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Nr. 76 (1. Blatt) Samstag, den 25. Juni 1927 79. Jahrg.

Amtliche Bekanntmachnngen.

K r e i s a u s s ch u ß.

3.=Ilr. 2708 K. A. Am Zonnabend, den 2. 3uli 1 9 2 7 üorm. von 10 Uhr ab findet in Zchlüchtern an der Vreschhalle eine Körung für Z l t - Z i e g e n b ö ck e statt.

Zu dieser sind sämtliche bereits gekörten (alten) Zie- genböcke, deren erneute Unkörung gewünscht wird, vorzu- führen. Die Herren Bürgermeister ersuche ich, dafür zu sor­gen, daß die alten (gehörten) Böcke vollzählig zur Vor­führung gelangen.

Die Körung für Iungziegenböcke findet wie all­jährlich auch in diesem Jahre erst Ende des Monats Au= gust oder Anfang September statt. Die frühere Abhaltung der Körung für Ult-Böcke soll den Zweck haben, eine un­nötige Haltung der Böcke bis zum herbst im Falle der Ab= Körung zu vermeiden. Bei der später stattfindenden 3ung= Ziegenbockkörung können Ult-Läcke nicht zur Vorführung gelangen. Es ist deshalb unbedingt notwendig, daß bei der Körung am 2. Juli d. 3s. sämtliche AIt=Böcke, deren erneute Anhörung gewünscht wird, vorgeführt werden.

Die Herren Bürgermeister ersuche ich, auf die vor­stehende Bekanntmachung in ortsüblicher Weise in ihren Gemeinden aufmerksam zu machen.

Zchlüchtern, den 20. Juni 1927^

Der Landrat. von Trott zu S0I3.

Stadt Schlüchtern.

Oeffentliche Mahnung

An alle Zahlungspflichtigen, die ihre im Monat Juni 1927 bzw. für Vormonate zu entrichtenden Staatssteuern, städt. Steuern und sonstigen Abgaben laut Aufforderung vom 8, Juni 1927 im Kreisblatt an die Stadtkaffe Schlüchtern nicht bezahlt haben, ergeht hierdurch öffentliche Mahnung.

- TA«ö Meinung kostenpflichtig'er Einziehung sind föfvc.P" zahlen:

Preußiscbe Grundvermögenssteuer mit Stadtzuschlag, Preußische Hauszinssteuer, Gcwerbeertrag- und Gewerbe­kapitalsteuer für 1925 und 1926, Gewerbeertrag- und Ge- werbekapitalstcuer-Vorauszahlungen für 1927, Holzgelder, Schulgelder, Waffergelder, Hundesteuern, Pachtgelder und alle anderen angeforderten Abgaben. -' ^M. f j . Schlüchtern, den 20. Juni 1927.

Der Magistrat. Gaenßlen.

Sriand und die Raumungsfrage.

Die schlechte Position des französischen Außenministers.

Der Außenpolitiker desEcho be Paris", der aus Genf zurückgekehrt ist, berichtet nachträglich noch über die Völker- bundsratstagung. Er schreibt, Briand sei aus der Sechs- Mächte-Konferenz herausgekommen und habe seine Bewegungs­freiheit gerettet, wenigstens was den Zeitpunkt der Herab­setzung der Besatzungsstärke betrifft.

Er habe sich in eine schlechte Lage gebracht, denn er mußte seine früheren Versprechungen in Einklang bringen mit dem Wunsche des französischen Kabinetts, den Forderungen Strese- manns nicht nachzukommen. Man konnte also glauben, daß seine Krankheit ihn aus den Schwierigkeiten herausgezogen hat. Jetzt aber hat Briand es mit einer britischen Jnterpre- tierung zu tun, die fast der These ähnelt, die die Wilhelmstraße vertritt. Gestern erfuhren wir, so sagt der Berichterstatter weiter, aus sehr autorisierter Quelle, daß in der Unterredung Stresemann-Chamberlain vom 18. Juni Chambcrlain nicht bei seinem früheren Standpunkt verblieben ist.

Seit dem Monat Januar hat sich im Foreign Office, was die Politik gegenüber Deutschland betrifft, eine Wandlung voll­zogen. Stresemann hat das Hindernis überwunden. Im Sep- teinber muß man sich in Genf auf eine Debatte über die Räumung des Rheinlandes gefaßt machen, wenn der fran­zösische Außenminister dies nicht verhindert.

Loucheur und die Wirtschaftslonferenz.

Die Alarmglocke für wirtschaftliche Konflikte.

In der Generalversammlung des französischen Komitees für europäische Zusammenarbeit ergriff der Abgeordnete Loucheur das Wort, um auf die Arbeiten der Genfer Welt­wirtschaftskonferenz einzugehen. Er erklärte, man habe beson­ders in der französischen Presse der Konferenz vorgeworfen, nur zu unbestimmtenFormulierungen gelangt zu sein. Aber in Anbetracht der unendlichen Schwierig­keiten der Materie würde es schon genügen, wenn Genf zu einer Alarmglocke nicht nur für die politischen, sondern auch für die wirtschaftlichen Konflikte würde. Zum Schluß wies Loucheur auf die offizielle Annahme hin, die die Genfer Be­schlüsse bei der deutschen, der belgischen und der tschechoslowa­kischen Regierung gefunden haben und sprach den Wunsch aus, daß auch Frankreich nicht zurückstehen möge.

Feldzug gegen die Falschmünzerei.

Zusammenarbeit der Notenbanken.

Das Komitee für die Vorbereitung des Entwurfs zu internationalen Abkommen zur Unterdrückung der Falschmün­zerei wird in Genf zu einer Tagung zusammentreten. Der Finanzausschuß des Völkerbundes, der 43 Notenbanken Frage­bogen über die Angelegenheit unterbreitet hatte, hat dem Rat einen Bericht erstattet, in dem dargelegt wird, daß ein der­artiges Abkommen auf der einen Seite die Ausarbeitung von gesetzgeberischen Maßnahmen, auf der anderen Seite ein System der Zusammenarbeit zwischen den Gerichts- und Polizeibehörden der verschiedenen Länder ins Auge fasse. Dem Ausschuß zur Unterdrückung der Falschmünzerei gehören u. a. Delegierte der Reichsbank, der Bank von Frankreich, der Schweizerischen Nationalbank, der Argentinischen Nationalbank und Spezialisten auf dem Gebiet des internationalen Rechts, des Strafrechts usw. an.

Empfang beim Reichspräsidenten.

Berlin, 23. Juni. Der Reichspräsident hat heute mittag 12 Uhr die Vertreter der deutschen Auslandshandelskammern empfangen.

Besuch der badischrn Staatsregierung in Berlin.

Berlin, 23. Juni. Reichskanzler Dr. Marx gab heute mittag ein Essen zu Ehren der badischen Staatsreaiernng, die zurzeit in Berlin weilt.

^ Das Reichsschulgesetz dürfte nunmehr soweit aucge- reift sein, daß die Vorlage alsbald an den Reichstag gehen kann. Was über den Inhalt in einem Berliner Blatt ange­geben wurde, bestätigt sich nicht. Es kann angenommen wer­den, daß die Regierungsparteien keinen Initiativantrag ein­bringen werden, sondern daß den Beratungen die Vorlage der Regierung zugrunde liegen wird.

** Die deutsch-französischen Wirtschaftsverhandlungen. Ueber die Verhandlungen, die zwischen der beutfAen und der französischen - Wirrsch-ttsdelegatwn Zwecks Verlängerung deö am 30. Juni ablaufenden Handels-Provisoriums geführt werden, schreibt derPetit Parisien": Die Verhandlungen gehen fort, aber eine Verständigung ist wenig wahrscheinlich. Man mag sich also nicht wundern, daß bei Ablauf des Provi- soriums dieses nicht erneuert wird. Dann werden am 1. Juli die allgemeinen Tarife zur Anwendung kommen bis zu dem Augenblick, in dem der neue Zolltarif durch das Parlanient gebilligt wird und die Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich über den Abschluß eines endgültigen Handelsvertrages gestattet wird.

^ Englische Arbeitervertreter gegen die Moskauer Hin­richtungen. Der Generalrat der englischen Gewerkschaften und der geschästsführende Ausschuß der Arbeiterpartei haben eine Entschließung angenommen, in der es u. a. heißt: Unter Anerkennung der auergewöhnlichen Schwierigkeiten, die die politische Situation für Rußland mit sich bringt, und in voller Würdigung der gerechtfertigten Empörung der Sowjetregie­rung über das Attentat auf Wojkow, halten sich doch die Dele­gierten für genötigt, gegen eine Politik zu protestieren, die eingestandenermaßen an der Ermordung Wojkows unbe­teiligte^ Personen als Repressalien gegen diese Ermordung hin­richten läßt. Sie sind der Ansicht, daß eine solche Politik nur verhängnisvolle Folgen für Sowjetrußland haben kann und geben der Hoffnung Ausdruck, daß die in Sowjetrußland ge­übte Justiz der Hinrichtung von Personen, die sich politischer Delikte schuldig gemacht haben, eingestellt werden wird.

-«-* Neue Kampfe in Marokko. Nach einer Meldung aus Tanger haben am 16. Juni spanische Abteilungen in Stärke von 18 000 Mann der verschiedenen Waffengattungen mit 80 Geschützen im Gebiet der Beni Arus eine Vorstoßbewegung unternommen, um dieses Gebiet entdgültig zu säubern. Zu heftigen Kämpfen ist es besonders im Djebel Alam gekommen, wo der Gegner sich verschanzt hatte. Diese Stellung sowie sämtliche übrigen Punkte sind unter sehr schtveren Verlusten auf beiden Seiten genommen worden. In der Nacht zum 19. Juni kam es an einzelnen Stellen zu Gegenangriffen

Schweres Betriebsunglück. Wie erst jetzt bekannt wird, ereignete sich auf der Grube Tannenberg bei Körbisdorf ein schweres Betriebsunglück. Beim Transport einer Lokomotive kam dieselbe mit der elektrischen Fahrleitung in Berührung. Dabei wurden von den zwölf auf der Maschine befindlichen Arbeitern zwei auf der Stelle getötet, die übrigen durch Brand­wunden teils schwer, teils leichter verletzt.

Auf der Jagd erschossen. Der Jagdpächter Dr. Blünrcke und der Schmiedemeister Tietz befanden sich abends beim Dorfe Abtshagen auf der Rehbockjagd. Als beide getrennt ein Korn­feld durchpirschten, gab Tietz aus ungefähr 30 Meter Entfer­nung in der Meinung, einen Rehbock vor sich zu haben, einen Schuß ab, der Dr. Blümcke in die Schläfe traf. Der Ver­unglückte starb nach einer Stunde. .

Reichsbankpräsident Dr. Schacht hat am Donnerstag seine Reife nach Amerika angetreten, um dort an der Zusam­menkunft der Zentralnotenbankpräsidenten teilzunehmen.

Im Lustgarten von Berlin fand Donnerstag Abend eine von etwa 50000 Mitgliedern des Deutschen Beamten- bundes besuchte Kundgebung gegen die Verschiebung der Besoldungserhöhung statt.

Rückblick.

Kr. Kr. Ein geistreicher Politiker meinte gelegentlich: es ist im deutschen politischen Leben eine wenig erfreuliche Beigabe des Parlamentarismus, daß eine politische Per­sönlichkeit, die entweder nach Erledigung ihrer Aufgabe oder infolge veränderter Verhältniße, oder wegen abgekämpften Zustandes oder wegen neuaufgekommener Tatsachen ge­zwungen wäre, das übertragene Amt in die Hände des Vol­kes und seiner Vertreter zurückzulegen, dies immer unter Umständen tun müsse, die ihn auf lange Zeit aus dem poli­tischen Leben ausschalteten. Dadurch würden wertvolle Kräfte lahmgelegt. Dadurch würden Eigenschaften, die an einer Stelle nicht mehr zum Nutzen verwandt werden könn­ten, auch anderen Aufgaben entzogen. An dieser Ansicht ist vieles richtig. Im Großen und Ganzen natürlich nur, wie ein Umblick bei den gestürzten Staatsmännern und po­litischen Persönlichkeiten belehren kann. Mit dieser-merk­würdigen Beigabe hängt auch die trostlose Art und Weise zusammen, in der sich die politischen Kämpfe in Deutschland abspielen. Nirgends wird so wie hier das private Leben der öffentlich wirkenden Männer ans Tages­licht gezerrt. Nirgends steht so wie hier hinter jeder öf­fentlichen Aeußerung, die nicht das Kennzeichen ihrer Her­kunft an der Stirn trägt, Intrigue jeglicher Art; Partei- Intrigue, Clique-Intrigue, Perfonen-Intrigue! Das Wis­sen davon macht den handelnden Politiker unsicher. Nie weiß er, ob er einer Tatsache gegenübersteht oder einer Fal­le. Ob ein Gegner vor ihm steht, der offen und ehrlich mit ihm kämpfen will, oder ob ein aus dem Hinterhalt abge- schosiener Pfeil ihn treffen sollte. All das macht das poli- tische Geschäft in Deutschland zu einem kläglichen, ach so kläglichen Geschäft! All das zwingt aber auch wieder den Träger einer an sich gesunden Idee in einem verderblichen Kampf um Persönliches, Allzupersönliches hinein. Oft in einem Kampf um das Amt.

Im Grunde geht es nach diesem holden System auch bei dem Kampf um politische Fragen,-um Methoden, taktische Führungen, politische Ideen, Anschauungen und Probleme, f ^ -sich Vgc-ndwo auch nur bu "Spar eines der Mängel, die leider Gottes und seiner Welt allem Irdischen anhaften, gleich hagelt es von allen Seiten so maßlos auf das holde Gebilde politischer Kunst, daß im Augerlbick kein Mensch mehr sich offen zu seinem Wächter bekennen mag. In diesen unerfreulichen Zustand scheint sich zur Zeit jenes Gebilde zu befinden, das in Locarno konstruiert wurde, um all die lose und gefährlich in der Luft herumschwirren­den politischen Feuerfunkenträger einzufangen und zunächst einmal ihres Brandcharakters zu entledigen. Es geht durch die deutschen politischen Organe das Raunen: Locarno ist erledigt! Weg mit der Locarno-Politik! Die Pleite! And nach den neuesten Meldungen soll nunmehr auch dem fran­zösischen Ministerpräsidenten von den französischen Locar- nofreunden die notpeinliche Frage vorgelegt werden: Stehst du zu Locarno oder nicht?" Was soll Poincare darauf antworten? Was soll ein deutscher Politiker, der nicht mit Tagesphrasen sein Geld verdient, solchen Fragen zur Antwort geben? Was heißt Locarno? In Locarno sind die Westmächte mit Deutschland übereingekommen, sich nicht wegen Grenz- und Gebietsfragen gleich mit Krieg zu überziehen. Das ist das Kernstück des Vertrages, ge­schaffen, um die Kriegspsychose schwinden zu lasten; um die gegenseitige Furcht vor plötzlichen bewaffne­ten Aeberfällen zu nehmen, um und das dürfte wohl der tiefste Grund sein eine friedliche Atmosphäre zu schaffen, in der sich endlich die aus dem Kriegselend zu­rückgebliebenen krankhaften Erscheinungen des Völkerver­kehrs verflüchtigen könnten. Das ist das Ziel. Kann im Augenblick ein irgendwie anders geartetes Ziel für eine Politik zwischen den Westmächten und Deutschland aufge­stellt werden? Ein anderes müßte unweigerlich auf Ver­schärfung der Beziehungen hinausgehen. Das will doch kein Volk, kein Staatsmann, kein Politiker. Keiner? Doch vielleicht!, Poincare? Gewiß ,alle an dem Locarnopakt be­teiligten Staaten hatten ihre selbstsüchtigen Zwecke im Au­ge. Wer am meisten für sich herausschlug, hat für sich und sein Volk wohlgetan. Deutschland hatte das eine große Zweckziel im Äuge. Durch Wegräumen aller Momente, die Frankreichs Furcht vor einer deutschen Revan- ch e erregen könnten, die Befreiung seiner besetzten Gebiete zu erreichen. Am wieder ein freier Staat zu sein, der als voller Souverän den anderen gleichberechtigt zur Seite steht. Nach den Abmachungen von Locarno müßte jede weitere Besetzung des Rheingebietes als unsinnig erscheinen. Dieses Ziel wurde von Deutschland noch nicht erreicht. Noch nicht! Aber ist daran der Pakt von Locarno schuld? Oder das gemeinsam gesteckte Ziel dieses Paktes? Das Ziel muß so oder so bleiben. Für uns aber gilt es, alle jene Widerstände zu brechen, die sich den von uns erstrebten Wirkungen dieses Paktes noch entgegenstellen. Es stehen heftige Widerstände uns entgegen, die sich für uns im Na- men Poincare ausdrücken. Ging es nicht mit der bisher an- gewandten Methode, dem Pakt von Locarno zum Leben zu verhelfen, dann muß eben eine andere Methode angewandt werden. Das Ziel und der Zweck bleiben die gleichen. Schuld trägt an der Enttäuschung nicht derjenige, der seine Ar­beitskraft für den Abschluß des Locarnopaktes einsehte, Schuld an der Enttäuschung tragen alle die, welche den Völ­kern den Pakt von Locarno als das Mittel priesen, mit des­sen Hilfe das Paradies auf Erden oder wenigstens in Cu-