Einzelbild herunterladen
 

Hessische MWeuzeitW

r$ieHessische Morgenzeitung" erscheint werktäglich^ ; (mittags um 1 Uhr), mindestens Seiten stark. I geben Samstag mit Beilage tz. M. 3. im Bild, i

I Bezugspreise: durch die Post bezogen monatlich j ! 1,50 Mark ausschließlich Postgebühren; bei der ;

Mm KreiMN, Anzeiger fit Rhön und Pogelsderg, M«- uni Haunetal

I Druck und Verlag: Gutenberg-Buchdruckerei in | : Fulda, Buseckstraße 7, Fernsprecher Nr. 974. ! «Anzeigenpreis: für die 8 gespaltene Kolonelzeile j 15 Pfg., für auswärüge Inserenten die Zeile [

: 20 Pfg., für die Reklamezeile unter Text 60 Pfg. I ^Bei Wiederholung Rabatt nur noch Vereinbarung^

Nr. 259

Dienstag, den 17. November 1925, mittags.

59. (2.) Jahrgang

W

Die Parteitage in Berlin und Cassel.

Für und wider Loearno.

IieSeiUslhMtiöMleii.

Rede des Grafen Westarp.

TU. Berlin, 16. November. (Telunion). In dem mit schwarz-weiß-roten Fahnen reich­geschmückten Festsaal des Kriegervereins­hauses trat der deutschnationale Parteitag unter außerordentlich zahlreicher Veteligung zusammen. Der große Saal war überfüllt. Mehr als zweitausend Delegierte wurden ge­zählt.

Mit lebhaftem Beifall begrüßt, ergriff daraus der Reichstagsabgeordnete Graf We­starp das Wort zu dem Hauptvortrag Deutschnationale Außenpolitik". An die Spitze seiner Ausführungen stellte Graf Westarp die Sätze des Parteiprogramms Dom Frühjahr 1920, wonach die Freiheit des deutschen Volkes von fremder Zwangs­herrschaft die Voraussetzung der natoinalen Wiedergeburt sei.All unser nationales Wollen", fuhr der Redner fort,geht auf den Grundgedanken zurück, daß unser Va­terland und Volk kein heiliges, kein höheres politisches Ziel und keine gleich dringendere Aufgabe habe als die Befreiung von den Ketten des Versailler Vertrages. Das ist bis heute die Richtschnur unseres Handelns gewesen. Wenn jetzt aus Millionen unse­rer Wähler, aus einer kraftvollen vaterlän­dischen Bewegung, auch aus breiten Mas­sen anderer Parteien heraus mit steigender Stärke ein nationaler Wille zur Freiheit und Ehre uns entgegentönt und Einfluß auf unsere politischen Entschlüsse bean­sprucht, so können wir darin stolz ein Echo dessen erkennen, was wir selbst durch Wort und Tat verkündet haben."

In entschlossenen Oppositionen mußten mir bis zum Ende des vorigen Jahres die Arbeit leisten.

Wo wir von deutschen Angeboten und Unterwerfungswillen erfuhren, haben wir gewarnt und gemahnt. Wo wir zur Mit­entscheidung über neue Diktate und neuen Raub über neue Demütigungen und Un­terwerfung berufen wurden, haben wir unsere Stimme dagegen abgegeben.

Immer wieder haben wir den Regierun­gen und dem Volke entgegengehalten, daß ein Volk rettungslos verloren ist, das auch wehrlos sich zu keinem Nein gegen Unrecht und Gewalt entschließen kann. Auch im Londoner Abkommen auf Grund des Da­wesgutachtens gegenüber haben wir den Grundsatz der Wahrheit und Klarheit nicht verlassen."

Auch als Regierungspartei haben wir unser außenpolitisches Ziel stets festgehal­ten. Bei dem ohne Beteiligung des Kabi- uetts gemachten Angebot Streesemanns vom u. Februar 1925 war der freiwillige Ver­acht auf deutsches Land und in unbestim- An Ausdrücken ein System von Sicherheits- Arantien und Schiedsverträgen zur Erör- stung gestellt. Als wir im März davon fuhren, haben wir sofort keine Zweifel Grüber gelassen, daß wir solchen Verträgen ln^t zustimmen würden. Wir haben da­rauf mit zäher Energie versucht zu verhin­dern, daß Deutschland durch den Völkerbund und Sicherheitspakt freiwillig verzichte, seine Unterwerfung wiederhole und freiwillig Uue Ketten und Lasten übernehme. Unsere Wertarbeit in der Regierung hat der deut- uhen Außenpolitik dieses Jahres bis zu Ve- u)un der Konferenz von Locarno ihren deut- -A erkennbaren Stempel aufgedrückt. Es U der Beweis erbracht worden, daß auch "Deutschlands jetziger Lage nur feste und "uchlosiene Politik die deutsche Stellung Wessern könne. Auch die Wahl des Feld- n^uhalls von Hindenburg hat unserem

Ude nur zu größerem Ansehen verhalfen."

Graf Westarp legt darauf die Gründe dar, aus denen das Werk von Locarno un­annehmbar erscheine. Die Auslegung des Artikels 1 des Paktes nütze uns gar nichts, wenn sie nicht von allen Vertragsschließen­den anerkannt werde. Durchdrungen von der Notwendigkeit Deutschlands, die Frei­heit seiner Ostpolitik zu wahren, müsse man den Völkerbund und die östlichen Schieds­verträge mit Sorge betrachten. Mit Bezug auf den Artikel 16 erklärt der Redner, daß unbedingt die Gefahr vermieden werden müsse, Deutschland wieder zum Kriegsschau­platz Europas werden zu lassen. Besonders betont er, daß nur auf dem Boden völliger auch praktisch wirksamer Gleichberechtigung das Werk von Locarno für Deutschland möglich sei. Diese praktische Gleichberechti­gung sei Deutschland versagt, solange es einseitig dem Zwange zur Wehrlosigkeit un­terworfen worden sei. Die Verträge von Locarno enthielten den Vorbehalt, daß sie erst nach der Ratifikation durch den Ein­tritt Deutschlands in den Völkerbund in Kraft treten.

Wenn das Werk von Locarno für Deutsch­land annehmbar sein soll, dann müßten greifbare Zerteile vorliegen. Die RÄnnmng der Kölner Zone sei keine Rückwirkung der Verträge, sondern werde nur eine Voraus­setzung der Verhandlungen. Dann bliebe als Rückwirkung die Revision des Vesat- zungsregimes, deren Umfang noch nicht be­kannt sei. Nach deutschnationaler Auffas­sung handele es sich aber hierbei auch nur um die Beseitigung schweren vertragswidri­gen Unrechts. Solange feindliche Truppen auf deutschem Boden ständen, lebe Deutsch­land nicht im Frieden ,sondern im Kriegs­zustand.

Die Pflicht nüchterner Vertretung der deutschen Interessen gebiete, das ganze Vertragswerk abzulehnen, wenn nicht vorher durch rechtlich bindende Abmachun­gen kurze Fristen für die Räumung der zweiten und dritten Rheinlandzone und für die Volksabstimmung im Saargebiet gesichert seien.

Wir dürfen jetzt keine neue Kette frei­willig übernehmen. Unser ablehnender Be­schluß soll uns einigen mit der gesamten vaterländischen Bewegung und uns mit neuer Kraft zu neuem Kampf und für neue Arbeit erfüllen.

D

Entschließungen.

Nach dem Referat des Fraktionsvorsitzen­den Graf Westarp wurde eine Entschließung vorg^legt, die darin gipfelte, daß der Pakt und die westlichen Schiedsverträge Deutsch- anlb® keine genügenden Garantien gegen Sanktionen und Einmarschgefahren böten Die Paragraphierung der Verträge von Lo­carno bedeute eine Verschiebung der Ver­handlungslage zu Ungunsten Deutschlands. Der Parteitag rufe auf zum Kampf gegen das Werk von Locarno.

a

Einstimmige Annahme.

Der deutschnationale Parteitag nahm die vier vorgelegten Ent­schließungen nach lebhafter Aus­sprache einstimmig an.

*

Das Zentrum in der Stadt

PHMpps des Großmütigen.

TU. Kassel, 16. November. (Telunion). Nach den Vorarbeiten des Sonntags be­gann heute in Kassel der eigentliche Reichs­parteitag der Zentrumspartei. Der große Saal war überfüllt. Etwa 600 Delegierte aus allen Teilen des Reichs waren erschie­nen. Dr. Wirth war zu Beginn des Par­teitages noch nicht anwesend.

Nach einer Reihe Begrüßungsansprachen nahm Reichskanzler a. D. Marx zu einem Vortrag über das Wesen und die Aufgaben der deutschen Zentrumspartei in der deut­schen Politik.

Die Zentrumspartei sei entschlossen, den Weg friedlicher Verständigung mit aller Entschiedenheit weiter zu verfolgen und sie werde auch den Beitritt Deutschlands zum Völkerbund unterstützen. Die Zahl der Ver­ständigungsfreunde in Deutschland werde sich vergrößern, sofern die Gegenseite ernst­lich auf Stärkung des Friedens bedacht sei. Deutschland hatte seine Waffenrüstung ab- ^elMt und erwartet, daß auch die anderen Staaten sich zur Abrüstung entschließen.

Der Vorsitzende der Reichstagsfraktion des Zentrums, Fehrenbach, betonte, die Zen­trumspartei sehe keine Veranlassung, der Auseinandersetzung aus dem Wege zu ge­hen. Es habe die Gefahr bestanden, daß aus den ewigen Kabinettskrisen der letzten Zeit auch eine Staatskrise werden könne, dem müsse das Zentrum in seinem Verant­wortungsbewußtsein vorbeugen. Es mußte sich in Form einer wachsamen Reserve an der Regierung Luther beteiligen.

Durch die Haltung des Zentrums sei die Rechte gezwungen worden, den Weg der Mitte zu gehen. In allen Fragen der Ver­fassung sei von den bewährten Grundsätzen des Weimarer Programms in keinem Punkte abgewichen worden.

Die Schaffung des Reichsbanners Schwarz-rot-gold sei angesichts der herr­schenden Verhältnisse eine Notwendig­keit gewesen.

Nach dem Referat Fehrenbachs trat eine Mittagspause ein.

Zu der Frage Dr. Wirths, welche Garan­tie seinerzeit von den Deutschnationalen verlangt worden sei, erklärte Reichsarbeits­minister Dr. Brauns:Wir hatten die Ga­rantie, daß sich das Kabinett über die Juli­note vollständig einig war und zwar nicht nur formell ,sondern einig in dem ernsten Willen, auf dem Boden der Julinote auch etwas zustande zu bringen. Es konnte da­mals noch niemand wissen, daß die deutsch­nationale Partei nachher von ihrer Dele­giertentagung desavouiert werden würde. Dr. Wirth hat dann noch gefragt, ob die Partei bereit sei, die republikanischen Kräfte für die Weiterführung des Werkes von Locarno zu verantwortungsvollen Mit­arbeitern heranzuziehen.

Ich antworte darauf mit einem rück­haltlosenJa!"

Dr. Wirth hat dann weiter eine stärkere Festlegung der Partei und der Fraktion 3iir republikanischen Staatsform gefordert. Ich gehöre zu denen, die sich mit Klarheit und Festigkeit dazu bekennen, daß dieses Deutsch­land nur auf der republikanischen Ver­fassung aufgebaut werden kann."

Die Verhandlungen wurden dann auf Dienstag vormittag vertagt.

IW Heute erscheint die Bilder- b e i l a g e. Ein früheres Erscheinen war wegen eines Maschinendefektes in der Druckerei nicht möglich.

Deutschlands Recht auf Kolonien.

von General von Kessinger, Weimar.

Das Verständnis für die Bedeutung kolo­nialer Betätigung hatte sich im deutschen Volke nur langsam Bahn gebrochen, war aber mit den Jahren, vor allem gerade auch im Weltkriege, der jedem einzelnen das von allen Lebensmittel- und Industrie-Roh­stoffen abgeschnittene Deutschland klar vor Augen führte, so allgemein geworden, daß nach Abschluß des Waffenstillstandes alle Parteien fast ohne Ausnahme sich für die Erhaltung deutschen Kolonialbesitzes ein­setzten. Die weltwirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre hat, zumal bei der Ueber- sättigung der Mandatsmächte mit eigenem Kolonialbesitz, diese Erkenntnis nach jeder Richtung hin nur verstärken können.

War die Kolonialbewegung, die in den 80er Jahren einsetzte, mehr ein Ausfluß überschießender deutscher Volkskraft gewesen konnte sie damals und in ihrem Verlaufe vielleicht den freilich schon längst vor dem Kriege als irrtümlich erkannten Gedanken aufkommen lassen, sie biene, nur kapitali­stisch-imperialistischen Interessen, so wird sie jetzt abgesehen aller ideellen Beweggründe, geboren aus der Not des deutschen Volkes. Denn jedem denkenden Menschen muß klar sein, daß unsere ganze Wirtschaft mit ihrem Riesenbedarfe an Rohstoffen, mit ihrem Be­dürfe an Absatzgebieten bedroht ist, daß wir ooL_allem auch den Forderungen des Dawes­gutachtens erliegen müssen, wenn wir nicht wieder Freiheit in der Welt bekommen, wenn wir nicht gleichberechtigt gerade auch in wirtschaftlicher Beziehung den anderen Völkern gegenüber stehen,' und davon find wir noch weit entfernt.

Und so brauchen wir denn Kolonien, weil für einen Industrie- und Handelsstaat, wie Deutschland es ist, eigene Kolonien ein un­bedingtes Erfordernis sind, wenn es nicht in tropischen und subtropischen Rohstoffen dau­ernd von anderen Ländern abhängig sein will, ganz abgesehen davon, daß koloniale Produkte aller Art heute mit zu den täg­lichen Bedürfnissen selbst des kleinsten Haus- halres gehören. Das deutsche Volk war schon immer auf die Einfuhr von Industrie- und Nahrungs-Rohstoffen angewiesen, und ist es jetzt um so mehr, als ihm große ertragreiche Gebiete genommen sind und ihm gleichzeitig von seinen Feinden die schwersten wirtschaft­lichen Lasten auferlegt wurden.

Wir brauchen aber auch Kolonien ,um ge­sicherte Absatzmärkte für unseren Handel zu haben. Wie soll das deutsche Volk leben und alle seine Verpflichtungen erfüllen können, wenn es keine Bezugsmöglichkeiten aus eige­nen Kolonien hat, und ihm die Absatzmärkte für die aus den eingeführten Rohstoffen her­gestellten Edelwaren fehlen, während auf der anderen Seite die führenden Nationen in der Lage sind, und gerade ja aus Angst vor der Ueberflutung mit deutschen Waren danach streben, sich mit ihren Kolonien durch Zollschranken unter möglichster Ausschaltung fremden Handels zu geschlossenen Wirt­schaftsgebieten zu vereinigen? Der Gewalt- frieden von Versailles hat demnach durch den Raub der Kolonien das 63 Millionen starke, arbeitsame deutsche Jndustrievolk in einen Zustand versetzt, der für diese auf die Dauer untragbar ist, da er ihm seine Lebensader unterbindet. Es ist daher eine Zukunfts­und Lebensfrage für die gesamte deutsche Industrie und damit für das ganze deutsche Volk wieder eine feste koloniale Grundlage iür den Rohstoffbezug und seinen Absatz zu gewinnen

Da das deutsche Volk unter den jetzigen Verhältnissen im eigenen Lande weder die nötige Nahrung noch ausreichende Arbeits­gelegenheit finden kann, wird der Strom der Auswanderung noch lange anhalten. Wir brauchen daher ferner Kolonien, um die deutsche Auswanderung nach eigenen über­seeischen Gebieten zu lenken und so die über- schietzende deutsche Volkskraft dem Volks­ganzen zu erhalten und sie davor zu bewah­ren, daß sie, wie in vergangenen Jahrhun­derten wieder zum Kulturdünger der Welt wird.