Hessische MorgenzeitW
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Mm Sreisölatt, Anzeiger für Wn md Begelrverg, Ma- md ' '
s^auptschriftleitung: Generalmajor a. D. Rembe. i Druck und Verlag: Gutenberg-Buchdruckerei in i Fulda, Buseckstraße 7, Fernsprecher Nr. 974. I Anzeigenpreis: für die 8 gespaltene Kolonelzeile : 15 Pfg., für die Reklamezeile unter Text 60 Pfg ^Bei Wiederholung Rabatt nur nach Vereinbarung.
Nr. 243
Dienstag, den 27. Oktober 1925, mittags.
59. (2.) Jahrgang
Kein Rücktritt der Reichsregierung.
TU. Berlin, 27. Okt. (Telunion.)
Amtlich wird mitgeteilt: Das Reichskabinett hat seine heute mittag begonnenen Besprechungen am Abend fortgesetzt und ist zu folgender Stellungnahme gelangt: Das Neichskabinett betrachtet es als eine selbstverständliche politische Pflicht, auf dem in Locarno begonnenen Wege fortzuschreiten, um dem Reichstag rechtzeitig vor dem t. Dezember, dem Tage, der für die Zeichnung des in Locarno paraphierten Vertrages vorgesehen ist, ein Gesamtergebnis zur Beschluß- srssung unterbreiten zu können. Aus dieser Erwägung erachtet eS das Reichskabinett für geboten, von einer Demission abzusehen und ' die Reichsgeschäfte weiter zu führen. Der Reichskanzler, der im Laufe des Nachmittags i die Vertreter der Reichstagsfraktionen empfangen hatte, hat dem Reichspräsidenten über die politische Lage Vortrag gehalten und zugleich seine Vorschläge wegen der zukünftigen Gestaltung des Reichskabinetts unterbreitet. Der Herr Reichspräsident hat die Entlassungsgesuche der Herren Reichsminister Neuhaus, Schiele und von Schlieben genehmigt und hat unter Billigung der Fortführung der Reichsgeschäfte durch das jetzige Kabinett mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Reichsministers der Finanzen den Reichskanzler Dr. Luther, des Reichs- Ministers des Innern den. Reichswehrmi- nlster Dr. Geßler und des Reichswirtfchafts- mnisters den Reichsverkehrsminister Dr. Krohne beauftragt.
Der Reichspräsident an die ! zurückgetretenen Minister.
TU. Berlin, 27. Okt. (Telunion.)
Der Herr Reichspräsident hat die Entlas- I sungsgesuche der Reichsminister Schiele, von I Schlieben und Neuhaus genehmigt und den I scheidenden Ministern in Handschreiben sei- L nen Dank für ihre Dienste ausgesprochen. Das Schreiben an den Reichsminister des k Änern Schiele hat folgenden Wortlaut:
Sehr geehrter Herr Reichsminister! Ihrem Antrag auf Enthebung von Ihrem Amt als Minister des Innern habe ich mit lebhaftem Bedauern in Würdigung der mir vorgetragenen Gründe mit dem beifolgenden ^rlah entsprochen. Es ist mir ein aufrich- uges Bedürfnis, Ihnen bei Ihrem Scheiden aus dem Amt meinen herzlichsten Dank und I geilte besondere Anerkennung für Ihre Tä- ; Alert auszusprechen. In ernster Zeit haben M ^re Arbeitskraft und Ihre reiche poli- ! ,Erfahrung in den Dienst des Vater- £ ^".^s gestellt und das schwere Amt des ^lchsministers des Innern mit hingeben- ®Vet und politischem Geschick versehen. i âß Sie hierbei stets Ihr Streben auf die fr ® ?e* Staatsautorität und den Aus-
L ~ inneren Gegensätze gerichtet haben, w'rd Ihr besonderes Verdienst bleiben. Mit sten Wünschen für Ihr persönliches Wohlergehen und dem Ausdruck meiner aus- L gezeichneten Hochachtung
Ahr sehr ergebener gez. v. Hindenburg. I , An den Reichsminister von Schliern schrieb der Reichspräsident:
bH* geehrter Herr Reichsminister! Jh- Antrag auf Enthebung von dem Amt Ae'chsministers der Finanzen habe ich inKrtu ‘Mgenbem Erlaß entsprochen. Ich lall?» ?’c nicht aus Ihrem Amt scheiden unh l°^nc Ihnen meinen herzlichsten Dank ivr»^""ne aufrichtige Anerkennung auszu- N° pflichttreue und erfolgreiche tiS’- bic Sic in Ihrer langjährigen Tä- im verantwortungsreichen Stellungen I len j!ä^bfinanzministerium und in den letzten h na<LCtt nis Reichsminister der Finan- I „J™ S«f«lm neteiUet haben. Das 8 Ä'L?” Neuordnung der Finanzen
bunk.» x^tem Namen immer eng ver- . I sür Ä?^ben. Mit den besten Wünschen I drucks r Wohlergehen und mit dem Aus- merner ausgezeichneten Hochachtung
Ihr sehr ergebener gez. v. Hindenburg.
Völkerbund und Balkankonflikt.
Bulgarien und Griechenland vor dem Bölkerbundsrat.
Petritsch wird weiter beschoffen. Rumänien als Vermittler?
Der Völkerbundsrat hat sich nun doch bemüßigt gefühlt, in den griechisch-bulgarischen Konflikt aktiv einzugreifen; die Gesandten Bulgariens und Griechenlands erstatteten gestern in Paris dem dort versammelten Völkerbundsrate Bericht über die Ereignisse; natürlich will keiner von beiden Staaten angefangen haben.
Wir erhalten darüber folgende Meldungen:
TU. P a r i s, 26. Okt. (Telunion.)
Der Völkerbundsrat ist heute nachmittag zusammengetreten. Die griechische Delegation hat eine Stunde vor dem Zusammentritt ein Communique veröffentlicht, in dem sie behauptet, daß die eingeleitete Untersuchung ergeben habe, daß am 19. ds. Mts. eine griechische Wache auf griechischem Boden getötet worden ist und daß auch der Hauptmann Wassiliadis, der als Parlamentarier eine weiße Fahne hißte, auf griechischem Boden den feindlichen Kugeln zum Opfer fiel. Was die Beschießung von Petritsch anlange, so hätten die griechischen Truppen den Bahnhof nur deshalb unter Feuer genommen, um zu verhindern, daß bulgarische Verstärkungen herangeholt werden.
TU. P r a g, 27. Okt, (Telunion.)
Bei den Beratungen des Völkerbundrats über den bulgarisch-griechischen Konflikt wird das Völkerbundratsmitglied Benesch durch den tschechoslowakischen Gesandten in Bern, Dr. Peperka, vertreten werden.
TU. Paris, 27. Okt. (Telunion.)
Der gestern nachmittag um 6 Uhr im Quai d'Orsey zusammenberufene Völkerbundsrat wurde von Briand Mit Begrüß- ungsworten an die erschienenen Delegierten eröffnet. Der französische Außenminister gab zunächst eine kurze Darstellung der Gründe, die ihn zur Einberufung des Rats veranlaßt hätten. Darauf ergriffen die Gesandten Bulgariens und Griechenlands das Wort, die Bericht übex den Konflikt erstatteten. Die Sitzung wurde darauf geheim fortgesetzt.
Das Schreiben an den Neichswirtschafts- minister Dr. Neuhaus lautet:
Sehr geehrter Herr Reichsminister! Indem ich Sie auf Ihren Antrag mit beifolgendem Erlaß von Ihrem Amt als Reichswirtschaftsminister entbinde, spreche ich Ihnen meinen herzlichsten Dank und meine aufrichtige Anerkennung aus für Ihre Tätigkeit an der Spitze des Reichswirtschaftsministeriums. Sie haben in schwieriger Zeit an der Lösung der wirtschaftspolitischen Aufgaben mit großer Tatkraft gearbeitet und die Politik der Neichsregierung verständnisvoll gefördert. Meine besten Wünsche für Ihren ferneren Lebenslauf begleiten Sie. mit dem Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung.
Ihr sehr ergebener gez. v. Hindenburg.
*
Die sozialdemokratischen Vertreter beim Reichskanzler.
TU. B e r l i n, 27. Okt. (Telunion.)
Wie der „Vorwärts" mitteilt, haben die Vertreter der Sozialdemokraten bei der Besprechung mit dem Reichskanzler Dr. Luther darauf hingewiesen, daß der Vorstand der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion für Mittwoch einberufen sei. Eher sei eine definitive Stellungnahme zum Vertrag von Locarno nicht möglich. Sie ließen aber dem Reichskanzler keinen Zweifel an ihrer Auffassung, daß die Sozialdemokratie nicht daran denken könne, die Deutschnationalen aus der Verantwortung in diesem Reichstag zu
Beschluß des Dölkerbundsrats im griechisch-bulgarischen Konflikt.
TU. Paris, 27. Okt. (Telunion.)
Der Bölkerbundsrat hat beschlossen, Bulgarien und Griechenland aufzufordern, daß sie sich innerhalb 24 Stunden bereit erklären, ihre Truppen hinter die Grenze zurück- zuziehen. Die Ausführung dieser Maßnahme muß innerhalb 60 Stunden vollzogen sein.
TU. S o f i a, 27. Okt. (Telunion.)
Die griechischen Truppen haben in der Nacht vom 25. auf 26. Oktober ohne Unterbrechung mehrere Dörfer und die Stadt Petritsch bombardiert. Auch diesmal sind mehrere Opfer zu verzeichnen. Am 25. Oktober haben die Griechen das Dorf Nowo Lechowo eingeäschert. Das Dorf ist erst kürzlich durch 'usqrom znvgsöjnv uaqusäjszwzörzvzihogx um Unterkunft für mehrere Hundert Flüchtlinge zu schaffen, die vor etwa einem Jahr das griechr,che Gebiet verlassen mußten. Bis jetzt haben die griechischen Truppen den bulgarischen Boden noch nicht verlassen unter dem Vorwand, daß die Bulgaren griechisches Territorium besetzt halten sollen. Die Einwohner der Stadt Petritsch »erlassen in großen Massen die Stadt.
TU. P a r i s, 27. Okt. (Telunion.)
Nach einem Havastelegramm aus Athen soll zwischen Griechenland und Bulgarien durch Vermittlung des rumänischen Gesandten ein gütliches Abkommen getroffen worden sein. Der rumänische Gesandte in Athen teilte gestern dem Ministerpräsidenten General Pangalos mit, daß seine Regierung von der bulgarischen Negierung ersucht worden sei, als Vermittler aufzutreten. Dem Havasbericht zufolge hat Bulgarien ein von Griechenland vorgeschlagenes Abkommen angenommen.
entlassen. Wenn die Deutschnationalen den Vertrag ablehnen, würde nur übrig bleiben, das Volk selbst entscheiden zu lassen und den Reichstag aufzulösen.
*
Das amtliche Wahlergebnis in Groß-
Berlin.
Nach einer vorläufigen Berechnung der amtlichen Ergebnisse der Berliner Stadtverordnetenwahl sind insgesamt 1853 115 gültige Stimmen abgegeben worden. Die
Verteilung der Stimmen
und der neuen
Mandate ist folgende:
Wahlergebnis
Wahlergebnis
vom 25. Okt. 25
vom 16. Okt.21.
Stimmen
Mand.
Stimm.
Mand.
Soziald. 604 704
74
682 453
87*)
Dtschnat. 385 326
47
319 273
40
Dt. Vlksp. 111 432
14
266 771
36
Komm. 347 382
42
162 575
20
Demokr. 171961
21
126 696
16
Wirtsch.-P. 73 264
9
86 808
12
Zentrum 63 265
8
63 183
8
U. S. P. 14 608
2
—
3
Völkische 27 543
3
—
2
Dtsch.-Soz. 25 200
3
12 302
1
Ev.Gemein-
schaftsbund 17161
2
—
Arbeiterpartei 627
—
—r
—
Wahlergebnis v. 25. Okt. 25 — v. 16. Okt. 21
Deutschn. Bund der
Hauswirte 147 — — —
Sparerbund 4101 — — —
Nationale Reichspartei 1309 — — —
Dt. Mittelstandspartei 2 479 — — —
Dt. Arbeitnehmerpartei 554 — — —
Nat. Wirtschaftsvereinigung 648 — — —
Entschiedene Demokraten 164 — — —
Bodenref. 1249 — — —
1 853 115 225 1 720 061 225
*) Bei der Wahl 1921 wählten Sozialdemokraten und Unabhängige Sozialdemokraten noch getrennt. Daneben gab es noch eine besondere unabhängige Gruppe, die mit drei Sitzen in der Stadtverordnetenversammlung vertreten war.
Sozialdemokraten und Kommunisten verfügen in der neuen Stadtverordnetenversammlung über 118 Sitze (110) gegenüber 107 Sitzen (115) der bürgerlichen Parteien.
Die Lage in Frankreich ist noch ungeklärt.
Die politische Lage hat durch die Ansprachen von Painleve Samstag abend und Caillaux' gestern abend in Chateau du Lois eine weitere Klärung erfahren. Während die Ansprache des Ministerpräsidenten trotz der unverkennbaren Voreingenommenheit des Redners für die Kapitalabgabe die Möglichkeit eines Kompromißes zwischen beiden Finanzmethoden betonte, ergriff Caillaux in schroffster Form dagegen Stellung und hat dadurch die Brücke, die durch die Formel des radikalsozialistischen Kongreßes eben gebaut wurde, wieder hinter sich abgebrochen. Der Gesamteindruck der Rede Caillaux' wird von den Blättern dahin zusammengefaßt, daß es jetzt kein Zurück mehr gebe und die Erzielung eines Einvernehmens im Kabinett bevorstehe.
Eine Abschrift der deutschen Entwaffnungsnote in London überreicht.
TU. London, 26. Okt. (Telunion.)
Wie die Blätter berichten, hat der deutsche Botschafter am Freitag im Auswärtigen Amt die Abschrift einer Note überreicht, die die deutsche Negierung an die Botschafterkonferenz in Paris gerichtet hat.
Zusammentritt der Botschafterkonferenz am Dienstag.
TU. P a r i s, 26. Okt. (Telunion.)
Die Botschafterkonferenz tritt am Dienstag vormittag um 11 Uhr zur Prüfung der deutschen Abrüstungsnote zusammen.
Der griechisch-bulgarische Konflikt.
TU. London, 25. Okt. (Telunion.)
Einer Exchange-Meldung zufolge hat die griechische Regierung zur Einstellung des Vormarsches einen Befehl ausgegeben. Das griechische Kabinett ist gestern abend zusammengetreten und hat seine Zustimmung zu dem Vorschlag der Verweisung der Meinungsverschiedenheiten mit Bulgarien an den Völkerbund gegeben. Austin Chamberlain, der England bei der außerordentlichen Sitzung des Bölkerbundrates vertreten wird, hat seine Rückreise nach Paris auf morgen verschoben.
General Plastiras verhaftet.
TU. P a r i s, 26. Okt. (Telunion.)
Wie aus Athen gemeldet wird, ist General Plastiras auf Befehl des griechischen Diktators Pangalos verhaftet worden.
* * *
Die Franzosen im Rheinland.
Friedliche französische Durchdringung im Rheinland. Die französische Handelskammer in Mainz gibt eine Liste unter dem Titel heraus „Repertoire des maisons alle- mandes recommandees". Diese Liste umfaßt, was kaum glaublich erscheint, weit über hundert deutsche Firmen. In Tunis und Algier machten es die Franzosen genau so. Sie nannten das „Penetration pacifi- que", friedliche Durchdringung mit französischem Geist.