Kreis-Amtsblatt * Allgemeiner mntlLcherAnzeLHer für ten Kreis Schlüchtem
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Rr. 131 (1. Blatt) Donnerstag, den 1. November 1928
80. Jahrg.
„Graf Zeppelin wird
Mittwoch Abend erwartet!
Friedrichshafen in Erwartung der Ankunft.
Der Generaldirektor des Luftschiffbaues Zeppelin, Lolsmann, erklärte, daß er trotz der zur Zeit sehr schlechten Wetterlage über dem Atlantik noch damit rechne, laß das Luftschiff in den späten Nachmittagsstunden des Mittwoch in Friedrichshafen eintreffen werde. Die Leitung des Luftschiffbaues habe mit der Stadt Friedrichshafen für die Ankunft des Schiffes einige Empfangsfeierlichkeiten vorgesehen. Am Abend finde ein von der Stadt Friedrichshafen gegebenes Essen zu Ehren Dr. Eckeners, der Besatzung und der Mitarbeiter des Luftschiffbaues statt. Im Anschluß daran werde sich ein Fackelzug, an dem sich sämtliche Arbeiter der Werft, Sportvereine von Friedrichshafen und Umgebung und die Spitzen der Behörden beteiligen, durch die Straßen der Stadt zu dein Zeppelin-Denkmal begeben, wo er, Kommer- zienrat Dr. Colsmann, die Festrede halten lverde. Mit seinem großen Kommers werde die Feier ihren Abschluß finden.
Für die Reichsregierung wird Minister von Guörard die Besatzung des Zeppelin begrüßen.
Cunarddampfer „Askania" in Funkverbindung mit dem „Zeppelin".
Der Cunarddampfer „Askania" hatte mit dem Luftschiff „Graf Zeppelin" Funkverbindung. Das Luftschiff selbst wurde nicht gesichtet. Seine Signale waren aber stark hörbar. Das Wetter ist bei starken Südwinden gut. Die „Askania" hatte um 7 Uhr amerikanischer Zeit (also 1 Uhr mittags MEZ.) die Position von 53 Grad 22 Minuten nördlicher Breite und 42 Grad 3 Minuten westlicher Länge.
Auch eine junge Dame als blinder Passagier an Bord?
s Wie dem „Berliner Lokal-Au/igex". aus New Aork. berichtet wird, soll kurz vor dem Aufstieg des Zeppelins Mit rothaariges, junges Mädchen, das als Berichterstatterin tätig war, plötzlich verschwunden sein. Einer der Offiziere habe gemeint, es bestände nur die eine Möglichkeit, daß es sich an Bord des Luftschiffes geschmuggelt hätte, um die Reise eben- M mitzumachen. Es sei ihm auch ausgefallen, daß das junge Mädchen, trotzdem nur wenige Menschen bei dem Start in der Luftschiffhalle waren, nicht wieder aufgetaucht sei. Es scheine ober auch nicht ganz unmöglich zu sein, daß das rothaarige Mädchen und der entdeckte blinde Passagier ein und dieselbe Person seien, wobei es sich um eine Verkleidung gehandelt haben könnte.
Neuerung im Strafgesetz.
„Sicherungsverwahrung"
Der Strafrechtsausschuß des Reichstags befaßte sich mit § 59 des Strafgesetzentwurss, der unter gewissen Voraussetzungen eine „Sicherungsverwahrung" einführt, die das Strafgesetz bisher noch nicht kennt. Der Paragraph lautet:
„Wird jemand, der schon einmal zum Tode oder zu Zuchthaus verurteilt war, nach § 78 als ein für die öffentliche Sicherheit gefährlicher Gewohnheitsverbrecher zu Zuchthaus oder zu einer Gefängnisstrafe von mindestens einem Jahr verurteilt, so kann das Gericht daneben auf Sicherungsverwahrung erkennen, jedoch nur dann, wenn der Täter bei Begehung der neuen Tat über 21 Jahre alt ist."
Reichsjustizminister Koch-Weser führte dazu aus, daß über die Durchführung der Verwahrung noch nicht völlige Klarheit geschaffen worden sei. Dies werde erst beim Straf- ?Ezugsgesetz geschehen. Die Sicherungsverwahrung verliere ihren Smn, wenn sie mit der Unterbringung ins Zuchthaus oder in anderen Strafanstalten vermengt werde. Der Sinn Mrse an her heutigen Gliederung Deutschlands nicht scheitern., die kleineren Länder keine Möglichkeit hätten, eigene Merungsverwahrungsanstalten einzurichten, so müßten sie ' $ unt größeren Ländern in Verbindung setzen.
Es seien Anstalten zu schaffen oder mindestens freizu- machen und auszugestalten, die lediglich der Sicherungsverwahrung dienten. Die Beschränkung der Freiheit müsse auf oas unbedingt Notwendige herabgesetzt werden. Der Minister uvveijVMgnnß Ausdruck, daß sich bei schaffen ließe, was auf der einen Seite dessen Strafe verbüßt fei, kein unnötiges der anderen Seite aber die menschliche Gels bisher vor besonders gefährlichen Schäd-
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Bankdirektor Schramme! verhaftet.
, München, 31. Oktober. Im Zusammenhang mit dem "fftursverfahren über die Panbank in München melden die "Münchener Neuesten Nachrichten", daß Direktor Schrammel t'gen Beruntrenung ihm zur Anmeldung von Altbesitz au& ^wd'gter Reichsanleihen verhaftet worden ist.
Der frühere amerikanische Staatssekretär Robert ^n|mg, der von 1915—1920 an der Spitze des Staats- kpartements stand, ist gestorben.
Verbindung Norddeichs mit dem „Graf Zeppelin".
Friedrichshafen, 30. Oktober (WB) Dom Sonderberichterstatter des IDOB: Nach Auskunft der Funkstation des Luftschiffbaues hat Norddeich um 1,35 nachmittags zum ersten Male direkte Verbindung mit dem „Graf Zeppelin" gehabt. Angeblich läßt sich daraus der Stanbort nicht erkennen.
1000 Km. westlich von Island.
London, 31. Oktober (WV) Nach einer drahtlosen Meldung des holl. Dampfers „Westerdpk" befand sich „Gras Zeppelin" 1215 Uhr Nachts mitteleuropäischer Zeit 48 Grad
47 Minuten nördl. Breite und 22 Grad 3 Minuten westlicher Länge etwa 1000 Klm. westlich von Islandf
Direkter Kurs auf Friedrichshafen.
Friedrichshafen, 31. Oktober (Sonderberichterstatter des W. O* B.) Nach hier um 2 Uhr Nachts eingegangenen Meldungen befand sich das Luftschiff „Graf Zeppelin" um 10 Uhr Greewnicher Zeit 26 Grad 25 Minuten West 50 Grad 20 Minuten Nord. Das Luftschiff wird an der Südküste von Island vorbeifliegen mit direktem Kurs auf Friedrichshafen, wo die Ankunft voraussichtlich Mittwoch Abend erfolgen wird.
Immer näher zur Heimat.
London, 31. Oktober Nach einer Meldung der englischen Küffenfunkftation Derices befand sich das Luftschiff „Graf Zeppelin" um 10 Uhr mitteleuropäischer Zeit 10 Grad westlicher Länge, südlich von Irland. Bis zur Südwest- spitze von England sind dies schätzungsweise 330 Klm.
— Der preußische Innenminister Grzesinski, der an dem Fluge des „Graf Zeppelin" nach Lakehurst teilgenommen hat, ist mit dem Schiff in Bremen eingetroffen und von hier nach Berlin weitergereist.
Ein städtischer Autoomnibus verbrannt.
Wiesbaden, 31. Oktober. Am Dienstagvormittag um %7 Uhr ist in Schierstein der städtische Autoomnibus, der hauptsächlich die Arbeiterschaft nach Biebrich und Wiesbaden bringt, verbrannt. Die Brandursache ist noch nicht festgestellt. Wie berichtet wird, wurde die Brandgefahr von einem hinter dem Wagen fahrenden Radfahrer rechtzeitig bemerkt, so daß alle Fahrgäste, etwa 70 Personen, sich retten konnten. Der Wagen ist völlig ausgebrannt.
Freisprsch im Hutzmannprozetz.
In dem Essener Mordprozeß, in dem der Angeklagte Huß- mann beschuldigt war, seinen Klassenkameraden Daube ermordet zu haben, hatte der Staatsanwalt am Dienstag gegen den Angeklagten eine Zuchthausstrafe von acht Iah- ren beantragt. Um 193A Uhr wurde das Urteil verkündet. Hußmann wurde freigesprochen. Der Vorsitzende gab in längeren Ausführungen den Standpunkt des Gerichtes kund. Das Gericht habe sich weder von der Schuld noch von der Unschuld Hußmanns überzeugen können, so daß der Frei- spruch wegen mangels an Beweisen hätte erfolgen müssen. Die Freisprechung erfolgt auf Kosten der Staatskasse. Der erlassene Haftbefehl wird aufgehoben.
Fünf Todesopfer eines Dampferzusammenstotzes.
London, 30. Oktober (WB) Der britische Dampfer „Mansepool" stieß in der Nähe von Lizard mit dem Dampfer „Horn" aus Riga zusammen und brächte ihn zum Sinken. Fünf Mann der Besatzung ertranken, während 10 Mann gerettet werden konnten.
Zollermätzigungen in Belgien.
Brüssel, 30. Oktober (WB) In einer Versammlung des Hauptausschusses der, belgischen Industrie kündigte Zi- nanzminister Houtart in einer Rebe an, daß die Ausfuhrzölle vom Ianuar 1929 an ermäßigt werden und der Zuschlagzoll von 1930 ab aufgehoben werden würde. Eine Kgihe die belgische Industrie belastender Steuern soll mit sofortiger Wirkung herabgesetzt werden.
— In einem Laboratorium der Lignosefabrik in Schönebeck bei Magdeburg ereignete sich Dienstag eine Explosion. Der Chemiker Dr. Rössel wurde schwer verletzt, der Chemiker Dr. Wiemann leicht, während eine Laborantin dadurch unverletzt blieb, daß sie aus einem Fenster sprang.
Soover oder Smith?
Am 6. November ist in Amerika Präsidentenwahl. Da dieses Ereignis auch für die europäische Politik von großer Bedeutung ist, dürften die nachstehenden Ausführungen, die von einem guten Senner der amerikanischen Verhältnisse stammen, besonderes Interesse beanspruchen.
Redaktion.
Die Wähler der Vereinigten Staaten von Nordamerika wählen am Dienstag, 6. November, ihr neues Staatsoberhaupt. Genauer gesagt: sie wählen an diesem Tage die W a h l m ä n n e r, die dann ihrerseits den Präsidenten wählen. Denn das Wahlrecht ist — anders wie etwa bei der Wahl des deutschen Reichspräsidenten — indirekt. In der Praxis ist dieser Unterschied freilich nicht sehr groß. Da die Wahlmanner von den Partien nominiert sind, fällt die Entscheidung bekanntlich schon am Tage der Wahlmännerwahl. Die Präsidententvahl selbst hat dann nur noch formale Bedeutung.
In diesen letzten Tagen vor dem 6. November hat der Wahlkampf seinen Höhepunkt erreicht. Es wird fieberhaft gearbeitet. Mit Mitteln, die eben nur ein amerikanischer Wahlkampf kennt. Wort und Schrift und Bild, Kino und Radio, Musik, Auszüge, Theater — alle möglichen Dinge und Tricks sind in den Dienst der Wahlpropaganda gestellt. Riesenhaft, wie altes da drüben, ist auch — gemessen an europäischen Nlaßstäben — die Kampagne für eine amerikanische Präsidentenwahl. , Gegen die Geldmittel, die ein Wahlkampf in Amerika verschlingt, sind die Aufwendungen für derartige Zwecke in Deutschland eine Kleinigkeit. Man hat bei uns keine Ahnung davon, wie großzügig mit den Dollars dabei um- gegangen wird. Ob die Anwendung dieser Geldmittel nach unseren Begriffen immer ganz einwandfrei ist, möchten wir freilich nicht behaupten. Und man braucht daher in Deutschland keineswegs die Verpflanzung amerikanischer Wahlmethoden zu uns zu wünschen.
In einem freilich sind uns die Amerikaner entschieden voraus: sie kennen nur zwei Parteien, die für die Entscheidung ernsthaft in Betracht kommen. Man wird ein wenig be- schämt, wenn:nan demgegenüber M die. 3E Wten duckn die bei d . legten Reichstagswahl in Deutschland ausgestellt worden sind! Nur zwei Parteien also und demgemäß nur zwei Kandidaten: Republikaner — Kandidat Hoover — und Demokraten — Kandidat Smit H. Die Unterschiede zwischen den beiden Parteien sind nicht leicht zu definieren. Sie sind überhaupt nicht programmatischer Natur, insbesondere drückt sie der Parteiname nicht aus: die R e p u - blikanische Partei ist natürlich auch eine demokratische und die D e m o k r a t i s ch e P a r t e i ist ebenso selbstverständlich auch republikanisch. Die Namen sagen also gar nichts. Die Differenzen sind denn auch tatsächlich mehr historischer und persönlicher als programmatisch-prinzipieller Art. Die Südstaaten wählen nach altem Herkommen mehr demokratisch, der Norden wählt republikanisch. Da er volkreicher ist als der Süden, hat bisher — von wenigen Ausnahmen abgesehen (Wilson!) — die Republikanische Partei den Präsidenten gestellt. Auch Coolidge, der jetzige Präsident, gehört zu ihr. Ihr Kandidat ist H o o V e r, bis vor kurzem Handelsminister im Kabinett Coolidge. (Der Präsident der Bereinigten Staaten ist Staats- und Ministerpräsident in einer Person!) Hoover ist ein Dkann von großen Qualitäten. Ein hervorragender Wirtschaftskenner, der schon in aller Welt herumgekommen ist. Dazu der Mann der Richtung Coolidge, die den _ ganzen ungeheuren Aufschwung der amerikanischen Wirtschaft der letzten Zeit und das Wachsen des amerikanischen Einflusses und Ansehens in der ganzen Welt — auf ihr Konto bucht. Auch der Kellogg-Pakt mußte als Erfolg der Regierung Coolidges im Wahlkamps herhalten. So sind die Chancen Hoovers, obwohl er selber kein eigentlich populärer Kandidat ist — er ist vor allem ein schlechter Redner! — sehr gilt.
Wie wird sich demgegenüber der Kandidat der Demokraten— Al. Smith — halten? Er kann als Aktivposten nicht die Erfolge der derzeitigen Regierung für sich anführen. Er kann diese Regierung und ihre Politik aber auch nicht scharf angreifen. Womit auch? Seine Hauptwaffe ist der Borwurf gegen Hoover, dieser sei der Kandidat der Börse, der Jndustriemagnaten, der Dickverdiener. Die Demokraten wenden sich mehr an den „kleinen Mann", vor allem auch an den Landwirt, dem es auch in Amerika zurzeit nicht rosig geht und der dem Handelsminister Hoover vorwirft, er habe viel zu wenig Verständnis für die agrarischen Interessen bezeugt. Hoover, dem Mann der großen Geldsäcke, wird Smith gegenübergestellt als Mann, der selber ganz fleiir anfing, der es vom kleinen Schreiber zum Gouverneur brächte, als Freund be» „kleinen Mannes" in Stadt und Land. Nebenbei bemerkt, ist er auch ein sehr guter Redner. Auch die Frage des Alk o h olve r bvts hat im Wahlkampf eine große Rolle gespielt. Bekannte sich Hoover als unbedingter Anhänger der „Trockenlegung", so wurde Smith als „feucht" verdächtigt, tvas ihm da schaden, dort nützen wird. Man wird ja sehen. Dazu kommt ein weiterer Borwurf, den man Smith von der Gegenseite macht: er ist Katholik; die Republikaner suchen die Konsequenzen der Wahl eines Katholiken — er wäre der erste auf dem ameri- kanischn Präsidentenstuhl! — als.sehr bedenklich hinzustellen. Man sieht, sehr wählerisch ist man auch drüben im politischen Kampfe nicht.
Und wer wird nun siegen? Prophezeien ist in der Politik besonders schwer. Es kann gerade dabei immer anders kommen als man denkt. Mit diesem Vorbehalt: die Aussichteu Hoovers sind die besseren. L. 8.