Nr. 81 (1. Blatt)Samstag, den 7. Juli 1928 80. Jahrg.
Amtliche Bekanntmachungen.
L a n d r a t s a m t
A. II. 3490/28. Ich weise darauf hin, daß alle Anträge auf Gestaltung von Haussammlungen für das Iahr 1929 mit dem vorgeschriebenen Rollektenorganisationsplan spätestens bis zum 15. August d. Is. bei mir einzureichen sind. Bei Kollekten, die sich über den hiesigen Regierungsbezirk hinaus auf den Bezirk Wiesbaden erstrecken sollen, sind für jeden Bezirk getrennte Anträge einzureichen.
Anträge, die nach dem 15. August d. Is. eingehen, können nur Berücksichtigung finden, wenn die Kollekten zur Beseitigung eines Notstandes dienen sollen und die An= träge nicht vorher eingereicht werden konnten.
Rassel, am 21. Iuni 1928.
Der Regierungspräsident.
I.-Nr. 5719. Die Herren Bürgermeister werden erneut aus die Verfügung vom 22. Februar 1912 — Nr. 1213 — Kreisblatt Nr. 9 — aufmerksam gemacht und ersucht, die Veränderungen (Zu- und Abgänge) zu der Nachweisung der noch nicht schulpflichtigen, taubstummen und blinden Rinder alsbald hierher anzuzeigen.
Schlüchtern, den 4. Iuli 1928.
Der Landrat. I. V.: Schultheis.
Betr. Erhaltung trigonometrischer Marksteine.
I.-Nr. 5705. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Marksteinschutzfläche, d. i. die kreisförmige Bodenfläche von 2 qm um den Markstein nicht vom Pfluge berührt werden darf. Vergl § 2 der Anweisung vom 20. Juli 1878, betr. die Errichtung und Erhaltung trigonometrischer Marksteine. Zuwiderhandlungen werden nach § 370, 1 des R.-Str.-G.-B. mit Geldstrafe bis zu 150 Mark bestraft.
Durch das Umpflügen und eggen der Marrstöinsci - stäche entstehen die vielen Verrückungen und Beschädigungen der Marksteine; mit der geringsten Verschiebung ist aber der Punkt zerstört und kann nur unter Aufwendung erheblicher Kosten von Technikern der Landesaufnahme wieder hergestellt werden. Die Zerstörung von trigonometrischen Punkten der Preußischen Landestriangulation fällt unter § 304 des R.-Str.-G.-B. — Gegenstand der Wissenschaft — und wird unter Umständen mit Gefängnis bis zu 2 Jahren bestraft.
Wiederholt ist es vorgekommen, daß Beschädigungen an Marksteinen von Kindern verübt worden sind. Um dieses zu verhüten, ersuche ich die Herren Lehrer, die Kinder auf die Bedeutung solcher Steine aufmerksam zu machen.
Schlächtern, den 2. Juli 1928.
Der Landrat. I. V.: Rang.
Kreisausschnß.
I.-Nr. 6194 F.
Unentgeltliche Sprechtage für Sprachgestörte in der Landestaubstummenanstalt in Homberg
durch den Facharzt für Sprachstörungen, Herrn Dr. med. Hoepfner in Rassel, finden in nächster Zeit wie folgt statt:
Sonnabend, den 4. August 1928,
„ „ 1. September 1928,
„ „ 13. Oktober 1928,
„ „ 3. November 1928,
„ „ 1. Dezember 1928.
Sprachgestörte, die die Beratung des Facharztes in Rnspruch nehmen wollen, werden ersucht, dieses spätestens 3 Wochen vor dem Sprechtag dem Rreiswohlfahrtsamt mitzuteilen unter Angabe von Namen, Wohnort und Geburtstag, ferner zu welchem Sprechtag sie sich in homberg einfinden werden.
Schlüchtern, den 30. Iuni 1928.
Rreiswohlfahrtsamt. I. v.: Rang.
Stadt Schlüchtern.
Oeffentliche Mahnung.
Die noch rückständigen Gewerbesteuerrestzahlungen für 1926 (in 1927 veranlagt), Gewerbesteuerzahlungen für 1927 (in 1928 veranlagt), Gewerbesteuervorauszahlungen für das 1. Vierteljahr 1928 (ein Viertel der für 1927 festgesetzten Gewerbesteuern), städt. Grundvermögenssteuer-Zuschläge, Holz- gelder, Losholz, Schulgelder, Wassergelder, Pachtgelder, Polizeistrafen, Kanal- und Anerrkennungsgebühren, sowie alle anderen Abgaben werden hierdurch angemahnt.
Ueber die Abgaben sind Benachrichtigungen zugestellt worden. Die Zahlung hat bei der Stadtkaste Schlüchtern zur Vermeidung der Beitreibung schnellstens zu erfolgen. Anträge und Eingaben halten die Zahlung nicht auf.
Mahnungen erfolgen nur öffentlich, nicht durch Behän- digung von Mahnzetteln.
Schlüchtern, den 5. Juli 1928.
Der Magistrat: Gaenßlen.
Bekanntmachung.
Anibie Bekanntmachungstafel des Rathauses zu Bad Soden, bei Salmünster wurde heute die Baupolizeiverordnung der unterzeichneten Polizeibehörde betreffend den Bauzonenplan für den Stadtbezirk Bad Soden, bei Salmünster angeschlagen.
Bad Soden, bei Salmünster, den 5. Iuli 1928.
Die Polizeiverwaltung: Radke.
Rmimungssrage und Dawes-Plan.
Der französische Politiker Seydoux zur Namnungsfrage.
— Erst Revision des Dawes-Planes. — Berthelots Londone: Besuch. — Frankreich durch Parker Gilbert für DaweS. Plan-Revision gewonnen? — Ein Zusatzprotckoll zum Kriegsächtungspakt.
Seydoux zur Räumungsfrage.
Im „Petit Parisien" nimmt der bekannte Politike: Jaques Seydoux zu der Regierungserklärung Hermann Müllers und den durch sie aufgerollten Fragen Stellung. Zur Frage der Rheinlandräumung erklärt Seydoux, dü deutsche Regierung sei überzeugt, daß sie auf Grund der Ent- spannungspolitik mit Recht die sofortige Räumung der besetzten Gebiete Verlangen könne. Hierbei handele es sich jedoch um ein seit Locarno herrschendes Mißverständnis. Allein der Versailler Vertrag sei für diese Frage maßgebend.
Frankreich könne feststellen, daß Deutschland gerrenlich die Bedingungen des Versailler Vertrages einhalte, die vorzeitige Räumung könne sich nur aus der Erfüllung aller Verpflichtungen ergeben. Erst wenn der Daives-Plan revidiert, Ane endgültige Verständigung über den Betrug und die Bauer der Jahreszahlungen erzielt und gewisse Sicherheiten für die Begleichung der Annuitäten gegeben seien, könne man agen, daß Deutschland seine ReparationsvervfliMnnaen rrfüllt.
Die französischen Sozialisten zur Räumung.
Im sozialistischen „Populaire" schreibt Leon Bfum, die französischen Sozialisten hätten nicht erst die Bilimng des Kabinetts Müller abgewartet, um zu Verlangen, daß man der militärischen Besetzung ein Ende mache. Sie hätten diese Forderung vielmehr seit Jahren erhoben und zwar in Erwägung der wahren Interessen Frankreichs.
Die deutschen Sozialdemokraten handelten durchaus folgerichtig, wenn sie die Rheinlandräumung forderten, und die wahre Frage sei zu wissen, wie Frankreich auf ihren Ruf antworte. Zum Schluß wirft Blum die Frage auf, ob die französische Regierung geneigt sei, in Uebereinstimmung mit den Interessen Frankreichs eine Politik der Unterstützung der Republikanischen und Demokratischen Parteien Deutschlands zu betreiben.
Kettogg-Pakt. — Dawes-Plan.
Bekanntlich hat der Generalsekretär für das französische Auswärtige Amt, Berthelot, kürzlich mehrere Tage in London geweilt; angeblich zu rein privaten Zwecken. Nun aber meldet der diplomatische Mitarbeiter des „Daily Telegraph" von unterrichteter Seite, daß während der letzten Wochen zwischen London und Paris tatsächlich Besprechungen über ein Zusatzprotokoll zum Kelloggschen Kriegsverzichtsvertrag stattgefunden haben, denen sich der Generalsekretär des Quai d'Orsay, der sich damals noch in London befand, nicht fern- gehalten haben dürfte.
Während seines Londoner Aufenthaltes habe Berthelot neben dem Kelloggpakt und dem Tangerstatut noch andere Fragen besprochen. Von Interesse sei, daß der Generalsekretär des Quai d'Orsay allem Anschein nach von dem Generalagenten für die Reparationen, Parker Gilbert, zu dem Gedanken einer Revision des Dawes-Planes bekehrt worden sei. Dies sei weniger überraschend, als es auf den ersten Blick den Anschein habe, daß die Hauptnutznicßer einer Revision Deutschland und Frankreich sein würden; Deutschland dank der Festsetzung einer verhältnismäßig niedrigen Reparations- summe und Frankreich dadurch, daß diese Summe zum größten Teil alsbald für das Wohl Frankreichs flüssig gemacht werden würde.
*
Bildung eines nationalen Jndustrierates in England.
Am Schluß der Besprechungen zwischen dem Generalra: der englischen Gewerkschaften und der von Lord Melü-ettS und Sir Alfred Mond geführten Jndustriellengruppe wurde eine gemeinsame Erklärung herausgegeben, die sich für die Bildung eines nationalen Jndustrierates einsetzte.
Hierdurch sind die Bestrebungen auf eine Sicherung des lndustriellen Friedens in Großbritannien einen beträchtlichen Schritt vorwärts gebracht worden.
— Bei den zahlreichen Unfällen, die sich bei der Feier des amerikanischen Unabhängigkeitstages ereigneten, sind nicht weniger als 69 Personen ums Leben gekommen. Besonders groß ist die Zahl derjenigen Personen, die durch die Explosion von Feuerwerkskörpern ihr Leben einbüßten.
— Das italienische Flugzeug „S. 64" ist um 7,50 Uhr abends auf dem Strande bei Natal (Brasilien) glücklich gelandet.
Von Woche zu Woche.
Von Argus.
Die neue Reichsregierung hat dem Reichstag ihr Programm unterbreitet. Es ist sehr ausführlich, aber auch sehr vorsichtig gehalten. In der inneren Politik beschränkt es sich auf die Aufzählung der zu lösenden Aufgaben, ohne auf die Lösung selbst näher einzugehen. Die Absicht war natürlich, möglichst wenig Angriffsflächen zu bieten. Diese Taktik war geboten durch die Tatsache, daß die Fraktionen dieses Mal nicht von vornherein auf ein bestimmtes Regierungsprogramm festgelegt waren. Wesentlich bestimmter konnte sich die Erklärung hinsichtlich der außenpolitischen Dinge ausdrücken. Denn auf diesem Gebiet gibt es wirklich eine Art Einheitsfront aller ruhig und vernünftig Urteilenden. Räumungsfrage — Abrüstung — Festsetzung der von Deutschland zu zahlenden Kriegsentschädigung auf eine erträgliche Summe — das sind die drei Hauptrichtpunkte für die deutsche Außenpolitik. Im Regierungsprogramm ist das mit der nötigen Deutlichkeit zum Ausdruck gekommen. Wenn zur Frage der Räumung der besetzten deutschen Gebiete darin gesagt wird, die Regierung hoffe, daß die Entente dieses Problem nicht mit Fragen verquicke, die damit nichts zu tun haben, so ist das ein sehr deutlicher, aber auch durchaus angebrachter Wink an Polens geschäftigen Außenminister, der, wie man sich erinnert, in London und Paris Stimmung dafür machte, erst dann zu räumen, wenn ein sog. „Ost-Locarno" abgeschlossen ist, d. h. Deutschland seine jetzige, geradezu unmögliche Ostgrenze feierlich anerkannt hat. Man wird diesen Wink in Polen hoffentlich verstanden haben. Uebri- gens war die Aufnahme der Regierungserklärung im Ausland wicht ungünstig. Nur die Pariser Chauvinfftenblätter — vorab der „Temps" — benützten die Gelegenheit wieder, nur ihr gewohntes Sprüchlein herunterzuleiern, wie gefährlich für Frankreich auch das heutige Deuffchland sei.
Wenn man unk; kaum man überall Gefahren für Frankreich wittern: der Pariser „Temps" hat sogar aus den harmlosen Telegrammen, die zwischen dem neuen deutschen D : ch" k a n z l e r M ü l le r und dem österreichischen D u n- deskanzler Seipel gewechselt worden sirck (aus Anlaß des eben vollzogenen Regierungswechsels!) außenpolitische Ge- iahren herbeizuleiten versucht. Diese Telegramme, so meint das erwähnte französische Blatt, seien Beweise dafür, daß der deutsch-österreichische Zusammenschluß trotz Versailles betrieben werde. Weshalb sich Frankreich vorsehen müsse. Man sieht: für gewisse französische Politiker ist jedes Ereignis recht, um eine kleine Hetze gegen Deuffchland daran zu entfachen. Immer wieder dieses hysterische Geschrei von dem „gefährlichen" (in Wirklichkeit doch völlig abgerüsteten!) Deutschland! Dabei hat Frankreich erst vor wenigen Monaten seine neue, geradezu gigantische Heeresvorlage durchgeführt und in der ab- gelaufenen Woche hat in Le Havre vor dem Präsidenten der Ztepublik eine glänzende Flottenparade stattgefunden. Die französischen Blätter haben aus diesem Anlaß voll Stolz darauf hingewiesen, daß die Kriegsflotte des Landes jetzt eine halbe Million Tonnen umfasse . . . Dazu die Wehrmacht M LiMieZUnd trotzalledem immer noch Angst vor der deutschen J&eta&r"?
Mau erinnert sich, daß es vor einiger Zeit zu einer ernsten Verstimmung zwischen Oesterreich und Italien kam, weil in Innsbruck eine große Demonstration gegen die Bedrückungen der Deutschen im jetzt italienisch gewordenen Südtirol verunstaltet worden war. Der italienische Gesandte in Wien war damals zwar nicht abberufen worden — zunächst war seine Abberufung angekündigt gewesen—, aber er war nach Rom abgereist und es hieß, er werde durch einen „schneidigeren" Herrn ersetzt werden. Jetzt aber ist er wieder zurück- gekehrt, nachdem zwischen Oesterreich und Italien Erklärungen ausgetauscht worden sind. Die italienisch-fcrszistische Presse stellt es so hin, als sei Oesterreich dabei völlig zu ^Kreuz gekrochen. Was natürlich nicht ganz stimmt. Aber Italien ist zur Zeit mächtiger als das kleine Oesterreich. Daraus, ergeben sich mancherlei Konsequenzen. Trotzdem werden sich die Deut- chen Südtirols ihr Naturrecht auf die Muttersprache nicht rauben lassen. Und Mussolini? Bäume werden sticht in den Himmel wachsen. Das hat der F a l l N 0 b i l e toi eher gezeigt. Es gibt doch noch Dinge, die sich nicht einfach durch kraft- meierische Redensarten nach Belieben drehen lassen, wie man sie gerade will. Die Naturgewalten und das Eis des Nordpols gehören dazu. Gewisse Naturrechte der Völker aber auch!
S ü d s l a w i e n hat nun die Regierungskrise, die nach der Bluttat im Belgrader Parlament kommen mußte. Die Regierung ist zurückgetreten. Die kroatische Opposition stellt weitgehende Forderungen: Parlamentsauflösung, Neuwahlen ohne behördlichen Druck, Selbstverwaltung für die nichtserbi- schen Gebietsteile. Ob man sich einigen wird, oder ob sich die Regierungskrise zur Staatskrise eriveitert, ist noch nicht abzusehen. — In G r i e ch e n l a n d hat Venizelos, der die seitherige Regierung stürzte, ein neues Kabinett gebildet.
Zum Schluß noch die Feststellung, daß auch die neueste Genfer Sicherheitskonferenz, die soeben zu Silbe ging, nur ein sehr bescheidenes Ergebnis brächte: die deutschen Kriegsverhütungsvorschläge sind durch englische Gegenanträge, die Annahme fordern, so gewässert worden, daß sie praktisch nichts mehr bedeuten. Es ist ein eigenartiges Bild: England, das doch dem Kelloggschen Kriegsächtungspakt angeblich begeistert zustiinmt, hilft in Genf getreulich mit, zu verhindern, daß die Abrüstung gefördert wird. Was nützen bei dieser Sachlage alle Deklamationen über die Berfemung des Krieges?