Hessische MrgenzeitW
svie „Hessische Morgenzeitung" erscheint werktäglich^ ; (mittags um 1 Uhr), mindestens 6 Seiten stark. 2 ■ Jeden Samstag mit Beilage H. M. 3. im Bild, i I Bezugspreise: durch die Post bezogen monatlich I < i,50 Mark ausschließlich Postgebühren: bei der : ^.Zustellung durch unsere Träger 1,75 Mark. |
Siilter SreisMatt, AizeWr für Wn Md Deielsdni, Ma- »d hMMtal
I Hauptschriftleitung: Generalmajor a. D. Rembë ^ ! Druck und Verlag: Gutenberg-Buchdruckerei in 2 I* Fulda, Buseckstraße 7, Fernsprecher Nr. 974. j , Anzeigenpreis: für die 8 gespaltene Kolon« lzeile j
2 15 Psg., für die Reklamezeile unter Text 60 Pfg 2 I Bei Wiederholung Rabatt nur nach Vereinbarung. |
Nr. 245
Donnerstag, den 29. Oktober 1925, mittags.
59. (2.) Jahrgang
Damaskus.
Die Lage in Damaskus ist noch ungeklärt. Während Pariser Meldungen von der „Wiederherstellung der Ordnung" in der Stadt sprechen, heißt es in London: Damaskus sei bereits wieder geräumt.
TU. Paris. 28. Okt. (Telunion.)
Nach den letzten Meldungen aus Beirut ist es gelungen, die Ordnung in Damaskus zum Teil wiederherzustellen. Die Aufständischen haben, wie das „Journal" weiter meldet, vor ihrem Abzug den berühmten Palast Azam, eines der schönsten Gebäude der Stadt, in Brand gesteckt. Angeblich glaubten sie, daß er die Residenz des Generals Sarrail war. Der britische Oberkommissar von Palästina hat Sarrail um nähere Angaben über die Beschießung der Stadt ersucht und beruhigende Zusicherungen hinsichtlich des Schutzes der britischen Untertanen verlangt. Sarrail hat darauf dem „Matin" zufolge mit einem kurzen Telegramm geantwortet, daß keiner der in Damaskus ansässigen Ausländer materiell zu Schaden gekommen sei.
TU. B e r l i n, 28. Okt. tAbendblatt.) Die „Vossische Zeitung" meldet aus London: Nach hier vorliegenden Meldungen ist Damaskus von den Franzosen geräumt worden. Das französische Kriegsministerium weigert sich, hierüber irgendwelche Aufklärungen zu geben.
Das englische Konsulat in Damaskus unbeschädigt.
T. U. Zn London gestern eingetroffenen Meldungen zufolge ist das britische Konsulat in Damaskus durch das Bombardement nicht beschädigt worden, doch ist anderes britisches Eigentum vielfach schwer beschädigt worden. Man rechnet damit, daß die englische Regierung Schadenersatzansprüche stellen wird.
Der Valkankonflikt.
Widersprechende Meldungen.
TU. L o n d o n, 28. Okt. (Telunion.)
Die „Times" berichten aus Athen, daß die griechische Regierung sofort nach dem «estrigen Zusammnetreffen der griechischen wit den bulgarischen Generalstabsoffizieren den griechischen Truppen Befehl erteilt habe, aus dem bulgarischen Gebiet zurückzu- Zlehen. Dagegen berichtet der „Daily Telegraph« aus Belgrad, daß die militärische Aktion trotz des Eingreifens des Völkerbundes ruhig weiter geführt werde. Der englische 'Attaches sowie der französische und italienische Militärattachee in Belgrad hätten Befehl erhalten, sich sofort an die bulgarischgriechische Grenze zu begeben, um ihrerseits ^estzustellen, ob die Jnstruktionn des Völkerbundes durchgeführt würden und ob sich die griechischen und bulgarischen Truppen hinter beiderseitigen Grenzen zurückzögen.
Die Feindseligkeiten dauern an. — Bulgarien gegen direkte Ver
handlungen.
TU. S o f i a, 28. Okt. (Telunion.)
Nach hier vorliegenden Nachrichten dau- exit die Feindseligkeiten trotz aller Erwar- ' .'^zen an. In der Richtung Petritsch haben ^'" Griechen gestern zwei Stunden lang Ge- ^rhr- und Geschützfeuer unterhalten. Die der getöteten und schwerverwundeten "ilrtiir- und Zivilpersonen soll 55 betra- Die bulgarische Telegraphenagentur daß zwei ausländische Vertreter der ulgarischen Regierung eine freundschaftliche ^?/"vention im griechisch-bulgarischen Kon- vorgeschlagen haben. Die Regierung für diese freundschaftlichen Gefühle ge- habe den Vorschlag aber abgewiesen, Regelung des Konfliktes schon dem upllerbundsrat übergeben wurde. Dieselbe ho« Ott Habe die Regierung auf den Schritt „^ ^manischen Gesandten in Athen ge- 5innm«i â* unmittelbare Regelung des stere!«tes von Regierung zu Regierung an« bula».«^^ Der auswärtige Ausschuß des ulgarischen Parlaments Hat nach einer
Die französische Kabinettskrise.
Painlevè mit der Kabinettsbildung beauftragt. — Kommentar der Londoner Preffe.
Bei der jetzigen Krise dreht es sich hauptsächlich um die Frage, Kapitalsabgabe oder nicht. Wer den französischen Kleinrentner kennt, der weiß, was diese Frage bedeutet. Das ist nämlich die Stelle, „wo er sterblich ist!" Welcher französische Minister wird das gallische Finanzschiff sicher zwischen Scylla und Eharybdis hindurch bugsieren?
Ein Stimmungsbild der augenblicklichen Lage geben uns noch folgende Meldungen:
TU. P a r i s, 28. Okt. (Telunion.)
Der Präsident der Republik empfing heute nachmittag 5,40 Uhr Painleve, den er mit der Bildung des Kabinetts beauftragte. Painleve erklärte nach dem Ausgang der Unterredung, daß er weder angenommen noch abgelehnt habe. Er werde in einer Stunde seine Antwort geben.
TU. P a r i s, 28. Okt. (Telunion.)
In den politischen Kreisen überwiegt die
Ansicht, daß Painleve das neue Kabiyett^zen miteinander zu verquicken, ergeben, bilden wird. Die vom Präsidenten der Re- „Westminster Gazette" sagt, e^wäre Unsinn, publik gestern befragten Persönlichkeiten, sowie die heute im Elysee erschienenen Führer der Linksparteien der beiden Häuser ha-
ben sich in diesem Sinne ausgesprochen. Man glaubt, daß Painleve noch heute abend sein neues Kabinett bilden und zu einem Portefeuille gewinnen wird. Auf alle Fälle wird Briand das Außenministerium behalten.
TU. P a r i s, 28. Okt. (Telunion.)
Wie die Blätter melden, haben alle gestern vom Präsidenten der Republik im Ely- seee empfangenen Persönlichkeiten Painleve als Ministerpräsidenten für das neue Kabinett empfohlen. Herriot steht auf dem Standpunkt, daß Painleve für die Bildung des Kabinetts umsomehr in Frage komme, als er nicht durch ein Votum gestürzt wurde. Painleve wünsche auf jeden Fall, daß Herriot offiziell zuerst mit der Bildung des Kabinetts beauftragt werde, worauf er nach Ablehnung des Auftrages durch den Kammerpräsidenten die Kabinettsbildung übernehmen werde. Painleve beabsichtige, sein Kabinett nach links zu erweitern und die Abgeordneten Daniel, Vincent» Chautemps und Galadier und von den Senatoren entweder Louis Dausset oder Paul Doumer zum Eintritt in die Regierung aufzufordern. Von seiner Absicht, das Finanzministerium zu übernehmen, sei Painleve abgekommen. Er werde das Kriegsministerium behalten.
„Echo de Paris" hebt hervor, daß der Senat sich nie und nimmer mit einer Kabinettsbildung durch Herriot einverstanden erklären würde. Der Senat wolle nichts von einer Kapitalsabgabe wissen. Es bleibt deshalb kein anderer Ausweg, als die Einberufung des Nationalkongresses nach Versailles zu veranlassen, der durch einen Zusatzantrag zur Verfassung einen Sturz des Kabinetts durch den Senat unmöglich mache. Das „Journal" kommt ebenfalls zu dem Schluß, daß die Stimmung im Senat gegen ein Kabinett fei, das die Kapitalabgabe auf fein Programm fetzen werde. „Ere Nouvelle" bespricht die tieferen Gründe, die die Demission des Kabinetts hervorgerufen hätten. Painleve sei in Nizza zu der Ueberzeugung gekommen, daß der größte Teil der Radikal
Darlegung des Außenministers Zakoff über den Konflikt die Haltung der Regierung in der genannten Angelegenheit einstimmig gebilligt.
Die Griechen stellen das Feuer ein.
TU. V a r i s, 28. Okt. (Telunion.)
„Matin" meldet aus Sveti-Vratchi, daß die Griechen gestern nachmittag um 3.40 Uhr das Feuer eingestellt haben. Kurz darauf
sozialistischen Partei Caillaux nicht mehr folgen wolle und gemeinsam mit den Sozialisten für den Kapitalsabgabeoorschlag Blums stimmen werde. Die Frage sei nun, ob eine Zusammenarbeit zwischen Radikalen und Sozialisten möglich sei. Das Wort hätten die Sozialisten.
TU. London, 28. Okt. (Telunion.)
Die französische Kabinettskrise erregt in England naturgemäß das größere Interesse als die Schwierigkeiten der Berliner Regierung. Dies ist außerordentlich bemerkenswert. Denn während kein einziges Blatt an leitender Stelle sich über die deutschen innerpolitischen Dinge äußert, wird der Sturz des Kabinetts Painleve in zahlreichen und ausführlichen Leitartikeln behandelt. „Times" sieht unter anderem die Gefahr dunkler Einflüsse, die sich aus der bekannten Methode, die französische Politik und Finan-
den Frankensturz mit den Machenschaften böswilliger Finanzleute in Zusammenhang zu bringen. Denn solange Frankreich seinen Staatshaushalt nicht ausgleiche und seine Schulden nicht bezahle, sei es zwecklos, auf die Möglichkeit der Verhinderung der Fran- kenfpekulation zu hoffen. Die finanzielle Begründung der französischen Regierungskrise ist jedoch nach Meinung der „Times" nicht richtig. Es handele sich um einen politischen Vorgang. Es käme bei der Demission des Kabinetts und bei der Frage der Nachfolge lediglich auf die Erhaltung des Kartells der Linken an. Die Politik Caillauxs habe gedroht, das Kartell zu spalten. Dieser Gefahr müsse man begegnen, Allgemein wird in den englischen Blättern jedoch das große Verdienst Caillauxs anerkannt, endlich Klarheit über die tatsächliche Lage der französischen Finanzen erreicht zu haben. „Sein geschichtliches Verdienst wird zwar von seinen französischen Landsleuten nicht genügend anerkannt", sagt der „Daily Telegraph", aber in der Zukunft wird gerade diese Seite seiner Leistung allgemein beachtet werden."
TU. Paris, 28. Okt. (Telunion.)
Die Morgenblätter halten ein neues Kabinett Painleve für das wahrscheinlichste, und zwar dürfte Painleve bereits heute nachmittag den Auftrag zur Bildung des Kabinetts erhalten. Nach Berichten der linksstehenden Blätter ist zu schließen, daß Painleve auch eine Aufforderung zur Mitarbeit an die Sozialisten ergehen lassen werde. „Ere Nouvelle" sagt, ohne eine Mitarbeit der Sozialisten ist eine ständige Mehrheit kaum möglich. Das Wort haben daher die Sozialisten. Das Blatt betont, daß Painleve zu der Ueberzeugung gekommen sei, daß die Gruppe der Radikalsozialisten sich mit überwältigender Mehrheit für das Projekt der Kapitalabgabe aussprechen wird. Bekanntlich hat bei der Kammerabstimmung vom 28. Juni ein großer Teil der Radikalen gegen den Antrag Blum gestimmt. Seitdem trat aber ein gewaltiger Umschwung ein, der besonders auf dem Kongreß in Nizza deutlich in Erscheinung getre- ten ist.
fand sich eine Abordnung griechischer Offiziere mit dem Obersten Sorgoos an der Spitze bei den bulgarischen Grenzposten bei Demir-Kapia ein, um den griechischen Posten wieder in Besitz zu nehmen, der angeblich von den Bulgaren besetzt worden war. Der Sonderberichterstatter des „Matin" fügt hinzu, die griechische Abordnung habe feststellen müssen, daß von bulgarischer Seite keine Grenzverletzung begangen worden sei.
Kriegswolken ans dem Balkan.
Schon wieder einmal ist der Balkanhimmel mit Kriegswolken bedeckt. Der griechisch-bulgarische bewaffnete Konflikt ist wieder einmal Tatsache. Noch mehr: man darf schon von einem griechisch-bulgarischen Kriege sprechen, der sich aus einem Zwischenfalle bei Demir Kapu an der Grenze der beiden Balkanstaaten entwickelt hat und auf ein griechisches Ultimatum an Bulgarien erfolgt ist.
Der griechisch-bulgarische Krieg zählt schon heute, also zu Beginn des Zusammenstoßes zahlreiche Opfer. Die griechischen Truppen sid bereits in Bulgarien mit Artillerie- und Infanterie-Regimentern und mit Maschinengewehrabteilungen eingedrungen. Sie haben zuerst bulgarische Grenzbefestigungen eingenommen und find auch 12 Kilometer weit in Bulgarien einmarschiert, sodann haben sie die bulgarische Stadt Petritsch und einige Dörfer unweit der Grenze im südwestlichen Teil Bulgariens erobert. Griechische Bombenflugzeuge und Infanterie sind eifrig an der Arbeit. Einige Kirchen, Schulen, öffentliche und private Gebäude in Petritsch, dem Zentrum der mazedonischen Revolutionäre, sind zerstört worden. Tausende bulgarischer Flüchtlinge sind gezwungen, in Nachbardörfern eine Zuflucht zu suchen.
Allerdings versucht ein jeder der streitenden Partner, -für den Zwischenfall den Gegner verantwortlich zu machen. Die offizielle bulgarische Meldung lautet dahin, daß der bewaffnete Konflikt eine Folge des Uebertrittes eines griechischen Solda
ten auf bulgarisches Gebiet sei: der griechische Soldat habe auf einen bulgarischen Grenzposten einen Gewehrschuß abgegeben, worauf auch dieser in rechtmäßigem Selbst
's
schutz den griechischen Soldaten erschossen habe, dessen Leichnam auf bulgarischem Gebiet verblieben sei. Die Grie <yen behaupten ihrerseits, die Bulgaren hätten zuerst überraschenderweise das Feuer eröffnet und verschiedene griechische Soldaten und einen Offizier getötet, ohne Grund und ohne herausgefordert zu sein.
Es ist nun sehr schwer, ja fast unmöglich, schon jetzt festzustellen, wer eigentlich das Feuer zuerst eröffnet hat. Aber schließlich ist auch eine solche Fragestellung in diesen Fällen nicht wesentlich, Jedenfalls sprechen schon heute einige Tatsachen nicht zugunsten der griechischen Regierung; vor allem deren ablehnende Haltung in Bezug auf den bulgarischen Vorschlag, eine Untersuchung der Verantwortlichkeit einzuleiten, zum zweiten, die drakonischen Forderungen der griechischen Regierung an die bulgarische und schließlich die militärischen Operationen der Griechen auf bulgarischem Gebiet, die Beschießung der bulgarischen Dörfer und der Stadt Petritsch. Daß die bulgarische Regierung bei all diesen Geschehnissen dennoch ihren Grenzposten den Befehl gegeben hat, den Griechen keinen Widerstand zu leisten, daß diese auch ihren Vormarsch ungehindert verwirklicht haben, auch diese Tatsache spricht nicht für eine gerechte Sache der Griechen.
Der jetzige griechisch-bulgarische Zwischenfall hat eine große Aehnlichkeit mit dem italienisch-griechischen Konflikt auf Korfu im September 1923; Griechenland verhält sich heute Bulgarien gegenüber durchaus ebenso, wie sich seinerzeit Italien ihm gegenüber verhalten hat. Denn wie damals Griechenland, ist heute zweifellos Bulgarien die schwächere Seite unter den streitenden Parteien. Bulgarien ist ja auf Grund des Vertrages von Reully vollständig entwaffnet und steht auch fast schutzlos da. Wenn weiter die öffentliche Meinung der Welt vor zwei Jahren die Gewalttat Italiens rücksichtslos mißbilligte, darf sie auch heute nichts anderes tun. Hoffentlich wird sich aber jetzt der Völkerbund, an den Bulgarien schon appelliert hat, nicht so ohnmächtig erweisen, wie es vor zwei Jahren der Fall war; er wird wohl imstande sein, seine Autorität bei den kleineren Mitgliedern und namentlich bei Griechenland, als dem stärkeren Partner, geltend zu machen.