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KrelsKmtsblatt * MyemeLner amtlicher KuMger für &n Kreis Schlüchtem
Nr. 8 (J. Blatt)
Gamslag, den 17. Januar 1931
83. Jahrs.
Der Tag von Versailles.
Die Kaiferprotlamation am 18. Januar 1871.
60 Jahre Deutsches Reich.
Die Kaiserproklamation zu Versailles am 18. Januar 1871 nach einem Gemälde von Anton von Werner.
Lang und schwer war der Weg zur ®rmitiW’’r' Deutschen Reiches, und der 18. Januar vor 60 Jahren, ber Tag der Kaiserproklamation, bildete nur den glanzvollen Schluß eines langen, großen Kampfes um die deutsche Einheit. Wir wollen uns zur Erinnerung an die Reichsgründung den Tag der Kaiserproklamation ins Gedächtnis zurückrufen.
In der Mittagsstunde des 18. Januars versammelte sich alles in dem großen Spiegelsaal des Schlosses zu Versailles. 56 Fahnen und Standarten der siegreichen deutschen Trup- ven schmückten den Raum. Zahlreiche Generale aller deutschen Staaten waren unter Moltkes Führung erschienen. Don den deutschen Fürstlichkeiten waren anwesend: der Kronprinz von Sachsen und dessen Bruder Georg. Von den Bayern sah man die Prinzen Otto, Luitpold und Leopold; Württemberg hatte vier Prinzen zur Vertretung geschickt; persönlich anwesend waren die Großherzöge von Baden, Sachsen-Weimar und Oldenburg, die sachsen-thüringischen Herzöge, vier Erbgrohherzöge und zwei Erbherzöge.
Auf allen Gesichtern sah man den Abglanz einer feierlichen Freude. Im Spiegelsaal von Versailles wurde der Wechsel der deutschen Geschichte so recht deutlich, denn an den Wänden sah man jene Bilder aus der Zeit Ludwigs Xiv., die französische Triumphe über deutsche Heere verherrlichten. Wie hatten sich die Geschicke seit den Tagen dieses „Sonnenkönigs" gewandelt.
Nach einem feierlichen Gottesdienst mit Liturgie und Gesang, einer Weihepredigt und dem Segen schritt der greise König Wilhelm auf die Bühne des großen Saales zu und erklärte mit bewegter Stimme, daß er den neuen Titel annehme, sodann befahl er dem Reichskanzler die in einer Proklamation niedergelegte Willensmeinung des Königs vorzulesen.
Bismarck trat einen Schritt vor. Wie ein Recke aus grauer Vorzeit wirkte feine Hünengestalt, und mit markanter Stimme verkündete er:
„Wir, Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen, nachdem die deutschen Fürsten und freien Städte den einmütigen Ruf an Uns gerichtet haben, mit Herstellung des Deutschen Reiches die seit mehr denn 60 Jahren ruhende deutsche Kaiserwürde zu erneuern und zu übernehmen, und nachdem in der Verfassung des Deutschen Bundes die ent°
Gesandtenwcchsel in Wien?
dHB. Berlin, 16. 1. (Eigene Meldung). Wie den Bsät- 'ern zufolge verlautet, soll im Rahmen des diplomatischen Revirements, das voraussichtlich nach der Rückkehr des Leichxaußenministers Turtius von Genf stattsinden wird, auch ein Wechsel bei der deutschen Gesandtschaft in Wien vor- genommen werden, und zwar soll der bisherige Botschafts- in Paris, Rieth, zum Gesandten in Wien ernannt toer» oen. Der jetzige Gesandte Graf Lerchenfeld werde die deutsche Vertretung in Luxemburg voraussichtlich übernehmen.
.. , 3n Wernigerode kam es Donnerstag abend zwischen Nationalsozialisten und linksstehenden Elementen zu einer Lüsten Schlägerei. Die Polizei muhte mit dem Gummi- anüppel eingreifen. Auf beiden Seiten wurden mehrere Personen verletzt.
mit, daß Wir es als eine Pflicht gegen das gemeinsame Vaterland betrachtet haben, diesem Ruf der verbündeten deutschen Fürsten und Städte Folge zu leisten und die deutsche Kaiserwürde anzunehmen.....
Wir übernehmen die Kaiserliche Würde in dem Bewußtsein der Pflicht, in deutscher Treue die Rechte des Reiches und seiner Glieder zu schützen, den Frieden zu wahren, die Unabhängigkeit Deutschlands, gestützt auf die geeinte Kraft seines Volkes, zu verteidigen. Wir nehmen sie an in der Hoffnung, daß dem deutschen Volke vergönnt sein wird, den Lohn seiner heißen und opfermütigen Kämpfe in dauerndem Frieden und innerhalb der Grenzen zu genießen, welche dem Vaterlande die seit Jahrhunderten entbehrte Sicherung gegen erneute Angriffe Frankreichs gewähren.
Uns aber und Unseren Nachfolgern an der Kaiserkrone, wolle Gott verleihen, allzeit Mehrer des Deutschen Reiches zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens, auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung."
Unter gespannter Erwartung trat aus dem Kreise der Fürsten Großherzog von Baden zur Erwiderung hervor, denn noch kurz zuvor waren zwischen dem König Wilhelm und seinem Kanzler Meinungsverschiedenheiten über den Titel „Deutscher Kaiser" oder „Kaiser von Deutschland" entstanden. Der Großherzog aber vermied bei seinem Hoch diese Klippen und rief: „Seine Kaiserliche und Königliche Majestät — Kaiser Wilhelm lebe hoch!" Heller Jubel brauste auf, und unter den Klängen des preußischen Königsliedes nahm die Feier ein Ende.
Der neue Deutsche Kaiser begrüßte die Fürsten und viele andere, aber an Bismarck, dem Schmied des Reiches, ging er wegen des Titelstreites vorüber, ohne ihm die Hand zu reichen; so tief saß noch der Groll. Erst am Abend bei der Festtafel wurde dieser Mißton ausgeglichen. Kaiser Wilhelm I. trank seinem großen Kanzler herzlich zu und gedachte seiner besonders in dem Trinkspruch, den er aus- brächte.
Heute, nach 60 Jahren, trübt ein anderes Versailles die frohe Erinnerung, aber trotzdem wollen wir mit Stolz der großen Tage der deutschen Vergangenheit gedenken.
— 3n München hat sich Donnerstag abend ein schwerer Ltrahenbahnunfall ereignet. Bei einem Wagen der Linie 2 trat Kurzschluß ein. Eine mächtige Stichflamme sprang aus dem Rontroller, wodurch sieben Personen Brandwunden an Füßen, Händen und im Gesicht erlitten. Sie mußten sämtlich in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Unter den Fahrgästen entstand eine Panik. Die Feuerwehr löschte den Brand.
Die jugoslawische Regierung hat mit New Parker und Pariser Bankiers einen Knleihevertrag über 35 Millionen Dollar abgeschlossen.
Berlin, 16. Januar. Der vom Reichstag eingesetzte 28gliebrige Untersuchungsausschuß, der die Vorgänge nachprüfen soll, die zum Scheitern der Rog- acuprois-StützungSaktion geführt ^haben, wird heute in seiner ersten Sitzung voraussichtlich den stantSpärtei lichen Abgeordneten Dr. Weber zum Vorsitzenden iväh- len und den Berat«ngSplan aufstellen.
SietrW Kritiker.
Die Fluanzaussprache im haushallsavsschuh.
Jm Haushaltsausschuß des Reichstages wurde am Donnerstag die Aussprache über die finanzpolitische Lage fortgesetzt. Abg. Dr. Crew er (DVP.) vermißte es, daß der Minister nicht auch auf die außenpolitischen Forderungen eingegangen sei, die eine große Mehrheit des deutschen Volkes erhebe. Vor einer Revision der Reparationsver- pflichtungen müsse Ordnung in die Finanzen gebracht und eine Behebung der Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrise durchgeführt werden. Der Minister habe nicht die Bedenken zu zerstreuen vermocht, daß man in Zukunft durch Steuer- ausfälle vor neue Entscheidungen gestellt werde. Es sei befremdend, daß viele in der Gemeindewirtschaft führende Männer — trotz der Kürzung der Beamtenbezüge — Ge- Hälter bezögen, die weit die Reichsbeamtengehälter über« stiegen. Dr. Cremer verlangte weitere energische Aus- gabenkürzung und erklärte, die Deutsche Volkspartei mache von der Vorlegung eines entsprechenden Programms vor der Beratung des Etats im Plenum ihre Mitarbeit am Etat abhängig.
Dr. Köhler (Ztr.) wies auf die steuerlichen Anstrengungen und auf die Aufzehrung erheblicher Vermögensteile hin, einen großen Teil der Zeche müßten die Beamten, Arbeiter und Angestellten tragen. Die Lage der Gemeinden fei furchtbar geworden. Auch Dr. Köhler wies auf den Ernst der Lage hin. Er warnte vor Steuererhöhungen, besonders der Umsatzsteuer, und vor weiteren Abstrichen an den Beamtengehältern. Er warnte weiter davor, etwa den Ablösungsfonds für die Kriegsanleihen zu versilbern. Das würde eine weitere Erschütterung des Vertrauens bedeuten. Ebenso wandte er sich gegen die" Inangriffnahme einer allgemeinen Subventionspolitik.
Dietrichs Antwort im HauShaltsausschutz.
Nachdem im weiteren Verlauf der Finanzdebatte im Haushaltsausschuß noch die Abgg. Dr. Hilfer- ding sSoz.) und Schlittenbauer (Bayer. DP.) an lffiffft^ffi^4riiSiffi^ -
NeichSfinanzminister Dr. Dietrich noch einmal das Wort. Er erklärte, man müsse sich vor allem davor hüten, die Dinge allzusehr schwarz in schwarz zu schildern, denn solche schwarzseherischen Reden tragen dazu bei, die Psychose zu verstärken, die jede Unternehmungslust erstickt. Was die Zukunft an« betreffe, so habe naturgemäß niemand die Entwicklung der Dinge in der Hand. Niemand könne mit Bestimmtheit sagen, ob es besser oder schlechter werde. Jedenfalls könne man keinerlei ernstliche Belege für die eine oder andere Richtung vorbringen. Jedenfalls würde ein vernünftiger gemäßigter Optimismus un$ helfen, die Schwierigkeiten zu überwinden. Sorge der Reichsregierung sei auch die Sicherung der Finanzlage der" Gemeinden. Aber in erster Linie haben dafür die Länder zu sorgen.
Zur Steuerfrage erklärte der Minister, daß jede weitere Erhöhung der Realsteuern verhindert werden müsse. Jedenfalls sei es eine der wichtigsten Auf- gaben, der Wirtschaft Erleichterungen zu verschaffen. Die Besoldung der Gemeindebeamren gebe in vielen Fällen zu Bedenken Anlaß. Zu der Frage, wieweit man am Reichsetat noch sparen könne, erklärte der Minister, daß er bei den starken Einsparungen, die die Reichsregierung am Etat 1931 bereits vorgenommen habe, zunächst keine Möglichkeit sehe, weitere 300 Millionen, wie es die Volkspartei verlange, am Reichsetat aozusetzen. , ,
Was die PreiösenkungSaktion betreffe, so sei eS richtig, daß mit behördlichen Eingriffen in die Preisgestaltung einmal Schluß gemacht werden müsse, sonst würde eine Wirtschaftserholung nicht möglich sein. In bezug auf die Arbeitsbeschaffung betonte der Minister, daß der zuständige Minister Stegerivald zur Zeit seine Stuttgarter Vorschläge prüfe und dem Reichstag zu gegebener Zeit darüber berichten werde. Es sei auch die Sorge vorgebracht worden, daß der Etat für 1 9 3 0 nicht durchgehalten werden könne. Die Sorge sei unbegründet. Neberschreitungen seien so gut wie nicht bewilligt worden. Das voraussichtliche Defizit sei das Ergebnis eingehender Prüfung der Etatslage. ,
Abg. Ersing (Ztr.) bedauerte die ablehnende Haltung der Markenartikel-Industrie gegen eine Preisherabsetzung. Dabei handele es sich,durchweg um gut fundierte Unternehmungen. Wenn sich diese nicht zu einer Preissenkung von 10 Prozent verstehen sollten, sollte die Regierung ganz allgemein die Preisbindua- gen aufheben.
— Der rumänische Außenminister Mironescu soll sich wegen starker Meinungsverschiedenheiten mit dem König mit Rücktrittsabsichten tragen.
— Bor dem Kriegsgericht in Angora begann am Ton» ncrSrag der Prozeß gegen die Teilnehmer der Verschwörung in Mememen.
— In Sachsen haben die zuständigen Ministerien dem Bau einer Schwebebahn von der Stab: Königstein auf den Lilienstein (Sächsische Schweiz) die Genehmigung versagt.
— Bei der Städtischen Handwerker- und Kunstgewerbr« schule in Barmen sind Veruntreuungen einer Statuierte» lürin im Gesamtbetrage von etwa 12 000 Mark aufgedeckt worden.