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General-Anzeiger

ANlliches Orzs« fit StÄt- tii Kur-trtis Kama

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- u. Feiertage, mit Unterchattungsbeilage.

Verlag: Das frerewtgte evangelische WaLsenhanS i» Hanau o. M. Rotationsdruck der Waisenhan»« dtchd-rnckerei in Hanau a. M.

Nr. 156

ßernsprechanschlüsse Nr. 1237 und 1238

Eeschchtssteue und Redaktion: Hammerstratze Nr. 9

Ticnstae, den 8. Juli <m^ÄM 1919

Schwere Unruhen in Hannover.

Der Abschied von einer großen Vergangenheit.

Die schwarz-weiß-rote Fahne ist her- u« terg eholL Mit 190 gegen 110 Stimmen Sei 5 Stimmenthaltungen hat die Nation alversammâng den Antrag der rechtsstehenden Parteien die bis­herigen deutschen Reichsfarben bei beizubehalten, abge­lehnt. And das höhnische Lachen in den Reihen der Mehr­heit bewies, daß dabei nicht fachliche Gründe bestimmens waren. Es war eine sinnbildliche Handlung und sollte es sein. Nach außen hin sollte damit in aller Form bekundet werden, daß diejenigen, die heute in Deutschland die Macht im Händen haben, mit den Erinnerungen aus der Zeit Bismarcks gründlich aufraumen möchten.Für uns be­deutet das den Abschied von einer großen Vergangenheit", betonte der deutschnativnale Abgeordnete v. Delbrück bei der Beratung über Artikel 1 der Verfassung. So ist es, und alle wirklich deutschgesinnten Männer und Frauen fühlen es, durch das Streichen der schwarz-weiß-roten Flagge wird vor der ganzen Welt der Verzicht auf die Errungenschaf­ten der hinter uns liegenden ruhmvollen Zeit besiegelt. Der Abschied von einer großen Zeit! Das steht mit tief- schwarzen Buchstaben über der Tür dieser Tage. Die neue deutsche Verfassung, so fuhr der deutschnationale Redner treffend fort, »ist nicht der Ausdruck für den Willen eines -freien, feiner Kraft bewußten, sondern die Arbeit evnes

Zur Auslieferung des ehemaligen Kaisers.

Beide Parteien müssen gehört werden.

DerNieuwe Notterdamsche Courant" bringt einen ^Leitartikel über die Frage und sagt auch, Holland werde sich (her Auslieferung des Kaisers nicht widersetzen können, wenn der Angeklagte nicht in die Lage versetzt werden würde, die Verantwortlichkeit für den Krieg nicht nur auf Grund von Schriftstücken aus Berlin, sondern auch auf Grund von Entlastungsmaterial der französischen und NuMchen Archive nachzuweisen. Bisher sei diesen Beding- Mgen nicht entsprochen worden. Die Ankläger des Kaisers sollten auch seine Richter sein, und der Ausschuß der Frie­denskonferenz habe den Kaiser schon für schuldig erklärt, ohne den Grundsatz zu beobachten, daß beide Parteien ge­hört werden müssen. Wenn der Gerichtshof nur aus Rich­tern der Ententeländer zusammengesetzt sei, müße das Ver­fahren mit einer Verurteilung des Angeklagten endigen, schon aus dem Grunde, weil, wen« man dem Kaiser ge­statten würde, einen Beweis zu liefern, daß die führenden Männer in Petersburg und Paris, die 1914 zu entscheiden hatten, nicht weniger schuldig seien, rmd. wenn die Lon­doner Richter das anerkennen würden, dann wäre dem Friedensvertrag jeder Boden entzogen. Die Schuld des Kaisers könne nicht festgestellt werden, ohne daß dadurch die gange Frage der Verantwortlichkeit an dem Kriege untersucht werde, und der Londoner Gerichtshof könne nichts anderes sein als eine Komödie, deren Ausgang schon im voraus festgelegt sei, eine Kinovorstellung und ein öffentliches Schauspiel für den Pöbel. Die holländische Re­gierung werde die Untersuchung über die Schuld am Kriege in jeder Weise fördern, müße aber darauf achten, Daß sich ein ehrliches Mrfahren und keine Komödie ab- -spiele. Die Vorbedingung dafür sei aber, daß die Richter auch die Möglichkeit haben müßen, freizufprechen.

Streikabbruch in Hannover.

Hannover, 8. Jaki. (Tskegr.)

Die streikenden Eisenbahner beschloßen, den Streik ab- -Mbrechen und die Arbeit wieder aüfzunehmen. Die Streik­leitung wurde beauftragt, die Verhandlungen fortzusotze«.

Blutige Zusammenstöße in Hannover.

- Hannover, 8. Juli. (Telegramm.)

Die gestern eingetroffenen Truppen wurde« von Ge- stndel tätlich angeriffen, worauf die Truppen in der Ab­wehr von der Waffe Gebrauch machen mußten. Leider sind einige Tote und Verwundete zu beklagen. Nach einer wei­teren Meldung wurden nach Gewaltakten auf dem Ernst- August-Platz im Schloße Gefangene herausgeholt. Der Mob begab sich nach dem Zellen gefängnis, woselbst sich ein Feuergefecht entwickelte, bei dem es mehrere Tote und Verwundete go^

Der Weg zur Gesundung.

I« Deutschland wird gestreikt. Heute sinds die Straßen­bahner in Berlin, morgen die Eisenbahner, übermorgen die Hafenarbeiter. Allen diesen Arbeitern gehts nicht gut, das wißen wir; alle Lohnerhöhungen genügten nicht, um gegenüber den ungeheuerlich gewachsenen Preisen für alle Lebensbedingungen ein erträgliches Verhältnis herzu­stellen. In den schlechtesten Zeiten vor dem Kriege lebte man sorgloser und reichlicher bei kaum halb so großen Loh­nen. Das trifft nicht bloß für Arbeiter zu; auch der Be­amte, der Kaufmann, der Gewerbetreibende tragen schwer die verdoppelten und verdreifachten Lasten, die jetzt jede menschliche Existenz bedrücken. Der kleine Beamte beson­ders hätte im allgemeinen noch viel mehr Grund, sich über den Wandel der Zeiten zu beklagen. Er ist Hungeriüv an der Hochkonjunktur des Krieges vvrbeigegangen und die Revolution hat sein Schicksal kaum verbessert.

Aber, so führt in einem Artikel dieBerl. Morgenpost" aus, auch der Kreis der Unternehmer ist durch den Aus­gang des Krieges in eine wenig beneidenswerte Lage ge­bracht worden. Vor allem fehlt jede sichere Grundlage für das Schaffen der Zukunft; seine alten Verbindungen sind zerrissen, neue noch lange nicht angeknüpft, Rohstoff- und Kohlennöte, Mangel an Bestellungen lähmen die Produk­tion, die Ungewißheit der Zuüinft, gesteigerte Löhne bei verminderter Arbeitsleistung legen Ue frühere Unterneh­mungslust brach. Wie kann man an d4e Verwirklichung «rober Zutunftsvläne sehen, wenn man, sich nicht einmal darauf verlassen kann, ©^ ^^stmj^ recht­zeitig eintrifft, und daß auch gearbeitet wird, wenn man alles für die Arbeit vorbereitet hat? Keine Fabrik wagt es heute, einen Kostenanschlag zu machen, da sie heute nicht weiß, ob sie in acht Tagen nicht vor ganz geänderten Verhältnissen steht. Sie kann sich auf kein Abkommen, auf keinen Tarifvertrag verlaßen, nicht auf die Eisenbahn und nicht auf ihren Kohlenlieferanten. Diese völlige Un­gewißheit, dieses ewige Wanken der unumgänglich not­wendigen Grundlagen jeder Erzeugung und jedes Geschäfts ist vielleicht Mas ärgste Uebel, das heute Handel und Wan- del bedroht.

Hand in Ha«d mit Visser Ungewißheit geht ein fürchter­licher Abstieg von jener sittliche« Höhe, auf der sich einst das deutsche Volk befand. Schamloser Wucher und bedenken­lose Ausbeutung jeder Notlage vergiften das kaufmännische Leben, auf dessen untadelige Ehrenhaftigkeit her Deutsche früher stolz sein durfte, Treue und Glauben schwinden mehr und mehr aus den Beziehungen der Menschen zuein- ander. Der Vertrag von heute ist morgen ein Fetzèn Pa­pier, jeder sucht sich auf Kosten der anderen ohne Rücksicht auf die Allgemeinheit zu bereichern. Noch niemals herrschte dabei in Deutschland ein solcher Taumel des Vergnügens und der Spielerleidenschaft, des trunkenen Uebermuts und der Verschwendung pls in diesen Zeiten einer furcht­baren Armut und einer noch schrecklicheren Bedrohung un­serer gesamten Zukunft. Das sind warnende Zeichen eines allgemeinen schweren Niederganges, Sie kaum den Ausblick in eine hellere Zukunft gestatten. Das gewaltige Rom, das mächtige Byzanz, sie sind unter ähnlichen Erscheinungen einer sterbenden Epoche unter inneren Kämpfen für immer «ntergegangen.

Ist es nun wirklich ein tc^geweihtes Deutschland, das wir so dem Abgrund zu taumeln sehen? Muß der Deutsche, der sein Vaterland liebt, wirklich tatenlos und verzwei­felt zu sehen, wie ein unabänderliches Geschick das einst so blühende, große und glückliche Reich in eine« Schutthaufen verwandelt? Mußen wir wrrklich unsere eigenen Toten­gräber sein, die gleichgültig die geliebte Leiche verscharren? Als der Weltkrieg losbrach uns die Deutsche« ihr Land und ihre Kultur bedroht fühlten möge sie es nun ge­wesen sein oder nicht da war in Millionen Kraft, Opfer- >mut und Begeisterung, um fiir die Größe Deutschlands in den Tod zu gehen. Ist wirklich auf den Schlachtfeldern Eu­ropas aller deutsche Opferfin« urJb alle Bsseisternngs- fähigkeit für ein hohes Ziel begraben worden? Sind" wirk­lich nur die glücklich $u greisem, die für das Vaterland ge­storben sind, da nur so wonige übrig blieben, um für das Vaterland zu leben?

Was wir brauchen ist, daß ein völliger Umsturz der Gesinnung folgen muß. Mir brauchen den Opfergeist vom Kriegsanfang in noch höherem Erade für das Kriegsende. Jeder Deutsche muß wieder die Empfindung bekoumreu, daß er mitverantwortlich ist für die Geschicke des Staates. Das Recht des einzelnen mich feine Grenze i«den in der Pflicht gegen alle. Treue und fiktiven müßen wieder die Lunvam«^e d« de^^en Handalns werde«. Der Geist

der Einigkett muß wieher erstehen, deßen Mangel das deutsche Volk ein Jahrtausend lang zum Spielball fremder Machtgelüste machte, während er es in wenigen Jahr­zehnten zur stärksten Nation der Welt erhob. Nur so können die Kräfte geweckt werden, die trotz allem im deut» schen Volke schlummern auch wenn es jetzt von Parteiunge« zerrißen und in unheilvoller Verkennung der Grmndlageu des Wirtschaftslebens an sich selbst frevelt. Und wir wollen die Hoffnung nicht auf geben, daß dieses Volk, das so viele Epochen des Elends und der Erniedrigung überdauert hat. auch diesmal auf den rechten Weg zurückfinden wird. Dies kann nur der Weg der geordneten und gesicherten Arbett in einem geordneten und gesicherten Stataswefen fern.

Der Berliner VerkehrssLreik.

Berlin, 8. Juli. (Telegramm.^

Zum Berliner VerLehrsstreik erfährt dieDeutsche Allgem. Zeitung", daß die Straßenbahnleitung an dem Standpunkt festhalbe, daß ein Spruch des Hauptausschußes nur auf Ersuchen beider Parteien gefällt werden kann. Wie dieVolkszeitung" erfährt, wird der Berliner Voll, zugs-rat sich im Laufe des heutigen Tages mit dem Neichs- arbeitsm in isterium in Verbindung fetzen, um durch diese Behörde einen Druck auf den Ha-uptausschuß auszuüben. Der Bürgerrat von Groß-Berlin wendet sich in einem Auf­ruf an die Verwaltung der Bahnbetriebe und fordert, den Streikenden ein Ultimatum zu stellen. Der Verkehr auf der Ring- und Stadtbahn soll von heute ab in vollem Umfange wieder ausgenommen werden.

Mehrforderungen der Berliner städttschen Arbeiter. /

. , . Berl-«-- 8, Juli. (Telegramm.)

Noch früher als man befürchtet hat, haben, wie oer Verl. Lokalanzerger" schreibt, die städtischen Arbeiter und Angestellten beschlossen, Mehransprüche zu stellen. Der auf. gestellte neue Tarif sehe u. a. für ungelernte Arbeiter eint Mehvßorderung von 8 Mark für den Tag vor.

Die Alliierten und Deutsch-Oesterreich.

= Bern, 8. Juli.

Wie der Pariser Korrespondent der Agence Centrale erfährt, ist die Ueberreichung des deutsch-österreichischen Friedeusvertrages infolge einer vollständigen Aenderung in der Haltung der Alliierten gegenüber Deutsch-Oester­reich verzögert worden. Um Deutsch-Oesterreich nicht in die Arme Deutschlands zu treiben, sei eine vollkommene Re­vision der territorialen Klauseln sowie die Revision der wirtschaftlichen und finanziellen Bedingnugen vorgenvm- men worden.

Aus einem Gefangenenlager.

Wir erhalten folgende Zuschrift: Zu der Notiz, die eben durch die Preße geht, daß im Gefangenenlager in Oswestry ein Aufstand von 2000 Deutschen von den Eng- «lmidern mit Waffengewalt unterdrückt, kann ich Ihnen ein paar Stellen aus Briefen meines Sohnes, der dort ist, zur Veröffentlichung geben, die de« Anlaß dieser Un­ruhen in dem Vorgehen der Engländer deutlich zeigt. Mir «scheint, daß diese Stellen der englische« Zensur, die ge­legentlich große weiße Stellen in den Briefen macht, wohl nur durch Zufall entgangen sind. Ich brauche nicht zu be. Merken, daß Sie den Namen beim Abdruck nicht angeben, damit ihm nicht Unannehmlichkeiten dadurch erwachsen Er schreibt unter dem 26. Akai dieses Jahres. Meine Uhr habe ich im Felde bekommen, doch hat sie mir am Tage meiner Gefangennahme ein Engländer mit oorgehalteneni Revolver angenommen. Hier und im Westlager waren polnische Abgeordnete, um Oberschlüsiep füt^bie polnische Armee zu werben. Im Westlager hat sich die Musik vor den Saal gestellt undDeutschland, Deutschland über alles" gespielt und te Prisonniere haben m-itgesungen. Dann hats einen großen Auflauf gegeben, die Wache alarmiert und mm durch den Komm andanten find -sie heil hevausgekomm«l. Er hat dann versprochen, es solle nicht -mehr vorkommen. Former unterm 11. 6.: Leute unter uns, Kriegsgefangene, werben für Polen. Sie sollen für jeden Polen 10 Sch. bekommen. Die, die sie angeben, Polen und Deutsche aus den besetzten Gebieten, müßen meist garnicht fort, da sie die deutsche Regierung dann »icht mehr unterstützt. Z. T. wohnen sie schon lange in Berlin usw., sie werden einfach - von sogenanntenKameraden" und vom Engländer^ zwwngdwmse abgeführt. Heute warv wieder so. Da haben! sie nun die genannt, die sie verraten. Zwei wurden dann von anderen geholt und non 12 bis 2 Uhr fast vom ganzen Lager verprügelt, daß das Blut nur so gefloßen ist. Die doppelte Ladurrg hätten sie verdient. Es sollen noch -andere damit verwickelt sein, die wir auch hoffentlich noch erwischen. So suchen wir uns von Lumpen zu veinigen. Ei-n anderes Mittel Laben wir Seitxr atM