Hessische
Morsenzeitung
Fuldaer Kreisblatt, Anzeiger für Rhön und Vogelsberg, Fulda- und Haunetal
Sie hessische Moigcnzeitung" erscheint wöchentlich 6 mal, sauber Montags), Sonntags M H M.Z. im Bild, Bezugspreise: Durch die Post bezogen monatlich 1.50 Rentenm. auslchlichlich Postgebühren. BesZuslellung durch unsere Träger monatlich 1.75 Rentenmarl.
Für die Volksgemeinschaft — Für den Ständefrieden
Anzeigen: Die 7 gespaltene Millimeteizeile 0,04, auswärts 0,07 Rentenmark. Die 92 mm breite Millimeter Reklamezeile lokal 0,30, auswärts 0,40 RènImmaik. Bei Wiederholung Rabatt. Postscheckkonto Frankfurt a. M. 28012. Fulda, Kanalfttatz- 44. Fernsprecher 113.
Mmme 78.
Freitag, den 1 April ISA
L Jahrgang.
Republikanische Zrasikomöbie
Die preußische Regierungskrise wird von den Schwarz-rot- goldenen zu einer Posse herabgewürdigt. Es ist wohl noch nicht da gewesen, daß man einen Ministerpräsidenten ohne jede ernste Absicht wählt und nur aus Verlegenheit, weil'man sich darauf versteift hatte, just an diesem Tage die Wahl vorzunehmen. Hinterher stehen jetzt die Sozialisten und die Demokraten, die eben noch Jo stolze Siegeslieber sangen, mit langen Gesichtern da und wissen nicht, was sie mit Herrn Höpker-Aschoff anfan- gen sollen. Sie hatten sich ja gegen seine Wahl gesträubt und er selbst auch — aber das Zentrum setzte ihnen die Pistole auf die Brust, und in der letzten Minute sagte die Lozialistenfrak- tion, die zuerst obgelehnt hatte, doch noch ja, damit die Blamage der „Weimarer" nicht z u offenkundig werde. Die Zest- fetzung der Ministerpräsidentenwahl auf Dienstag 5 Uhr war ja in der Annahme erfolgt, daß die Einigung auf die Kandidatur Braun glatt zustande kommen werde. Aber da machte die Zentrumsfraktion, deren Vertreter in der Vorbesprechung keine Bedenken gegen Braun geäußert hatten, einen Strich durch die Rechnung. Sie scheute den Vorwurf des „Kuhhandels" Marx-Braun.
Aber die Sozialdemokratie besteht auf diesem Handel! Der „Vorwärts" ist recht unwirsch über die Errungen und Wirrungen des Dienstags, verlangt die Gleichberechtigung für die Sozialdemokratie, die nicht nur die Mannschaften für die Offiziere des Zentrums und der Demokraten stellen wolle, und fügt boshaft hinzu: „Die Sozialdemokratie weiß, was sie will es scheint Parteien zu geben, die einigen Grund haben, sie darum zu beneiden: „Das Blatt sagt auch ganz offen und deutlich,
Zur RMSprMMemvW.
-Ein Tag nach dem anderen vergeht, ohne daß die Sammel- Kandidaten den zweiten Gang der Reichspräsidentenwahl nominiert werden. Man kann nicht behaupten, daß dieses Zögern erhebend wirkt. Der Reichsblock hat seine Entscheidung vertagt, aber auch die Parteien der Linken schieben die ent- güligen Beschlüsse immer weiter hinaus. Die eine Gruppe wartet auf die andere, und jede sagt höflich: „Bitte, nach 2hnen!" Auch diese Erfahrung scheint wieder zu bestätigen, daß die zwei Wahlgänge ein überflüssiger und etwas unwürdiger Luxus sind. Es genügt wirklich, wenn das Volk einmal dieses Raten und Suchen, Handeln und Markten über sich ergehen läßtl Nachdem es aber nun vorläufig anders eingerichtet worden ist, kann man die taktische Zurückhaltung der Gruppen und Parteien begreifen. Der Reich sblock hat keinen Anlaß, den Gegnern den Vorwurf zu erleichtern, daß er ein Zusammengehen aller bürgerlichen Parteien im zweiten Wahlgang verhindert und so das^Zentrum mit Gewalt in die Arme der Sozialdemo- kratie gestoßen habe. Deshalb wartet er zunächst die Stellungnahme der Parteien ab. Das Zentrum tat den ersten Schritt — aber nur halb. Der Parteivorstand, der noch nicht die Entscheidung hat, bot allen Parteien (mit Ausnahme der Kommunisten und der Völkischen) die Lammelkandidatur Marx als „Berhandlungsgrundlage" an. Ls ist also nicht richtig, daß die Zentrumspartei, deren Rettungsanker ja die öbee der Volksgemeinschaft ist, sich mit diesem Vorschlag schon nach links festgelegt hätte. Manche in ihren Reihen mögens so gemeint haben, aber offiziell gilt der Wah! vorschlag Marx allen Parteien, und ein boshafter Beurteiler könnte ihn Jo auslegen, daß er die Zrage enthielte: „Wer fordert von uns am wenigsten und bietet uns am meisten?"
Die Sozialdemokraten haben jedenfalls schon mit brutaler Offenheit ihre Forderung angemeldet: Preußen! Nicht nur die Ministerpräsidentschaft Otto Brauns, sondern darüber hinautz die Beherrschung der preußischen Regierung nach dem Maßstab ihrer Stänke. Das bedeutet — da am 29. März in Preußen für Braun über 5 Millionen, für Marx und Hellpach zusammen Knappe 4 Millionen Stimmen abgegeben worden sind, bie Majorität im preußischen Kabinett! Dem Anschein nach hat sich ne randtagsfraktion des Zentrums noch mehr an dieser Forderung gestoßen als an der Ministerpräsidentschaft Brauns; und es durfte nun hinter den Kulissen das Zwischen um die Mi- nijterpojt.en begonnen haben. So leicht aber, wie sich die „Vos- jisthe Zeitung" das vorstellt, die schon am Mittwoch den Kuhhandel für perfekt erklärte, wird der Geschäftsabschluß keines-
Der Aprilscherz mit dem „Ministerpräsidenten" Hopker-Aschoff kann noch ein paar Tage dauern. Denn auch Sozialdemokraten verstehen sich darauf, immer eine öffn ans Kandidatur^" ""ö 'br ^. ?u der Präsidentschafts- abgeUch[.offo„9 bls der ,^icherheitspaXt' für die in der Parteivorstand hat sich „im Prinzip" ausaetnrZk /.'"er republikanischen Sammelkandidatur zu beraten beschlossen, mit den anderen Parteien baüber sondern um es handelt sich hier nicht um das Prinzip, rn um die harten Bedingungen.
was die Sozialdemokratie will: eine „Kampfgemeinschaft ge- *gen rechts" und als ihr Wahrzeichen die Ministerpräsidentschaft Otto Brauns in Preußen. Mit dieser robusten Aussprache dessen, was ist, wird der „Vorwärts" dem Zentrum neue und schwere Verlegenheiten bereiten. Denn diese Partei will ja gerade ihren Abmarsch nach links verschleiern und muß mit Sicherheit darauf rechnen, ihren rechten Zlügel und jede Verbindung mit der Bayerischen Volkspartei (auf die sie großen Wert legt), zu verlieren, wenn sie eine offene „Kampfgemeinschaft gegen rechts" abschließt. Hier ist der Punkt, wo aus der Komödie die Tragödie wird. Seit dem.vorigen Mai, als sich im Reichstag zum ersten Mal die Möglichkeit einer Koalition mit der Rechten zeigte, ist es das heiße Bemühen des Herrn Marx gewesen, das Zentrum vor einer klaren Entscheidung für rechts oder links zu bewahren. Nur deswegen mußte der Reichstag wieder aufgelöst und deswegen die preußische Regierungskrise so ungeheuerlich verschleppt werden. Zetzt aber erheben die Sozialdemokraten endlich doch drohend die Zaust und fordern: wenn wir Marx zum Reichspräsidenten wählen sollen, bann müßt ihr das Steuer klar nach links werfen und uns wieder in Preußen zur alten Macht verhelfen. Die Verlegenheit des Zentrums ist riesengroß. Die „Germania" beeilt sich, zu versichern, daß die Nominierung des Herrn Marx für den zwei ten Wahlgang noch nicht endgültig gewesen sei, sondern beim Reichsparleiausschuß liege, der erst in den nächsten Tagen zu- sammentreten werde. Die Veröffentlichung des Vorschlages des Parteivorstandes fei nur erfolgt, um dem Reichsblock jede Hoffnung auf ein Zusammengehen mit dem Zentrum zu nehmen.
Das Zentrum ist dadurch in eine Jo peinliche Zwickmühle geraten, daß es Herrn Marx aufstellen zu müssen glaubte. Denn gegenüber einer solchen Sammelkandidatur können die Sozialdemokraten nicht nur mit einem Schein des Rechts sondern tatsächlich mit Recht sagen, daß sie ihre Wähler nur dann für sie an die Wahlurne bringen, wenn ihnen eine ekla taufe Gegenleistung gewährt wird. ZUr eine Kandidatur Wirth zum Beispiel wäre solche Gegenforderung nicht berechtigt gewesen — aber Herr Marx kann wohl wirklich nur durch Herrn Braun ausgewogen werden. Und nun steht das Zentrum vor der schweren Zrage, ob es sich diese Konzession leisten kann. Selbst wenn es den Sozialdemokraten noch einige Ministerpo- sten im preußischen Kabinett abhandelt und diese sich wieder mit zwei oder drei Ministern außer dem Präsidenten Braun „begnügen", so würde doch im ganzen Reich der Eindruck unverwischbar sein, daß das Zentrum von neuem ohne Not Preußen den Sozialdemokraten ausgeliefert habe. Denn die werden aus das Innenministerium als der Quelle der politischen Macht in Preußen natürlich unter allen Umständen bestehen. Das wäre die ungeschminkte Kampfansage gegen rechts, und ein Wahlkampf in Preußen, der dann unvermeidlich sein dürfte, würde aller Voraussicht nach dem Zentrum und den Demokraten sehr bittere Lehren erteilen. Diese beiden Parteien stim- ' men denn auch in den Ruf der Sozialdemokraten nach Landtagsauflösung keincsweg ein, sondern wollen zum mindesten die Katastrophe noch eine Weile hinausschieben. Aber wie soll das geschehen? Ein Königreich für eine rettende öbee!
Aus den Parlamenten.
Reichstag.
Berlin, 1. April. (Sig. Meldg.)
Die heutige Sitzung des Reichstages wurde um 2.20 Uhr mit folgender Ansprache des Präsidenten Löbe eröffnet: Die erschütternde Nachricht von dem furchtbaren Unglücksfall, der o viele Angehörige der deutschen Reichswehr betroffen hat, hat sich leider bewahrheitet. Ueber 70 Personen sind bei der Ausführung ihrer Übungsaufgaben mit ihrem Offizier in den ZInten ier Weser ertrunken und es besteht geringe Hoffnung, daß von den 78 Vermißten noch jemand gerettet werden könnte.
der Reichswehr trauert die deutsche Volksvertretung um die vielen noch so jungen Opfer ihres Solbatenberufe^ und spricht den Angehörigen, den Kameraden und der Heeresleitung ihre tiefe Teilnahme aus. (Das Haus hat sich von den Plätzen erhoben).
Reichswehrminister Dr. Seßler dankt dem Präsidenten und dem Reichstage für die Teilnahme. Die Katastrophe an der Äeser stehe beispiellos da, vor allem durch die Zahl der Opfer. Er sei noch nicht in der Lage heute eine verantwortliche Erklärung über die Ursachen des Unglücks abzugeben, die erst festgestellt werden müßten durch eine Untersuchung, zu der den Ehef des pionierwesens abgeordnet habe, und dann aber auch durch eine gerichtliche Untersuchung. Der Minister bringt bann einen vorläufigen Bericht über die Katastrophe zur Kenntnis und teilt mit, daß ein Offizier und 78 Mann ertrunken seien. Die
Aussicht auf Rettung fei gering. Verstärkt werde die Trauer noch durch einen Unfall, der sich gestern bei der Marine ereignet habe, wobei zwei Heizer und zwei Arbeiter ihr Leben ein- gebüßt haben, und ebenso viele Personen verwundet sind. Der Minister stellt auch hierüber einen baldigen amtlichen Bericht
in Aussicht.
Präsident Löbe bankt dem Haufe für die
Lrauerkundgebung.
Auf der Tagesordnung steht dann der Bericht des Geschäfts ordnungsausschusses über die Anträge des Landgerichts Magdeburg auf Erteilung der Genehmigung zur Vernehmung mehrerer Reichstagsabgeordneter im Rothardt-Prozeß. — Abg. Dr. Bell (Ztr.) berichtet über die Verhandlungen des Ausschusses, der beschlossen hat, die Genehmigung zur Vernehmung der Mitglieder des Reichstages Silberschmidt, Graßmann, Schlicke und Giebel zu versagen, nachdem diese bereits ausführlich vernommen worden sind. Ohne Aussprache wird der Antrag vom Reichstage einstimmig angenommen.
Darauf wird die Zweite Lesung des Gesetzentwurfs betreffend den Lehrgang der Grundschuld fortgesetzt. Abg. Seiffert (Völk. V.) hält es für erforderlich, daß die besser begabten Schüler in einem kürzeren Zeitraum durchlaufen. — Abg. Zleißner (Soz.) begründet die Anträge seiner Zraktion. Er sieht in dem vorliegenden Gesetzentwurf eine Durchbrechung der Grundschule. Ministerpräsident Dr. Kästner vom preußischen Kultusministerium befürwortet eine Einigung in der Grundschulfrage. Die Grundschule sei auf vier Sabre fejtgelegt und müsse auch so bleiben. Das preußische Kultusministerium habe sich mit besonderer Wärme dieser Zrage angenommen. Der Unterrichtsausschuß des preußischen Landtages habe alle Anträge auf Schaffung von besonders Vegabten-Klassen und auf Zulassung zu dem mittleren und höheren Schulen nach dreijähriger Grundschule abgelehnt. Besondere Einrichtungen zu Gunsten begabter Schüler seien allgemein nicht möglich. Der Redner erhebt Bedenken gegen die von den Regierungsparteien des Reichstages beabsichtigte Regelung der Grundschule.
Abg. Neubauer (Kom.) fordert u. a. Unentgeltlichkeit der Schulmittel. — Abg. Zrau Pfülf (Soz.) spricht sich gegen jede Verkürzung des Lehrganges der Grundschule aus und verlangt im Gegenteil die Erweiterung des Lehrganges von vier auf sechs Eahre.
Der sozialdemokratische Antrag, der jede Verkürzung der Dauer des Lehrganges der Grundschule von mindestens vier Vahresklassen für unstatthaft erklärt, wird abgelehnt, ebenso der Antrag auf Einführung von Sechsjahresklassen. Der grundlegende § 1 des Trundschulgesetzes wird darauf gegen So- ziabemokraten, Kommunisten und Demokraten in folgender OaJJung angenommen: „Der Lehrgang der Grundschule umfaßt vier Sahresklassen (Stufen) im Einzelfalle könne besonders leistungsfähigen öumler nach Anhörung des Srundschullehrers unter Genehmigung der Schulaufsichtsbehörde schon nach drei- jahriger Srundschulpflichtzeit zur Aufnahme in eine mittlere ober höhere Schule zugelassen werben".
Pfülf (Soz.) beantragt dann die Lebenshaltungs uni. ^ilbungskosten für die besonders leistungsfähigeren Schulkinder in vollem Umfange dem Reich und den Ländern aufzuerlegen, wenn diese Schulkinder sonst infolge der wirtschaftlichen Vage ihrer Eltern nur Volksschulbildung erhalten würden. - W Ronneburg (Dem.) verlangt eine Vorlage in gleicher Dichtung. — Auch die Gemeinden sollen zu den Kosten heran- gezogen werden. — Abg Dr. Schreiber (Ztr.) weist daraufhin, daß seine Partei grundsätzlich dem Gedanken stimme, für be- gabte Kinder jozialpabagogisch und finanziell Zugeständnisse 2 ou diesem Zwecke müßten die Mittel zur Erzieh- ungsbeihilfen beim, Etat des Reichsministeriums des önnern er- bobt werden. Die Anträge Dittmann und Rönneburg feien -ulehnen. — Abg. Hörnle (Kom.) bringt verschiedene Wlln-
* Md stimmt schließlich dem sozialdemokratischen Antrags Zrau Scheitel (Dtn.) betont, die Kosten für die mittdlojen Schulkinder dem Staate aufzubürden, gehe zu weit.
Preußischer Landtag.
B e r li n , 1. April. (Lig. Meldg.)
Präsident Bartels eröffnet die heutige Sitzung des preußi- schen Landtages um 12.20 Uhr und gedenkt, während sich die Mitglieder des Hauses von den Plätzen erheben, des Unglücks be, der Re.chsweh^ er werde dem Reichswehrminister und den Angehörigen das Beileid des Hauses übermitteln. Das Haus verweist dann verschiedene Anträge den zuständigen Ausschlls- eine m die zweite Beratung der Novelle, die Die Steuerung des Wanderlagerbetriebes vorsieht. D e Vorlage wird nach längerer Aussprache in zweiter Lesung angenommen und auch in dritter verabschiedet ' 9
Abberufung des Laiieuischen Botschafters in Paris?
. Vam, 2. April. Das „Giornale dVtalia" verzeichnet ein Gerücht, wonach der italienische Botschafter in Paris unberufen wurde, weil die Pariser Zaschisten eine Tagesord- iung gegen ihn angenommen hätten, weil er nicht habe ver- zindern können, daß Don Sturzo, der Gründer der „Popolari- Partei, in Paris vor dem Schwurgericht gegen die innere Po- itik der jetzigen Regierung eine Rede hielt.