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Hessische

Morsenzettuns

Fuldaer Kreisblatt, Anzeiver für Rhön und Bv-rlsbers, Fulda und Haunetal

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Nummer 24.

Mittwoch, den A. Sezember 1924.

1. Frchrgang.

Ätswenbe - Zeitwende.

Möge Deutschland nie glauben, daß man in eine neue Periode des Lebens treten könne ohne ein neues GbeaL Möge es bedenken, daß wirkli­ches Leben von unten auf nicht von oben her wächst, daß es erworben, nicht gegeben wird."

Lagarde.

Umschau halfen an den Zeitabschnitten sollte für jeden Ein­zelnen in ganz anderem Maße, als es tatsächlich der Fall ist, bedeuten: einen Augenblick wirklich still stehen, sich abseits der Straße und ihres Erlebnisstromes auf erhöhten Platz stellen und ein wenig über Wert, Wille und Sinn des dringlichen Le­bens nachdenken. 2mmer mehr drohen die 5 efte und Feiertage diesen ih/en eigentlichen Wesenswerl zu verlieren. Sie gehen im Strudel der Alltage unter, sind lediglich Anlässe zu gestei­gertem Sageserleben, dienen bestenfalls der Betäubung, der Hinwegtäuschung und über die Zeitspannen, die sie nach Ver­gangenheit und Zukunft umgrenzen.

Seien wir ehrlich: welchen Erlebnisgehalt birgt die Fahres- wonde für uns? Erschöpft er sich für die meisten nicht im Be­griffe desBetriebes" in der Silvesternacht? Günstigenfalles in gut gemeinten, aber fast immer nur über die Oberfläche oes Geschehens in immer wieder gleichen Wendungen hinwegstrei­fenden Festsprüchen? Und welch ungeheuerliches Schicksal la­stet doch auf Gegenwart und Zukunft! Welch starker Rhgt- mus der Gesetzmäßigkeit und innneren Zwangsläufigkeit wirk* in den Ereignissen, den wir erkennen müssen, dessen Folgerun­gen wir uns zu eigen machen müssen, wenn wir nicht weiterhin Treibholz im Entwicklungsfluß bleiben wollen. Ein 3ahr gleicht dem anderen, seitdem wir aufgehört haben, ein Staat im eigentlichen Sinne dieses Wortes zu fein, weil man es uns in taufend Paragraphen verbietet. Aber wir selbst gehen über diesen aufgezwungenen Mangel hinaus, wir verzichten in Ue- berfteigerung ererbter Eharaktermängel auch noch darauf, ein Volk zu sein, eine geschlossene Bewußtseingemeinschaft, zu der andere Nationen zum mindesten durch die Not hingezwungen werden würden.

Das vergangene 2ahr stand, wie die letzten vor ihm, unter dem Zeichen der Durchführung des Zriedensdiktates. Es brachte aber gleichzeitig eine Aenderung in den Methoden, die durch die Gegenüberstellung der Namen Poincare und Her- riot-Mac Donald gekennzeichnet ist. Das System Poincare hat für Frankreich, den Hauptsieger auf dem europäischen Zestlande, in den wahren 1918 bis Anfang 1924 den gewünsch­ten Zweck erreicht. Deutschland ist nacheinander militärisch, politisch, wirtschaftlich völlig ausgeschaltet und territorial, in Ohnmacht und Zerstückelung, zur Bedeutungslosigkeit verur­teilt worden. Frankreich hat seine Passionen im Westen über den Rhein vorgeschoben, gleichzeitig die deutsche Ostgrenze durch seinen Vasallen aufgerollt und das böhmische Ausfall­bollwerk mitten ins Herz Deutschlands hineingestoßen. Die französische Wirtschaft ist daneben mit einem Schlage in die vorderste Reihe gerückt. Diese Ausgestaltung desFriedens"- vertrages ist naturgemäß nicht ohne Reibungen mit den ver­bündeten Machtwettbewerbern vor sich gegangen. Der eng­lische Nachbar, der weder den machtpolitischen noch den wirt­schaftlichen Errungenschaften Frankreichs freundlich zusah, antwortete mit der wie immer geschickt gehandhabten Waffe der Stimmungsmache. Frankreich wurde immer weiter in ei­ne zunächst moralische Isolierung hineinmanöveriert. Sobald die französischen Erfolge im gewünschten Umfange gesichert wa­ren, richtete die französische Politik nunmehr ihr Hauptau­genmerk auf die Wiedergewinnung des Stimmungskontaktes mit der Weltmeinung. Herriot, der Sieger in den Neuwah­len 1924, übernahm diese Aufgabe und führte sie, begünstigt durch die politische Gutgläubigkeit des schnell wieder hoff- nungsseligen Deutschlands, glänzend durch. Während im Ruhrkampfe Deutschland, moralisch wenigstens von England unterstützt, sich nur Frankreich und seinen kleineren Trabanten gegenübersah, schließt das 2ahr 1924, das Subiläumsjahr der Kriegsentente, mit der Wiederherstellung der Kriegsfront ab, und zwar ohne daß Frankreich irgendwie nennenswerte Opfer t"r diesen seinen Erfolg gebracht hätte. Was Poincare er- stritt, hat Herriot gesichert. Und ein Herriot kann es sich heu­te erlauben, ganz offen, im Einverständnis mit London die Nichtinnehaltung feierlicher Zriedensvertragsbestimmungen zu proklamieren.

Das alles geschieht, obwohl Deutschland inzwischen, im Londoner Protokoll, freiwillig sehr weit über den Friedens-

Der Anhalt der Note der Botschafterkonferenz.

D.B.Paris, 29. Dez. (Eig. Meldg.) Nach dem Beschluß er Botschafterkonferen; wegen der Nichträumung der Köl- ner Zone wurde noch am Sonnabend abend ein Komitee ge- moet, das den Entwurf einer Note auszuarbeiten hat, die oer deutschen Regierung zugestellt werden soll. Der Vor­

vertrag hinausgehende Verpflichtungen auf sich genommen und bisher musterhaft erfüllt hat. ön London ist dem Kabinett Mac Donald, das Herriols Pläne und Maßnahmen erst er­möglichte, wiederum eine Konservative Regierung gefolgt, die sich mit den vorher geschaffenen Entwickiungstatsachen abzu­finden hat und auch abfindet. Ein weiterer Erfolg Herriot- Frankreichs ist das Genfer Sicherungsabkommen, das zwar nicht in den Einzelheiten, aber doch in den gegen das waffen­lose Deutschland gerichteten und auf Sicherung der Beute- verteilung eingestellten Grundgedanken von der neuen engli­schen Regierung übernommen werden dürfte. Gegen an Landesverrat grenzende Treibereien gewisser mit der Herriot­gruppe zusammenarbeitender deutscher Ideologen ist es dem deutschen Außenminister noch eben geglückt, Deutschland, durch Einbringung gewisser Forderungen und Vorbehalte, für den Fall seines Eintritts in den (von den Vereinigten Staaten und ihrer neugewählten republikanischen Regierung als völlig un­zulänglich verurteilten) Völkerbund wenigstens einen Sitz im Rate ;u sichern und die Frage der Waffenhilfe bei Exekutio­nen anzuschneiden.

Völlig verständnislos und hilflos haben sich die seit dem Umsturz in Deutschland das große Wort führenden Kreise und die unter ihrem Einfluß stehenden Volksmassen diesen Dingen gegenübergeftellt, haben nach wie vor, unbelehrt durch ständige Rückschläge, unbelebt! bis in diese Tage hinein selbst durch den neuesten Vertragsbruch Herriots, das Truggebilde der französischenVersöhnungspolitik", mit dem man höchstens verhandlungstaktisch hätte operieren dürfen, zur Grundlage ihrer politischen Handlungen und Plane gemacht.

Als in den Maiwahlen hie Volksstimme gegen ihren außen- und mehr noch ihren innenpolitischen Kurs entschied, da haben sie alle Forderungen der Demokratie mit Füßen getreten und sich hartnäckig geweigert, eine tragfähige Mehrheitsregierung zu bilden, wie sie nach den Aosichlen der Deutzien Volks- partei mit der Einbeziehung der Deutschnationalen unschwer zu erreichen gewesen wäre. Die Kreise, die früher immer da­rauf hinwiesen, man dürfe wertvolle und zahlenmäßig so be­deutsame Kräfte, wie sie in der Sozialdemokratie vertreten seien, nicht künstlich in der Opposition halten, konnten sich nicht entschließen, mit der Deutschnationalen Volkspartei breiteste und zugleich wirtschaftlich tragfähige Schichten unseres Volkes deren staatsbürgerlicher Wert von keiner oeite ernstlich be­stritten werden kann, zur Mitarbeit und damit zur Mitver­antwortung heranzuziehen.

Das verfehlte Experiment der nochmaligen Auflösung hat die Geistesverwirrung noch nicht zu beheben vermocht. Sowohl die steuerlichen und zollpolilischen Aufgaben der näch­sten Zukunft schon rein praktisch nicht mit der Sozialdemokra­tie ;u lösen sind, hält man im Reich wie in Preußen, wo die Verschiebung nach rechts noch sinnfälliger ist, an oer sogenann­tengroßen Koalition" fest, die wiederum an der klugen Fe­stigkeit der Volkspartei scheitert. Bedauerlicherweise hat sich auch das Zentrum unter dem Einfluß sehr rühriger Kulissenar­beiter in einen auf die Dauer unhaltbaren Gegensatz gegen staatspolitisch notwendige Entwicklungen schieben lassen. Der Kampf um die Kriegspolitik des Reichspräsidenten Ebert hat äußerst scharfe Formen angenommen und ist durch das Urteil des Magdeburger Schöffengerichts noch keineswegs erledigt worden. So liegt innenpolitisch der Jahresbeginn so unsicht­ig, wie nur denkbar vor uns.

Alle diese Vorgänge, drinnen wie draußen, werden dem Staatsbürger durch Nebelschwaden vonRederei" verdunkelt, wie Goethe es einmal nennt und dann fortfährt:gesprochen muß werden, herüber, hinüber; was geschieht, bleibt dem Zufall unterworfen". Ein Treiben im Winde der Rederei und des onfalls ohne Steuer, ja ohne fachmännische Segelsetzung, ist die Fahrt des deutschen Schiffes. Und die Mannschaft streitet fiep, falls sie es nicht vorzieht, überhaupt nicht über Kurs und Windrichtung, über Steuermann und Kapitän nachzudenken. Es fehlt der Wille, hinter Oberflächenerscheinungen zu sehen, Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung aus den Ereignissen zurückblickend abzuleiten. Unserem großen durchs die Versailler Grenzen nur zu einem Teile einbegriffe­nen Hundertmillionenvolk gilt es nach außen die Freiheit, nach innen Lebens- und Arbeitsmöglichkeit und eine aus eigener tiefster Wesensart erwachsene staatliche Daseinsform zu schaf­fen.

sitzende dieses Komitees ist der Direktor im Außenministerium Laroche, dem je ein Sekretär und en Offizier der verschiedenen Kontrolldelegationen beigeordnet sind. Der Entwurf einer Note wurde bereits ausgearbeitet und den alliierten Regier­ungen zur Begutachtung zugesandt, ön diesem Entwurf wird fostgestellt, daß am 10. Januar, gemäß dem Versailler Vertrag, die Kölner Zone von den alliierten Truppen geräumt werden sollte, vorausgesetzt, daß Deutschland alle im Vertrage fest­gelegten Verpflichtungen erfüllt hat. Ohne den endgültigen

Bericht der Militärkontrollkommission abwarten zu müssen, der erst gegen den 20. Sanuar abgegeben werden wird, gestat­teten die vorläufigen Berichte der Botschafterkonferen; den einheitlichen Eindruck, daß deutscherseits zahlreiche und sehr ernste Verfehlungen begangen worden seien und noch begangen würden. Eine ausführliche Darstellung gibt dann ein Bild der angeblichen Verfehlungen, die sich hauptsächlich auf die Ab­rüstungsfrage erstrecken. Zum Schlüsse der Note wird dann kurz und bündig erklärt, die Frage der Räumung Kölns könne nur dann in Betracht kommen, wenn Deutschland die Verträ­ge beachte.

Der Agentur Havas zufolge, werde dieser Note eine zwei­te Mitteilung an die Reichsregierung folgen, in der nach Be­richterstattung der Militärkontrollkommission lediglich Ab- rllstungsfragen aufgeworfen würden. Schon jetzt stehe fest, daß man weder die Militärkontrolle noch die Besetzung der Kölner Zone aufheben wolle, solange nicht Deutschland die fünf Punk­te erfüllt habe, die die Botschafterkonferen; in ihrem Brief vom September 1922 angeführt habe. Aach demPetit Pa- risien" werde eine neue Prüfung der Räumungsfrage erst dann erfolgen, wenn neue Kontrollhandlungen der ^interalliierten Militärkommission befriedigende Ergebnisse zeitigen wurden.

Um die Räumung der Kölner Zone. Amrita neutral.

D.B.London, 29. Dez. (Eig. Meldg.) Die Abfassung der Note der Botschafterkonferen; an Deutschland über die Aicht- räumung der Kölner Zone ;um 10. öanuar wird einige Zeit in Anspruch nehmen, da die Botschafter Englands und Ita­liens nicht ;u selbständigen Vertretung ihrer Länder in die­ser Frage bevollmächtigt sind, sondern Instruktion haben, ihre Kabinette ständig auf dem laufenden zu halten, dam», diese sich die letzte Entscheidung Vorbehalten können. Der endgültig Entwurf der Note wird den beteiligten Regierungen morgen vorgelegt werden. Da aber mit Abänderungsvorschlägen ge­rechnet wird, dürfte die Absendung nicht mehr im alten öahre erfolgen. Nach Erstattung des Schlußberichts durch die Mi- iltärkontrollkommiffion und vor Absendung der entsprechenden endgültigen Note soll eine Sitzung des Obersten Rates in Form einer Konferen; der alliierten Ministerpräsidenten und Außenminister stattfinden, um den ganzen Fragenkomplex zu erörtern. Als Termin für diese Konferenz kommt wahr­scheinlich der Februar in orage.

Interessant ist die politische Motivierung, die England seinem, gelinde gesagt eigenartigen, Verhalten gibt. Danach beliebt man es nun so darzustellen, als ob England das Senser, Protokoll nicht zu ratifizieren vermöge, Frankreich aber als Ersatz für diese ausgefallene Sicherung irgend etwas bieten müsse. Das Aequivalent sucht man sich auf Kosten Deutsch­lands in der Einwilligung zur 'Herragung der Räumung der Kölner Zone aus. Einige führende liberale Organe und auch der Daily Herald nehmen zwar entschieden gegen die Politik der konservativen Regierung in dieser Frage Stellung, im gan­zen waltet aber entschieden der Eindruck vor, als ob England sein Umfall in dieser Frage umso leichter geworden ist, als es nach außenhin bereits jetzt so aussieht, als ob Frankreich der alleinige Urheber der Verzögerung ist und England sich aus schwerwiegenden allgemeinpolitischen Gründen anschließt. Für die deutsche Politik wird sich aus diesem Verhalten wieder ei­ne sehr beherzigenswerte Lehre ergeben, da zweifelsfrei ist, daß Frankreich die Verzögerung gegen den entschiedenen Wider­stand Englands nicht durchzusetzen vermochte.

Amerika wird sich nach Washington Meldungen in der ganzen Frage vollkommen neutral verhalten und keinesfalls, wie angekündigt, Schritte seiner Botschafter in den alliierten Hauptstädten unternehmen. Allerdings ist unverkennbar, daß sich in politischen und auch finanziellen Kreisen eine gewisse Beunruhigung wegen der Entwicklung bemerkbar macht, da man nach den deutschen Meldungen durch die Verzögerung ei­ne schwere Störung der ganzen Dawes-Organisation ooraus- sieht. Aus der Umgebung Eoolidges verlautet, die Ereignisse der letzten Wochen hätten schmerzliche Zweifel an Frankreichs Aufrichtigkeit bei seinen Verhandlungen mit Amerikt auf­kommen lassen. Einstweilen rechnet man hier noch mit dem Zustandekommen eines Kompromisses.