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Nr. 74 st. Blatt)Donnerstag, den 20. Juni 1929 ^31. Iahrg.
Amtliche Bekanntmachungen
Landratsamt.
I .-Nr. 5309. Der Hauptlehrer a. D. Karl Klauer und der Landwirt Johs. Euler, beide in Weichersbach, sind als Schiedsmann bezw. Schiedsmannstellvertreter für den SchiedsmannsbezirK Weichersbach wiedergewählt und bestätigt worden.
Schlächtern, den 15. Juni 1929.
Der Landrat: Dr. Müller.
I .-Nr. 991 D. Die von dem Gberversicherungsamt in Kassel erlassenen Wahlordnungen für die Wahl der Kaf= : smvertreter und Aerztevertreter zum Vertrags- und Zulassungsausschuß im Bezirk des Versicherungsamts Schlüch- - tern liegen bei dem Versicherungsamt Schlächtern zur Ein- i sichtnahme der Beteiligten aus.
Schlächtern, den 17. Juni 1929.
Der Vorsitzende des Versicherungsamts: Dr. Müller.
Kreisansschuß.
I .-Nr. 2503 K. A. Am Sonn obenb, den 22. Juni ; d. 3s. vormittags von 10 Uhr ab findet in Schlächtern । an der Dreschhalle eine
Körung für Altziegenböcke
i statt. - ' ; ! -r-r.^
Zu dieser sind sämtliche bereits gekörten (alten) Sie« i gcnbö&e, deren erneute Ankörung gewünscht wird, vorzu- führen. Die Herren Bürgermeister ersuche ich, dafür zu sorgen, daß die alten (gekörten) Böcke der Gemeinden voll- : zählig zur Vorführung gelangen.
Die Körung für Iungziegenböcke findet wie all- ljährlich auch in diesem Jahre erst Ende des Monats August oder Anfang September statt. Die frühere Abhaltung der Körung für A l t -Böcke soll den Zweck haben, eine unnötige Haltung der Böcke bis zum herbst im Sülle der ÜWrunq zu vermeiden. Bei der später skulfmdenoen Jun g -Ziegenbockkörung können Alt-Böcke nicht zur var- ! führung gelangen. Es ist deshalb unbedingt notwendig, j daß bei der Körung am 22. Juni d. 3s. auck sämtliche M-Böcke, deren erneute Anhörung gewünscht wird, vorge- fuhrt werden.
Die Herren Bürgermeister ersuche ich, auf die vorstehende I Bekanntmachung in ortsüblicher Weise in ihren Gemeinden | aufmerksam zu machen.
Schlächtern, den 13. Juni 1929.
Der Landrat: Dr. Müller.
Stadt Steinau.
Bekanntmachung.
Am Samstag, den 22. Juni 1 929, abends
81/2 Uhr findet in der Gastwirtschaft Lotz eine
Generalversammlung
des Verkehrsvereins Steinau statt.
Tagesordnung.
1. Geschäftsbericht.
2. Kassenbericht.
3. Lichtanlage in der höhle.
4. Verschiedenes.
Um vollzähliges Erscheinen der Mitglieder wird gebeten.
Steinau, den' 17. Juni 1929.
Der Vorsitzende des Verkehrsvereins: Dr. Kraft.
Bekanntmachung
Die am 15. d. Mts. fällig gewesene Rate Hauszins- und Drundvermögenssteuer für den Monat Juni, sowie alle Mte für die Vormonate werden hierdurch öffentlich gemahnt.
Um zwangsweise Beitreibung zu vermeiden, wird ersucht, die Beträge 'bis zum 25. ds. Mts. auf der Stadtkasse zu bezahlen.
Steinau, den 18. Juni 1929.
Der Magistrat: Dr. Kraft.
Bekanntmachung
, Samstag, den 22. Juni 1929, vormittags Vs8 Uhr soll 1m Zimmer Nr. 3 des Rathauses der Schafpferch verpachtet werden.
Steinau, den 18. Juni 1929.
Der Magistrat: Dr. Kraft.
— Dienstag sind in den Ostmarken zwei Güterzüge in- stuge falscher weichenstellung zusammengefahren. Einige ^Wn wurden zertrümmert. Drei Personen waren auf öcr Stelle tot. Zwei Eisenbahnbeamte erlitten Verletzungen. . ' , Jn Balat, einer Vorstadt am Goldenen Horn (Kon= mntinopel), wurden vier Pestfälle, von denen zwei tödlich ^liefen, festgestellt.
Der 200-MMionen-Kredit des Reiches.
Berlin, 19. Juni. Nach Berliner Blättermeldungen verdichten sich die Gerüchte über die Anleihepläne des Reiches. Die Deutsche Bank, die Reichskreditgesellschaft und anscheinend auch Mendelssohn & Co. sollen grundsätzlich bereit sein, dem Reich einen 200-Millionen-Kredit auf längere Zeit zur Verfügung zu stellen, für den sie sich ihrerseits 50 Millionen Dol. lar bei ausländischen (amerikanischen?) Geschäftsfreunden verschaffen. Die Verhandlungen sind nach Information aus unterrichteten Kreisen so weit gediehen, daß mit dem Abschluß m Kürze gerechnet werden kann.
Die „DAZ." bemerkt dazu: „Durch die Form der Trans- aktion soll offenbar etwas verschleiert werden, daß das Reich sich einen Auslandskredit verschafft.
Ergebnisloser Verlauf der sächsischen Mimsterprasidentenwahl.
Dresden, 19. Juni. Die Ministerpräsidentenwahl im Sächsischen Landtag ist am Dienstag ergebnislos verlaufen, da die 94 abgegebenen Stimmen sich auf die Namen verschiedener Parteimitglieder verteilten. Am Schlüsse der Sitzung voll- führten die auf den öffentlichen Tribünen anwesenden Kommunisten einen großen Lärm. Sie schrien wiederholt: „Rotfrortt!" und stießen heftige Drohungen gegen den sozialdemokratischen Landtagspräsidenten aus.
Große Unterschlagungen beim Deutschen Sängerbund.
Berlin, 19. Juni. Wie das „Berliner Tageblatt" meldet, ist man dieser Tage umfangreichen Unterschlagungen beim Deutschen Sängerbund auf die Spur gekommen. Nach den bisherigen Feststellungen hat der ehrenamtlich dort tätige Schatzmeister, Gerichtsaffessor a. D. J. Redlin, aus der Berliner Straße 97 in Charlottenburg, im Laufe des letzten Jahres insgesamt 370 000 Mark unterschlagen. Der Beschuldigte gab die Veruntreuungen zu und will dre Gelder für die Ausarbeitung von Patentsachen verbraucht haben. Er hat auch bereits mehrere Patente über Verbesserungen auf dem Gebiet der Kinotechnik erhalten und hat den Nießbrauch dieser Erfindungen dem Deutschen Sängerbund sichergestellt.
Die Ueberführung der Leichen der Segelflieger Schulz und Kaiser.
völkeruna Marwnburgd durch den 'Tod des 'Weltrekordsegelfliegers Ferdinand Schulz und seines Begleiters Kaiser versetzt ist, prägt sich auch noch im Straßenbild der Stadt aus. Zahlreiche Gebäude haben halbmast geflaggt. Am Dienstag um 18.30 Uhr wurden die Leichen der beiden Flieger von Stuhm nach Marienburg überführt Die einstweilige Auf- bahrung der Leichen erfolgt in der St. Johannes-Schule. Während der Nacht wird der westpreußische Verein für Luftfahrt eine Ehrenwache an den Särgen stellen. *
Grostfeuer in Alt-Moabit.
Jn einer auf dem Grundstück Alt-Moabit 104 in Berlin belegenen chemisch -pharmazeutischen Fabrik brach Dienstag nachmittag ein Großfeuer aus. Einem Angestellten war ein Bleistift in einen Spiritusbehälter gefallen. Er leuchtete nun mit einem Streichholz in den Behälter hinein. Dieser explodierte, und das $euer sprang auf einen in der Nähe stehenden großen Benzinbehälter über. Den Anstrengungen der Feuerwehr gelang es, zahlreiche Personen, denen durch die rasche Ausbreitung des Feuers der Weg ins Freie abgeschnitten war, durch Sprungtücher und über mechanische Leitern zu retten. Der Angestellte, durch dessen Leichtsinn der Brand entstanden ist, ist im Krankenhaus seinen Verletzungen, die er durch die Explosion erlitt, erlegen.
Schwerer Gturh des Ersten Staatsanwalt Gteinbect.
Erster Staatsanwalt Steinbeck von der Staatsanwaltschaft 2 Berlin erlitt am Dienstag im Zimmer des Gber- staatsanwaltes Trautmann einen schweren Unfall. AIs er sich von seinem Ehef vor Antritt seines Urlaubs verabschieden wollte, glitt er aus und schlug so schwer zu Boden, daß er zunächst bewußtlos liegen blieb. Nachdem er mit Hilfe des herbeigeholten Gefängnisarztes das Bewußtsein wiedererlangt hatte, wurde der Verunglückte in einem Krankenwagen nach seiner Wohnung gebracht. Anscheinend hat er innere Verletzungen erlitten.
— Die Zahl der Todesopfer des großen Erdbebens der letzten Tage auf Neuseeland hat sich auf 15 erhöht. Das Zentrum der Erderschütterung scheint die Schlucht des Bul- ler-Flusses gewesen zu fein, wo verschiedene Gutshöfe von großen Erdrutschen verschüttet worden sind.
— Bei der Sparkasse des Barmen benachbarten Amtes Haßlinghausen wurden umfangreiche Unterschlagungen aufgedeckt. Trotz wiederholter Revisionen durch den Spar« Kassenverband hat der Renbant der Kasse es verstanden, etwa 30 000 Mark zu unterschlagen.
— Auf der Fahrt von Raumburg nach Leipzig lehnte sich ein Leipziger Schulmädchen zwischen Weißenfels und Torbetha weit aus dem Fenster des Personenzuges hinaus, um Kameradinnen, die. sich in einem anderen Wagen befanden, zuzuwinken. Jn diesem Augenblick kam ein D-Zug vorbeigefahren und riß dem Mädchen einen Arm oberhalb des Ellenbogens ab. Die verletzte wurde in Torbetha sofort ins Krankenhaus geschafft.
Wespennester.
Ueber bett neuen englischen Ministerpräsidenten, den Führer der Arbeiterpartei, Macdouald, ist die gesamte französische Presse entrüstet. In den Blättern fast aller Parteien fällt man über ihn her und sagt ihm gehörig die Meinung. Man bedauert, daß er anscheinend einen anderen Kurs steuern will, als sein konservativer Vorgänger Chamber- lain, der, wie man weiß, die englische Außenpolitik brav und ruhig im französischen Fahrwasser segeln ließ.
Die äußere Veranlassung für die Unzufriedenheit Frankreichs mit dem neuen englischen Premier ist recht interessant: Macdonald hat vor einigen Monaten, also lange ehe er Ministerpräsident wurde, einer englischen Nachrichtenagentur auf deren Wunsch einen Artikel über die Frage der nationalen Minderheiten geschrieben. Der Artikel ist damals nicht veröffentlicht worden — jetzt aber hat ihn ein Londoner Sonntagsblatt hervorgeholt und publiziert. Er enthält allerlei sehr bernünftige Bemerkungen zur Frage der Rechte nationaler Minderheiten. Er spricht von den Naturrechten auf Sprache, Sitte und Kultur, weist darauf hin, daß durch die verschiedenen Friedensverträge des Jahres 1919 in fast allen Staaten Europas nationale Minderheiten entstauben sind, insbesondere in den neugeschaffenen Ländern Polen, Tschechoflowakei usw. In diesem Zusammenhang — und das ist es, was in Frankreich die große Empörung hervorgerufen hat — in diesem Zusammenhang spricht Macdonald davon, daß auch die Elsa s s e r zu den nationalen Minderheiten gehören. Man versteht, daß diese Auffassung in Frankreich nicht gerne gehört wird. Und so ist die allgemeine Entrüstung und Nervosität in Paris außerordentlich groß. Es hat nichts genützt, daß Macdonald nachttäglich erklärte, er habe den Artikel schon vor Monaten geschrieben, und er habe auch seine Veröffentlichung nicht angeordnet. Der Pariser Presse genügt diese Erklärung nicht. Sie fürchtet eine Erkaltung der seitherigen französisch- englischen Freundschaft und fürchtet Schwierigkeiten für die bisherige Außenpolitik Frankreichs in Europa, die immer die Unterstützung Englands gefunden habe, insbesondere in den letzten Jahren unter oem Außenminister Cham- berlain. Einige stanzösische Blätter sehen in den Ausführungen Macdonalds sogar eine unmittelbare Bedrohung des Friedens, wMi'W LE-Äbäaderung bet F^eveusoerirage arbeiten. Man könne nunmehr nicht vergessen, daß in einer Frage, die sowohl die Lebensinteressen Frankreichs als auch seine Empfindlichkeit berühre, der Gedanke des britischen Ministerpräsidenten der französischen Auffassung stark entgegengesetzr sei. Macdonald werde dem Frieden den ersten Schlag feit 1919 versetzen, wenn er wirklich die Absicht habe, in der Herbsttagung des Völkerbundsrates in Genf die Auffassung zu vertreten, die er in seinem Aufsätze niedergelegt habe. Und so geht es weiter.
Man sieht, Herr Macdonald hat in ein W e s p e n n e st gegriffen, als er sich so freimütig über die Minderheitenfragen äußerte! In Frankreich war man schon gleich nach den englischen Wahlen in großen Sorgen über die künftige Außenpolttik Englands. Dann aber hatte man sich wieder beruhigt ist der Annahme, daß auch der neue englische Premierminister keine andere außenpolitische Linie einhalten werde als sein Vorgänger. Nun kommt aber der Artikel über die Minder- heitenfrage. Frankreich war in diesen Punkten immer schon sehr empfindlich. Es hat, wie man weiß, die deutschen An- träge im Völkerbunds rat scharf bekämpft. Und wenn diese Anträge keinen größeren Erfolg hatten, so ist das vor allem auf die zähe Opposition des französischen Außenministers zurückzuführen. Daß aber der neue englische Ministerpräsident es sogar wagte, die EI s ä s s e r zu den nationalen Minderheiten zu rechnen, das hat nach französischer Auffassung dem Faß den Boden ausgeschlagen. Jetzt ist man in allen politischen Lagern mit dem größten Mißtrauen gegen den leitenden englischen Staatsmann erfüllt, und Macdonald wird es nicht ganz leicht fallen, sich das Wohlwollen der Franzosen wieder pt erwerben.
Daß es so weit kommen mußte, bedeutet allerdings keine Ueberraschung für diejenigen, die die Vorgänge auf der poli- ttschen Schaubühne Europas genau verfolgt haben. Macdonald hat ja nicht nur in dieser Frage, sondern auch in einer ganzen Reihe anderer politisier Zeitprobleme Anschauungen entwickelt, die ihn, wenn er sich als Ministerpräsident dazu bekennt, in Gegensatz zu Frankreich bringen müssen. Wir erinnern nur an die Frage der Räumung der besetzten deutschen Gebiete. Auch sie scheint uns ein Wespennest zu sein, über dessen Berührung durch den englischen Premier man in Frankreich wohl ebenso wenig entzückt sein wird, wie über seinen Griff ins e l s ä s s i s ch e Wespennest! Vor- läufig hat sich Macdonald allerdings in dieser Frage noch sehr zuruckgehalten. Wie er es damit weiter halten will, ist noch nicht abzusehen. Man wird aber auf jeden Fall die weitere Entwicklung mit Aufmerksamkeit verfolgen müssen.
Um Macdonalds Minderheiten-Arttkel.
Von der Redaktion der „Sundah Times" wird darauf hingewiefen, daß der Minderheiten-Arttkel Macdonalds ihr erst Mitte voriger Woche zur Verfügung gestellt worden fei und die Veröffentlichung erfolgte, weil der Artikel zu gleicher Zeit auch in anderen Teilen der Welt erschienen war.
Ramsav Macdonald bestätigte erneut, daß sein von der „Sunday Times" veröffentlichter Minderheiten-Arttkel bereits vor mehreren Monaten geschrieben worden sei. Der Artikel gebe ein Bild der Lage, wie sie damals bestanden habe. Inzwischen st cn wesentliche Aenderungen eingetreten. (?) Im übrigen erfasse der Artikel alle Teile der europäischen Be- Völkerung, die durch die Friedensverträge irgendwelchen Veränderungen unterworfen worden seien.