MlWemer Zeitung
Kreis -Kmtsbtatt * Myemsiner amtlich er Klrzeitzrr für tex Kreis Schlüchtem
Nr. 38 (1. Blatt) Samstag, den 28. Mär; 1931
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83. Jahrs.
Amtliche Bekanntmachungen
Land rat samt.
I .-Nr. 2601. Die Herren Bürgermeister mache ich aus die ihnen zugegangenen Londerabdrücke aus dem Mini- sjerialblatt für die preußische innere Verwaltung, die die Klasse des Herrn Ministers des Innern vom 4. und 12. d. Mts., betr. Eintragungsverfahren für ein volksbeg ehren „Landtagsauslösung" enthal- ten, besonders aufmerksam.
Die im § 13 der Landesabstimmungsordnung vom 23. Januar 1926 — G. S. Sy 26 — vorgeschriebene Be= Kanntmachung muß spätestens am 7. n. Mts. erfolgen.
Die Annahme der den Gemeindebehörden von dem fln= aagsteller (Vertrauenspersonen oder ihren Beauftragten) ^gehenden Lintragungsliften darf keinesfalls verweigert werden.
5chlüchtern, den 23. März 1931.
Der Landrat: Dr. Müller.
Kreisansschutz.
T-Nr. 1415 K. R. Rm Freitag, den 1 0. April 1931, vormittags von 10 Uhr ab, findet in 5chlüchtern an der Dreschhalle eine
Körung der Alt^egenböcke
statt. 3u dieser sind sämtliche bereits gekörten (alten) Regenböcke, die weiterhin zum Decken verwandt werden sollen, vorzuführen. Die Herren Bürgermeister ersuche ich, dafür zu soren, daß die alten (gekörten) Böcke der Gemeinden vollzählig zur Vorführung gelangen.
Die Körung für Iungziegenböcke findet wie alljährlich auch in diesem Jahre im Monat September ftatt._ Die frühere Abhaltung der Körung für Altböcke soll den Zweck haben, eine unnötige Haltung der Böcke bis zum Herbst im Halle der Abkörung zu vermeiden. Bei der später Üattfindenden I u n g - Si^gepbo&hörung .können M-Bücke. nicht zur Vorführung gelangen. Es ist deshalb unbedingt notwendig, daß bei der Körung am 10. April d. 3s. sämtliche Alt- Böcke, deren erneute Körung gewünscht wird, vorgeführt werden.
Die Herren Bürgermeister ersuche ich, auf die vorstehende Bekanntmachung in ortsüblicher Weise in ihren Gemeinden aufmerksam zu machen.
8chlüchtern, den 20. März 1931.
Der Landrat: Dr. Müller.
Statt SHlüchtern.
, Bekanntmachung.
Der Entwurf eines Nachtrages zu der Latzung der bladtsparkasse in Schlüchtern liegt gemäß § 13 Rbf. 2 der Stäbteorbnung vom 4. August 1897 in der Zeit vom 28. torj bis einschl. 11. April d. 3s. während der Vormittags- toben von 8—12 Uhr im Rathaus — Zimmer Nr. 2 — M Einsicht der GemeindeanSehörigen aus. Einwendungen können innerhalb 2 Wochen, vom Tage der Veröffent- ichung dieser Bekanntmachung an gerechnet, beim Magi- tot erhoben werden.
5chlüchtern, den 27. März 1931..
Der Magistrat. Gaenßlen.
Bekanntmachung.
. Diejenigen Hausbesitzer hiesiger Stab^ die noch Ratten *n ihren Anwesen spüren, werden ersucht, dies bis zum Montag, den 29. b. Mts., mittags 12 Uhr, im Rathaus " Zimmer Nr. 4 — zu melden. ;
Süjlüdjtern, den 27. März 1931..
Die Polizeiverwaltung: Gaenßlen.
Vrentzen und der. Ginlrammensteuerrnschlag.
Berlin, 27. 3. (Eigene Meldung). Wie die Germania erfährt, hat das preußische Staatsministerium be» fassen, die preußischen Stimmen im Reichsrat für den Anspruch gegen die Verdoppelung des (Einkommensteuer» Schlages für Einkommen über 20 000 RM abgeben zu M|en. Dem Blatt zufolge kann nunmehr mit Sicherheit ^wartet werden, daß der Einspruch eine Mehrheit findet 91b dementsprechend die Verdoppelung des Zuschlages nicht "vsetz werden wird. Gegen die Verdoppelung der sogenann- Tantiemesteuer werde die preußische Regierung nicht Spruch erheben. Infolgedessen sei es hier zum mindesten fraglich, ob ein Einspruch des Reichsrats zustande kom° "«n wird.
- In einer offiziösen Note droht die italienische Rc kung, die Zölle auf deutsche Industriewaren zu erhöhen 91b den Handelsvertrag mit Deutschland zu kündigen, falls die deutsche Regierung von dem Zollermächtigungs- ^ Gebrauch machen und die italienischen Agrarpro- il|lite mit höheren Zöllen belegen sollte.
Hermann Müllers Beisetzung.
Der Draneratt vor dem Reichstag.
- Berlin, 27. März.
Aus Anlaß der Beisetzung des früheren Reichskanzlers Hermann Müller wehten am Donnerstag auf den Gebäuden des Reiches, Preußens und der Stadt Berlin die Fahnen auf halbmast. Nach einer Trauerfeier in dem mit schwarzen Draperien und grünen Girlanden geschmückten Ehrenhof im Parteihaus der Sozialdemokraten setzte sich der Trauerzug die Wilhelmstraße entlang in Bewegung. An der Spitze des Zuges marschierten Reichsbannerabteilungen mit mehreren Musikkorps und zahlreichen Fahnen. Hinter dem Sarge folgten der preußische MinisterpräsidentBraun und Staatsminister S e v e r i n g mit den Angehörigen und führenden sozialdemokratischen Parlamentariern. Die Mitglieder der Reichsregierung, des Reichsrats und des diplomatischen Korps schlössen sich ihnen vor der Reichskanzlei an; Reichspräsident von Hindenburg hatte sich bei der Ankunft des Trauerzugs in den Vorhof des Präsidentenpalais be- geben. Am Reichstagsgebäude legte Reichstagspräsident Löbe in Anwesenheit der 80jährigen Mutter des verstorbenen Hermann Müller mit einer kurzen Gedenkrede namens des Reichstags einen Kranz auf den Sarg. Vom Reichstag aus wurde der Sarg in das Krematorium übergeführt, wo die Einäscherung statt- fand.
Die Wilhelmstraße war während der Trauerfeierlichkeiten von einer dichten Menschenmenge umsäumt.
Die letzten Grüße.
Bei der Trauerfeier auf dem Hof des sozialdemokratischen Parteihauses widmete der Parteivorsitzende Otto Wels dem toten Führer einen letzten Gruß. Er schilderte den Entwicklungsgang des Verstorbenen und würdigte seine Verdienste um Staat, Volk und Partei. Dann nahm der frühere belgische Außenminister V an- dervelde als Vertreter der Internationale das Wort.
An der Keich^rzlsi-f!^, . UtfUua^seu.MHLtusä». stätte Hermann Müllers, hielt der Trauerzug für wenige Minuten. Reichskanzler Dr. Brüning trat an den Sarg heran und legte mit folgenden Worten einen Kranz nieder:
„Im Namen der Reichsregierung lege ich Diesen Kranz an der Bahre Hermann Müllers an der Stätte nieder, an welcher er zum Besten von Reich und Volk selbstlos und treu gewirkt hat. Dieser letzte Gruß gilt dem Mann, dessen Hinscheiden unser Volk tief und schmerzlich betrauert, dessen Andenken es aber in Dankbarkeit und Ehren halten wird."
Sodann legten Staatssekretär Dr. Meißner im Namen des Reichspräsidenten und Staatssekretär Dr. Weismann namens des Reichsrats einen Kranz am Sarge nieder.
Bor dem Reichstagsgebände hatten zahlreiche Abgeordnete aller Fraktionen Aufstellung aenommen. Reichstagspräsident Löbe, der mit dem Reichskanzler, den beiden Vizepräsidenten des Reichstages, dem Staatssekretär Dr. Meisner sowie Mitgliedern des Reichskabinetts und des Diplomatischen Korps auf der Freitreppe erschienen war, rief namens des Reichstages dem verstorbenen Mitgliede des Hauses einen letzten Gruß zu und legte am Sarge einen Kranz nieder.
Mit dem Lied vom guten Kameraden schloß die offizielle Tranerfeier.
Gandhis Prestigeverlust.
Feindlicher Empfang in Karatschi.
London, 27. März.
Gandhi wurde bei feiner Ankunft in Karatschi, wohin er sich zur Teilnahme am Rallonalistenkongreß begeven hatte, von einer großen Menschenmenge mit wütenden Schmährusen empfangen. Die Demonstranten warfen Gandhi vor, er arbeite mit der indischen Regierung zusammen, die die Lahore-Mörder habe hängen lassen. Ale Gandhi im Automobil vom Bahnhof absuhr, folgte ihm die Menge und schrie dauernd: „Nieder mit Gandhi! Gandhi ist ein Verräter!"
Aus ganz Indien laufen Nachrichten über Unruhen, blutige Kundgebungen und Zusammenstöße zwischen Nationalisten und Polizei ein. Außer in Camnpur mußte das Militär auch in Allahabad, Lucknow und anderen Städten eingreifen.
Landrat v. Kismarck, M. d. N- $«t Dtspvfttlon gestellt.
LNS. Berlin, 27. 3. ((Eigene Meldung). Der deutsch, nationale Reichstagsabgeordnete Herbert v. Bismarck, Rit- tergutsbefi^er und Landrat in Labes (Kreis Regenwalde, Pommern).' ist, dem Berl. Tageblatt zufolge, laut Beschluß des preußischen Staatsministeriums zur Disposition gestellt worden, weil er in einer Versammlung von der preußischen Regierung als von einer „korrupten Regierung" gesprochen habe.
Die letzte Woche.
Die große Weltwirtschaftskrise ist nicht zuletzt auf die übertriebene Schutzzollpolitik der einzelnen Länder zurückzuführen. Beträgt doch die Länge der innereuropäischen Zollschranken nicht weniger als 20 000 Kilometer, wie Briand in seiner bekannten Paneuropadenk- schrift festgestellt hat. Der französische Außenminister hat damals selbst vor aller Welt die Torheit der heutigen Zollpolitik zugegeben und eine Neuorganisation der europäischen Wirtschaft gefordert. Bei dieser theoretischen Forderung war es leider geblieben. Papierne Beschlüsse und Kundgebungen gab es in Hülle und Fülle, aber die befreiende Tat blieb aus. Nunmehr haben Deutschland und Oesterreich den Bann gebrochen und einen praktischen Weg zur Wiederbelebung der europäischen Wirtschaft gewiesen. Der Vorvertrag über den Abschluß einer deutsch-österreichischen Zollunion bildet tatsächlich den ersten Versuch, durch regionale Abmachungen das starre Wirtschafts- und Zollsystem in Europa zu durchbrechen. Dabei haben die beiden Regierungen von vornherein peinlichst darauf Bedacht genommen, daß das Abkommen in Einklang steht mit ihren internationalen Verpflichtungen. Auch haben sie sich bereit erklärt, mit jedem anderen Staat über ein gleichartiges Abkommen zu verhandeln.
Die Bekanntgabe der deutsch«österreichischen Zollunion hat in P a r i s wie eine Bombe gewirkt. Briand fühlt sich in seinem Ehrgeiz verletzt. Bisher betrachtete er die paneuropäische Idee als seine ureigenste Domäne. Mit großem Pathos hatte er seinerzeit in (Senf die Vereinigten Staaten von Europa als das Allheilmittel zur Tötung der wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten angepriesen, allerdings ohne großen Erfolg. Um so mehr erbost es ihn, daß sich jetzt die ehemaligen Geg- iaiuutoMis ai6 wii« M^-F"MM^- Paneuropa zusammenschließen wollen. Obendrein fürchtet er, daß die Zollunion eine neue Etappe auf dem Wege der endgültigen Vereinigung Oesterreichs mit Deutschland bilden wird, daß der „falte Anschluß" durch die wirtschaftliche Angleichung angestrebt wird, nachdem bereits ähnliche Verhandlungen auf juristischem Gebiete durch Vereinheitlichung des Strafrechts angebahnt sind. Große Aufregung hat der Wiener Vertrag auch in Prag hervorgerufen, wo man um die österreichische Unabhängigkeit bekanntlich besonders besorgt ist.
Die Verärgerung der Entente über die deutsch-öfter^ reichische Osterüberraschung hat ihren Niederschlag gefunden in einem Schritt des englischen Botschafters bei der Reichsregierung. England hält es für „erwünscht", daß der Wiener Vertrag auf der Ratstagung im Mar besprochen wird, um festzustellen, ob das Abkommen mit dem Genfer Protokoll von 1922 in Einklang steht, in dem sich Oesterreich verpflichtet hat, seine politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit nicht antaften zu lassen. Wenn die Entente ihren Protest auf das Genfer Abkommen stützen will, so wird sie wenig Erfolg haben. Das Genfer Protokoll, das Oesterreich damals bei Abschluß der Völkerbundsanleihe unterzeichnen mußte, sieht nämlich auch ausdrücklich vor, daß diese Verpflichtung (Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit). die österreichische Regierung in ihrer Freiheit in Bezug auf die Zolltarife und die Handelsverträge nicht hindert. Der Reichskanzler hat diese Auffassung auch dem eng. lischen Botschafter gegenüber vertreten, gleichzeitig hat er mit Nachdruck betont, daß die Reichsregierung „eine Prüfung des Abkommens durch den Völkerbundsrat unter politischen Gesichtspunkten nicht für zulaistg balle, da das Abkommen rein wirtschaftlichen Charakter habe". Auch werden die Verhandlungen mit Oesterreich nicht unterbrochen, allerdings dürften sie noch zwei bis drei Monate in Anspruch nehmen. Im übrigen ist, wie das Pariser „Journal" selbst zugibt, die Anrufung des Völkerbundsrates von höchst zweifelhafter W,rliam- keit- denn der Rat kann nur eine „Empfehlung' an Die streitenden Parteien ausarbeiten: und auch das nur, wenn er die Einstimmigkeit erreicht.
In der Innenpolitik kehrt langsam wieder Ruhe ein. Der Reichstag hat in den letzten Tagen den Reichshaushalt im Eiltempo erledigt und sich nach Verabsckie- dung der damit in Verbindung stehenden Vorlagen über die Osthilfe bis zum Herbst vertagt. Im Anschluß an die letzte Reichstagssitzung fand die Beisetzung des verstorbenen sozialdemokratischen Parteiführers Hermann Müller statt. Mit ihm ist ein Mann von der politischen Bühne abgetreten, der auf die innen» und außenpolitische Entwicklung Deutschlands in der Nachkriegszeit einen maßgebenden Einfluß ausgeübt hat.