Hessische Morgenzeitukg
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Nr. 288
Dienstag, den 22. Dezember 1925, mittags.
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59. (2.) Jahrgang
Reue Erörterungen über die Reziermzsstuge. — Die deutsche ÄlbsMei für ein Minen der Mitte. — Das Zentrnm für eine WahlreHtsresarm. — Ein Gutachten über die Nechts- grnndlage der Rrstenabfindnngen.
Wie wir hören, werden die parlamentarischen Kreise am Dienstag und Mittwoch neue Besprechungen über die^ Regierungsfrage abhalten, die nach dem Scheitern der Großen Koalition bis nach Weihnachten vertagt worden ist. Das Zentrum und die Demokraten haben sowohl die Deutsche Volkspartei als auch die Sozialdemokratie zu einer neuen Aussprache eingeladen, um wenigstens nach Weihnachten dem Reichspräsidenten weitere Vorschläge unterbreiten zu können. Der Reichspräsident hat übrigens die Parteien wissen lassen, paß er dA Parteiführer in der letzten Dezemberwoche nochmals zur Besprechung der Regierungsfrage zu empfairgen wünscht.
Berlin, 22. Dezember.
Wie wir aus parlamentarischen Kreisen erfahren, wird sich die Deutsche Volkspartei bei den kommenden Besprechungen über die Kabinettsbildung mit allem Nachdruck für die Bildung einer Regierung der Mitte einsetzen, und entsprechend ihrer bisherigen Haltung die Betrauung Dr. Luthers in Vorschlag bringen. Was die vom Zentrum geforderte Wiederaufrollung der Verhandlungen über die Große Koalition betrifft, so ist die Deutsche Volkspartei der Ansicht, daß nach dem Scheitern der Bemühungen Dr. Kochs keine weitere Zeit mit einem solchen aussichtslosen Versuch verloren gehen dürfe. , ~__________
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Berlin, 22. Dezember.
In den führenden Kreisen des Zentrums beschäftigt man sich auf Grund des Beschlusses des Kasseler Zentrumstages nunmehr sehr eingehend mit der Reform des Reichs-
Die Nörfeiigeschiiste des Herm o. Holstein.
Der demokratischen Presse ist doppeltes Heil widerfahren. Nicht nur, daß ihr ein glücklicher Zufall in dem geplanten Stresemann-Attentat willkommener Agitationsstoff geliefert hat, — auch sonst hat ihr der bekannte günstige Wind etliches Material auf den Schreibtisch geweht, aus dem sich in bekannter Aufmachung für diejenigen, die nicht alle werden, eine wundervolle Hetze gegen das „korrupte und verruchte alte System" inszenieren läßt.
Gegenstand der vom „Berliner Tageblatt" in seitenlanger Wiedexgabe veröffentlichten Enthüllungen ist der vor mehreren Jahren verstorbene frühere Vortragende Rat im Auswärtigen Amt, Geheimrat von Holstein, die „graue Eminenz" und der „Mann mit den Hyänenaugen", wie ihn Bismarck zu nennen pflegte. Holstein, ein Sonderling und absoluter Einspänner, eine Persönlichkeit, die sich stets im Hintergründe hielt, obwohl sie nach Bismarcks Entlastung dank ihrer Ressortkenntnis und Arbeitskraft eine der mächtigsten, wenn nicht überhaupt die mächtigste Erscheinung des Amtes war. — Holstein also hat, wie nach den Veröffentlichungen des „Berliner Tageblattes" nicht zu bezweifeln ist, seine amtliche Stellung dazu benutzt, um die ihm früher, als andere Sterblichen bekannt werdender Vorgänge der großen Politik in Börsenspekulationen auszuwerten.
Zu ganzen Dutzenden veröffentlicht das „Berliner Tageblatt" kurze briefliche Weisungen Holsteins an seinen (vom „Tageblatt" auffälligerweise nicht genannten) Bankier, aus diesem oder jenen politischen Anlaß Papiere zu kaufen oder zu verkaufen, wobei es im Grunde genommen wenig verschlägt, daß diese Geschäfte trotz der vorzüglichen Nachrichten Holsteins durchaus nicht immer erfolgreich waren. Wenn er auch einmal mit Genugtuung feststellt, daß er bei einer solchen Transaktion 2500 Mark verdient habe, so beklagt er sich doch wiederholt bei seinem Bankier über den Mißerfolg ihrer unter so günstigen Auspizien unternommenen Geschäfte.
Ueber das Verwerfliche des Holsteinsschen Verfahrens ist natürlich kein Sßort zu verlieren, obwohl keineswegs feststeht und auch vom „Berliner Tageblatt" bisher nicht behauptet worden ist, daß Holstein sich in seinenr eigenen Politik von den Rücksichten auf seine Börsengeschäfte habe beeinflussen lassen. Ueber diesen letzteren Punkt könnte
tagswahlrechtes, die schon vor längerer Zeit von verschiedenen Parteien gefordert worden ist. Die Zentrumsfraktron will bei den kommenden Verhandlungen über die Regierungsbildung den Parteien den Entwurf zu einer Wahlrechtsreform vorlegen, der nach Möglichkeit schon in kürzester Zeit im Reichstag zur Debatte gestellt werden soll. Die Reformbemühungen laufen in erster Linie darauf hinaus, das Wahlalter hinaufzusetzen und anstelle der Listenwahl ein verbessertes System der Einzelkandidatenwahl einzuführen. Für diese Bestrebungen treten die Demokraten als auch die Deutsche Volkspartei ein, die dem Zentrum ihre Unterstützung zugesagt haben.
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Auf Grund der Erörterungen des Reichstages über eine reichsgesetzliche Regelung der Fürstenabfindungen ist nunmehr von den beteiligten parlamentarischen Stellen ein Rechtsgutachten eingefordert worden, das feststellen soll, ob es sich bei einer «richsgesetzlichen Regelung um eine Verfassungsänderung handelt oder nicht. Diese Frage wird von verschiedensten Rechtsgutachtlern schon jetzt dahin verneint, daß ein solches Reichsgesetz nicht unbedingt in die verfassungsmäßigen Bestimmungen einzugreifen braucht. Inzwischen sind die Länderregierungen ebenfalls aufgefor- dert worden, der Reichsregierung die erforderlichen Unterlagen über ihre vermögensrechtlichen Auseinandersetzungen mit den Fürstenhäusern zur Verfügung zu stellen. In den Regierungskreisen ist man der Auffassung, daß eine Regelung der Fürstenabfindungen auf reichsgesetzlichem Wege absolut nicht einer parteipolitischen Erörterung bedürfe, und daß die Regierung von sich aus hierzu die Initiative hierzu ergreifen könne.
vermutlich erst eine genaue Untersuchung Aufschluß geben, die an Hand der Akten des Auswärtigen Amtes geführt werden müßte.
Trotz alledem: Holsteins Handlungsweise ist auf das schärfste zu verurteilen, und sie wird doppelt unerklärlich, da er ein gänzlich bedürfnisloser, in vollkommenster Abgeschlossenheit lebender Mann war, der sich in durchaus geordneter Vermögenslage befand.
Was aber der Amtsmißbrauch Holsteins mit dem „alten System" als solchem zu tun hat, ist angesichts dieser Einzelerscheinung umso unverständlicher, als selbst ein Dutzend ähnlicher Fälle noch immer nicht hinreichen würden, die geschichtliche Tatsache zu erschüttern, daß gegenüber der Korruption über westlichen Demokratien (speziell Frankreichs und Amerikas) die preußische Monarchie und das deutsche Kaiserreich ein Musterbeispiel staatlicher Ordnung und Sauberkeit waren. Und alle Rabulistik der demokratischen Presse wird deshalb nichts an der historischen Tatsache ändern, daß auch Deutschland diesen oft beneideten Ruhm erst mit demselben Augenblick verloren hat, als unter der Herrschaft seiner Demokratie die Korruption in mannigfachster Gestalt ihren Einzug bei uns hielt. Ist es nötig, im Zeitalter Kutiskers und Barmats daran besonders zu erinnern?
Eine französische SRentenmorü.
Eine Gruppe bedeutender Industrieller, Bankiers und Großkaufleute aus Nordfrankreich legten dem Präsidenten der Republik, Doumergue, einen Sanierungsplan vor. Die Delegation hat lange Zeit mit Doumergue verhandelt. Ihre Vorschläge seien analog denen, die die deutschen Industriellen, Finanziers und Großkaufleute der Reichsregierung gemacht haben, als es sich darum handelte, die Rentenmark zu schaffen und zu stützen. Die nordfranzösischen Industriellen hätten sich bereit erklärt, ihre Werke zum Teil als Garantie für eine zu diesem Zweck eventuell im In- oder Ausland unterzubringende Anleihe anzubieten'. Es handle sich um eine Zehn-Milliarden-Anleihe, die durch einen zehnprozentigen Aufschlag auf die Umsatzsteeur der franzö- schen Industrie gesichert werden soll.
3'aeeuse!
Unlängst beschäftigte sich die Presse eindringlich mit dem sog. Fall „Ley". Das Schipsal diese» elsässischen Freiheitskämpfers, sein Leiden im französischen Kerker empörten die gesamte zivilisierte Welt. Wir haben uns alsbald mit dem z. Zt. schwerkranken und in der Schpeiz im Exil lebenden Elsässer Autonomisten in Verbindung gesetzt und ihn gebeten, unseren Lesern persönlich über sein Schicksal, seinen Kampf und seine Ansichten über die Lage und die Zukunft Elsaß-Lothringens zu berichten. Nachfolgend veröffentlichen wir — unverändert — das erschütternde Dokument, geschrieben von einem Märtyrer, der um seiner Heimat willen Furchtbarstes erduldete. Wir haben uns jeglicher redaktioneller Abänderung «nthalten^weil wir wissen, daß hier nicht nur ein einzelner, schwer Betroffener, sondern die Stimme eines unterdrückten deutschen Volksstammes zu uns spricht. Die Schriftleitung.
In Elsaß-Lothringen zeigt das Barometer auf einen kommenden Sturm. Das berühmte Totschweigen der Tatsachen durch die große Pariser Presse — d. h. der erbäumli- chen Lakaien der „Herren des Tages" — alle Personen und Phrasen der französischen Machthaber, der erwiesene skandalöse Bauchrutscherei der elsaß-lothringischen Notabelen werden die Wahrheit hinsichtlich Elsaß-Lothringens nicht töten. Die Wahrheit ist auf die Dauer nie zu töten . . .
Die ganze Erbärmlichkeit der großen Pariser Presse ist durch ihr Verhalten Clemenceau und Caillaux erwiesen. Die große Boulevard-Presse hat keine politische Ueberzeugung, Ihre Redakteure sind die Heloten der politischen Machthaber, die Hochfinanz und Schwerindustrie. Charakterlosigkeit ist die Parole. Es gibt in Frankreich nur wenige Zeitungen, die eine politische Ueberzeugung vorhalten. Durch das Sprachrohr der französischen Pressedirne ist die Welt hinsichtlich Elsaß-Lothringens in unglaublicher Weise irregeführt worden. Dazu kommen die Lakaienblätter in Elsaß-Lothringen. Die berüchtigten sind: „Journal de l'Est", „France de l'Est", „Straßburger Neueste Nachrichten", „Colmarer Neueste Nachrichten", dann allen voran die „Straßburger Neue Zeitung" des Gesinnungslumpen und Depute Charles Frey, ehemaligen Korrespondenten der „Frankfurter Zeitung", der zurzeit des „Falles Zabern" das „Deutsche Elsaß" entdeckte und seit dem Waffenstillstand sich hat eot-weiß-blau anstreichen lassen. Solche Gesinnungslumpen sind in Paris und Straßburg in der elsaß-lothringischen Frage tonangebend. Seitdem der „Linksblock" am Ruder ist, sind leider auch die radikalen und sozialistischen Zeitungen zu Lakaienblättern herabgesunken.
Wer bleibt als aufrechte Zeitung? — Die vor einigen Monaten begründete Wochenzeitung „Zukunft". Mit den hundegemeinsten Mitteln wird versucht, ihr den Garaus zu machen. Das Kompromiß Autonome Elsaß-Lohthrin- gens im Rahmen Frankreichs, wird sie kaum erreichen. Ich habe dieses Kompromiß der französischen Regierung jahre- lano vorgeschlagen, falls sich die Volksabstimmung hierfür aussprechen sollte. Es findet sich auf vielen meiner Flugblätter aus den Jahren, nach dem Waffenstillstand. Welche Antwort mir die französische Mörderbande gab, kommt weiter unten.
Dann bleibt die Straßburger „Humanite". Mit allen Mitteln der „haute et basse Police" wird versucht, ihr ein „Komplott gegen die innere oder äußere Sicherheit des Staates" anzudrehen. Wenn es in Frankreich politisch schief geht, werden immer Politiker des Komplottes angeklagt. um die Massen und deren Wut auf menschliche Blitzableiter abzulenken. Dann haben wir als Oppositionsblä- ter die satirische Wochenschrift „Schliffstaan" und einige Blätter des Konzerns des Abbe Dr. Haegy.
Außerdem gibt es die „Elsässerpartei", die ebenfalls die Autonomie Elsaß-Lothringens im Rahmen Frankreichs erstrebt. Ihr Begründer ist Claus Zorn v. Bulach, ein sehr mutiger Mensch. Im Rennreiten und Boxen stellt er seinen Mann. Aber politisch ich Vurlach leider nicht auf der Höhe. Er leistet sich immer wieder da, was man als politischen Gegner leider nicht, daß man recht hat. Die-