Hessische Mmenzeitm
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Mm Sreistott, Anzeiger für Rhön nnd Bogelsöcrg, Mn- nnd Haunetal
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Nr. 264
Dienstag, den 24. November 1925, mittags.
59. (2.) Jahrgang
Die Verhandlungen über die Regierungsneubildung.
(Eigene Meldung.) Berlin, 24. November 1925.
Wie wir erfahren, werden die entscheidenden' interfraktionellen Verhandlungen über die Neubildung des Reichskabinetts nicht vor Anfang Dezember stattfinden können. Das Zentrum und die Deutsche Volkspartei habe sich dahin geeinigt, das Ergebnis der Reichstagsbestimmung über die Locarno-Verträge abzuwarten und inzwischen diejenigen Richtlinien auszuarbeiten, die für die Neubildung der Regierung maßgebend sein sollen. Reichskanzler Dr. Luther hat inzwischen zu verstehen gegeben, daß er für seine Person keinen Wert darauf lege, die Kanzlerschaft zu behalten. Es kann sich also bei den in Aussicht stehenden Verhandlungen nicht darum handeln, um die Person des Reichskanzlers Dr. Luther neue Meinungsverschiedenheiten auszutragen. Die Sozialdemokratie hat im übrigen erklärt, daß sie Luther lediglich als Reichskanzler ablehnen würde, und sie scheint keinen Widerspruch dagegen zu erheben, daß er in einer neuen Regierung das Finanzministerium leitet, das er bekanntlich vor seiner Kanzlerschaft innehatte. Im übrigen soll tatsächlich zunächst der Versuch gemacht werden, eine Regierung der Großen Koalition zu bilden.
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Die Mission Stresemanns.
(Eigene Meldung.)
Berlin, 24. November 1925.
Wie wir hören, beabsichtigt Außenminister Dr. Stresemann im Verlauf der großen Reichsdebatte wiederholt das Wort zu ergreifen, um die Haltung der Regierung gegen die Angriffe der Opposition zu verteidigen. Der Minister wird voraussichtlich in der Dienstag-Sitzung in seiner Rede sehr wichtige Mitteilungen über seine persönlichen Verhandlungen mit Chamberlain und Briand machen. In den parlamentarischen Kreisen sieht man dem Eingreifen des Außenministers in die Debatte mit größter Spannung entgegen.
Der Kampf um Dr. Geßler.
(Eigene Meldung.)
Berlin, 24. November 1925.
In den parlamentarischen Kreisen veraltet, daß die Rückkehr des Reichswehr- ministers Dr. Geßler in die neuzubildende Reichsregierung durch den Widerspruch der Sozialdemokraten und der Demokraten in Frage gestellt sei. Wie wir hierzu von durchaus zuverlässiger Seite erfahren, sind diese Behauptungen bei weitem üoertrieben. Das Verbleiben Dr. Geßlers im Reichswehrministerium sei nach Auffassung der maßgebenden Kreise des Auswärtigen Amtes von so großer Bedeutung, daß es unmöglich sein werde, aus innerpolitischen Erwägungen eine Neubesetzung des Reichswehrministeri- vms vornehmen zu wollen. Vor allen Dingen sei es eine Notwendigkeit, gerade im Hinblick auf die Durchführung der neuen Tntwaffnungsbestimmungen auf eine Veränderung der bisherigen Reichswehrpolitik M verzichten.
Die Dergleichsverhandlungen mit dem Hohenzollernhaus vor dem Abschluß.
TU. Berlin, 23.November. Die Vergleichsverhandlungen der preußischen Regierung mit den Vertretern des Hohenzollernhauses in der Frage der Abfindung stehen, wie die Telunion erfährt, nunmehr kurz vor dem Abschluß. 2n nächster Woche wird eine entsprechende Vorlage dem preußischen Kabinett vorgelegt werden, Schon jetzt kann gesagt werden, daß die in einem Teil der Presse Spannten Angaben über die Höhe der Abfindung M keiner Weise den Tatsachen entsprechen.
9er Reichskuzler üer Eoeorno.
Zustimmung der Linken. — Eisiges Schweigen der Deutschnationalen. — Mißtrauensvotum der Kommunisten.
TU. Berlin, 23. November 1925.
Bei stark besetztem Saale und überfüllten Tribünen begann heute die erste Beratung des Gesetzentwurfs über
die Verträge von Locarno und den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund.
Der Sitzungsbeginn verzögert sich bis um 11^2 Uhr, bis Reichskanzler Dr. Luther und die Reichsminister Dr. Stresemann, Dr. Geßler, Brauns, Graf Kanitz und Krohne ihre Plätze einnahmen.
Präsident Loebe eröffnet die Sitzung mit der offiziellen Mitteilung vom Rücktritt des Reichsjustizministers Dr. Frenken. Der Präsident erteilt dann dem Reichskanzler das Wort.
Der Reichskanzler.
Reichskanzler Dr. Luther weist zunächst darauf hin, daß er sich durch das Abschiedsgesuch der deutschnatioNalen Minister vor die Frage gestellt gesehen habe, ob er ebenfalls sein Rücktrittsgesuch einreichen sollte. Eine Bejahung dieser Frage würde, so fährt der Kanzler fort, eine wesentliche Beeinträchtigung der wichtigen Verhandlungen über die Räumung der Kölner Zone und die Rückwirkungen von Locarno bedeutet haben.
Das Kabinett wird nach Erledigung des Vertrags von Locarno zurücktreten, um eine Neubildung zu ermöglichen. Auch die Ausführung des Vertrags von Locarno muß durch ein Kabinett erfolgen, dessen Zusammensetzung die positive Einstellung zum Vertragswert gewährleistet.
Die Rückwirkungen stellten im Verhältnis zum Vertragswerk selbst in keiner Weise Gegenleistungen oder gar ein Handelsgeschäft dar. Die rheinische Bevölkerung habe es von sich aus in echt vaterländischem Geiste mit Nachdruck abgelehnt, daß irgendwelche Vorteile für sie mit politischen Eesamtnach- teilen Deutschlands erkauft werden. Die Entwicklungsrichtung müsse sich auch bei allen
Deutschland auferlegten Beschränkungen auswirken, die mit einem wahren Friedenszustand unvereinbar sind.
Durch den Vertrag von Locarno ist insbesondere die von Frankreich stets geforderte Regelung der Sicherheitsfrage erfolgt.
Angesichts dessen fühlt das deutsche Volk mit doppelter Schwere» wie sehr die bloße Tatsache der Besetzung als fortgesetzte seelische Bedrückung und als Ausdruck des Mißtrauens empfunden werden muß.
Das deutsche Volk rechnet darauf, daß, gerade auch das französische Volk in der jetzt beginnenden Entwicklung dieser selbstverständlichen deutschen Einstellung Rechnung trägt. Der Kanzler weist darauf hin, daß das deutsche Volk durch die bitteren Erfahrungen der letzten Jahre mit einem solchen Argwohn gegen vertragsmäßige Vorgänge und grundsätzliche Verheißungen erfüllt sei, daß es eher dann geneigt sei, zu glauben und zu vertrauen, wenn es Tatsachen sehe. Deshalb das dringende Verlangen ,alsbald eine Wirklichkeit von Rückwirkungen zu erleben. Unabhängig von der Frage der Rückwirkungen sei und bleibe für das deutsche Volk die Räumung der Kölner Zone. Die Räumungstermine seien nunmehr festgesetzt.
Man müsse aber offen aussprechen, daß die bereits getroffenen Maßnahmen in ihrer Gesamtheit wesentliche Erleichterungen in den besetzten Gebieten bedeuten. Bei allen diesen Fragen werde der deutsche Rhein- londkommisfar eine besonders große und verantwortlich-' Arbeit 'n Mr^-f ’rvn.
Der Kanzler gibt der bestimmten Hoffnung Ausdruck, daß auch die Organe der Besatzungsmächte mithelfen werden, das Los der rheinischen Bevölkerung und des gesamten deutschen Volkes nach Möglichkeit zu erleichtern.
Die deutsche Regierung erblickt, so fährt der Kanzler fort, in dem Geschehenen und in Ausführung Begriffenen einen Beweis dafür, daß die Rückwirkungen sich vollziehen. Der Reichskanzler wendet sich dann der
Fage des Eintritts in den Völkerbund zu.
Mit dieser Frage, so erklärt er, verbinden sich sehr ernste Sorgen, die sich auf die Ee- samteinstellung Deutschlands in der internationalen Politik beziehen. Aber auch gefühlsmäßig bewegt die Frage des Völkerbundes das deutsche Volk besonders tief.
Es fragt sich, ob Deutschland genötigt sein könnte zu einer Westorientierung unter Abkehr vom Osten. Eine solche Option zwischen West und Ost halte ich bei Deutschlands geographischer Lage für durchaus unmöglich.
(Beif.) Es steht aber fest, daß im Völkerbund gegen den Willen keines Mitgliedslandes, also auch nicht gegen den Willen Deutschlands eine für das betreffende Land bindende Entscheidung darüber getroffen werden kann, ob und gegen welchen Staat der bekannte Artikel 16 angewandt werden soll. (Rufe bei den Völk.: „Und das Durchmarschrecht?")
Das gilt auch für das Durchmarschrecht.
(Rufe bei den Völk.: „Na, na!") Aber, meine Herren, so lesen Sie doch den Artikel 16! (Beifall und Heiterkeit bei der Mehrheit.) Deutschland will nicht mit versteckten Vorbehalten in den Völkerbund eintreten, aber
es muß eine Berücksichtigung der Verhältnisse erwarten, die sich für Deutschland aus seiner vollständigen Entwaffnung und aus seiner geographischen Lage ergeben.
Artikel 16 stellt fest,
daß Deutschland nur insoweit zur Beteiligung verpflichtet ist, als das mit seiner militärischen und geograhischen Lage vereinbar ist.
Bei dieser Sachlage stehe ich nicht an, zu erklären,
daß bei der jetzt geklärten Auslegung des Artikels 16 sich aus ihm keine Gefahren für Deutschland ergeben.
(Zuruf bei den Völk.: „Ein weitsichtiger Staatsmann!") Deutschland ist seines Sitzes im Völkerbund und im Völkerbundsrat sicher. Wegen der Kolonialfrage sind
Deutschlands Rechte auf Kolonialmandate ausdrücklich anerkannt worden. Wir erwarten in dieser Beziehung auch praktisches Vorgehen. Was die Kriegsschuldfrage anbelangt, so hat die deutsche Regierung ihren Verhandlungsgegnern schon vor Beginn der Verhandlungen von Locarno ihren Standpunkt dargelegt. Sie hat ihr Festhalten an ihrer Haltung auch in Locarno ausgesprochen. (Zuruf rechts: „Und Artikel 6*^“) Dieser Standpunkt der deutschen Regierung wird auch
beim Eintritt Deutschlands in den Völkerbund ausrechterhalten.
Das Problem der allgemeinen Abrüstung hängt mit Locarno eng zusammen. Der Gedanke der allgemeinen Abrüstung, wie er im Versailler Friedensvertrag festgelegt
vorwärts getrieben. Die grundsätzliche Zustimmung unserer Verhandlungsgegner dazu kam in Locarno zum Ausdruck. Der britische Außenminister hat dies in seiner letzten Parlamentsrede nochmals bestätigt.
Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund stellt somit keine Schwächung seiner politischen Lage, sondern eine neue Plattform, auf der es möglich sein wird, die Interessen des Deutschen Reiches und Volkes zu fördern.
(Zustimmung links.) Die Frage des Eintritts in den Völkerbund mit dem Sicherheitspakt und den Schiedsverträgen. Mir ist, obwohl ich die Aeußerungen des Auslandes mit größter Aufmerksamkeit verfolgt habe, darunter bisher keine Aeußerung von autoritativer Bedeutung bekannt geworden, die mit unserer eigenen Darstellung in irgendeinem sachlichen Widerspruch steht. (Lauter Widerspruch rechts; mehrere deutschnationale und völkische Abgeordnete schlagen mit der Faust auf den Tisch und rufen: „Das wagen Sie zu sagen! — Unerhört! Das heißt den Kopf in den Sand stecken!") Nein! Das heißt nur, daß man sich nicht vom geraden Wege abbringen läßt durch die Ablenkung auf Dinge, die mit dem Vertragswerk in gar keinem Zusammenhang stehen.
Beim Abschluß des Westpaktes war es nicht die Absicht der deutschen Unterhändler, den Versailler Vertrag zu ändern; er bleibt bestehen.
(Rufe rechts: „Also auch die Schuldlüge!") Die Handhabung des Versailler Vertrags wird aber durch den Westpakt geändert. Das System der Diktate und Ultimaten könne nicht länger gegen uns angewandt werden. Der noch vor einem Jahre sehr ernsthaft erörterte Gedanke eines Sicherheitspaktes gegen Deutschland ist nun endgültig beseitigt.
Zm Osten
haben wir mit Polen und der Tschechoslowakei Schiedsgerichtsverträge abge- schloffen, die sich im Gegensatz zum Westen nicht an einen Sicherheitspakt anlehnen. Daß Deutschland nicht die Macht und nicht den Willen hat, im Osten Krieg zu führen, brauche ich nicht zu betonen. Das ganze Vertragswerk von Locarno gipfelt im Völkerbund. Deutchland fördert feine eigenen Interessen, durch seinen Entschluß, zu positiver Mitarbeit im Völkerbund. (Widerspruch rechts.) Es ist ganz falsch, wenn behauptet wird, wir gäben damit Deutschlands Souveränität auf. Der Punkt, in dem unsere geographische Lage zu Bedenken Anlaß gab, war der Artikel 16. Nachdem er geklärt ist,
überwiegt das Interesse am Eintritt den einer Selbständigkeit, die doch letzten Endes nichts anderes ist, als eine erzwungene Passivität.
(Zustimmung links.) Es gilt nunmehr, sowohl auf politischem wie auf wirtschaftlichem Gebiete in einem steigenden Maße Nutzen für Deutschland aus der Herstellung eines wahren Friedens in Europa zu ziehen. (Beifall links, Zischen bei den Völk.)
Vertagung auf Dienstag.
Die Erklärung des Reichskanzlers wurde von den der Regierung nahestehenden Parteien mit Zustimmung, von rechts und links mit lebhaftem Zischen ausgenommen. Präsident Loebe teilte mit, daß folgender kommunistischer Antrag eingegangen sei:
„Der Reichstag wolle beschließen, die Reichsregierung besitzt nicht das Vertrauen des Reichstages. Gezeichnet Tälmann- Stöcker."
Der Präsident verweist dann auf den Beschluß des Äeltestenrates, den heutigen Nachmittag für den Auswärtigen Ausschuß und für die Fraktionen freizuhalten. Er beruft die nächste Sitzung auf Dienstag-Morgen 10 Uhr ein. Das Haus vertagt sich darauf.
Eine neue Offensive in Syrien?
TU. Paris, 23. November. Wie die „Daily Mail" aus Beirut berichtet, bereiten die französische Truppen einen neuen großen Schlag gegen die Rebellen in der Gegend von Damaskus vor. Die Offensive soll unternommen werden, um den Rückzug der Truppen des Said Attrasch, der gegenwärtig nach dem sUdlichnn Teil des Libanon zieht, abzu-