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Hessische Modenzeitung

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Sulbatr Knisblatt, Mzeiger für Wn ui Bigekdeq, Ms- ui Hamelsl

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Nr. 250

Mittwoch, den 4. November 1925, mittags.

59. (2.) Jahrgang

Die Vorbereitungen zur Räumung der Kölner Zone.

Berlin, 4. Nov. In den deutschen Re­gierungskreisen verlautet, daß seit einigen Tagen gewisse Vorbereitungen der eng­lischen Besatzungsbehörde zu beobachten sind, die als Einleitung der beginnenden Räumung der Kölner Zone angesehen wer- i>m dürfen. Trotzdem wird immer wieder von Merter Seite betont, daß man über den Termin der Räumung Kölns noch keinen Beschluß gefaßt habe und daß daher noch keine Maßnahmen über die Zurückziehung der Truppen in Erwägung gezogen worden seien. Dieser Widerspruch ist auf gewisse Tendenzen der alliierten Diplomatie zurück- ssuführen, die darauf ausgehen, einen Druck ' auf die deutsche Regierung auszuüben und

Unterzeichnung des Locarnovertrages zu

veranlassen. Die diplomatischen Schwierig- 1 leiten haben sich in den letzten Tagen * wesentlich verschärft, ohne daß jedoch der ^Knöruck beseitigt werden kann, daß alle soiese Komplikationen künstlich und ge- stissentlich von London und Paris aus er­zeugt worden sind. Insbesondere ergibt sich die Frage, welchen Zweck die alliierte Diplo­matie damit befolgt, in Deutschland Be­

unruhigung wegen der Räumung der

Kk^ner

Zone zu schaffen. Rach

wie vor steht

die deutsche Regierung auf dem Standpunkt, daß Köln geräumt sein muß, bevor der Ver­

trag von Locarno vom Reichstag angenom­

men wird. An diesem Standpunkt wird H auch in der nächsten Zukunft nicht das

geringste ändern.

Englische Besatzung in Wiesbaden und im Taunus

* TU Wiesbaden, 3. Nov. Es steht nun- ! mehr endgültig fest, daß die englische Rhein- t-rrmee, etwa zehntausend Mann, nach der Räumung Kölns in das Gebiet des rechts- irheinlscheu Brückenkopfes Mainz, und zwar |'n die Kreise Wiesbaden-Stadt, Wiesbaden- -and, Rheingau und Untertaunus verlegt wird, während die Kreise Königstein, Ober- i^unus, Höchst a. M., Groß-Gerau und Kreuznach entgegen anderslautenden Nach- - Achten von der französischen Besatzung be- ! bleiben. Das englische Hauptquartier der Eeneralstab kommen nach Wies- Wn, während das Generalkommando des französischen Korps von Wiesbaden nach t^^gnach verlegt werden soll. Ferner wird D^'Aet, daß 32 französische Kreisdelegierte 1 Bebaut werden sollen.

I ihn die Räumung Kölns.

j t . Til Berlin, 3. Nov. Neuerdings sind Gerüchte im Umlauf, daß die eng- Besatzung nicht nach Wiesbaden ver- ^ Rrde, weil die Franzosen in der Stadt

-"1 leiben beabsichtigen. Demgegenüber ''" bestätigt werden, daß tatsächlich be= J? englische Quartiermacher in Wies- en eingetroffen sind.

^urch die Lufè nach Teheran.

äen^! .Paris, 4. Nov. Heute früh ^toah*n ^französisches Militärflugzeugge- inem »» °^ehend aus vier Flugzeugen, zu i em Slug nach Teheran auf.

Stresemanns Rund­funkrede.

Das Sicherheitbedürfnis" Frankreichs. Der Sieges- taumer von Versailles ist verrauscht. Vertrauen zu den Zusagen der Alliierten.

TU Berlin, 3. Nov. Heute abend um acht Uhr sprach Neichs-ußenminister Dr. Stresemann im Rundfunk über den Vertrag von Locarno. Eingangs seiner Ausführungen wies der Außenminister auf die Politik Frankreichs seit dem Jahre 1919 hin. Man habe vor und nach Versailles in Frankreich geglaubt, daß das Problem der Sicherheit Frankreichs nur durch die Zer­stückelung Deutschlands gelöst werden könnte. Diese Hoffnungen bestanden noch bis in das Jahr 1923 hinein. Im Herbst 1923 habe der französische Ministerpräsident Poincare in einer großen Rede darauf hin­gewiesen, daß der große deutsche Zu­sammenbruch nunmehr bevorstehe und daß Frankreich aller Sorgen ledig sein werde. Diese Hoffnungen Poincares sind vereitelt worden, aber für Frankreich bleibe das Problem der Sicherheit bestehen. Trotzdem das militäris chso stark gerüstete Frankreich einem völlig entwaffneten Deutschland gegenübertrete, müßte man jedoch mit der Tatsache eines Sicherheitsbedürfnisses in Frankreich rechnen, besonders, da andere Mächte, wie namentlich England, das Sicherheitsproblem Frankreichs anerkennen. Mit diesenProblemen sei das großeProblem der deutsch-französischen Auseiandersetzungen verbunden. Man beginne überall in Europa einzusehen, daß man mit Krieg und mit der Fortsetzung der Versailler Methoden nicht weiter kommen kann. Es sei jetzt nötig, daß andere Wege gegangen würden.

Der Redner verbreitete sich dann noch­mals eingehend über die einzelenen Be­stimmungen des Vertrages von Locarno und ging dann zu der Frage des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund über.

Deutschland habe schon früher sich be­reit erklärt, dem Völkerbund beizutreten. Strittig war immer noch die Frage des Ar­tikels 16 der Völkerbundssatzung. Auf Grund der Verhandlungen von Locarno wurde Deutschland von den Mächten zuge­sagt, was den deutschen Lebensnotwendig­keiten entsprach. Kein Staat könne jetzt Deutschland gegen seine eigene Zustimmung

zwingen, an einem Krieg, z. B. gegen Ruß­land teilzunehmen, kein Staat habe das Recht, ohne Genehmigung Deutschlands durch deutsches Gebiet zu marschieren. Aus diesem Grunde könne unser Verhältnis zu Rußland durch den Eintritt in den Völker- bnd nicht gefährdet werden. Zu der Frage der Rückwirkungen des Vertrages von Locarno auf das besetzte Gebiet erklärte der Reichsaußenminister daß nachAuffassung der Delgierten Frankreichs, Belgiens und Eng­lands, die von uns erwarteten Rückwirkun­gen die logische und darum selbstverstndliche Folgerung der Locarnoverträge seien. Die Verträge von Locarno und ihre Rück- wiâungen sind ein einheitliches und unteil­bares Ganze. Die deutsche Delegation habe erklärt, daß sie zu den Zusagen der Alliierten volles Vertrauen habe. Die Räumung der Kölner Zone gehöre jedoch nicht zu diesen Rückwirkungen. Auf diese Räumung habe Deutschland einen Rechtsan­spruch und es sei zu dringend hoffen, daß die nächste Zeit Klarheit über den Räumungstermin bringen werde. Die deutsche Delegation habe in Locarno ferner auch zum Ausdruck gebracht, daß die gegen­wärtige deutsche Regierung keinerlei Be­schuldigungen Deutschlands am Kriegsaus­bruch anzuerkennen vermöge, sondern daß sie sich auf den Standpunkt stelle, der in dem Memorandum der Regierung Marx vom September 1924 niedergelegt worden ist.

Mit dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund bestehe auch für uns das morali sche Recht auf die Verleihung von Kolonial­mandaten. Auch diese Tatsache wurde in Locarno der deutschen Delegation bestätigt. In allen Staaten Europas habe die Not ihren Einzug gehalten und sei zu einer erstem Mahnung zur Vernunft geworden. Der Siegestaumel von V rsailles sei ver­rauscht. Heute müßten die Dinge mit an­deren Augen angesehen werden. Der Reichs- außenminister schloß mit den Worten: Lassen Sie uns versuchen, ein neues, besseres Europa auf der Grundlage des Friedens, der deutschen Gleichberechtigung und deutschen Freiheit zu schaffen."

England und die Dresdener Stresemann-Rede.

Der vergeßliche Chamderlein.

TU London, 4. Nov. Die Dresdener Rede des deutschen Außenministers wurde gestern in politischen und diplomatischen Kreisen Londons viel besprochen. Sie hat, wie in Regierungskreisen verlautet, keinen günstigen Eindruck hervorgerufen. An maß­gebender Stelle wird erklärt, daß sich der englische Außenminister nicht erinnere, die Verpflichtung Englands, wonach die ge­säurten englischen Land- u. Marine-Streit­

kräfte zur Verfügung Deutschlands stehen würden, falls Frankreich die deutsche Grenze überschreite, in der Weise formuliert zu ha­ben. Bei den Verhandlungen in Locarno sei eine Erklärung dieser Art nicht gemacht worden. Die angebliche Aeußerung Strese­manns, Deutschland wäre zum Abschluß eines Paktes genötigt, weil es keine Armee besitze, hat hier sehr überrascht und wird sicherlich auch von der Presse ausgegriffen

Das Vertrauens­votum für Painleve

Die Voraussagen, daß das Schicksal des Kabinets Painleve schon so gut wie be­siegelt sei und es sich nur noch frage, ob das Kabinett schon vor oder erst am Ende der Interpellations-Debatte fallen werde, haben sich nicht bewahrheitet.

Die Kammer ist gestern zu einer Nacht­sitzung zusammengetreten, um die Inter­pellanten über vie auswärtige Politik zu Wort kommen zu lassen, worauf zur Ab­stimmung geschritten wurde. Entgegen der allgemeinen Ansicht erhielt Paileve ein Ver­trauensvotum.

TU Paris, 4. Nov. Die Kammer hat mit 221 gegen 189 Stimmen dem Kabinett Painleve dasVertrauen ausgesprochen.Trotz der äußerst geringen Mehrheit von nur 32 Stimmen glaubt man, daß Painleve vor­läufig im Amt bleiben wird.

Für die Regierung haben gestimmt die drei Kartellgruppen. Die Sozialisten ent­hielten sich der Stimme, ebenso der ge= mäßigte Alügel der Rechten unter Führung Maginots und Dariacs. Das rechte Zentrum und die äußerste Rechte, sowie die Kom­munisten haben gegen die Regierung ge­stimmt. Die Tagesordnung, die zur An­nahme gelangte, hat folgenden Wortlaut:

Die Kammer heißt die Erklärungen der Regierung gut und setzt das Vertrauen in sie, daß sie im Einvernehmen mit der Mehr­heit der Republikaner eine Politik des Fort­schritts und der sinanziellen Sanierung be­folgen wird. Sie lehnt jeden Zusatzantrag ab und geht zur Tagesordnung über.

Die Tagesordnung war von dem radikal­sozialistischen Abgeordneten Aubriot einge­bracht worden. Vor der Abstimmung sprach noch der sozialistische Abgeordnete Paul Faure und rechtfertigte die Stimm­enthaltung der sozialistischen Partei. Die Partei könne ihre Politik Marokko und Syrien gegenüber nicht ändern. Sie könnte die Haltung des Kabinetts Abd el Krim gegenüber nicht gutheißen. Es sei Pflicht der Regierung, ein annehmbares und groß­zügiges Friedensangebot öffentlich -bekannt zu geben. Im Falle einer Ablehnung durch Abd el Krim müsse der Völkerbund eingrei­fen. Der Redner fragt, ob nicht das An­sehen der französischen Vertreter in Locarno durch die Politik in Syrien geschwächt ge­wesen sein, worauf Paileve erwidert:

Nein, das Ergebnis beweist das Gegen­teil."

Der Redner der Sozialisten erklärt dann weiter, daß Frankreich in Locarno über dem Frieden verhandelt. jedoch in Syrien und Marokko Krieg geführt habe. Die Sozialisten könnten daher dem Kabinett nicht ihr Ver­trauen aussprechen. Painleve hat die Ab­sicht, Ende der Woche, spätestens Anfang nächster Woche, die Finanzgesetzentwllrfe der Kammer vorzulegen. Man nimmt an, daß er wahrscheinlich bei der Abstimmung über die Kredite für Marokko und Syrien in die Minderheit geraten werde. Man hält die Tage des Kabinetts Painleve auch trotz der gestrigen Abstimmung für gezählt.

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