Nr. 34
(1. Blatt)
Donnerstag, den 20. Mär; J930
34. Iahrg
Amtliche Bekanntmachungen
Landratsamt.
I.-Nr. 2387. Am Anfang der Monats April findet die Gesellenprüfung für Schlosser und Zchmiede statt.
Lehrlinge, die bis 3um 1. 3uli d. 3s. ihre Lehrzeit beendet haben und die Gesellenprüfung ablegen wollen, müssen sich spätestens bis zum 28. März d. 3s., bei dem Lchmiedeober- meister Slang in Zterbfritz oder bei dem Zchlossermeister Ümend in Steinau anmelden.
Zchlüchtern, den 17. März 1930.
Der Landrat. 3. D.: Schultheis.
Z.-Nr. 2307. Die Herren Vorsteher der Gesamtschul- verbände und die Herren Bürgermeister der Tinzelschul- verbandsgemeinden werden an die alsbaldige Anmeldung etwaiger Ansprüche der Lchulverbände auf (Erstattung der i:n Rechnungsjahr 1929 entstandenen LchulbauKosten : erinnert.
Zu den Anträgen ist das vorgeschriebene Formular zu i benutzen, welches in der Waisenhausbuchdruckerei in Kassel s erhältlich ist.
Zchlüchtern, den 17. März 1930.
Der Landrat. 3. V.: Zchultheis.
Schlustprüfung der Landwirtschoftsschule in Schlüchtern.
AmFreitag, den 2 1. März d. 3 s. zwischen 9 und II Uhr wird die diesjährige öffentliche Lchlußprüfung der s Landwirtschaftsschule und der Mädchenklasse in der Aula (der früheren Lehrerseminars abgehalten.
Zu dieser Veranstaltung werden die Eltern der Schüler |unb Lchülerinnen, die Herren Mitglieder des Kreisausschus- |fes, des Kreistags und der landwirtschaftlichen Grganisatia- «nen sowie sonstige Freunde der Lchule hierdurch ergebenst KÜMMLN. ^..^^^ ' — Schlüchtern, den 18. März 1930.
Das Kuratorium der Landwirtschaftsschule. ___________________ 0-: pr-itz.
RStadt Schlüchtern.
Betrifft: Wiederaufbau der städtischen Schwimm- badeanstalt.
£s. ist geplant, bei dem Wiederaufbau der städtischen Lchwimmbadeanstalt die gesamte Anlage in neuzeitlicher Weise um- und auszugestalten. Das Badebecken soll ausbe- oniert und mit einem breiten Strand umgeben, die in erheblich vermehrter Zahl zu erstellenden Umkleidezellen, Der= waltungs- und Wirtschaftsgebäude sollen entsprechend von dem Badebecken abgerückt werden. So soll die städtische ächwimmbadeanstalt in ihrer neuen Gestalt nicht nur für die hiesige Bevölkerung ein ansprechender und gern auf- lesuchter Grt der Erholung und körperlichen Ertüchtigung, mdern auch ein starker Anziehungspunkt für den Fremdenverkehr werden.
Die Verwirklichung des Planes hängt davon ab, daß $ gelingt, die dazu nötigen Mittel zu tragbaren Bedingungen zu beschaffen. Eins Aufnahme am freien Geldmarkt Kommt bei den derzeitigen hohen Zinssätzen für langfristige Kommunalanleihen nicht in Frage. 3n Betätigung echten ®^ejnf>nns haben sich bereits eine Reihe hiesiger Perfön= uchkeiten bereit erklärt, beY Stabt Darlehen zu billigem Zinsfuß 3U dem gedachten Zweck auf längere Frist zu ge- wahren. Diese Darlehen sollen mit 5 v. h. jährlich ver- öom 6. Darlehnsjahre ab sollen jährlich 8—10 v. der Darlehenssumme zur Rückzahlung ausgelost werden. ergeht hiermit der Aufruf an die Einwohner, den gemeinnützigen Zweck fördern zu helfen, indem sie der Stabt 3u den vorstehenden Bedingungen Gelder darlehensweise zur Verfügung stellen. Zeichnungen werden auf dem Rat- !Qus Zimmer Nr. 2 — während der Dienststunden entge- SM genommen.
Schlüchtern, den 18. März 1930.
Der Magistrat: Gaenßlen.
Bekanntmachung.
Hebamme, Frau Margarethe Ztolze geb. Bernstein, wmt in der Zeit vom 15. d. Mts. bis 5. April d. 3s!, einem Fortbildungskursus in Marburg teil. Nach Mit- ,Un9 bes Herrn Kreisarztes wird sie während ihrer Ab- mnheit durch die Hebammen in Elm, Herolz, hohenzell Breitenbad) vertreten.
Schlüchtern, den 19. März 1930.
Der Magistrat: Gaenßlen.
jnT ^ach Meldungen aus Schanghai soll der Grt Fuan Provinz Kwangsi von einer Räuberbande aüsge- ert worden sein, die über 2000 Männer, Frauen und ^r niedermetzelten.
Der öeamlenmörder Schulle verhaftet.
Sein Spießgeselle entkommen.
Der Landjäger Corning aus Braunfels im Kreise Wetzlar beobachtete am Dienstag nachmittag in der Nähe von Lenn zwei Personen auf Fahrrädern, die ihm verdächtig erschienen. Bereits in der Nacht zum Dienstag war die Landjägerei des Kreises und die Polizei der Stadt Wetzlar alarmiert worden, weil die Spur der beiden der Tötung des Frankfurter Polizei- wachtmeisters Kern verdächtigten Schulle und Hoher nach dem Kreise Wetzlar führte.
Der Landjäger stellte die beiden Radfahrer, von denen einer sofort sein Rad wegwarf und nach der Gegend von Hcisterberg entkommen konnte. Der andere wurde festgenom- men. Es handelt sich in der Tat um den Kürschner Schulle, der der nächsten Polizeistelle zugeführt wurde. Später konnte Hoyer ebenfalls verhaftet werden.
Wie die Täter gestellt wurden.
Darüber erstattete die Gberlandjägerei Wetzlar folge n= den Bericht:
Auf die Meldung des Nachrichtendienstes, der besonders von Dillenburg aus ausgezeichnet arbeitete, unternahmen sofort die Landjäger des Kreises Wetzlar und die Schutzpolizei Wetzlar ausgedehnte Streifen in der Umgebung zu Fuß und in Kraftmagen. Die Täter sahen mittags von den Lahnhöhen aus einen der Landjägerwagen und flüchteten in bie Waldungen. Die Beamten bekamen dann die ersten Nachrichten von den Gesuchten, daß man sie in der Umgebung von Ehringshausen und Werdorf gesehen habe. Die Burschen radelten auf Wetzlar zu, ließen aber die Stabt links liegen. Sie fuhren dann über Altenburg, Nieder- und Gberbiel in Richtung Leun. 3enfeits dieses Grts kletterten sie auf einen buschbewachsenen Felsen, um hier zu übernachten. AIs der Hunger die Leute quälte, machte sich Schulle nach Leun auf, um dort zu betteln. Dabei fiel er dem Gberlandjäger hörning-Wetzlar in bk • -
hoyer,veriletz, E tprmrm ves Sdpapai feines Freundes' bangte, das versteck und wurde dann von der großen Streife nach kurzer Zeit gleichfalls festgenommen.
An der Festnahme der beiden Täter nahmen besonderen Anteil: Gberlandjäger Seching, Kriminalassistent Dickmeyer, Polizei-Hauptwachtmeister Strelotu, Polizei-Gberwachtmeister Pürgel und Gberlandjäger Hörning. Diesen Beamten wurde noch in später Abendstunde durch die Landeskriminalpolizei ein besonderer Dank für ihre Umsicht übermittelt. Die besonnene Haltung und wertvolle Mitarbeit der oivilbevöl- kerung fand gleichfalls ein besonderes Lob, nicht zum mindesten aber auch die Unterstützung der Schutzpolizei- beamten Wetzlars.
Koger beschuldigt Schulte und Schulte Souer.
Die beiden des Mordes an dem Wachtmeister Kern verdächtigten Schulle und Hoher sind Dienstag abend zwischen 9 und 10 Uhr in Frankfurt eingetroffen und nach dem Polizeipräsidium verbracht worden. Dort wurden sie einem kurzen verhör unterzogen. Die Tat an sichhaben die beiden Verbrecher insofern eingeftanben, daß der eine den anderen beschuldigt, den tödlichen Schuß von hinten auf den Polizeiwachtmeister abgegeben zu haben. Wer nun der wirkliche Täter ist, steht noch nicht fest. Das verhör wird Mät- woch früh fortgesetzt.
— Auf rumänischen Schnellzugsstrecken wurden neuerdings drei Dynamitbomben gefunden. Die Behörden vermochten noch immer nicht das Geheimnis der zahlreichen Attentatsversuche auf den Bahnstrecken aufzudecken.
— Zwei tschechische Militärflieger stürzten mit ihrem Flugzeug ab und verbrannten. — Beim Absturz einer kanadischen Postslugzeuges wurden der Pilot und der Funker getötet.
— Bei einer Bergwerksexplosion im amerikanischen Staat Illinois wurden zwei Arbeiter getötet, vier lebensgefährlich verletzt.
— 3n der Peterskirche in Rom wird der Papst morgen eine Messe für die in der Sorojetunion lebenden Thristen lesen.
— Die Reichstagsfraktionen der Sozialdemokraten, des Zentrums, bei Deutschen Volkspartei und der Demokraten haben im Reichstag den angekündigten Antrag eingebracht, der die Reichsregierung ersucht, die Kundgebung des Reichspräsidenten vom 13. März 1930 über die Haager Beschlüsse öffentlich anzuschlagen.
— Das preußische Gesetz, wonach die Altersgrenze für Hochschullehrer vom 65. aus das 68. Lebensjahr herausgesetzt wird, tritt am 31. März 1930 in Kraft.
— Der Regierungspräsident von Schleswig hat für die Aufklärung der Vombenattcntatsversuchc in Bad Oldenlohe und Neu- münster eine Belohnung von 5000 Mark ausgesetzt. Auch das Landes- verfrcherungsamt Schleswig-Holstein und die Staatsanwaltschaft werden eine entsprechende Belohnung aussetzen.
— In Breslau ist der 1927 gegründete deutsch-polnische Wirt- schiftsbund in eine deutsch-polnische Handelskammer umgeivandclt worden.
Vor vierzig Zahlen.
Ein Wendepunkt in Deutschlands Geschick und Geschichte
W F Der 20. März 1890 ist für die Entwicklung des teuc.i Deutschen Reiches von katastrophaler Wirkung geworden. An ihm genehmigte in seinem zweiten Jahre der Regierung der damals 31jährige Kaiser Wilhelm II. das Rücktrittsge- snch des ersten deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck. Das Handschreiben, das der Kaiser an den Erbauer des Reichshauses gerichtet hatte, machte zwar den Ein- brud, als ob der Monarch den bewährten und genialen Staatsmann nur wider Willen aus dem Amte habe scheiden sehen. Tastächlich wurde dieser Abschied vom Kaiser gewollt und als notwendig empfunden, weil er verlangte, sein eigener Kanzler zu sein und keinen Mächtigen neben sich dulden konnte.
Was der Kaiser von Bismarck unmittelbar vor der Ein- rcichung des Abschiedsgesuches verlangt hatte, war so, daß dieser sich nicht damit abfinden konnte. Das zeigt uns der Abschieds- brief des Kanzlers vom 19. März selbst, der auf 20 Seiten alle Beweggründe aufzählt, die ihn zu seinem Schritte veranlaßt haben. Drei Punkte treten darin hauptsächlich hervor. Zunächst das Verlangen des Kaisers, die preußische Kabinetsorder vom 8. September 1852 aufzuheben, wonach die Minister in dienstlichen Angelegenheiten nicht unmittelbar mit dem König verkehren durften, sondern nur durch Vermittlung des Ministerpräsidenten. Der neue Herr wollte das geändert wissen. Er verlangte, mit jedem einzelnen Minister, ohne Vorwissen des Ministerpräsidenten sich aussprechen und ihm Weisungen erteilen zu können. Die Verwirklichung dieser Forderung hätte zu einer ministeriellen Anarchie führen müssen, zu einem staatlichen Wirrwarr ohnegleichen, besonders wenn der Gegenspieler des Ministerpräsidenten eine temperamentvolle Persönlichkeit war von der Art Kaiser Wilhelms II. Weiter bestand zwischen dem Kaiser und Bismarck eine Meinungsverschiedenheit über die Frage des Verkehrs mit Parteiführern. Bismarck hatte am 12. März 1890 den Führer des Zentrums, W i n d t H 0 r st, auf । dessen Ansuchen empfangen. Windthorst war zwar in der Regel Bismarcks Gegner. aber beide hatten doch a-ch manches große i3vu WielKsaM vollendet, so den Zolltarif vom Jahre 1879 und den Abschluß des Kulturkampfes. Jetzt erklärte sich Windthorst bereit, Bismarcks Politik nach der Wahlniederlage der regierungsfreundlichen Parteien (Konservative, Reichspartei und Nationalliberale) vom 20. Februar 1890 mit seiner hundert Abgeordnete im Reichstage zählenden Zentrumspartei zu stützen. Dafür stellte er zwei Bedingungen: die Aufhebung des Paragraphen 2 des Jesuitengesetzes, nach dem Jesuiten aus ihren Aufenthaltsorten im Deutschen Reiche ausgewiesen werden konnten und verschiedene Konzestionen auf dem Gebiete des Bolksschulwesens. Was Bismarck dem Zentrumsführer geantwortet hat, wissen wir nicht, Windthorst hatte den Eindruck, als ob Bismarck seinen Vorschlägen entsprechen wollte. Von dieser Aussprache hatte der Kaiser Nachricht bekommen, und er machte dem Kanzler darüber Vorhalte, ja, er untersagte ihm, in Zukunft mit maßgebenden politischen Persönlichkeiten zu verkehren. Ein solches Verbot wäre für einen verantwortungsvollen Politiker undurchführbar gewesen und kein zielbewußter Staatsmann konnte es sich gefallen lassen.
Der dritte Punkt der Verstimmung zwischen Bismarck und dem Kaiser war die verschiedene Auffassung des Verhältnisses des Reiches zu R u ß l a n d. Preußen — und sinngemäß später das Deutsche Reich — hatte seit dem letzten Kriege Friedrichs des Großen in Frieden und Eintracht mit Rußland gelebt und manche große Tat gemeinsam getan. Mit Rußland hatte Bismarck im November 1887 neben dem Bündnisse des Reiches mit Oesterreich auf drei Jahre den bekannten Rückversicherungs- dertrag abgeschlossen, nach dem Rußland und Deutschland sich gegenseitig wohlwollende Neutralität zusicherten, falls einer dieser Staaten von dritter Seite angegriffen würde. Dieser Rückversicherungsverrtag, der bei dauernder Verlängemng das später entstehende französisch-russische Bündnis unmöglich gemacht hätte, lief im Jahre 1890 ab und hätt« nach Bismarcks Willen erneuert werden sollen. Dem Kaiser gefiel der Vertrag nicht, angeblich weil er eine Treulosigkeit gegen Oesterreich» Ungarn enthielt — eine Meinung, die nicht den Tatsachen entsprach, denn im Falle eines Angriffes Rußlands auf Oesterreich hätte das Deutsche Reich nach wie vor der Donau- nronarchie Waffenhilfe leisten müssen —, in Wirklichkeit wohl, weil der Vertrag von russischer Seite aus sich gegen England richtete und des Kaisers Sympathie auf der Seite von England stand.
Den Anlaß zur Aufgabe des Rückversicherungsvertrages gaben Berichte des deutschen Konsuls Raffauf in Kiew über russische Truppenhäufung an der österreichischen Grenze. Diese Berichte waren infolge der umständlichen Beförderungsweise zürn Teil bereits veraltet, als sie in Bismarcks Hand kamen, zum Teil waren sie politisch unwichtig und hatten nur ein geringes militärisches Interesse. Bismarck legte darum die Berichte dem Kaiser nicht vor, sandte die militärischen Bestandteile aber an den großen Generalstab. Von dorther erfuhr der Kaiser von den Berichten und richtete an Bismarck ein Handschreiben mit schweren Vorwürfen wegen Unterlassung der Vorlage der Mitteilungen, „die aufs klarste erkennen ließen, daß die Russen in vollem strategischen Ausmarsche sind, um zum Kriege zu schreiten ... Es ist die höchste Zeit, die Oesterreicher zu warnen und Gegenmaßregeln zu treffen . . . Die Berichte sind vorzüglich." Bisniarck teilte des Kaisers Befürchtungen nicht, er glaubte an die friedlichen Absichten des Zaren Alexander III., er beurteilte die Kjewer Berichte als übertrieben und veraltet und verschmähte es, Maßnahmen zu treffen, die einen Kriegsbrand entzündet hätten. Auch für die Zukunft