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Nr. 88 Dienstag, den 24. Juli 192«80. Jahrg.

Das Deutsche SängerbundeSsest.

Der Chor der 40 000.

Am Freitagmittag fand in der Riesensängerhalle im Prater in Wien die erste Hauptaufsührung des Festes statt, die mit einer würdevollen

Schubertehrung

von 40 000 Sängern verbunden war. Nach der Bundeshymne erklang die Festfanfare von Marx, vorgetragen von dem Orchester der Wiener Staatsoper, dem Wiener Symphonie­orchester und Mitgliedern des österreichischen Musikverbandes. Lebhafter Applaus belohnte den Dirigenten, Professor Viktor Köldorser und sein Orchester.

Darauf setzten Orchester und Chor zu Franz Schuberts Hymne" ein. Das große Wunder war geschehen. Zum e r st e n M a l e h a b e n s i ch 4 0 0 0 0 Männer zum Chor­gesang vereinigt. Lautsprecher kündigten darauf die Schubert- ehrung an. Der Vorsitzende des Deutschen Sängerbundes, Rechtsanwalt Friedrich S t f 31, hielt die Festrede, in der er barauf hinwies, daß die deutschen Sänger von überallher, wo die deutsche Zunge Hinge, herbeigeströmt seien, um dem Ge­dächtnis Franz Schuberts zu huldigen und sich zu einem ge­waltigen Bekenntnis für deutsches Wesen und deutsche Kunst zu vereinigen. 100 Jahre seien verflossen, seit dem ewig sprudelnden Quell seiner Schöpferkraft ein viel zu früher 2ob das Ziel gesetzt hätte. Aber so frisch und rein wie zur Zeit ihrer Entstehung empfanden wir heute noch die Schöpfer­kraft Schuberts, die deutsche Seele, das deutsche Lied in Wien ausströmen zu lassen.

Der Wiener Iestzug.

? 150 000 Menschen nehmen teil.

So etwas hat diese schöne Stadt wohl noch nicht ! erlebt. Acht Stunden lang bewegte sich der Riesen- sestzug durch die ganze Ringstraße und die Praterstraße zur Sängerhalle. Jubel über Jubel überall. Wer das schauen durfte, dem bleibt's ewige, untilgbare Erin­nerung. Das war so mächtig, so eindrucksvoll, daß man nach dem Erlebnis noch fieberte, daß dieHe-f" Rufe nachhallten im Ohr noch stundenlang.

Der Zug war einzig in seiner Art. Einzelne Werkstätten haben sich in den letzten Wochen aus­schließlich mit der Ausschmückung der Festwagen be­schäftigt. Diese Festwagen, die den Mittelpunkt jeder Gruppe bilden, waren von großer künstlerischer Schön­heit. Die Entwürfe stammen von dem Ausstattungs­chef des Burgtheaters, Professor Remigius Geyling. Einer der schönsten Wagen war

Das deutsche Lied".

. Eingeleitet wurde der Festzug von einer in großem Stil angelegten Schubert - E h r u n g , die um MC Uhr morgens vor dem Burgtor stattfand, wo auch die Ehrentribünen für die hervorragendsten Festgäste auf­gestellt waren. Die Schubert-Ehrung wurde durch vanfaren-Musik unter Leitung von Richard Strauß ein = geleitet. Darauf sang ein Sängerchor, der aus dem Gau Wien besonders zusammengestellt war, unter Le: tung von Professor Keldorfer die Hymne an Franz Schubert, die von Max Springer komponiert ist. Hier­auf folgte die

Schnhett-Gedeulrede

Ehrenvorsitzenden des Ostmärkischen Sängerbundes Zaksch. Nach weiteren musikalischen Darbietungen schloß diese Feier, und der

Keftzug setzte sich in Bewegung. Der Zug begann am Nathaus- Platz. Während der Marsch begann, wurden vor dem »estfeld beim Burgtor die Banner des Deutschen Sän­gerbundes mit der Erinnerungsmedaille und dem Fah- aenband geschmückt. An der Spitze des Festzuges ritten Fanfaren-Bläser zu Pferde in historischer Klei-

Ihnen folgten 16 Herolde. Dann kam die Pundesbannergruppe mit dem Banner des Deutschen Sängerbundes. Hierauf folgten wiederum Herolde zu Pferde. Hinter ihnen kamen dann zahlreiche Wagen für das Präsidium des Sängerbundes, die Festdiri­genten usw. Dieser erste Teil des Festzuges wurde ab- ^schlossen durch Fahnenschwinger und durch eine Gruppe österreichischer Sachsenkürassiere aus dem Jahre 1809 bis 1818.

Dann folgte in unübersehbarer Lange der weitere Bug, bestehend aus den ausländischen und den deut- schen Sängerverbäuden, von denen jeder seinen eigenen »estwagen mit sich führte. Besonders großartig war gegen Schluß des Zuges die Gruppe Wien, die zujam ^ett mit Niederösterreich und dem Burgenlande wohl größte aller vorbeiziehenden Gruppen gewesen sein dürfte. Ferner ist zu erwähnen, eine Gruppe VolkS- ium und Heimat in prachtvollen historischen Kostümen. , An dem Festzug nahmen nicht weniger als 160000 Menschen teil, unt> zwar marschierten drc Fußgänger im allgemeinen in 12er-Reihen, was bei d" besonders großen Breite der Wiener Ringstraße "'«glich ist. Längs der ganzen Straße waren häl- rerne Tribünen ausgestellt, die mehr als 20 000 Sitz­plätze boten. In den 3wivd>enräinnen zwischen den ^ribünen waren für etwa 509 000 Zuschauer gesicherte Plätze sreigchaltcn.

Zwei Aeußerungen Lobes.

In derWiener Allgemeinen Zeitung" sagt Löbc über das Sängerbundesfest, er sei davon überwältigt. Bei einem solchen Zusammenströmen Hunderttauseu- der von Menschen sehe man, daß der Anschluß nicht eine Sache der Politik sei, sondern eine Sache des gan­zen Volkes.

Nach derNeuen Freien Presse" stellte Löbe mit besonderer Genugtuung fest, daß die erdrük- kende Mehrheit der Deutschen in Oesterreich sich zum ge­meinsamen SymbolSchwarz-Rot-Gold" bekannt habe. Es zeige sich, t>*6 es richtig war, aus die schwarz-rot- goldenen Farben in Deutschland zurückzugreifen im In­teresse der tatsächlichen grotzdeutsäwn Zusammenfas­sung mit Oesterreich. Tue innere Ungleichung zwi­schen Deutschland and Oesterreich mache große Fort­schritte. Der einstimmige Rüchstagsbeschluß, wonach die deutsch-österreichischen Handelsvcrtragsverhandlun- gen mit dem Ziele einer Wirtschafts- und Zoll­union geführt werden möchten, sei der weitestgehende Antrag, der jemals in dieser Richtung vom Reichstag angenommen worden sei.

Sie können es nicht iaffen.

Frankreich hetzt gegen den Anschluß.

DerTemps" nimmt das Wiener Sängerbundes­fest zum Anlaß, erneut gegen den Anschluß zu hetzen. Er schreibt u. a.:

Die an der Verhinderung einer deutschen Vor­herrschaft in Zentraleuropa interessierten Staate« hät­ten die Pflicht, solche Kundgebungen besonders auf­merksam zu verfolgen, da sich alle Bemühungen für den Anschluß Oesterreichs an Deutschland gegen den euro­päischen Frieden richteten. Die Nachbarstaaten Oester­reichs konnten unter keinen Umständen dulden, daß Oesterreich auf seine Unabhängigkeit verzichte, um mit dem Deutschen Reich einen gewaltigen deutsche» Block zu bilden.

Diese großdeutsche Politik stehe in seltsamem Ge- geusatz zu her Politik der Entspannung, Versöhnung und Annäherung, die von den verantwortlichen Regie­rungen in Berlin und Wien empfohlen werde. Sie werde einen ^wissen Raum in den Unterhaltungen einnehmen, die Stresemann in Karlsbad mit Benesch und Titulescu führen dürfte.

Die Sängerhalre.

Deutsche Turner am Rhein.

Beginn des Deutsche,» Turnfestes in Köln.

Ueber 200 000 deutsche Turner sind im allen Köln angekommen, um beim 14: Deutschen Turnfest das Deutschtum laut und froh vor aller Welt zu bekennen auf einem Boden, der erst vor kurzem nach langjähriger Besetzung von unseren ehemaligen Fein­den geräumt worden ist.

Der Sonntag, der erste eigentliche Festtag, wurde eingeleitet mit einer Gedächtnisfeier für die Gefallenen und Toten. Auf allen Kölner Friedhöfen fanden Ge­fallenen- und Totenehrungen statt, die einen erheben­den Eindruck machten. Dann erst stieg das Fest heraus. Mit dem Turnfest ist eine Turnfach-Ausstellung auf dem Festplatz verbunden, die am Sonntag vormittag feierlich eröffnet wurde. Der Nachmittag brächte dann als bedeutendstes Ereignis die Enthüllung des Jahn- Denkmals im Jahn-Hain und das Hissen der Flag­gen aller Länder.

Die Hattvtvcrkchrsstraße« und die großen Plätze prangen in buntem Flaggen- und Wimpelschmuck, wie er in »er Nachkriegszeit wohl kaum gesehen wurde. Im Stadion in Kölu-Mougersdorf, wo sich der größte Teil der Wettlämpfe abspielen wird, ist eine riesige Zeltstadt entstanden. Auf der Fahn-Wicse wurde eine Zuschauertribüne errichtet, die 10 000 Menschen fas­sen kann. Anf einem Raum von 50 000 Quadrat­metern sind VerpflcguttgSzcltc erbant morden, in denen an den Hauptkampftagen die Teilnehmer für billiges Geld sich beköstigen könne«.

Nach einer Meldung aus Kingsbay soll nunmehr « auch der Marineoffizier Mariano, ein Mitglied derJtalia*- Expedition, gestorben sein.

Das Münchener

Es ist begreiflich, daß die große Münchener Eisenbahn- katastrophe die Öffentlichkeit noch immer beschäftig,. Insbe­sondere wird die Schuldfrage eifrig erörtert. Der Ein­heitsverband der Eisenbahner wendet sich in einer Erklärung gegen die Verhaftung der drei Stellwerks- beamten. Sie sind inzwischen freigelassen worden, aber die Untersuchung gegen sie geht weiter. Die wahren Schuldigen seien 1. der Vorstand des Betriebsamtes I München, Reichs- oberbahnral Will^ 2. der für die Betriebsaufsicht verantlvort-

Streite stationsvorstand, Reichsbahnoberinspektor Vogler, und 3. der die Rangieranssicht führende Oberbahn- inspektor Helfer. Den Antrag auf Personalvermehrung habe der Betriebsvorstand Will rücksichislos schon seit Jahren hintertrieben.

Die Münchener Staatsanwaltschaft erklärte einem Pressevertreter gegenüber, nach Lage der Dinge sei die ^nhaftnahme der drei unteren Eisenbahnbeamten unerläß­lich gewesen. Die Untersuchung weroe nicht nur in der Richtung gegen die drei Beamten geführt, sondern auf brei- Uster Basis ohne Rücksicht auf höhere Beamte oder das System" des Bahnbetriebes. Dabei seien und würden bahnamtlich unabhängige sachverständige zuge zogen. Die Staatsanwaltschaft sei nicht nur zur Erhebung der Belasten­den, sondern mich der entlastenden Momente verpflichtet Auf eine Frage des Berichterstatters, nue man an das System berankomme, falls im Ermittlungsverfahren weniger die Inhaftierten oder andere Personen belastet werden, als das System", mangelhafte Einrichtungen nw., erwiderte der Staatsanwalt, gegenüber demSystem" fei die Staats­anwaltschaft machtlos. Regierung und Parlament und öffentliche Meinung müßten zusammenwirken, um sich Gehör zu verschaffen. Sie müssen und werden es erreichen, daß die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt werden. Ueber den Tawes-Berpflichtungen steht die Betriebsiwerhcit der deutschen Eisenbahnen, die Sicherheit der deutschen Bevölke­rung über den Tributzahlungen.

Auch J>ic Reichsbahn bat mittlerweile zu den Bor- Würfen Stellung genommen. So tritt die Gruppen- r c v itraH irn g Bayern der Teutsche« Reichsbabnaefeil- schaft in einer längeren Pressenotiz, der in einzelnen Zei­tungen ausgesprochenen Vermutung entgegen, daß die Haupwerwaltung der Teutschen Reichsbahngesellschaft den Slusbau des Münchener Bahnhofs nicht in der notwendigen Weise gefördert und für die bayerischen Verhältnisse über­haupt ein immgelndes Verständnis gezeigt habe. Demgegen- über Wird erklärt, daß die bereits vor dem Kriege begonnene Ausgestaltung des Münchener Hauptbahnhofes im Jahre 1920 wieder ausgenommen und seitdem ohne Unterbrechung durchgeführt, worden ist, daß die Gesamtaufwendungen ' nur für den Münchener Hauptbahnhof feit dem Uebergang der bayerischen Staatsbahnen auf das Reich rund drei Millionen betragen und daß die Zentralisierung des mittleren Bahn- Hofsteiles im Laufe der nächsten Jahre vollendet werden wird. Im übrigen wird darauf hingewiesen, daß feit dem liebe rgang der bayerische« Staatseisenbahnen auf das Reich sehr erhebliche Mittel für das vormals bayerische Netz geneh­migt worden sind, so für die Unterhaltung und Erneuerung des Oberbaues, für Verstärkung und Auswechselung von Brücken, für Umbau und Erweiterung von Rangierbahn- Höfen, für die Zentralisierung von Stationen und die Aus­gestaltung der Ausbesserungswerke. Besonders wird daran erinnert, daß sott dem Uebergang der bayerischen Staats- bcchnen auf das Reich allein über HO Millionen für die Elektrifizierung au^ewendet wurden und daß die Reichsbahn auch noch di« Errichtung der bayerischen Großkraftwerke ganz erheblich finanziell un^sitützt habe. Airgesichts dieser Tat­sache könne nicht b^ruMt werden, daß Bayern bei der MätwlvorteilMig benachteiligt worden sei.

Die Reichsbahndirektion München ver­öffentlicht einen Bericht zu dem Münchener Eisenbahn­unglück, worin zunächst mitgeteilt wird, daß die Zentralisie­rung der Streckensicherung auch für den mittleren Teil des Münchener Hauptbahnhofs bereits genehmigt sei, aber erst nach der Zeit des stärksten Verkehrs durchgeführt werden könne. Die Behauptung, daß dasSystem der Personal- einspännig" an dem Unfall schuld sei, fei, nicht zutreffend. Nach Durchführung des Personalabbaus sei der Persoual- stand im Bezirk des Betriebsamts Müucl)cn I keineswegs auf die Vorkriegszeit abgesenkt, sondern trotz des geringen Zugverkehrs fast sieben Prozent darüber gewesen. Bei der Station München Hanptbaynhof betrage gegenüber der Vor­kriegszeit die Kopfvermehrnug im Bahnhofs- und Avferti- gungsdienst 14 Prozent. Auf Block Donners eergerbruckc und Betriebshütte 1 betrage die Dienstzeit innerhalb steten Tage 7S bczw. 7% Stunden auf den Tag ungerechnet und der Dienstplan fei im Einvernehmen mit der Personalver- tretung aufgestellt.

Wir registrieren alle diese Aeußerungen, weil sie zeigen, wie lebhaft die Erörterungen über die schwere Kataftrophe in München sind. Im übrigen wird man die Ergebnisse der Untersuchungen ahzuivarten haben.

Eine Entschließung der bayerischen Eisenbahner.

Der zu den Christlichen Gewcrkschasten gehörende Baye­rische Eisenbahnerverband nahm zu dem Hughta eine Eu - schließ,cng an, die den Versuch zurückweist, die Schuldan dem Unalück tem bien|tbateilten Personal zuzuschreben. Die fort* gefegten Personaleinschränknngen und im Zusammenhang da­mit die Ticustdauervorschriften bürden tem Personal eine