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M. 12S (1. Blatt) Samstag, den 27. Oktober 1828 80, Iahrg.

Amtliche Bekanntmachungen.

KreisaussHuß.

3.4fr. 4573 K. A. Dem Weber Friedrich Härtung in Herolz wurde aus Anlaß seines 25 jährigen Jubiläums bei der $irma H. F. Schäfer, Zchlüchtern, eine Prämie von 25 KK aus Kreismitteln bewilligt.

Zchlüchtern, den 19. Oktober 1928.

Der Vorsitzende des Kreisausschusses: (gez) Dr. Müller.

I.-Nr. 4383/84 K. A.

1. Die Herren Bürgermeister der Stabt« und Land­gemeinden des Kreises werden hiermit an die Linse ndung der Verzeichnisses über die in den Monaten 3uIi=Septem= ber erhobenen Vergnügungssteuern,

2. diejenigen der Land gemeinden an die Einsendung der llassenprüfungsverhandlungen für die obengenannten Mo­nate erinnert. Erledigung wird binnen 8 Tagen bestimmt erwartet.

Zchlüchtern, den 19. Oktober 1928.

Der Vorsitzende des Kreisausschusses.

I.-M. 565 Gew. Die Herren Bürgermeister des Kreises werden ersucht, innerhalb 8 Tagen hierher zu berichten, ob unb welche Betriebsstätten (Zweigniederlassungen, Zapf­stellen usw.) in ihren Gemeinden belegen sind, für deren Veranlagung ein auswärtiger Gewerbesteuerausschutz zuständig ist. Dabei ist anzugeben, ob die Veranlagung die­ser Betriebe zur Gewerbe ertrags steuer für 1928 bereits erfolgt ist und gegebenenfalls, welche Teilbeträge auf die Gemeinde entfallen.

Fehlanzeige ist erforderlich.

Zchlüchtern, den 23. Oktober 1928.

Der Vorsitzende des Gewerbesteuerausschusses: Dr. Müller.

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Der Reparationsagent beim Kanzler "

Berlin, 26. 1 0. Der Reparationsagent Parker Gilbert hat gestern nachmittag den'Reichskanzler Hermann Müller aufgesucht, um ihm über die Ergebnisse seiner Reise nach Paris, London und Brüssel und über die Stellungnahme öer maßgebenden französischen, englischen und belgischen Stellen offiziell Mitteilung zu machen. Die Unterredung dauerte längere Zeit. An ihr nahmen neben dem Reichs­kanzler . Reichsfinanzminister Dr. Hilferding, Reichswirt- schastsminister Dr. Turtius und Reichsbankpräsident Schacht teil. Nach den Darlegungen Parker Gilberts folgte eine Unterhaltung der Minister und des Reichsbankpräsidenten mit dem Reparationsagenten. Wie dasB. T." ^ört, ist heute eine Sitzung des Reichskabinetts in Aussicht genommen, in der der Reichskanzler oder Reichsfinanzmini- ster den Kabinettsmitgliedern Mitteilungen über die gestrige Besprechung mit dem Reparationsagenten machen wird.

ist anzunehmen, daß in dieser Sitzung vor allem auch w fragen der Zusammensetzung und des Tagungsortes der geplanten Kommission besprochen werden.

Sie Sicherheit bei ber Reichsbahn«

Ber Reichsverkehrsminister hat die Vertreter der Reichs­tagsfraktionen, die an den üblichen Besprechungen über Angelegenheiten der Reichsbahn mit der Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahngesellschaft beteiligt sind, für Rn= fang November in das Reichsverkehrsministerium einge= woen. Gegenstand der Besprechung wird das in der Denk-

des Arbeitsausschusses zur Untersuchung der Betriebs- Merheit der deutschen Reichsbahn niedergelegte Unter- faqungsergebnis bilden.

Schweres Eisenbahnunglück.

50 Personen gelötet be;w. verletzt.

L u k a r e st, 26. Oktober. (WTB.) Der von Bukarest kommende Simplon - Expreß ist heute Nacht mit einem fanelljug zusammengestoßen. Dabei wurden 50 per- lonen getötet bezw. verletzt. Ein Schlafwagen, sowie 2 Personen- und ein Güterwagen wurden vollständig Zerstört.

Zwei Dberschützen des Inf. Reg. 7 wurden von der Grenzpolizei angehalten, nachdem sie sich von ihrem Trup­penteil entfernt hatten, da der verdacht der Spionage zu­gunsten Polens bestand. RIs sie sahen, daß ihnen kein nusweg mehr blieb, erschossen sie sich. Die Untersuchung

. r den geheimnisvollen Fall schwebt. L's besteht der Klagende Verdacht, daß es sich hier um eine große Spio- "ageaffaire handelt.

. Am Donnerstag hat in Vincennes die Beisetzung der " Todesopfer der Einsturzkatastrophe stattgefunden. Die Kommunisten wollten diesen Akt zum Anlaß einer großen Kundgebung ausnutzen. Die Polizei hatte aber umfangreiche ^^kehrungen getroffen und verhaftete nicht weniger als Od0 Personen, darunter 452 Ausländer.

Reich and Länder.

Das Ergebnis der Berliner Konferenz.

Die Beratungen des Derfasfungsausschusses der Länder- konferenz sind abgeschlossen. Ueber ihr Ergebnis wird amtlich miigeteilt: Der Ausschutz hat beschlossen, zur weiteren Be­handlung der Fragen und zur Erzielung von bestimmten Vor­schlägen und-zur Lösung der einzelnen Probleme zwei Unter­ausschüsse einzusetzen, denen die nachfolgenden Richtlinien überwiesen worden sind: Der Ausschuß nimmt von der Er­klärung der Reichsregierung Kenntnis und setzt zwei Unter­ausschüsse ein:

1. Der erste Unterausschuß hat die Aufgabe, unter der Aufrechterhaltung und der Bildung von leistungs­fähigen Ländern über die Frage der territorialen UmSiederung des Reiches Vorschläge zu machen.

2. Der zweite Unterausschuß hat zu untersuchen, wie eine klare Abgrenzung der Zuständigkeiten zwischen Reich und Ländern hergestellt und dauernd gesichert, und in welcher Weise der Dualismus zwischen Rech und Preußen behoben werden kann. Aufgaben, bei denen Lebensfragen des Reiches nicht berührt werden, sind der Eigenverwaltung der Länder zu belassen oder z« übertragen. Derselbe Ausschuß hat weiter fcsizu- fttilen, ob und wie neben der landeseigenen eine Auf­tragsverwaltung in dem Sinne geschaffen werden kann, daß das Reich die Länderregierungen mit der Führung der Angelegenheiten der Reichsverwaltung beauftragt.

Die Entschließung wurde über Ziffer 1 einstimmig vom Ausschuß gebilligt. Zu Satz 3 der Ziffer 2 hatte Bayern folgenden Abänderungsantrag eingebracht:

Aufgaben, die zurzeit tatsächlich Reichsaufgaben sind, bei denen aber Lebensfragen des Reiches nicht berührt werden, sind der Eigenvertvaltung der Länder zu übertragen." Dieser Antrag wurde gegen die Stimmen von Bayern, Württemberg und des Reichsministers Dr. Schätze! abgelehnt, worauf Ziffer 2 gegen die Stimmen der Genannter: angenommen wurde.

Die beiden Unterausschüsse unter dem Vorsitz des Re'chs- ministers des Innern setzen sich zusammen aus je drei Mit­gliedern des Reichskabinetts, sechs Vertretern der Länder und. ci nichtbeamteten Sachverständigen, und zwar sind im erfterr Unterausschuß vertreten Preußen, Bayern, Württembe.g, Hessen, Hamburg und Anhalt. Im zweiten Unterausschuß Preußen, Bayern, Sachsen, Baden, Thüringen und Mecklenburg.

Eine Rede Severings.

Auf der Tagung des Deutschen Beamtenbundes in Berlin sagte Reichsinnenminister S e v e r i n g , die Reichsregierung wisse sich verbunden mit einem freudigen staatsbejahenden Beamtentum. Neben der Opferwilligkeit und Verantwortlich­keit der deutschen Arbeiterschaft sei es das Bernfsbeaniteutnm gewesen, das 1918 Volk und Land vor dem schlimmsten Chaos bewahrt habe. Das gleiche gelte für die Zeit des Kapp-Putsches. Das Reich wisse diesen Dienst zu schätzen und denke nicht baran, die Rechte des Berufsbeamtentunis abzuschaffen oder zu mindern. Die baldige Vorlegung des Beamtenvertretungs- gesetzes und der Beamtenvorlage sagte der Minister zu. Es sei ein Irrtum, zu glauben, daß eine Verwaltungsreform durch einen Abbau von Beamten zu erreichen sei.

Nicht die Entlassung von Funktionären, sondern die Ab- schaffung von Funktionen führe Ersparnismaßnahmen herbei. Erfreulicherweise habe die Länderkonferenz ein großes Hinder­nis aus dem Wege geräumt, nämlich die Atmosphäre des Miß­trauens zwischen Nord und Süd. Auch die Süddeutschen hätten sich bereuerklärt, an einer Vereinheitlichung der Verwaltung mitzuarbeiten.

Eine Gedächtnisfeier für Amundsen.

Die norwegische Geographische Gesellschaft hielt Mittwoch Abend in der bis zum letzten Platz gefüllten Aula der Universität eine dem Gedächtnis Amundsens gewidmete Si­tzung ab. Unter den Erschienenen bemerkte man Mitglie­der der Regierung, ferner Miß Boyd, die Flieger Unser, Larsen, Lützow ^olm, Lambrechtsen und Otto Sverdrup, die verwandten Amundsens und viele andere hervorragende Persönlichkeiten. Der Präsident der Geographischen Ge­sellschaft, Dr. Skattum, hielt einen vortrag über die vielen Entdeckungen Amundsens, angefangen von der Fahrt der Gjoa" bis zur Fahrt mit dem Luftschiff über dem Polar­bassin. Nach dem vortrag wurden Lichtbilder mit Amund­sens Porträt gezeigt, wobei sich die versammelten von den Plätzen erhoben und eine Minute stehend und schwei­gend verharrten. Darauf bestieg Professor Frithjof Nan­sen die Rednertribüne und führte u. a. aus:Für alle Zeiten wird Roald Amundsen als besonderer Typ in der Geschichte der Forschung baftehen, als Typ geraden Weges, aus dem Herzen des norwegischen Volkes entsprungen. Er kam als ein leuchtender Stern an dem bewölkten Himmel des norwegischen Volkes auf, ein Stern, der plötz­lich erlosch. Hoch oben im Norden fand er sein Grab- sein Name aber wird von dort leuchten". Frithjof Nansen war sichtlich bewegt, und die Rede, die einen außerordent­lich starken Eindruck machte, erntete langanhaltenden Bei­fall. Zum Schluß wurde das letzte Bild gezeigt, das von Amundsen ausgenommen worden ist und das den ^Forscher unmittelbar vor dem Start in Tromsoe, auf derLatham stehend, darstellt.

Rückblick

Kr. Kr. Wer die kleinen Inseln im Aegaischen Meer kennt, weiß, wie dort das ganze öffentliche Leben abhängig ist von dem Ausfall der Olivenernte. Ist sie gut, dann herrscht größte Zufriedenheit mit dem bestehenden Regime, mag es republikanisch oder royalistisch fein. Fällt die Ernte schlecht aus, dann erhebt die Unzufriedenheit mit allem ihre eifernde Stimme. Revolutionäre Gedanken wer­den laut. Verbrechen greift um sich. Kurz, es herrscht die schönste Ordmmg, wenn die Leute Geld genug haben, um sich anständig durchs Leben zu schlagen, es weht Krisenluft, wenn die Olivenernte nicht genug Geld nach der Insel bringt. Wie hier im Kleinen, so allenthalben im Großen auch. Richt ohne Grund wurde deshalb von den Männern des Dawesplanes die Höhe der Iahreszahlungen Deutsch­lands an die früheren Gegner abhängig gemacht von dem Lebensstandard des Deutschen. Wobei hauptsächlich an bim deutschen Arbeiter gedacht wurde. Das sollte nicht etwa ein liebenswürdiges Entgegenkommen an den deutschen Ar- beiter bedeuten, Gott bewahre, die harten Finanzmänner sind weit entfernt von solchen Gedanken der Liebenswürdig­keit. Sie rechneten kühl aus: wird dem Deutschen so viel entzogen, daß seine Maße nicht mehr anständig leben kann, dann macht er Krach. Das heißt wieder: er revolutioniert, konspiriert wahrscheinlich mit seinen Brüdern in Rußland und dann ists überhaupt aus mit den Zahlungen Deutsch­lands an die anderen Staaten. Also ein allzustarkes Aus­saugen des deutschen Volkes würde zum schlechten Geschäft für die Finanzen der anderen Staaten.

Ganz aus diesen Erwägungen heraus zerbrechen sich zur Zeit auch die anderen den Kopf darüber, wie die Gefahr eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs in Deutschland ver­mieden werden kann und die anderen das schöne deutsche Geld bekommen. Denn es ist nun mal offenbar geworden, daß Deutschland so nicht zahlen kann, wie es am grünen Tische in London ausgerechnet worden ist Vor allem nicht, nAchdem von einigen Regierungen politischs Förderungen in ae* ' 'a wirstchastlich gedachten Plan bineingebracht wur­den. Al o es muß für die Reparationszahlungen Deutsobkand^s ein neues System aufgestellt wer­den. In einigen Wochen wird wieder einmal eine Kommis­sion von Sachverständigen zusammentreten und einen neuen Plan ausarbeiten.

Vergessen wir nicht, daß das Ergebnis dieser Beratun­gen, das unter Beteiligung Deutschlands zustande kommt, ganz anders verpflichtend für das deutsche Volk sein wirb als der Dawesplan. Dieser galt von Einfang an als Ver­such. Seine Aenderung war in Aussicht gestellt. Was jetzt kommt, muß eingelöst werben wie ein Wechsel.

* *

Die Gefahrenpunkte, nicht nur für die deutschen Inter­essen, sondern für die gesamte Welt, liegen darin, daß Frankreich die ganze Frage mit seiner amerikani­schen Schulde »frage verknüpfen will. Bei der augenblicklichen Stellung Amerikas, das sich nicht auf eine Herabsetzung seiner Forderungen an die früheren Alli­ierten einlassen will, besteht hier die Gefahr, daß ein eu­ropäischer Block zusammenkommt, der in Front steht Amerika gegenüber. Könnte Deutschland eine solche Stel­lung frommen? Eine andere Gefahr bildet die Mög­lichkeit, daß die anderen die schützende Transferklausel weg­schaffen, und so die Valuta Deutschlands von neuem be­droht ist. Damit wäre der wirtschaftlichen Zerüttung in Deutschland wieder Tür und Tor geöffnet. Daß diese bei­den Gefahrenpunkte bei den künftigen Verhandlungen aus­gemerzt werden, dürfte in erster Linie Aufgabe der deut­schen Anterhändler sein.

Ob aber die anderen nicht doch wieder politische Ge- sichtspunkte in die neuen Abmachungen bringen werden, kann noch immer nicht verneint werden. Ganz ohne Politik wird es ja nicht abgehen. Dafür sorgt schon die enge Verbin­dung England-Frankreich, der ganz erfolglos der Charakter einer Entente abgesprochen werde« sollte. Wer gehofft hatte, daß die veröffentlichten Dokumente über das f r a n- zös isch-englische Flottenabkommen etwas neues bringen würden, somit die Gepflogenheiten der guten alten Diplomatie nicht, die eben doch noch immer am Le- ben ist. Ganz gewiß ist nichts von dem, was über den eigentlichen Zweck und Sinn des Abkommens zwischen den Vertragspartnern gesagt wurde, veröffentlicht worden. Gan gewiß nicht. So bleibt nach wie vor die Unruhe. Mit Recht. Was nützt die ganze Völkerbundspolitir, wenn nebenher doch derartige Geheimabkommen zwischen Staaten geschlossen werden, wodurch bestimmten Interessen­kreise geschaffen und herausgefordert werden. England muß doch schon ein großes Interesse an der Allianz mit Frank- reich haben, sonst hätte es nimmermehr auf seinen altm Grundsatz verzichtet, der da lautete:Niemals die Vor- Herrschaft eine einzigen Großmackt auf dem europäischen Kontinent!" Billigt England den französischen Standpunkt, daß die ausgebildeten Reservemannschaften nicht als po- tentiel de guerre gerechnet werden sollen, dann besitzt, mag die Abrüstungsfrage erledigt werden wie sie will, Frankreich auch zukünftig die stärkste Landinacht unb damit die Hege- monie in Europa.