Nr. 89 Donnerstag, den 26. Juli 1928 80. Jahrg.
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Amtliche Bekanntmachnngen.
Kreisausschuß.
I.-Nr. 8060 Z.
Unentgeltliche Sprechtage für Sprachgestörte in der Landestaubstummeuanstalt in Homberg
durch den Facharzt für Sprachstörungen, Herrn Dr. med. Hoepfner in Kassel, finden in nächster Zeit wie folgt statt:
Zonnabend, den 4. August 1928,
„ % 1. September 1928,
„ „ 13. Oktober 1928,
„ „ 3. November 1928,
„ „ 1. Dezember 1928.
Zprachgestörte, die die Beratung des Facharztes in Anspruch nehmen wollen, werden ersucht, dieses spätestens 5 Wochen vor dem Sprechtag dem Kreiswohlfahrtsamt mitzuteilen unter Hr^abe von Namen, Wohnort und Geburtstag, ferner zu welchem Zprechtag sie sich in homberg einfinden werden.
Zchlüchtern, den 21. Juli 1928.
Kreiswohlfahrtsamt.
Gewährung von Unterstützungen an deutschstämmige Verdrängte in Rutzland.
J.-Nr. 7724 F. Innerhalb der gesetzlichen Regelung der Schlußentschädigung für Kriegsschäden hat es sich ermöglichen lassen, den im Reichsgebiet befindlichen, um ihre Existenz vielfach schwer ringenden Rußlanddeutschen, die für den durch die Verdrängung aus ihrer russischen Heimat erlittenen Schaden bestimmungsgemäß im allgemeinen weder eine ordentliche Entschädigung noch eine Härtebeihilfe erhalten konnten, in bescheidenem Umfang finanzielle Unterstützungen zukommen zu lassen. Aus dem Härtefonds des Kriegöschädenschlußge- letzes ist ein Betrag von Drei Millionen RM. zur Verfügung gestellt, aus den deutschstämmigen Geschädigten, die wegen ihres Deutschtums in unmittelbarem Zusammenhänge mit dem Kriege aus Rußland verdrängt worden sind, Beihilfen oder Darlehen gewährt werden können.
Die Mittel sollen vornehmlich dazu verwendet werden, den Verdrängten ihr wirtschaftliches Fortkommen zu ermöglichen oder zu erleichtern. Die Unterstützung ist im Sinne eines einmaligen zusätzlichen Beitrags zu eigenem wirtschaftlichen Können gedacht. Aus dieser Zweckbestimmung heraus ergibt sich die Notwendigkeir einer Beschränkung der Unter- > stützungsaktion auf Personen, bei denen nach ihren persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen damit gerechnet werden kann, daß der mit der wirtschaftlichen Förderung durch Gewährung einer Unterstützung beabsichtigte dauernde Erfolg ein tritt.
Mit der Durchführung der UnterstützüngSaktion ist die Kreditgemeinschaft gemeinnütziger Selbsthilfeorganisationen Deutschlands in Berlin beauftragt.
Etwaige Anträge auf Bewilligung eines Darlehens oder einer Beihilfe sind beim Kreiswohlfahrtsamt anzubringen.
Schlüchtern, den 19. Juli 1928.
Kreiswohlfahrtsamt. J. V.: Rang.
J.-Nr. 2805 K. A. Diejenigen Herren Bürgermeister der Stadt- und Landgemeinden, welche mit der Erledigung meiner Verfügung vom 27. Juni d. Js. — J.-Nr. 2805 K. A. — betr. Erweiterung der Berufs- (FortbildungS-) Schulpflicht noch im Rückstände sind, werden hieran mit 14 tägiger Frist erinnert, innerhalb derer die Erledigung bestimmt erwartet wird.
Schlüchtern, den 24. Juli 1928.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses. Dr. Müller.
— Das deutschnationale Mitglied des Reichstages, Walter Lambach, der bekanntlich vor einiger Zeit in der Presse die monarchischen Grundsätze der Deutschnationalen Volkspartei ^8 veraltet bezeichnet hatte, ist auf einstimmigen Beschluß des Landesvorstandes Potsdam II wegen schweren Verstoßes gegen die Parteidisziplin aus der Partei ausgeschlossen worden.
— Bei einem schweren Zusammenstoß zweier Straßenbahnwagen in Berlin wurden 12 Personen verletzt.
— In der Nähe von Tarent Überfuhr auf einem Bahnübergang ein Zug ein Automobil. Die zur Seite geschleuderten Trümmer des Wagen töteten eine Bahnwärtersfrau und ihr zehn Monate altes Kind. Von den auf dem Wagen be- s>"dlichen Arbeitern wurden zwei getötet und drei verletzt.
— Auf der Flucht vor der ihn verfolgenden Polizei hat sich heute mittag in Moßwald bei Freiburg der Fabrikarbeiter Vögtle erschossen. Er hatte gestern die Fabrikarbeiterin ^ohncisen, die feine LiebeSdnträge zurückwies, in ihrer Wohnung ermordet.
In Breslau hat eine Mutter ihrem siebenjährigen Kinde die Kehle durchschnitten und dann ihre Wobnung in Brand gesteckt. Die Motive zur Tat sind nicht bekannt.
üm Die Erhöhung der Sahntarise.
Die Neichsregierung wünscht reichsbahngerichtliche Entscheidung.
Bekanntlich hat das Reichskabinett den Antrag der Reichs- bahngesellschaft auf Tariferhöhung abermals abgelehnt. In der offiziösen Mitteilung über die Kabinettssitzung wird über den Standpunkt der Reichsregierung gesagt: Die Reichsregierung ist der Auffassung, daß die bisher gegebenen Unterlagen nicht hinreichen, um die Notwendigkeit einer Tariferhöhung darzutun. Sie würde es vorziehen, wenn vor endgültiger Entscheidung dieser Frage, die so einschneidend für die gesamte Volkswirtschaft ist, die weitere Entwicklung der Reichsbahn- einnahmen abgewartet würde.
Da jedoch die Reichsbahngesellschaft die Frage für geklärt und die alsbaldige Entscheidung für geboten hält, erhebt die Neichsregierung keine Bedenken dagegen, daß die bestehende Meinungsverschiedenheit, ob und in welchem Ausmaße eine Tariferhöhung als notwendig zu erachten ist, schon jetzt dem im Reichsbahngesetz vorgesehenen Neichsbahngericht unterbreit wird.
Zu diesem Bericht wird von zuständiger Stelle noch erklärt, daß keinerlei Differenzen zwischen der Reichsbahn und der Reichsregierung vorliegen. Der -Beschluß auf Anrufung dieses Schiedsgerichts sei vielmehr im Einvernehmen beider Stellen gefaßt worden. Der Vorsitzende des Schiedsgerichts ist das Mitglied des Senats Meyer. Es müssen somit noch zwei Beisitzer für das Zusammentreten des Schiedsgerichts ernannt werden, die von jeder. der beiden Parteien der Reichsbahn und der Reichsregierung zu benennen sind.
Das Schiedsgericht ist bekanntlich nicht die letzte Instanz, da die Neichsregierung unter Umständen die Möglichkeit hat, bei einer Gefährdung des Neparationsschuldendienstes und der Zinszahlungen das Haager Schiedsgericht anzurufen. Es ist jedoch nicht anzunehmen, daß es soweit kommt.
Das auf Grund des Reichsbahngesetzes vom 3Q. August 1924, _§ 44, eingesetzte besondere Gericht znr Entscheidung von Preisstellen zwischen der Reichsregierung und der Reichsbahngesellschaft wird beim Reichsgericht gebildet. Es besteht aus dem ständigen (auf fünf Jahre ernannten) Vorsitzenden und zwei Beisitzern, die für jeden Streitfall auf Vorschlag der Parteien vom Reichsgerichtspräsidenten bestellt werden.
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Die Vorgänge im Reichsbahnzentralamt. — Zur
Müychener Eisenbahnkaiastrophe.
Der Präsident der Reichsbahndirektion Karlsruhe, Frei- oerr von Eltz, der mit der Untersuchung der Vorgänge im Reichsbahn-Zemralamt Berlin beauftragt worden ist, hat sein Gutachten darüber, ob durch die vom Eisenbahnzentralamt mit den,Privatfirmen geschlossenen Vertrüge der Reichsbahn wirt- schaftliche Nachteile entstanden sind, abgeschlossen und dem Generaldirektor der Reichsbahn-Hauptvertvaltung überreicht. Eine Abschrift des Gutachtens ist der Staatsanwaltschaft zugeleitet worden.
Der Rcichsverkehrsmiuister wird am Donnerstag mit dem Generaldirektor der Reichsbahn, Dr. Dorpmüller, eine Besprechung haben, in der auf Grund des vorläufigen Berichts der nach München entsandten Untersuchungskommission die Entscheidung über die Fortführung der Untersuchung g^äHt werden soll.
Parker Gilbert in Paris.
Besprechungen mit Poincarb und mit Finanzleutcn.
Der Reparationsagent Parker Gilbert ist von Dinard, wo er mit dem amerikanischen Schatzsekretär Mellon eine Besprechung hatte, nach Paris zurückgekehrt. Er hatte eine längere Konferenz mit Poincara, ferner mit dem Gouverneur der Bank von Frankreich und verschiedenen französischen und amerikanischen Finanzleuten.
Wie der gut unterrichtete „Excelsior" erfährt, wird Parker Gilbert nächstens Paris verlassen. Für den Augenblick seien keine Verhandlungen über die Festsetzung der deutschen Schuld und die Revision des Dawes-Planes vorgesehen, da die Lösung verschiedener damit in Zusammenhang stehender Fragen erst nach den amerikanischen Präsidenten- und Senatswahlen statt- finden könne.
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Zwei Jahre Kabinett Pomcarc
Das am 23. Juli 1926 im Zeichen der nationalen Union gebildete Kabinett Poincar« konnte auf ein zweijähriges Bestehen zurückblicken. Aus diesem Anlaß hat Ministerpräsident Poincaro die Mitglieder des Kabinetts zu einer Feier eingeladen, die am 1. September im Anschluß an ben Ministerrat auf dem Landsitz Ministerpräsidenten impigny statt- finden wird.
Ein Munitionslager in die Luft geflogen.
Wien, 25. Juli. Wie die „Stunde" aus Belgrad meldet, hat sich bei Eattaro eine schwere Explosionskatastrophe ereignet. Ein staatliches Munitionslager ist in die Luft geflogen, wodurch eine noch nicht feststellbare Anzahl von Soldaten getötet worden ist. Da die Explosionen noch andauern, konnten Tote und Verwundete noch nicht geborgen werden. Gerüchte wollen wissen, daß es sich um ein Attentat handelt.
Wiener Rachllänge.
Das Deutsche Sängerbundesfest in Wien ist zu Ende. Ueberall wird sein glänzender und erhebender Verlauf gerühmt. Es hat nicht nur künstlerische und gesellige, sonden auch eine erhebende politische Bedeutung gehabt, die noch auf lange Zeit hinaus nachwirken wird. Deshalb hat es auch iMx.Jn- und im Auslande eine lebhafte Erörterung in der politischen Presse hervorgerufen. Besonders die Pariser Blätter sind angefüllt mit — mehr oder weniger unfreundlichen — Betrachtungen über das Wiener Fest und seine politische Bedeutung.
Was jedem Besucher der schönen österreichischen Landeshauptstadt ausfällt, zeigte sich auch den deutschen Sängern: Wien und Oesterreich sind für die Reichsdeutschen kein Ausland. Man fühlt sich dort genau so daheim wie innerhalb der Reichsgrenzen. Dies gilt insbesondere für den Süddeutschen, der in Wien denselben Geist und dieselben Menschen findet wie bei sich zu Hause. Es ist e i n Volk diesseits und jenseits der Grenzpfähle. So ist es denn nicht zu verwundern, daß gerade das Wiener Sängerfest zu einer geradezu überwältigenden Kundgebung fi> den deutsch-österreichischen Zusammenschluß wurde. Die deutschen und die österreichischen Sänger haben sich im Deutschen Sängerbund bereits eine einheitliche Organisation geschaffen. Sie war die beste Grundlage für die Demonstrationen zugunsten des staatlichen Zusammenschlusses. Und man darf an dem glänzenden Verlauf dieser Wiener Kundgebungen befriedigt konstatieren, in wie weite Kreise der Gedanke des Zusammenschlusses bereits gedrungen ist. Er wird weitermarschieren trotz aller Hemmnisse, die man ihm seitens dcp Ententestaaten in den Weg legen wird!
Wie schon erwähnt, sind es insbesondere die großen Pariser Blätter, die das Wiener Fest mißgünstig beurteilen. Die „Besetzung" (!) Wiens, die Deutschland für einige Tage vorgenommen hat, ist ein gefährliches Spiel — schreibt ein großes Pariser Blatt. Selbst linksgerichtete Organe, die sonst eifrig für die deutsch-französische Verständigung eintreten, blasen in das gleiche Horn. So meint beispielsweise das „Oeuvre", wenn es sich darum handle, ein geeinigter es Europa zu schaffen, so sei Frankreich nicht gegen O ffchiandz "wenn es aber darum gehe, ein „grobes Deutschland" wieder zu schaffen, so marschiere Frankreich nicht mit ihm. Dies ist sehr deutlich: man fürchtet, daß Deutschland durch den Zusammenschluß mit Oesterreich zu stark und zu mächtig werde. Und darum soll dieser Zusammenschluß unter allen Umständen verhindert werden. Es ist sehr hübsch, daß ein sozialistisches Pariser Blatt, der „Populaire", so boshaft ist, sich mit den Argumenten der nationalistischen Organe auseinanderzusetzen. Dieses sozialistische Blatt meint, man dürfe sich doch in Frankreich nicht darüber entrüsten, wenn aus Deutschland und aus Oesterreich Deutsche nach Wien gekommen seien, um nationale deutsche Lieder zu singen. „Wenn Nationalismus und Patriotismus die ersten Tugenden des französischen Bürgers seien, warum sollten diese Eigenschaften jenseits der Grenzen ein Laster sein?" fragt das sozialistische Blatt, um dann fortzufahren: Die Deutschen wünschen fast einstimmig den Anschluß. Es gibt anscheinend auch nichts Normaleres, da der Versailler Vertrag auf den 14 Punkten Wilsons aufbaue und das Selbstjbestimmungsrecht der Völker in ihm ausgenommen sei. Durch Anwendung dieses Grundsatzes fei es den Urhebern des Vertrages gelungen, d e Grenzen so zu ziehen, daß außer dem Siegerstaat niemand Nutzen von diesem Grundsatz hat. Man habe einen unmöglichen Staat geschaffen, der nicht lange bestehen könne. Wenn man die Wiener Kundgebungen nicht wolle, so hätte der Grundsatz des Völkerrechtes nicht verletzt werden dürfen.
Soweit der „Populaire". Man braucht dem vom deutschen Standpunkte aus nichts hinzuzufügen. Das Blatt w.fft den Nagel auf den Kopf. Freilich ist es vorläufig noch das einzige französische Organ, das derartig vernünfi.ge Aeußerungen über diese Frage bringt. Dessenungeachtet wird der Zusammenschluß Deutschlands und Oesterreichs kommen. Es ist schon so, wie der Reichstagspräsident Lobe in W:e« sagte: „Der einheitliche Wille eines 70-Millioncn-VoucZ laß: ;id) auf die Dauer nicht niederhalten!" Und die Unruhe, mit der man in Frankreich den Verlauf der gewaltigen Wiener Kundgebungen verfolgte, ist der beste Beweis dafür, daß die Idee marschiert. Darin sehen wir den größten Erfolg der Wiener sestlichen Tage.
Der Präsidentenmörder geständig.
Nach einer Meldung aus Mexiko erklärte der dortige Polizeichef, daß der Mörder des Generals Obregon ein volles G e st ä n d n i s abgelegt l)abe. Die Einzelheiten dieses Geständnisses könnten jedoch noch nicht bekannt gegeben werden. Dce katholische Geistlichkeit arbeite zusammen mit der Polizei an der Aufklärung des Mordfalles. Der Arbeitsminister, der am Sonntag zurückgetreten ist, halte sich verborgen. Wie er weiter erklärte, sei die Persönlichkeit, die dem Mörder den Revolver lieferte, nach den Vereinigten Staaten geflohen.
Das amtliche Blatt des Vatikans, „Obscrvatore Ro- mano", nimmt energisch gegen die Verdächtigungen von Katholiken im Zusammenhang mit der Ermordung des mexikanischen Präsidenten Obregon Stellung.
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Carranzas Leiche in Mexiko eingetroffen.
Nach Meldungen aus Mexiko-Stadt ist die Leiche Kapitän Carranzas dort mit einem Ehrengeleit von Truppen und Flugzeugen eingetroffen. Die Soldaten trugen schwarze Florbanver zum Zeichen der Trauer. Sämtliche Flaggen waren auf Halbmast gesetzt.