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Nr. 204.
Freitag den 2. September
1887.
Amtliches.
Bekanntmachungen auf Grund des Reichsgesetzes vom 21. Oktober 1878.
Nachdem durch die rechtskräftigen Urtheile der Strafkammer des Königlich preußischen Landgerichts zu Thorn vom 9, Juli 1886 und 8. Juli d. J. gegen die in Warschau erscheinende periodische Druckschrift: „Gazeta Warszawska" Verurtheilungen auf Grund der §§. 41 und 42 des Strafgesetzbuchs erfolgt sind, wird auf Grund des §. 14 des Gesetzes über die Presse vom 7. Mai 1874 (R.-G.-Bl. S. 65) die fernere Verbreitung dieser Druckschrift im Reichsgebiet auf die Dauer von zwei Jahren hierdurch verboten.
Berlin den 21. August 1887.
Der Reichskanzler. In Vertr.: von Boetticher.
Mitte Mai und Oktober findet alljährlich in dem mit dem Hessischen Diakonissenhause verbundenen Seminar zur Ausbildung von Kleinkinder-
lehrerinnen (Kindergärtnerinnen) die Ausnahme neuer Zöglinge statt. Der Cursus des Seminars ist einjährig.
Die Pension für den Cursus, Unterricht eingeschloffen, beträgt 330 Mark.
Anfragen sind zu richten:
An den Vorstand des Diakoniffenhauses bei Cassel, Pvststation Wehlheiden.
Bekanntmachungen Königl. Landrathsamts.
Johann Friedrich Wilhelm Schleucher von Bruchköbel hat um Entlassung aus dem Preußischen Staatsverbande behufs Niederlassung in Amerika nachgesucht.
Hanau am 29. August 1887.
Der Königliche Landrath
V. 4406 Gf. Bismarck.
Zum zweiten September.
Als unser Kaiser am 20. März 1871, nach der Heimkehr von fast wunderbaren Erfolgen, die Vertreter seiner Residenzen um sich versammelt sah, schloß er seine dankende Ansprache an dieselben mit den Worten: „Lange lag dieser Ausgang in den Herzen. Jetzt ist es an das Licht gebracht; sorgen wir, daß es Tag bleibe!"
Siebzehn Jahre sind verflossen seit dem Tage, da die Wundermär von Sedan die deutschen Gaue durchhallte und alle Herzen unseres Volkes mit Dank und Hoffnung erfüllte, und noch immer hat an diesem Tage die Nation sich zu einmüthiger Erinnerungsfeier zusammengefunden. Keine Willensäußerung des Kaisers oder der deutschen Regierungen hat den zweiten September zum nationalen Festtag der Deutschen erhoben, im Gegentheil dem Ausspruch des Kaisers gemäß, daß eine Volksfeier nur dann Werth habe, wenn sie wirklich aus dem Volke hervorgehe, ist dieser Tag nur durch die Uebereinstimmung aller Berufsstände zu demjenigen erkoren worden, an welchem wir uns alljährlich dankbar erinnern, was Gott Großes an uns gethan.
Es ist nicht der Sieg, den unser deutsches Volk feiert, es ist die große Frucht des Sieges, deren es von Jahr zu Jahr in freudigem Bewußtsein gedenkt. Die noch so lebhaften Kämpfe der Parteien haben nicht zu verhindern vermocht, daß am zweiten September die Nation um den einen Gedanken sich sammelt, der alle anderen politischen Gedanken unserer Zeit beherrschen muß: Kaiser und Reich. So hat diese wiederkehrende Feier dazu beigetragen, auch inmitten arger Verbitterungen immer wieder den nationalen Gedanken vor unserem Volke leuchten zu lassen als den bleibenden, nie irrenden Leitstern auf den verschlungenen Pfaden der Politik, und bis heute ist des Kaisers Wort nicht umsonst gesprochen gewesen: „Sorgen wir, daß es Tag bleibe!"
Wer heute von uns Deutschen zurückblickt auf diese siebzehn Jahre deutscher Entwickelung, wird freudig bekennen müssen, daß so viele Wünsche auch unerfüllt geblieben, so viele Aufgaben zu lösen der Zukunft noch vorbehalten sind, doch der Bau sich fester und fester zusammenschließt, dessen Fundamente auf blutigen Siegesfeldern von heißbeweinten, theuern Opfern gelegt wurden. Wer tadeln zu sollen meint, daß heute in den Gesetzen und Einrichtungen noch Manches unvollkommen, der möge nicht vergessen, daß siebzehn Jahre eine sehr kurze Spanne Zeit sind im Leben eines Volkes, welches zweier Jahrhunderte bedurft hat, um sich aus den unheilvollen Folgen des dreißigjährigen Krieges und der unzähligen Verwüstungen, die ihm gefolgt sind, emporzuarbeiten; daß wir demgemäß überall noch in den Anfängen stehen und daß wir als bundesstaatlich
Tagesschau.
Berlin, 1. Sept. Se. Majestät der Kaiser und König wohnten heute der Parade des gesummten Garde - Corps auf dem Tempelhofer Felde bei und nahmen nach Beendigung derselben zahlreiche Meldungen entgegen
Berlin, 1. Sept. Die Parade des Garde: Corps vor Sr. Maj. dem Kaiser ist bei prachtvollem Wetter auf das glänzendste verlaufen.
geeintes Volk die Formen unseres politischen Lebens und staatlichen Daseins nicht an den Lebensformen anderer, seit Jahrhunderten einheitlich gestalteter Länder ermessen dürfen.
Was unser Kaiser einst bei der Kaiserverkündigung in Versailles verheißen: „alle Zeit Mehrer des Reichs sein zu wollen an Gütern und Gaben des Friedens, auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung", ist, soviel an ihm lag, in diesen siebzehn Jahren treulich eingelöst worden. Im hohen Alter scheute der Kaiser nicht davor zurück, auf dem Gebiete der socialpolitischen Gesetzgebung bahnbrechend voranzu- gehen, bahnbrechend nicht nur für Deutschland, sondern für viele andere Völker, die sich beeilen, die von Deutschland zu Gunsten der Besitzlosen geschaffenen Einrichtungen nachzuahmen. Deutschlands Wissenschaft und Kunst, Gewerbefleiß und Handel haben in diesen siebzehn Jahren einen ungeahnten Aufschwung erfahren und erringen sich in siegreichem Wettbewerb den Vorrang unter den Nationen. Weithin in alle Länder und über alle Meere trägt unsere sorglich entwickelte Kriegsflotte die Flagge des deutschen Reiches, der Wahrung und der Mehrung der deutschen Han- delsinteressen dienend; unser Heer ist durch die unablässige Fürsorge des Kaisers und der verbündeten Fürsten auf jener hohen Stufe erhalten worden, welche allein es befähigen würde, im Nothfalle von Neuem eine siegreiche und zuverlässige Schutzwehr gegen feindlichen Angriff zu sein.
Und was die innere Festigung des Einigungsbandes, der nationalen Zusammengehörigkeit anbelangt, so sind für dieselbe bei zahlreichen Gelegenheiten so vielfache redende Beweise aus dem Norden und dem Süden des Vaterlandes, von allen Fürsten und allen Stämmen erbracht worden, daß an dieses Bandes Unauflöslichkeit wohl nirgend, im In- oder Auslande, ein Zweifel mehr besteht. Die heißerstrittene Frucht gemeinsamen Ringens ist überall im Vaterlande mit Treu gepflegt und gewahrt worden, und die wenigen Elemente, die sich heute noch nicht mit der Einigung Deutschlands zu befreunden. vermocht haben, gehören einer absterbenden, von der Heranwachsenden Jugend nicht mehr verstandenen Zeit an.
Wenn am 2. September die Festglocken von Gau zu Gau Hallen, mögen sie nicht nur an den großen politischen Erfolg erinnern, der für Deutschland aus dem Zusammenbruch der französischen Heere erwuchs, sondern auch daran, daß die Nation diesen Erfolg sorgfältig hüten und auSgeftalten muß durch patriotische Hingabe an die großen, dem Frieden, der Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung gewidmeten staatlichen Zwecke des Reiches, und mit ihrem Kaiser „sorgen muß, daß es Tag bleibe!"
Der Kaiser fuhr, von der Kaiserin mit der Prinzessin Wilhelm und einer glänzenden Suite gefolgt, worin sich der Prinz von Japan Komatsu und die fremdländischen Mrlüärattachös mit den zum Besuche hier anwesenden britischen Officieren befanden, zuerst die Front der in zwei Treffen auf- gestellten Truppen entlang und ließ dieselben dann zweimal vorüberdefi- liren. Der Kaiser und die Kaiserin wurden auf dem Hinwege zur Parade von der die Straßen füllenden Bevölkerung stürmisch begrüßt.