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Nr. 18 (1. Blatt) Samstag, den 1t. Februar 1928 80. Jahrg.

Amtliche Bekanntmachungen.

Landratsamt.

J.-Nr' 1017. Da die Obftbaumpflege im Kreise immer noch nicht überall das richtige Verständnis findet, sehe! ich mich genötigt, die Ortspolizeibehörden abermals dar­auf aufmerksam zu machen, daß ihnen die Regierungspolizei­behörden vom 22. April 1892 Amtsblatt 1892, S. 109 § 15 ff. das Recht einräumt, daß zum Schutze des Obst­baues und zur Vernichtung schädlicher Tiere Erforderliche zu veranlassen. Ich ersuche, zunächst sämtliche Obstbaum­besitzer durch eine allgemein gehaltene Bekanntmachung auf- zufordern, die zur Förderung der Obstbaumpflege erforder­lichen Arbeiten innerhalb 4 Wochen auszuführen.

Hierher gehört vor allem Folgendes:

1. Alle Bäume, ob wild oder edel, müssen von dürrem abgestorbenem und zu dicht stehendem Holze befreit werden, da sich hier Schädlinge und Krankheitserreger mit Vorliebe ansiedeln und im Frühjahr beim Eintritt warmer Witterung auf die gesunden Teile des Baumes übergehen und sich hier weiter verbreiten;

2. Misteln, Herenbesen, Baumschwämme müssen ent­fernt werden. Dabei ist besonders darauf zu achten, daß die Mistel nicht einfach abgestoßen wird, sondern daß der Zweig oder Ast an dem sie wächst, abgesägt werden muß. Bleibt der betreffende Ast stehen, so kommt die Mistel um so stärker oder an mehreren Stellen wieder zürn Vorschein;

3. Alle Wurzelausschläge, besonders bei Aepfel, müssen ausgerottet werden, da die gefährliche Blutlaus sich hier mit Vorliebe über Winter aufhält. Die von der Blutlaus be­fallenen Bäume sind zu zeichnen, damit man die Blutlaus im Frühjahr bei beginnender Vermehrung bekämpfen kann;

4. Alle Rindenschuppen müssen abgekratzt und die Bäume gekalkt werden, damit die Larven der Obstmade, Rüsselkäfer und andere schädliche Insekten vertilgt werden. (Sem Kalk ist etwas Baunrkarbolinoum oder Rinderbhu zuzusetzen);

5. Stark vom Krebs befallene Bäume sind abzuholzen. Einzelne Krebswunden heilt man, indem man die Wunden sauber auskratzt, mit Steinkohlenteer streicht oder mit soge- nanntem Baummörtel (Kuhfladen mit Lehm), breiartig auf­getragen, verbindet;

6. Unbekannte Krankheiten sind dem Kreisgärtner zu melden.

Nach Ablauf der Frist wird durch eine von einem Sach­verständigen vorzunehmende Kontrolle der Erfolg der An­ordnung festzustellen und nötigenfalls das Weitere zu ver­anlassen sein.

Ich bemerke wiederholt, daß dem Kreisgärtner gestattet ist, in den Gemeinden praktische Kurse (nicht nur Vorträge) an Ort und Stelle, sowohl in der Obstbaumpflege, wie in der Ausführung der Pflanzung, im Wurzel- und Kronen- schnitt und in der Behandlung junger Stämmchen zu halten. Ich kann nur empfehlen, hiervon recht fleißigen Gebrauch machen.

Schlüchtern, den 8. Februar 1928.

Der Kom. Landrat: Dr. Müller.

Stadt Schlüchtern.

Nächste Vieh- und Pferdernarkte irr Schlüchtern am Dienstag, den 6. März 1 928 und am Diens= tag, den 20. März 1 9 28.

(Huftrieb von Pferden, Rindvieh, Schweinen, Schafen und Ziegen.)

Der Magistrat: Gaenßlen.

Oeffentliche Aufforderung

Zur Entrichtung von Preußischen Staatssteuern (Grund­vermögens- und Hauszinssteuern), städtischen Steuern und sonstigen Abgaben.

Im Monat Februar 1928 sind für Februar 1928 und Vormonate an die Staatssteuerhebestelle und Stadt- kasse Schlüchtern zu zahlen:

Staatliche Grundvermögenssteuer,

Staatliche Hauszinssteuer,

Städtische Grundvermögenssteuer-Zuschläge,

Gewerbeertrag- und Gewerbekapitalsteuerreste für 1926 Gewerbeertrag- und Gewerbekapitalsteuer-Vorauszahlun­gen für 1927

Holzgelder, Schulgelder, Waffergelder, Polizeistrafen, Städtische und Kreiöhundesteuer, Pachtgelder, Kanal- und Anerkennungögebühren, sowie alle angeforderten Abgaben.

Die preußischen Staatösteuern (Grundvermögens- und Hauszinssteuern) sind am 15. eines jeden Monats, die an­deren Steuern und Abgaben an den für diese festgesetzten Terminen fällig. Für verspätete Zahlungen sind Verzugs­zinsen zu entrichten.

In letzter Zeit mehren sich die Fälle, in denen Auf­stellungen über die zu leistenden Zahlungen verlangt wer­

den. Es wird daher wiederholt darauf hingewiesen, daß die Steuer- und Abgabenzettel zur Vermeidung einer zeitrauben­den Abfertigung unbedingt bei der Zahlung vorzulegen sind.

Mahnungen erfolgen nur durch öffentliche Bekannt­machung. Die Einlegung von Rechtsmitteln hält die recht­zeitige Zahlung der Steuern und Abgaben nicht auf.

Schlüchtern, den 2. Februar 1928.

Der Magistrat. Gaenßlen.

Bekanntmachung

Die Rufnahme der zu Ostern dieses Jahres schulpflich­tig werdenden Rinder findet am Dienstag, den 17. Rpril d. 3s., vormittags 10 Uhr in Klaffe VI der Stadtschule statt.

Die Schulpflicht beginnt mit dem 1. Rpril für alle Rinder, die bis zum 30. 3uni desselben Jahres das sechste Lebensjahr vollenden. Rinder, die in der Zeit vom 1. 3uli bis 30. September das sechste Lebensjahr vollenden, kön­nen auf Antrag des Erziehungsberechtigten zu Beginn des Schuljahres in die Schule ausgenommen werden, wenn sie die für den Schulbesuch erforderliche körperliche und geistige Reife besitzen. Vorzeitig in die Schule aufgenommene Rinder werden mit der Rufnahme schulpflichtig. (§ 2 des neuen Gesetzes über die Schulpflicht vom 15. 12. 1927.)

Schlüchtern, am 10. Februar 1928.

Der Rektor der Stadtschule: Flemmig.

Neues vom Tage.

Reichspräsident v. Hindenburg hat den rumänischen Ge­sandten Nano zur Entgegennahme seines Abberufungsschreibens empfangen.

Reichsantzeuminister Dr. Stresemann ist mit seiner Be­gleitung in Cap Martin (französ. Riviera) angekommen. Fran­zösischen Journalisten erklärte er: Ich will mich erholen und wäh­rend einiger Zeit den Pslichten meines Amtes entgehen.

Mit den zu den deutsch-russischen Wirtschaftsbesprechungen in Berlin eingetrofsene» russischen Delegierten Schleiger und Kauf­mann sind auch der Präsident der Russischen Staatsbank Schein­mann und der Volkskommissar für das Verkehrswesen Rudsutak angekommen.

Auch aus Schlesien werden große Notkundgebungen der Landwirtschaft gemeldet. In Neusalz empfahl der Hauptredner, als letztes Notmittel den Marsch der Bauern nach Berlin fest ins Auge zu fassen.

Wie Havas aus Brüssel berichtet, hat ein Belgier in einem Schreiben an den Minister des Aeußeren für den Fall der Ver­legung des Sitzes des Völkerbundes nach Brüssel angekündigt, daß er zum Ankauf eines Terrains im gegebenen Falle 10 Millionen Franken zur Verfügung stelle.

wie aus Landshut gemeldet wird, scheint der Land­wirt Ertl von Rrnhofen mit einem besonders wohlwollenden Gevatter Storch bekannt zu sein, denn dieser Tage wurde !ihm das dreiunddreißigste Rind in die Wiege gelegt. Der Sprößling stammt allerdings aus dritter Ehe.

3n der Gegend von Diedenhofen hat sich am Don­nerstag Rbend ein schweres Straßenbahnunglück ereignet. Bis 7 Uhr abends sind 12 Tote und 34 verletzte aus den Trümmern der zusammengestoßenen Züge geborgen worden.

Der von den Zentrumsfraktionen des Reichstags lunb des Landtags vor einiger Zeit eingesetzte Russchuß, der sich mit den Rufgaben der verwaltungsreform zu befassen hat, hat sich am Dienstag nach eingehender Beratung über ein Programm für die zukünftige Rrbeit an der Lösung der Verwaltungsreform geeinigt. Das Programm wird dem Parteivorstand zur Genehmigung unterbreitet werden.

Das Schwurgericht in Bauten verurteilte die 36 Jahre alte Maurerwitwe Hulda Frieda Wild, geb. Sohne, wegen Mordes zum Tode. Sie hatte am 31. 3uli v. 3s. ihren drei Wochen alten Sohn mit Morphium vergiftet. Die Mörderin war geständig.

Rb 15. Februar erscheint die Rbendausgabe des vorwärts" in verdoppeltem Umfang und mit Illustrationen ausgestattet unter dem TitelDer Rbend", Spätausgabe des vorwärts" .

Reichswehrminister a. O. Dr. Geßler wird, wie gemeldet wird, in der nächsten Zeit, ehe er ständig seinen Wohnsitz in Lindenberg im Rllgäu nimmt, eine Erholungs­reise nach den Grient antreten.

20000 Sattler und Tapezierer in Lohnbewegung.

Berlin, 10. Februar. In der Lederwarenbranche ist der Berliner und Offenbacher Tarif gekündigt worden. Der Berliner Bundestarif wurde vom Hauptvorstand gekündigt. Für das Offenbacher Vertragsgebiet haben die Arbeitgeber- Verbände den Offenbacher Mantelvertrag gekündigt. Ferner ist zehn Großstädten der Tapezierertarifvertrag gekündigt worden. Hierbei kommen etwa 4000 Arbeiter in Frage. Ins­gesamt werden von der Tarifbewegung, bei der auch die Lohn­frage selbstverständlich eine große Rolle spielt, etwa 20 000 Arheiter betroffen. Die Verträge laufen im allgemeinen noch bis zum 30. April. Im Laufe des Monats März werden die Verhandlungen ausgenommen.

Bon Woche zu Woche.

Von Argus.

Es wirkte allgemach langweilig, daß der gewissenhaft« Chronist "jede Woche berichten mußte, die Beratungen über bai Reichsschulgesetz seien noch immer zu keinem Abschluß ge­kommen. Jetzt aber scheint die Situation sich zuzuspitzen: das Zentrum hat parteioffiziös erklärt, in seinen maßgebenden Kreisen betrachte man das Schulgesetz als gescheitert. Was nun? Soll diese Erklärung nur ein letztes Druckmittel sein? Oder was sonst? Folgt die Zurückziehung der Zentrums­minister aus dem Kabinett? Und dann die Reichstags­auflösung? Noch sieht man nicht klar, und noch ist die letzte Entscheidung über diese Fragen und Möglichkeiten nicht ae- fallen. Aber die Lage wird jetzt kritisch, so daß man auf alles gefaßt sein muß. Selbstverständlich fehlt es aber auch jetzt nicht an Bemühungen, doch noch zu einer Einigung über die um­strittenen Punkte vor allem die Simultanschule zu kommen, aber sie sind wenig aussichtsreich. Vielleicht wird man aber wenigstens noch den Etat erledigen und dann im Mai die Neuwahlen vornehmen. Die Entscheidung darüber kann nun nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Uebrigens zum PunktNeuwahlen": am kommenden Sonntag werden im Freistaat Hamburg die Wahlen zum Parlament sein, das dortBürgerschaft" heißt. Die Neuwahl erfolgt, weil der Leipziger Staatsgerichtshof die gegen die sogenannten Splitterparteien gerichteten Sonderbestimmungen des Hamburger Wahlrechts als im Widerspruch zur Reichs­verfassung stehend erklärt hat. Und nun haben für die Neu­wahl nicht weniger als 20 jawohl zwanzig Parteien und Gruppen Wahlvorschläge eingereicht. Wohin sollen wir kommen, wenn ein derartiges Auseinanderlaufen unseres Vol­kes sich etwa bei den nächsten Reichstagswahlen zeigen sollte?

*

Der deutsche Außenminister erholt sich an der sonnigen Riviera von einer nicht ganz leichten Erkältungs­krankheit. Er wird dort auch den eigentlich für Berlin bestimmten Besuch des rumänischen Außenministers Titu- lescu, der zurzeit in Paris weilt, erhalten und wird sich außer- bem für die Wärztagung des Völkerbundsrares vorbereiten. Man nimmt an, daß auf dieser Tagung die in aller Oeffent- lichkeit begonnene Diskussion über die Räumungsfrage zwi­schen Stresemann und Briand unter vier Augen fortgesetzt wird. Vielleicht nach dem Muster von Thoiry, bei einem guten Frühstück. Es wäre indes verfehlt, von einer solchen privaten Unterredung große Erfolge zu erwarten: b 0 r bnt französischen Wahlen wird keinesfalls ein Fortschritt in dieser Frage zu erzielen sein. Und nachher? Das hängt ganz von dem Ausfall dieser Wahlen (und einigen anderen Dingen) ab. Bei dieser Gelegenheit sei konstatiert, daß auf das deutsche Näumungsverlangen auch in der abgelaufenen Woche aus England ein recht erfreuliches Echo kam. Neuerdings hat sogar die englische Regierung im Parlament offiziell erklären lassen, sie sei stets für eine Verminderung der Besatzungs- truppen eingetreten. Trotzdem muß vor einem übertriebenen Optimismus gewarnt werden.

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Die große französische Wehrvorlage,Das Volk in Waffen", hat nun auch den Senat, das Oberhaus, passiert. Der Entwurf dieses Gesetzes, das im Kriegsfall das ganze französische Volk die Frauen, Kinder und Greise mit eingerechnet in den Dienst der Landesverteidigung stellt und den militärischen Kommandostellen eine unumschränkte Machtvollkommenheit einräumt, stammt von dem Sozia­listen Paul-Boncour. (Nein, es ist kein Druckfehler: von dem S 0 z i a l i st e n Paul-Boncour!) Dieses Gesetz ist eine famose Illustration zu dem in Frankreich geborenen Ver­langen nach Aechtung des Kriegs allerdings nur zwischen Frankreich und dem recht entfernten Amerika. Der Schiedsgerichtsvertrag zwischen diesen beiden Staaten ist übri­gens unterzeichnet; in der Einleitung wird gesagt, daß beide Mächte auf den Krieg als Mittel der Politik gegeneinander (wohlgemerkt: nur gegeneinander, nicht allgemein!) verzichten. Der amerikanische Vorschlag einesAnti-Kriegs-Paktes" zwi­schen allen Großmächten ist also noch nicht zustandegckom- men. Geradeso ergehen wird es dem zweiten Vorschlag des amerikanischen Staatssekretärs ReKogg: Abschaffung des U-Boot-Krieges. England seine insulare Lage erklärt das möchte gerne mitmachen, aber Frankreich, Italien und Japan winken bereits deutlich ab. So wird auch diese An­regungein frommer Wunsch" bleiben sagt ein japanisches Bkatt. Vielleicht war er auch gar nicht so ernst gemeint. Das gigantische amerikanische Marinebauprogramm läßt jedenfalls derartige Vermutungen als nicht ganz abwegig erscheinen.

Ein englischer Bürger offenbar kein armer Mann hat dem Schatzkanzler als Geschenk für die Nation den Betrag von 500 000 Pfund (10 Millionen Mark) übergeben, mit der Bestimmung, daß diese Summe, auf Zinseszins an­gelegt, liegen bleiben soll, um zur Tilgung der englischen Kriegsschulden verwandt zu werden. Seinen Kanten will er nicht genannt haben, aber sein Geld ist gut. Und in 200 Jah­ren (ä 5 v. H.) wird das englische Volk seine gesamte heutige Schuld aus dein Weltkrieg in Höhe von fast 66R Milliarden Mark zurückzahlen können. Vorausgesetzt natürlich, daß nicht durch neue Kriege neue Kriegsschulden entstehen!

Die englische Parlamentssession ist mit einer inhaltlich recht mageren Thronrede eröffnet worden. Im Arbeits-