Einzelbild herunterladen
 

Ichlüchtemer Leitung

Lreis-Kmtsbtatt * MyemeLner amtlicheeKvKeLyevfür den Kreis Schlüchtan

Nr. 61 <1. Blatt) Donnerstag, den 21., Mai 1931 83. Jahrs.

Amtliche Bekanntmachungen

LandratSamt«

Zu M. IV 730/31.

Richtlinien für die Vornahme von wissenschaftlichen Versuchen am Menschen.

1.

Die ärztliche Wissenschaft kann, wenn sie nicht zum Ztillstand kommen soll, versuche am Menschen nicht ent­behren. Ohne solche Versuche sind die notwendigen Fort­schritte in der (Erkennung, der Verhütung und der Heilung von (Erkrankungen ausgeschlossen. Der hiernach dem Ar^te einzuräumenden Befugnis, Versuche am Kranken oder auch am Gesunden vorzunehmen, steht die Pflicht gegenüber, sich der besonderen Verantwortung für Leben und Gesundheit jedes Einzelnen, an dem ein versuch stattfindet, stets be­wußt zu bleiben.

Unter versuchen im Sinne dieser Richtlinien sind Gin- griffe und Behandlungen zu verstehen, deren Auswirkungen und Folgen auf Grund der bisherigen Erfahrungstatsachen noch nicht vollständig zu übersehen sind.

2.

Zeder versuch a!m Menschen muß sowohl in seiner Be­gründung wie auch in seiner Durchführung mit den Grund­sätzen der ärztlichen Ethik der Uebung eines gewissenhaf­ten Arztes und den Regeln der ärztlichen Kunst im Einklang stehen.

3.

Unter diesen Voraussetzungen verbietet sich jedes grund- oder Planlose Experimentieren am Menschen von selbst. Ebenso ist jeder versuch am Menschen zu verwerfen, der durch den versuch am Tier ersetzt werden kann. Audi für den erlaubten versuch am Menschen ist Voraussetzung, daß »fu«W der taboratoriumsverfuchs und des Tierexperiments zu seiner Klärung und Sicherung gewonnen werden können, beschafft worden sind.

4.

, Ein versuch darf nur dann eingeleitet werden, nachdem die betreffende Person oder erforderlichenfalls ihr gesetz­licher Vertreter aus Grund einer vorangegangenen zweck­entsprechenden Belehrung sich in unzweideutiger Weise hier­mit einverstanden erklärt hat. hiervon darf nur abge- !ehen werden, wenn es sich um unaufschiebbare, lebensret- knde Versuche handelt, für die eine vorherige Einholung der Erlaubnis nicht mehr möglich war.

5.

Bei Rindern ist die Frage der Notwendigkeit und 3u= lässigkeit von versuchen mit besonderer Sorgfalt zu prüfen. Alle Versuche, die Rinder auch nur im geringsten Maße gefährden, sind unstatthaft, sofern sie nicht zur Feststellung der Diagnose oder zur Heilung oder zur Verhütung von Krankheiten geboten sind. Buch bei solchen versuchen ist sorgfältig zu prüfen und abzuwägen, ob die Schäden, die entstehen können, zu dem zu erwartenden Nutzen im rich- ngen Verhältnis stehen.

6.

Versuche an Sterbenden, die nicht zum Zwecke der ilnmit= klbaren Lebenshaltung unternommen werden, sind mit den Grundsätzen der ärztlichen Ethik unvereinbar und daher Unzulässig. Buch verwirft die ärztliche Ethik jede Busnu­tzung der sozialen Notlage für eine Vornahme von Versuchen, bei denen irgend eine gesundheitliche Gefährdung in Frage kommen kann.

Versuche mit lebenden Mikroorganismen, insbesondere mit lebenden Krankheitserregern zum Zwecke der verhü- ung oder Heilung von Rrankheiten sind nur dann als zu-

zu erachten, wenn eine relative Unschädlichkeit des Verfahrens anzunehmen und auf anberc Weise die Trzie "wg eines entsprechenden Rubens nicht zu erwarten ist.

8.

Ersuche, die in Kliniken, in Polikliniken, in Kranken- Welten oder in sonstigen Anstalten zur Rrankenbehand- Wg und Krankenfürforge an Menschen vorgenommen wer- dürfen nur vom leitenden Brzt selbst oder in dessen "rdrücklichem Aufträge ausgeführt werden.

9.

Ueber jeden am Menschen mitgenommenen Versuch ist W Bezeichnung zu fertigen, aus der der Zweck des Der- S seine Begründung und die Art seiner Durchführung t Waid; sind. Insbesondere muß auch ein Vermerk darü- vorhanden sein, daß die betreffende Person oder ersor- ^Wenfalls ihr gesetzlicher Vertreter vorher zweckentspre- belehrt worden ist und die Zustimmung zu dem versuch Sieben hat.

10.

Die Veröffentlichung der Ergebnisse von versuchen am Menschen muß in einer F^orm erfolgen, die der gebotenen Achtung vor dem'Rranken und den Geboten der Menschlich­keit in jeder Weise Rechnung trägt.

11.

wenn von der Aerzteschaft und insbesondere von den ver­antwortlichen Leitern der Krankenanstalten erwartet wer­den darf, daß sie den ihnen zu treuen Händen übergeben­den Kranken gegenüber ein ausgesprochenes Verantwor­tungsgefühl bekunden, so wird man andererseits bei ihnen diejenige Verantwortungsfreudigkeit nicht entbehren wol­len, die im gegebenen Falle auch auf neuen wegen den Kranken Erleichterung, Besserung, Schutz oder Heilung zu schaffen sucht, wenn die bisher bekannten Mittel nach ihrer ärztlichen Ueberzeugung zu versagen drohen.

12.

Schon im akademischen Unterricht soll bei geeigneter Ge­legenheit auf die große Verantwortung, welche die Vor­nahme von versuchen an Menschen für den Arzt mit sich bringt, und auf die Notwendigkeit bei der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse, auf die Gebote der ärztlichen Ethik ge­nügende Rücksicht zu nehmen, besonders hingewiesen werden.

Wirb veröffentlicht.

Schlächtern, den 15. Mai 1931.

Der Landrat. 3. D.: Vuwe-

I.-Nr. 3909. Durch Lrlaß des Herrn Staatsministers für Regelung der Wohlfahrtspflege ist nachgelassen wor­den, daß im hiesigen Kreise auch jugendliche Personen aber dncht unter 14 Jahren - nunmehr Straßen- und Haussammlungen für das Rote Rreuz vornehmen dür­fen. Jugendliche Personen dürfen sich aber nur zu zweien, niemals einzeln, als Sammler betätigen, sofern eine sorg­same Ueberwachung dieser Sammlung durch zuverlässige

Der Landrat. 3. D.: Ouwe.

Tg. Nr. 415. 3m Auf trage der Regierung Abt II in Rassel mache ich die Lehrkräfte des Kreises darauf auf­merksam, daß der Deutsche Republikanische Lehrerbund in Gießen am 28. Mai d. 3s. in Darmstadt seinen "Bun­destag veranstaltet.

Schlüchtern, den 19. Mai 1931.

Groß, Schulrat.

Um die Reparaiionsfrage.

Neue englische Aeußerungen.

Die englische Presse beschäftigt sich in letzter Zeit häufiger mit der Reparativnsfrage. So schreibt neuerdings das angesehene FinanzblattFinan­cial N'ews", der starke Widerstand Frankreichs ' gegen die geplante Zollunion habe eine tiefe Wirkung | auf die deutsche öffentliche Meinung ausgeübt und die Ueberzeugung des deutschen Volkes bekräftigt, daß es das Opfer einer Nnterdrückungspolitik sei und daher dem Verlangen nach einer Revision der Reparations­zahlungen neuen Antrieb gegeben.

Das Blatt bezeichnet eine Wieberansrollnug der ReParationSfrage in allernächster Zeit als unvermeid­lich. Deutschland werde wohl kein Moratorium er­klären, um die nachteilige Wirkung eines solchen Schrit­tes auf den deutschen Kredit zu vermeiden. Es sei aber möglich, daß die BJZ. aufgefordert werden wird, die Lage zn prüfen und ein Gutachten abzngeben, wo­mit dann das ganze Problem der internationalen Schulden erneut aufgerollt werde» würde.

Vielleicht werde dann wieder ein A n s s ch u ß gebildet werden wie bei der Aufstellung des Dawes- und Uoungplanes. Aber wie sich dies auch verhalten sollte, soviel sei sicher, daß in kurzer Zeit die Rc- Parationsfrage einer Nachprüfung unterzogen werde

Steuerljesetze im Reichsrat.

Aenderung der Bcwertuugsvorschriften.

Eine Vollsitzung des Reichsrats beriet eine An­zahl von Neufassungen von Steuerverordnungen, die jedoch keine materielle Kenberung enthalten.

Als wichtigste Vorlage nahm der Reichsrat die Durchführungsbestimmungen znm Reichsbewertungs- gefeh und zum Vermögenssteuergesetz für die Eiu-- Heitsbewertung und Vermögenssteuerveranlagung nach dem Stande vom 1. Januar 1931 an.

Als Bewertungsmaßstab ist grundsätzlich die Fah. resmiete vorgeselhen und bestimmt, daß die Höhe des Vielfachen der Fahresmiete, mit dem die Grnndstücke zu bewerten sind, auf den tatsächlich getätigten Grund» stücksverkänse» der letzten Zeit abgeleitet wird.

Der Schwerpunkt der Bewertung wird bei den Rormalsätzen der Fahresmiete liegen, die die Landes­finanzämter festzusetzen haben werden.

Stapellauf derDeutschland"

Hindenburg vollzieht die Taufe.

Kiel, 20. Mai.

Kiel stand vollständig im Zeichen des Stapellaufs des neuen Panzerschiffs. Seit den frühen Morgenstunden war alles auf den Beinen und eilte zur Förde, von wo der Stapellauf zu sehen war. Zehntausende von Menschen hat­ten sich aus dem Werftgelände versammelt. Pünktlich um 10.54 Uhr lief der Sonderzug mit dem Reichspräsidenten von Hindenburg auf dem Kieler Hauptbahnhof ein. Im gleichen Augenblick ging auf dem KreuzerKönigsberg", auf dem der Reichspräsident während seines Kieler Auf­enthalts Wohnung nimmt, die Standarte des Reichspräsi­denten hoch. Von allen anderen im Hafen versammelten Schiffen der Flotte, die seit dem frühen Morgen über die Toppen geflaggt haben, wurde er mit einem Salut von 21 Schuß begrüßt.

Um 11.30 Uhr fuhr der Reichspräsident mit seiner Be­gleitung durch die Straßen, an denen Schulkinder Spa­lier bildeten, zur Werst. Er wurde während der Fahrt von der Bevölkerung stürmisch begrüßt.

Das weite Werftgelände war mit Girlanden und einem Wald von Fahnen festlich geschmückt. Der große Platz zu beiden Seiten des Panzerschiffes war voll von Menschen. Das Panzerschiff hatte über die Toppen geflaggt und zeigte am Bug das Wappen des Reiches. Man sah die Krieger- vereine; in der ersten Reihe saßen die Veteranen von 1870/71 sowie Kriegsbeschädigte, offizielle Vertreter im hohen Hut und schwarzen Rock, ferner Marinetruppen und Abord­nungen des Landheeres sowie des Stahlhelm und des Reichsbanners.

kurz nach 11.30 Uhr kündigten die sich nähernden brau* senden Hochrufe die Ankunft des Reichspräsidenten auf dem Werftgelände an. Er wurde dort von dem Reichs­kanzler, dem Reichswehrminister sowie dem Lhef der Marineleitung begrüßt. Der Flotten-bef rrflatefe dann

- - ~ MMM n.tMvorig. »>RW

Dann betrat der Reichspräsident den Stapellauf-Platz und

em

schritt zunächst die Fahnenabordnungen der Kriegervereine und studentischen Korporationen sowie die Ehrentampagnie von der Marineschule Friedrichsort ab. Sofort nach b Betreten der Taufkanzel nahm der Reichskanzler das Work

zu der Taufrede, die durch zahlreiche Lautsprecher verbreitet wurde.

Die Rede des Reichskanzlers.

Herr Reichspräsident, meine Herren!

Ein stolzes Werk wird heute seiner Vollendung ent­gegengeführt. Heiße Kämpfe haben sie lange gefährdet. Um so mehr ist es in dieser feierlichen Stunde für uns ein Ge­bot, zu bekennen, was uns der Bau dieses stolzen Schiffes bedeutet und aus welcher Gesinnung es geschaffen mürbe.

Durch diese Feier zeigt das deutsche Volk in aller Offenheit der Welt, daß es auch unter den ihm auferlegten Beschränkungen und auch in allergrößter wirtschaftlicher Kot die Kraft findet, den Frieden zu sichern und seine Ehre zu wahren.

Was unsere stolze Flotte einst bedeutet hat, als ein reiches, freies Volk sie sich geschaffen, ist unvergessen. Heute sind wir arm, aber wir wissen, daß gleiche Pflichttreue und Tapferkeit und gleicher Erfindungsgeist auch heute noch im Rahmen der Verträge, die wir loyal erfüllen, und mit den geringen Mitteln eines verarmten Volkes unsere Flotte zu höchsten Leistungen befähigen.

Unsagbares Unglück und Leid liegt seit jetzt nahezu einem halben Wenschenalter über unserem Vaterlande.

Wenn ein gequältes Volk dem Frieden dienen will und ihm dauernde Opfer bringen soll, so kann es stolzer Augenblicke nicht entbehren wie dieses, die ihm vor Augen führen, daß es noch immer zu Großem befähigt ist.

Ich glaube nicht, daß es irgendeinen wahren Friedens­freund in der Welt stören kann, wenn wir diesen Stapel­lauf, geweiht durch die Anwesenheit unseres allverehrten und geliebten Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg. feierlich begehen, währenddessen in Genf der deutsche Außen- minister als Vorsitzender des Völkerbundsrates dem hohen Ziele des Weltfriedens und der europäischen Verständigung dient.

Deutschland kann mit großem Recht und mit tiefem Ernst von sich sagen, daß es in der gewissenhaften Erfüllung seiner Abrüstungsverpflichtungen nichts von dem versäumt hat, was ihm die Verträge auserlegten. Wir warten daraus, daß, wenn aus diesen Verträgen überhaupt eine Hoffnung für die Menschheit entstehen soll, unsere Abrüstung Nach­ahmung findet.

Cin Zwischenfall

Der Reichskanzler hatte seine Rede noch nicht beendet, als das Panzerschiff sich plötzlich gegen 11,55 Uhr, anschei­nend durch verkehrt verstandene Kommandos in Beweckung setzte und unter Hochrufen der Menge schneller als sonst üblich die Bahn ins Wasser hinabglitt.

Noch als der Koloß auf seiner Bahn Hinabglitt, sprach