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Nr. 39 (1. Blatt) Samstag, den 31. März 1928
80. Aahrg.
Amtliche Bekanntmachungen.
Landratsamt.
I.-Nr. 2564. Die Herren Zynagogenältesten werden an die alsbaldige Einreichung der Voranschläge für 1928 nochmals erinnert.
Schlüchtern, den 27. März 1928.
Der Kom. Landrat. 3. D.: Schultheis.
3.=Hr. 2597. Die Ortspolizeibehörden werden nochmals auf die im Negierungsamtsblatt Nr. 35, $. 192 von 1927 veröffentlichte Polizeiverordnung über die Lagerung von Kmmonsalpeter sowie ammonsalpeterhaltigen Misch- salzen und Gemengen aufmerksam gemacht und ersucht, für deren Bekanntgabe in den beteiligten Kreisen Sorge zu tragen.
Schlüchtern, den 27. März 1928.
Der kom. Landrat. 3. D.: Schultheis.
Stadt Schlüchtern.
Bekanntmachung.
Anstelle des verstorbenen Stadtverordneten Johann Söller tritt als Nachfolger auf der Liste der „vereinigten äozialdemokratischen Partei Deutschlands (Ortsgr. Schlüchtern) Herr Sägewerksbesitzer Philipp Walther als Stadtverordneter in die Stadtverordnetenversammlung ein.
Schlüchtern, den 29. März 1928.
Der Magistrat: Gaenßlen.
Tariferhöhung bei der Reichsbahn.
Sitzung des Verwaltungsrats der Reichsbahn. — Zurück- gegangene Einnahmen, aber erhöhte Belastung. — Tariferhöhung.
Die finanzielle Lage der Reichsbahn.
Vom 26. bis 29. März 1928 tagte bei Verwaltungsrat der Deuffchen Reichsbahngesellschaft in Berlin.
Wie auch bei den vorigen Sitzungen, stand die finanzielle Lage im Vordergrund der Beratungen. Der Ausgleich der Ausgaben durch die Einnahmen macht immer größere Schwierigkeiten. Die
Einnahmen auf den Zonenkilometer sind durch Tarifermäßigungen von 5,08 Pfennig im Jahre 1924 auf 4,44 Pfennig im Jahre 1927 zurückgegangen. .Bei einem allgemeinen Preis- ludex von 150 Prozent gegen 1913 betragen heute bei der Reichsbahn die Einnahmen für den Personenkilometer nur 123 Prozent und für den Güterzonenkilometer nur 132 Pro- Mt der Einnahmen von 1913. Die
Belastung der Gesellschaft
dagegen ist seit Beginn des Geschäftsjahres 1927 um 575 Millionen Reichsmark gestiegen, wovon auf Reparationszahlungen 110 Millionen, auf Dividende für Vorzugsaktien 15 Millionen und auf Löhne und Gehälter 450 Millionen Reichsmark entfallen.
Die
Erhöhungen der Ausgaben
N Kopf des Personals betragen nach der neuen Gehalts- und Lohnregelung für die Beamten 184 Prozent, für die Arbeiter pro Arbeitsstunde 20k. Prozent der Sätze von 1913. Dazu
die außerordentliche Belastung der Reichsbahn mit Ruhegehältern, die von 114 Millionen in 1913 auf 500 Milanen Mark in 1927 gestiegen sind.
Nur die günstige Verkehrsentwicklung seit Mitte 1926 dud die seit Ende 1927 durch geführte Einschränkung der Aufwendungen für Unterhaltung und Verbesserung der Anlagen llhlslM «I* r c • i " V* V CYYl C* V . i . o Y |
schier ein auf die Dauer erträgliches Maß hat es ermöglich disher von einer Tariferhöhung abzusehen. Die jetzige Drosse- chng der Unterhaltungs- und Verbesserungsausgaben kann Ichoch ohne dauernde Schädigung des Unternehmens nur noch 'llt ganz kurze Zeit beibehalten werden. Eine
wesentliche Vermehrung der Einnahmen durch Tariferhöhung ist also jetzt nicht mehr zu vermeiden.
Tariferhöhung für Güter- und Personenverkehr.
. Der Verwaltungsrat hat es deshalb unter Würdigung . dagegen sprechenden ernsten Bedenken im Einvernehmen . der Hauptverwaltung für seine Pflicht gehalten, eine -fariscrhöhung zu beschließen, die eine jährliche Mehreinnahme 250 Millionen Reichsmark ergeben soll, wobei der Güter- verkehr etwa zwei Drittel und der Personenverkehr etwa ein ^Uttel zu tragen hat.
Die Bestechungsaffäre.
Der Verwaltungsrat beschäftigte sich ferner mit den Ergänzen im Reichsbahnzentralamt. Um Beschuldigungen Unregelmäßigkeiten int Beschaffungswesen soweit als 'wglich aufzuklären und abmstellen, ist in Ergänzung des be- gehenden regelmäßigen Prüfungsverfahrens durch den Gene« a direktor eine besondere Kommission aus Fachbeamten ein-
Der Ausschutz soll im engsten Zusammenhang mit der Kommission arbeiten, die im Auftrage der Hauptverwaltung seit dem Herbst vorigen Jahres unter dem Vorsitz des Präsidenten des Rechnungshofes und unter Beteiligung namhafter Wirtschaftler an der Prüfung der Organisation des Reichs- bahnzentralamtes arbeitet.
Reichsregierung gegen Tariferhöhung?
Wie der „Lokalanzeiger" hört, steht man in Regierungskreisen der Absicht der Reichsbahnverwaltung, durch Tariferhöhungen neue Einnahmequellen zu schaffen, mindestens sehr skeptisch gegenüber. Es ist noch keineswegs als sicher anzusprechen, daß das Verkehrsministerium bezw. das Reichskabinett sich mit diesem Plan des Verwaltungsrates einverstanden erklären wird, denn man hegt begreiflicherweise die Besorgnis, daß eine solche Tariferhöhung, auch wenn sie sich nur auf 5 Prozent belaufen sollte, eine allgemeine Teuerungswelle im Gefolge haben könnte.
Infolgedessen wird dieser Beschluß des Verwaltungsrates im Kabinett sehr genau nachgeprüft werden, und man wird möglicherweise vor einer Zustimmung zu diesem Beschluß der Reichsbahndirektion nahelegen, den Versuch zu machen, auf andere Weise, z. B. durch Einschränkung der Kapitalinvestierung, sich die benötigten Mittel zu verschaffen.
Neue Briefmarke» mit dem Bilde der Reichspräsidenten.
Der Reichspräsident hat die Ausgabe von Briefmarken mit dem Bilde der deuffchen Reichspräsidenten genehmigt. Die neuen Briefmarken, von denen die Marke zu 15 Pfennig das Bild des Reichspräsidenten v. Hindenburg, die Marke ut 8 Pfennig das Bild des verstorbenen Reichspräsidenten Friedrich Ebert tragen wird, erscheinen voraussichtlich am 1. Juni d. Js.
Beendigung der Tarifverhandlungen bei der Reichspost.
Die Tarifvertzandikungenr bei bet Deutschen Reichspost' sind durch eine Vereinbarung beendet worden. Die Lohnerhöhungen betragen im Durchschnitt 10 v. H., die Arbeitszeit ist im allgemeinen .unverändert geblieben. Im Telegraphenbaudienst wird in drei Wintermonaten 48 Stunden, in den übrigen Monaten 52 Stunden wöchentlich gearbeitet. Die Vereinbarungen gelten bis zum 31. Dezember 1928.
England.
Die „Rohal Oak"-Angelegenheit.
Zu der bevorstehenden kriegsgerichtlichen Untersuchung der „Royal Oak"-Angelegenheit wird mitgeteilt, daß Kapitän Dewar und Commander Daniel wegen Verletzung der militärischen Disziplin unter Anklage gestellt sind. Die gesetzlichen Bestimmungen sehen bei ausgesprochenen Fällen von Disziplinwidrigkeiten die Entlassung aus dem Dienst vor.
Daniel wird in der Anklage zum Vorwurf gemacht, daß er an den Mitangeklagten, Kapitän Dewar, ein Schreiben gerichtet hat, in dem verschiÄ>ene Befehle usw. des Konteradmirals Collard kritisiert werden. Dewar wird beschuldigt, diesen Brief dem Admiral des ersten Liniengeschwaders zugeleitet zu haben.
Deutschland und Jugoslavien.
Für enge Zusammenarbeit!
Berlin, 29. März. In einer Unterredung mit dem Pra- ger Berichterstatter der „Voff. Ztg." setzte sich der augenblicklich in Prag weilende bekannte jugoflavische Politiker Stefan Raditsch lebhaft für eine enge Zusammenarbeit mit Deutschland ein. Er sagte praktische Folgen der letzten Ovationen für Deutschland in der Skupschtina voraus. Besonders die Deutschen Iugoslaviens würden dies zu spü- ren bekommen, die sich als ein außerordentlich staatserhal- tendes Element gezeigt hätten und die die Lehrer des jugo- slavischen Volkes in jeder Hinsicht seien. Die Gefahr einer Irredenta bestehe nicht mehr. Weiter sprach sich Raditsch für eine Zollunion mit der Tschechei aus, die später Bulgarien, Polen, Oesterreich, Rumänien und Ungarn in sich einschließen könnte. Im Falle des Scheiterns solcher Ver- bandlungen sei die einzige Lösung und die einzige Garantie der politischen Unabhängigkeit Iugoslaviens die Zollunion mit Deutschland, das in Jugoslavien als Kulturträger im besten unb edelsten Sinne für die Welt gelte.
— Der deutsche Botschafter in Paris, v. Hoesch, hatte eine Unterredung mit Außenminister Briand.
— Der deutsche Generalkonsul in New Aork, v. Lewinski, ist mit dem Dampfer „Berlin" zu einem kurzen Aufenthalt nach Deutschland abgereist. Der Zweck der Reise sind Besprechungen über die Durchführung des Freigabegesetzes.
— Das Bert Tagebl. meldet aus Hamburg: Der frühere Pastor von Borkum, Münchmeyer, der mehrfach wegen Beschimpfung der Republik und der Neichsfarben verurteilt worden ist, wurde von den Nationalsozialisten als Neichs- tagskandidat für den Wahlkreis Weser-Ems aufgestellt.
Son Woche zu Woche.
Von Argus.
Der Reichstag räumt auf. Vom Vormittag bis zum Abend dauern die Sitzungen. Nur so ist es möglich, mit dem Beratungsstoff zu Ende zu kommen. Die Neuwahl ist nun endgültig auf den 20. Mai festgesetzt. Man hat also genügend Zeit für den Wahlkampf. Er wird sehr heftig werden — ob aber die Wählerschaft diesen Kämpfen das große Interesse entgegenbringt, das man von ihr erwartet, ist eine andere Frage. Politische Fragen — „politisch" im engeren Sinne des Wortes gemeint — werden den Wahlkampf wohl nicht beherrschen. Was noch vor einigen Jahren auf diesem Gebiete die Gemüter heftig bewegte — etwa die Frage der Staatsform oder die der grundsätzlichen Einstellung der deutschen Außenpolitik — ist heute kaum mehr umstritten. Dafür werden Wirtschafts- und sozialpolitische Fragen in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen rücken. Man kann nur wünschen, daß ihre Erörterung das deutsche Volk nicht mehr auseinander- reißt, als das unbedingt nötig ist. Schließlich sind wir alle Angehörige eines Volkes. Und schließlich drückt uns alle eine große Not: die Last des verlorenen Krieges.
Vor unseren Wahlen werden die französischen stin: am 22. April. Herr Poincars hat den Wahlkampf mit einer großen Rede in Bordeaux eröffnet. Er hatte es nicht ganz leicht. Denn er ist das verantwortliche Oberhaupt eines Koalitionsministeriums, dessen einzelne Partner int Wahlkampf als scharfe Gegner einander gegenüberstehen. Poincarss Kabingtt umfaßt die Rechte und die Linke. Er selbst ist der Rechten zuzuzählen. Sie allein hatte aber in dem seitherigen Parlament keine Mehrheit. Und wird sie auch in dem künftigen nicht haben. Deshalb brauchte und braucht Poincare auch die Linke. Wohl sehr zu seinem Leidwesen. Aber er ist Rcalpolitt- ker. Teilte daher in seiner ersten Wahlrede zu Bordeaux seine Syinpathien gleichermaßen zwischen rechts und links. ^Komplimente nach beiden Seiten: die Ruhrbesetzung war ein gutes Geschäft (das war zur Rechten gesagt und gefiel dort sehr!), aber schließlich ist doch die Verständigungspolitik die einzig '^S^-Jxts hörte nun die Linke sehr gern!). Eine virt Ratten- S'ngermeiodie, die allen gefällt. Wird er damit, wie sein orgänger von Hameln, auch alle betören und alle ins Verderben führen? Wir wollen es nicht hoffen. Jedenfalls wird der Ausfall der deutschen Reichstagswahl recht wesentlich beeinflußt sein von dem Ergebnis der Kammerwahlen in Frankreich.
Genf war ein Fiasko. Ein gründliches. Ein so gründliches, daß selbst dem zünftigen alten Diplomaten Graf Bernstorff, der Deutschland auf der vorbereitenden Abrüstungskonferenz vertrat, die Galle stieg. Was ihn veranlaßte, mit aller Deutlichkeit zu sagen, daß sich Deutschland die fortgesetzten Berschleppungsma növer der anderen Seite (lies: der Entente) nicht einfach ruhig gefallen lassen könne. Darob große Entrüstung in Frankreich. Die Pariser Poesie tut so — der französische Delegierte in Genf hat ihr das vorgemacht! — als ob es keinen Versailler Vertrag gäbe, in dem die Abrüstung der Siegerstaaten feierlich verkrochen ist. Man sieht: wenn ihnen der Versailler Vertrag wegen irgendeiner Einzelbestimmung einmal gerade nicht in den Kram paßt, existiert er für die grzosen einfach nicht. Sonst ist er ein „heiliges" Dokument, mber&db, wenn es um Schikanen gegen Deutschland geht, darf nur nicht hindern, auszuffrechen, daß wir in den jüngsten Genftr Abrüstungsverhandlungen nicht viel mehr sehen können, als eine Komödie. Man führte sie auf, um seine Gegnerschaft gegen den Abrüstungsgedanken zu verbergen. Kann man es dem deuffchen Delegierten verübeln, wenn er bei dieser Sachlage etwas ungemütlich wurde? Hinterher dreht die französische Presse — geschickt, wie sie in außenpolitischen Dingen ist — den Stiel um und ruft nach der Methode des „Haltet den Dieb!", der deutsche Delegierte sei der Schuldige. Er habe die utopistischen russischen Anträge unterstützt, e r erhebe zu Unrecht den Vorwurf der Verschleppung, es bestehe überhaupt keinerlei Verpflichtung Frankreichs und der übrigen Ententestaaten zur Abrüstung usw. usw. Nein, so geht es wirklich nicht weiter! Wenn man das AbrüstungsProblem tatsächlich nicht ernsthaft in Angriff nehmen will, so sage man das wenigstens. Man könnte dann mit Deutschland über eine Abänderung des Versailler Vertrags verhandeln. Freilich nicht nur in dieser Frage. Sondern auch in anderen. Die zwangsweise Abrüstung Deutschlands hängt bekanntlich eng zusammen mit dem Versprechen der Entente, ebensalls abzurüsten. Wenn dieses Versprechen nicht mehr gelten soll, dann ziehe man gefälligst die Konsequenz daraus!
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Das neue polnische Parlament ist eröffnet worden. Schon in der ersten Sitzung gab es großen Krach, und die Wahl eines Sozialdemokraten zum Präsidenten, und zwar gegen den von Pilfudski empfohlenen Kandidaten, war ein unverhüllter Affront gegen den polnischen Diktator. — Der deutsch-russische Zwischenfall ist noch immer nicht aufgeklärt. Man rechnet damit, daß etwa Mitte April die Gerichtsverhandlung gegen die deuffchen Ingenieure statt- finbet. Nach den Schilderungen des zurückgekehrten Ober- ingenieurs Goldstein, der ebenfalls verhaftet war, aber wieder frei gelassen wurde, sind die verhafteten Deutschen sehr schlecht behandelt worden. Das ist angesichts der sonnetrusiischen Gewaltmethoden nicht weiter verwunderlich. Das Auswärtige Amt wird auch weiterhin der Interessen der verhafteten Reichsangehörigen sich mit aller Energie annehmen müssen. — Der Beherrscher Italiens, Mussolini, hat sich von entern