Kreis-Kmtsbtatt * Myemeiner amtlicherKozeLger für -err Kreis -Echtem
Nr. 17(1. Blatt) Donnerstag, den 9. Februar 1928 80. Jahrg.
Amtliche Bekanntmachungen.
Landratsamt.
Die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher werden auf die am Sonnabenb, dem 11. Februar d. 3s., in der Hula des hiesigen früheren Lehrerseminars stattsin- denden Staatsbürgerlichen Vildungstagung besonders aufmerksam gemacht. Beginn der Tagung vormittags Y^UHr pünktlich.
Tagesplan:
915—1050 Ul}r: Schriftsteller (Emil Ritter-Fulda: Der Rhein und die europäische Zukunft. Aussprache.
11 —1240 Uhr: Stubienrat Dr. 3. Wagner-Frankfurt/M.: Die geographischen Grundlagen der deutschen Landwirtschaft. — Aussprache. Mittagspause.
1350—1535 Uhr: Oberstudiendirektor Dr. R. Oehlert- Frankfurt/M.: Wege zur Volksgemeinschaft. — Aussprache.
Schlüchtern, den 6. Februar 1928.
Der kom. Landrat: Dr. Müller.
3.=Rr. 866. 3m Auftrage des Herrn Regierungspräsidenten zu Rassel ergeht an die Grtspolizeibehörden, die Fleischbeschauer und die in der Fleischbeschau tätigen Tierärzte folgende Anweisung:
1. „Die Fleischbeschauer und die in der Fleischbeschau tätigen Tierärzte haben die als untauglich beanstandeten einzelnen Organe und geringwertigen Fleischteile, zu deren unschädlicher Beseitigung sie gemäß landesvolizeilicher Anordnung vom 23. Januar 1908 (Amtsbl. S. 31.) mit Einverständnis des Besitzers befugt sind, unter eigener Aufsicht verbrennen zu lassen ober in den gemäß Rreispolizei- nerorbnung vom 18. März 1908 (Kreisbl. Nr. 13) aufgestellten Zammelgefäßen zu verschließen.
2. wenn das nicht möglich ist, haben sie die Organe ober Fleischteile mit tiefen Einschnitten zu versehen, auf der Oberfläche sowie auf den Schnittflächen möglichst dicht mit dem Dreieckigen Stempel für untaugliches Fleisch zu stempeln und mit Ralk oder feinem trockenen Sanbe zu betreuen ober mit Teer, rohen Steinkoblenteerölen (Karbol«, saure, Rresoh oder Alpha-Navhthplamin in fünfprozentiger Lösung tu übergießen. Außerdem haben sie in diesem Falle der Polizeibehörde Mitteilung zu machen.
3. wenn ausnahmsweise die in den Sammelgefäßen verschlossenen oder nach Ziffer 2 behandelten Organe und fleischteile nicht verbrannt ober an eine Abdeckerei abgeliefert, sondern vergraben werden sollen, darf es nur von der Polizeibehörde und nur dann gestattet werden, wenn die Gruben tunlichst an von Tieren nicht betretenen Stellen so tief angelegt werden, daß die Oberfläche des Fleisches von einer mindestens 1 Meter starken Erdschicht bedeckt ist. (ß§ 41 bis 45 der Bundesratsbestimmungen A und § 39 der preußischen Ausführunasbestimmunaen bei Schlach- tungen im Inlande zum Reichs-Fleifchbeschaugefetz vom 3. 3anuar 1900.)
4. Die sächlichen Kosten der Behandlung beanstande- ten Fleisches fallen dem Besitzer zur Last, wegen der Bereitstellung eines geeigneten Raumes (verscharrungs- plotzes) durch die Gemeinden und selbständigen Gutsbe- ^irke wird auf ß 15 Abs. 1 des Ausführungsgesetzes vom 28. 3uni 1902 zum Reichs-Fleischbeschauaeseß verwiesen."
, Die Ortspolizeibebörden ersuche ich. vorstehendes den Fleischbeschauern und den Tierärzten alsbald bekannt zu geben.
Schüchtern, den 4. Februar 1928.
Der kom. Landrat: Dr. Müller.
Kreisaussch n st.
Baumpflege-Rursus.
3.=Rr. 627 K. A. Nachdem der erste Baumpflegekur- ms am 3. Februar 1928 beendet werden konnte, beginnt °er Zweite Kursus, sofern die Witterung die Arbeiten an den Bäumen ermöglicht, am Montag, den 1 2. Februar 1 9 2 8. Die praktischen Arbeiten werden an den Landwegen ofi Ulmbach, Sarrob, Rebsborf und Uerzell ausgeführt. Es bietet sich daher den Obstzüchtern des westlichen Teiles des Kreises Schüchtern eine günstige Gelegenheit, Kenntnisse iinb Fertigkeiten in der Baumpflege zu erlernen.
Werkzeuge werden geliefert. Für deren Abnutzung 4^b ein Geschirrgeld vergütet. Unkosten entstehen den Teilnehmern nicht.
, Anmeldungen können noch erfolgen bei dem Kursus« wter, Herrn Kreisgärtner Holstein, Schlüchtern, Dreibrü- ^rstraße 16.
Kurfusbauer vom Montag bis Freitag jeder Woche voraussichtlich 15 Tage.
Schüchtern, den 8. Februar 1928.
Der Vorsitzende des Rreisausschusses: Dr. Müller.
England kein Hindernis für die Räumung.
Der diplomatische Korrespondent der angesehenen englischen Wochenschrift „Observer" schreibt: Wenn die britische Regierung jetzt ehrlich von Briand als Hindernis für die Rheinlandräumung angesehen wird, dann kann Stresemann sicher sein, daß die Rheinlande so gut wie geräumt sind. Natürlich ist sie nicht das Hindernis.
An anderer Stelle führt „Observer" zu den Reden Strese- Manns und Briands aus, eine neue Erörterung über die Rheinlandbesetzung kann nicht schaden. Locarno und der gesunde Menschenverstand haben seit langem aus die völlige Räumung der Rheinlande hingedeutet.
Räumung — aber Kontrolle.
Der Delegierte Frankreichs beim Völkerbund, der Abgeordnete Marcel Plaisant, hielt in Marseille eine Rede, in der er sich unter Bezugnahme auf die Ausführungen Strese- manus im Reichstag auch über die etwaige Rheinlandräumung aussprach. Er erklärte: Die Anhänger einer aufrichtigen deutsch-französischen Verständigung müssen eine auf einen kurzen Zeitraum bestimmte Räumung des Rheinlandes ins Auge fassen. Je mehr Zeit bis 1935 vergeht, um so mehr vermindert sich der Wert des Unterpfandes und um so mehr geht die Möglichkeit, Verhandlungen anzubahnen, zurück.
Die Trennung von einem wesentlichen politischen Werte kann aber nicht ohne eine Gegenleistung erfolgen, die gleichen politischen Wert hat. Wenn die Rheinlande von unseren Truppen verlassen werden, so fordern wir die Einsetzung einer ständigen internationalen Kontrollkommission, damit dieses Gebiet der Zwietracht eine Garantie erhält.
— „Giornale d'Jtalia" meldet, datz eine genaue Volkszählung i« der Provinz Bozen festgestellt hat, datz am 31. Dezember v. I. diese Provinz 253 000 Einwohner zählte, von denen 47 700 italienischer Sprache und 205 300 deutscher Sprache waren.
— Havas meldet aus Genf, in autorisierten Kreisen des Völkerbundes erkläre man, von einer Verlegung des Sitzes des Völkerbundes von Genf nach Wien nichts zu wissen.
— Die in Genf verabredeten Verhandlungen zwischen Polen und Litauen sollen am 25. Februar in Kopenhagen beginnen.
— Wie aus Brügge gemeldet wird, versuchten zwei Arbeiter, die in der Rahe von Houthem eine 210 Kg. schwere Granate gefunden hatten, diese nach Abschrauben des Zünders zu entleeren. Dabei explodierte die Granate, und die beide« Arbeiter wurden auf der Stelle getötet.
— Das nenr direkte Kabel zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten wurde von der Western Union Kabelgesellschaft formell eröffnet.
— Nach einer Havasmeldung aus Brüssel sind die französischbelgischen Wirtschaftsverhandlungen wieder ausgenommen worden.
— Nekchsminister Dr. Stresemann ist zu einem wehrwöchige» ErholnngSaufenthalt an die Riviera abgereist. Auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin hatte sich zum Abschied auch der französische Botschafter eingesunden.
— Bei einem Brande in der Ortschaft Stooe bei Win- sen a. d. Luhe, dem ein Wohnhaus und eine Scheune zum Opfer fielen, verbrannte ein Knecht, während ein andrer schwere Brandwunden erlitt. Vieh ist ebenfalls verbrannt.
— Der Kabinettsrat, der am Dienstag vormittag zusammengetreten ist, beschäftigte sich mit der Hilfe für Ostpreußen.
— Die englische Parlamentssession wurde am Dienstag mit der üblichen Thronrede eröffnet, in der besonders zum Ausdruck kam, daß sich die Lage in Thina soweit gebessert habe, daß die nach den Ronzessionen entsandten britischen Streithräfte erheblich vermindert werden könnten.
— Bei einem Brande auf dem Gutshofe Markgrafs- neusiedel bei Wien sind drei Rinder im Alter von 10, 5 und 2 Jahren in den Flammen umgekommen.
— Nach Meldungen aus Hanoi ist der französische Postdampfer „Trentinian", wie erst jetzt bekannt wird, am 4. Februar auf dem Fluß Mekong in Jndo-Thina, 4 Rm. von Thakhek entfernt, infolge Explosion seiner Benzinladung gesunken. 40 Eingeborene, zwei hohe Beamte und der frühere französische Abgeordnete von Saoopen, Bartholoni, sind dabei umgekommen.
— wie aus Lindenberg im Allgäu gemeldet wird, ist der ehemalige Reichswehrminister Dr. Geßler dort eingetroffen und wird sich zu dauerndem Aufenthalt auf seinem bei Lindenberg gelegenen kleinen Gut niederlassen.
— Der wegen Ermordung eines Patienten zum Tode verurteilte und zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigte Kölner Arzt Dr. Broicher ist nunmehr in das Zuchthaus zu Rheinbach übergeführt worden. Der Bezirksausschuß hat ihm die Befugnis abgesprochen, jemals wieder als Arzt tätig zu sein. Ebenso hat ihn das Kuratorium der Kölner Universität der Doktorwürde entkleidet.
— Das hessische Staatsminifterium ist nach langen Verhandlungen am Montag endlich gebildet worden. Adelung (S03.) ist Staatspräsident und übernimmt das Ressort des Kultusministers. Innenminister ist Leuschner ($.), Finanzminister Kirnberger (3.). Arbeit und Wirtschaft übernimmt Rorell (Dem.)
Pressa
Die Weltschau am Rhein
Das Bild der Ausstellung. — Eine Schau für die Allgemeinheit. — Die groß« Weltkulturschau.
Nur noch wenige Monate trennen uns von der Pressa -der Internationalen Press e-Ausstellung Köln 1928 —, der Weltschau am Rhein, die im Mai in der alten Römer- stadt ihre Pforten öffnen wird. Nahezu alleKultur. st a a t e n werden sich dort ein Stelldichein geben, um in freundschaftlichem Nebeneinander Zeugnis abzulegen von der Art ihrer Presse. Das ist eine Tatsache von vielleicht augenblicklich noch unübersehbarer Bedeutung, jedoch eine Tatsache, die die Anteilnahme der ganzen Kul - turwelt, besonders aber die aller Deutschen für sich i« Anspruch nehmen darf. Es ist eine alte, traditionelle Auf. gäbe des Rheines, zwischen den Völkern zu vermitteln, und so darf man es sich als ein gutes Symbol auslegen, daß just das alte, heilige Köln als Ort für diese Veranstaltung gewonnen wurde.
Noch ist das Vorstellungsbild von der Pressa in weiten Schichten unseres Volkes sehr unbestimmt; noch wissen drau- ßen im Reich allzuwenige, was die Presia will und bedeutet; noch können sich die Wenigsten die Ausstellungsmethode vorstellen und befürchten eine leblose Aneinanderreihung einer unübersehbaren und verwirrenden Menge von Zeitungen und Blättern aller Art.
And doch, wie ganz anders sieht die Wirklichkeit aus; wie bunt und lebendig ist die Fülle, der wir in Köln begegnen werden; welch' ungeheuere Bildungs- werte stecken in diesem Unternehmen gewaltigen Aus- maßest Man braucht nur einmal nachzudenken über das Wesen einer Zeitung und über ihre vielfachen Gebunden- heiten an die flüchtigen und schnellen Erscheinungen des Le- bens, um eine kleine Ahnung zu bekommen, daß die Presia alles andere sein muß als ein langweiliges Einerlei, das nur ermüdet und verwirrt.
1 Selbst d i e kleinste Zeitung hat schon so unend- lich viele Beziehungen zum großen Leben und zum Rhythmus der Geschehnisse der Welt, daß schon von ihr aus Klar- heit darüber erwachsen kann, was alles zur Presse gehört und mit ihr in Wechselbeziehung steht. Auch die kleine Ta- geszeitung kann sich nicht darauf beschränken, die wenigen, an den engeren Heimatbezirk sich knüpfe,wen Nachrichten zu vermitteln oder nur die Lokal-Politik der jeweiligen Ge- meinde zu behandeln und zu werten, sondern sie muß schon viel weiter ausholen, nachdem der moderne Mensch so viel weltaufgeschlossener lebt als früher und so viel mehr weih von der Fremde, als seine Väter wußten. Das Telephon der kleinsten Redaktion empfängt tagtäglich den Riever- schlag breiteren Lebens, und in einer Flut von Korrespondenzen ergießen sich Nachrichten aus aller Welt, die verarbeitet sein wollen, damit das Blatt seine Leser behält und seine Aufgabe erfüllen kann.
Wieviel mehr gilt das alles von den großen Welr- blättern, oft internationalen Charakters! Welch' ein großer Apparat gehört dazu, daß alle Meldungen nicht nur schnell ausgenommen, sondern auch tunlichs' ' verarbeitet werden; welch' eine Summe von großen uh. .>- schwind funktionierenden Verkehrsmitteln ist nötig, daß die fertige Zeitung verbreitet wird! Was hat Erfin- dergeist schon getan, und was muß er noch stündlich ununterbrochen arbeiten, damit die große Presse all die technischen Hilfsmittel hat, auf die sie unbedingt ange- wiesen ist!
Das Gesetz der Zeitung heißt „T e m p 0", wie das Ge- setz unserer modernen Zeit überhaupt; aber Tempo ist garnicht möglich ohne endlos viel Maschinen und Geräte, so- daß von selbst hinter der Presse eine für den Laien nicht übersehbare oder nur schwer zu erfassende Menge von Industrien steht. Jede von ihnen wird Zeugnis ihres Wirkens zu geben haben und det Pressa damit eine besondere Note technisch-wirtschaftlicher Natur verleihen. Das heißt aber mit anderen Worten, daß die Pressa nicht nur eine Fachausstellung für Zeitungsleute ist, sondern weit darüber hinaus alle Kreise des Volkes erfassen wird.
Die Vielseitigkeit ihrer Schaustellung erhebt sie zu einer Weltkulturschau, deren zu Grunde liegende Idee überhaupt zum ersten Male in der Pressa verwirklicht wird.
Einen sehr breiten Raum der Ausstellung nimmt die kultur-historische Schau ein, die das langsame Werden und Wachsen all dessen, was im weitesten Sinne ins Gebiet des Zeitungs- und Nachrichtenwesens hineingehört, mit den neue sten aus stellungstechn,- s ch e n Mitteln zur Schau bringt. Nicht nur aus der Frühgeschichte unseres eigenen Volkes, sondern darüber hinaus aus der aller Völker sind alte Werte, primitive Anfänge und langsame Vervollkommnungen ausgegraben und in enr- sprechenden Räumen lebendig und zeitgetreu dargestellt. Da ist so gut eine chinesische Zeitung aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. — „King-Pao" — zu sehen, wie auch die Art und Weise festgehalten ist, mit der alle Naturvölker sich Nachrichten übermittelten: das Feuerzeichen von Berg zu Berg, die Ruf- und Schreiposten der Arvölker oder die Trommel, signale afrikanischer Neger. In langen Monaten haben Männer der Wissenschaft in Verbindung mit formenden Künstlern daran gearbeitet, daß all dies nicht nur trocken dahingesetzt, sondern in den ihm eigenen Raum hineinge-