ist aber das gleiche: die Kriegsgefahren werden durch ihn nicht gebannt. Vor dieser Erkenntnis stehen nunmehr die Völker. Das Wetter steht über Albanien, ein anderes über Rußland.
Wollten wir uns fragen, wo am ehesten der Blitz aus dem drohenden Gewölk herabsaust, so dünkt uns am gefäbr- lichst-n der Balkan. Richt Rußland. Obwohl gerade der englisch-russische Konflikt sich am auffälligsten von dem allgemeinen politischen Hintergründe abhebt. Wenn auch gemeldet wird, die Russen mobilisierten da und dort, dann kann immerhin angenommen werden, daß dies weniger in Erwartung eines Angriffs von außen geschieht, sondern mehr aus Besorgnis vor Aufständen im Innern gegen die Macht der Sowjets. Die englischen Staatslenker haben ganz recht, wenn sie sagen: ihre Maßnahmen richteten sich keineswegs gegen das russische Volk, sondern einzig und allein gegen die gewalttätige Minderheit der Regierung, der Sowjets, die das russische Volk mit Gewalt und Terror in einer nicht erwünschten Botmäßigkeit halten. Das wissen die Sowjetvertreter ganz genau. Viele ihrer Maßnahmen verraten ganz offensichtlich die Angst, die sie um ihre Existenz befallen hat. Es ist ganz ausgeschlossen, daß das russische Volk in seiner Gesamtheit sich einem mlitärischen Einmarsch entgegenwerfen würde. Jede Vaterlandsliebe, jedes Gefühl dafür, daß in der Sow- jetregierung das gesamte russische Volk angegriffen sei, all solche Gefühle, die ein Volk, mag es im innern noch so uneinig sein, doch im gegebenen Augenblick zu einer Einigkeit gegen den äußeren Feind zusammenschweißen, sind im russischen Volk, in dem russischen Bauern getötet, systematisch ausgerottet. Das wissen die Sowjetleute. Einzig und allein, wenn Polen angreifen würde, könnte so etwas wie eine allgemeine Volkserhebung gegen den Feind hervorgerufen werden. Vielleicht liegt hierin die Erklärung für das scharfe Vorgehen der Sowjets gegen Polen. Es hat den Anschein, als wollten sie den kriegerischen Streit vom Zaune brechen, um das russische Volk aufzuputschen. Ob sie sich da nicht verrechnen? Ein Sieg gegenüber Polen würde ihnen genau so den Thron ihrer Macht kosten, wie eine allgemeine Volksbewaffnung gegen eine von England zusammengebrachte Koalitionsarmee.
Offenbar denkt aber England gar nicht daran, einen euro- päischen Krieg gegen Rußland oder vielmehr gegen die Sowjets zu entfesseln. Es hat den Zeitpunkt zu seinem Vorgehen gegen das kommunistische Reich außerordentlich gut gewählt. Das wirtschaftliche Fiasko der Sowjets sst so augenscheinlich, daß auch in Rußland jeder, der nicht ein Sowjetangestellter ist, eine Aenderung des Systems herbei-
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