Hessische MrWzeitW
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Nr. 290
Donnerstag, den 24. Dezember 1925, mittags.
59. (2.) Jahrgang
Weihnachten 1925.
Der Weihnachtsbaum.
Bon Lucie Hansen-Friedenau.
O Tannenbaum, o Tannenbaum! Wie grün sind deine Blätter! Du grünst nicht nur zur Sommerzeit, Nein, auch im Winter, wenn es schneit.
Tannenbaum und Weihnachten sind unzertrennliche Geschwister. Weihnachten ist das Fest der Freude und des Friedens: „Sie, ich verkündige auch große Freude" . . . . „Friede auf Erden!" Schon Wochen vorher, die ganze Adventszeit hindurch und darüber hinaus, zieht durch die Vor bereitungen auf das Fest ein Stück Poesie fast in jedes Haus, deren Mittelpunkt dann der lichterstrahlende Weihnachtsbaum wird. Bei verschlossenen Türen werden die Gaben für die Lieben vorbereitet. Selbst den sorgenden und vielbeschäftigten Vater fesselt es in diesen Tagen und Abenden mehr an das Heim als sonst. Unter den Kindern und auch den Erwachsenen herrschen Heimlichtun und Flüstern, Sehnsucht und erwartungsvolle Freude, die Vorfreude des Gebens und des Nehmens. Auf der Straße und in den Wohnungen hört man fast zu allen Tageszeiten aus Kindermund das Lied von Christkindlein, von der heiligen Nacht und vom grünen Tannenbaum, und zarte und ungelenke Kinderhände mühen sich wochenlang unaufhörlich, die trauten Melodien auf dem Klavier spielen zu lernen. Wenn dann auf dem Markte des Ortes mitten im Winter rlüchtiaver Fichten- und Tannenwald wächst und im Hause Nüsse und Aepfel vergoldet und Honigkuchen und Christstollen gebacken werden, dann erreicht die Spannung des kindlichen Gemütes ihren Höhepunkt, und die Tage und Stunden werden gezählt, wo unter dem mit Aepfeln und Nüssen und anderem bunten Flitter geschmückten, von zahlreichen Lichtern strahlenden Tannenbaume die Festgaben ausgebreitet sind. Dann findet die allgemeine Weihnachtsfreude ihren alten, aber doch stets neuen feierlichen Ausdruck in dem „Stille Nacht, heilige Nacht", und mit hellen Kinderstimmen, wie aus Engelsmund, erklingt jubelnd: „O Tannebaum, o Tannebaum".
Der grüne Lichterbaum mit seinem Strahlenglanze und den Gaben darunter ist für die Kinder der Inbegriff von Freude und Glück, und auch Erwachsene, die sich auch nur ein wenig Herz und Gemüt bewahrt haben, können sich seinem Zauber nicht entziehen. Weder im Palast, noch in der Hütte darf er fehlen. Um seinem -Magdale nicht die schöne Poesie und den Märchenzauber des Lichterbaumes zu zerstören, läßt Peter Rosegger, den Perchelenz, der sein Lebtag keinem ein Haar gekrümmt hatte, zum Waldfrevler werden, indem er die Stimme des Gewissens betäubte, die ihn warnte, das Christbäumlein im Walde seines Herrn abzuschneiden. Dabei handelte es sich bei diesem „Waldfrevler" nur um ein einziges Christbäumchen für einem Liebling. Gleich Roseggers Perchellenz zieht auf dem Lande auch wohl heute noch mancher arme Familienvater mit einer reichen Kinderschar nächtlicherweile mit Axt oder Beil m den düsteren Tann, um einen kleinen Baum, an dem weniger Lichter und etwas Flitter strahlen sollen, zu hauen und heimzubringen, ohne sich darüber Gewissensbisse zu machen, daß er, streng genommen, wie Perchelenz zum Waldfrevler wird. Aber — der Tannenbaum ist ja für die Lieben zum lieben, schönen Weihnachtsfest bestimmt.
Woher aber holen alle die anderen Millionen jedesmal Weihnachten ihre Christbäume? Woher stammen die Millionen von Bäumen, die alljährlich in der Reichshauptstadt, den zahlreichen anderen großen Städten und vielen, vielen Orten vorübergehend auf den Weihnachtsmärkten eine Art Wald bilden? Nun, sie wachsen zu Millionen und Abermillionen in den deutschen Wäldern in der Ebene und vor allem in den deutschen Mittelgebirgen, im Harz, im Thüringer Wald, im Erzgebirge, im Schwarzwald, im Odenwald, im Taunus, auf den Bergen am schönen Rhein, wo einst Urwälder von Tannen, Fichten und Kiefern standen. Die Naturforscher wollen aus Baumresten und Abla- Torfschichten sogar festgestellt haben, daß schon Vorzert, als das norddeutsche Tiefland noch von Eismantel überdeckt war und dann die unsere iTben^ ^^ersen Rückzug nach Norden antraten, - genau dieselben Bäume Schon seit Heimatlande gewachsen sind, feni Fichten und Kie- erem Boden 9 Weihnnchtsbäume schmücken, in unserem -vooen Wurzeln gehabt, und diese Wurzeln sind es aus denen immer wieder unser Tannengrün emporschießt' das rn Millionen von Familien am Heiligabend im Ker- zenschlmmer erstrahlt. Um die Wurzeln dieser Bäume ^"â haben bereits die Wichtelmännchen des Harzes gehaust und gespielt, die aus der Welt der heimisch deutschen Zwerge und Kobolde entsprungen zu sein scheinen Bon Felsbachen genährt, von den weichen Armen schwesterlichen
Moses empfangen, in Winternächten von dem wilden Heere des Moden umtobt und in der Sommermondnacht von Elfen umspielt, schießen sie noch heute kerzengerade empor. In Millionen von Häusern tragen sie etwas wie einen Abglanz urzeitlebigen Deutschtums mit seinen Göttern und Helden, seinem Heerhorngetöne und seinen Ebermahlen, seinen religiösen Waldschauern und seinem ehrfürchtigen Baumgeisterglauben, woran sich in der Weihnachtszeit noch viele Anklänge finden. Wie ein Stück deutschen Heimattums und Heidentums steht Weihnachten dieser Wunschbaum in Gold- und Lichtschmuck, gabenbelastet, auf dem Geschenktisch, und die Sage und Geschichte wissen aus den letzten Jahrhunderten mancherlei von seinem urdeutschen Ursprung zu erzählen.
Auf solchem uralten deutschen Boden sind schon seit Wochen hunderte von fleißigen Händen an der Arbeit, damit jede Familie zu Weihnachten einen grünen Baum schmücken kann. Für die Versorgung der Großstädte mit Christbäumen haben sich sogar besondere Berufsvereinig- ungen gebildet, deren Mitglieder sich aus den verschiedensten Ständen, meist Holzhändlern, Kartoffelhändlern, Gärtnern usw., also solchen, die für die Winterszeit keine Arbeit haben, zusammensetzen und die schon jahrelang dieses Geschäft betreiben. Auch sie klagen über schlechte Zeiten und setzen auch in das diesjährige Geschäft keine allzugroßen Hoffnungen, wenn auch die Bäume ziemlich teuer sein werden. Für die Reichshauptstadt ist das Hauptver- sorgungsgebiet mit Weihnachtsbäumen merkwürdigerweise nicht etwa die sehr waldreiche Umgebung Berlins. oder der Harz, sondern Holstein, wo die Fichte oder Rottanne besonders gut gedeiht, die von den Berliner als Christbaum bevorzugt wird.
Die Vorbereitungen für den Ankauf, das Schlagen und der Versand der Bäume liegen schon mehrere Monate zurück. Schon seit Wochen hallt in den Tannenbaumgebieten der wuchtige Axtschlag durch die feierliche Stille der Waldeinsamkeit, der die Reihen der Bäume niedermäht wie Soldaten, die in Reih und Glied stehen. Die Baum- fäller müssen schwere Arbeit leisten und leben von dem Ertrag des meist dürftigen Bodens und ihrer Arbeit, die sie nur einmal auf einige Wochen im Jahre erwartet. Tausende von Bäumen sind schon gefällt und liegen versandfertig aufgestapelt. Auf schwere Wagen, die mit kräftigen, zottigen Pferden bespannt sind, werden dann die Bäume aufgeladen, auf meist unwegsamen und holprigen stundenweiten Straßen zum Bahnhof gefahren und in Wagenladungen nach ihren Bestimmungsorten abgefertigt.
Wenn dann etwa von Anfang Dezember an zahlreiche Eisenbahnzüge aus allen deutschen Gauen Millionen von strohseilumwundenen Tannenbäumen in alle Städte bringen, dann entstehen auf den Plätzen jene Tannenbaumwäldchen, deren große und stattlichen Bäume für Kirchen, Schulen, Festsüle, Kasernen — Gefängnisse bestimmt sind, sowie, überladen von funkelnder Pracht, in den Palästen und Villen der Reichen flammen und glitzern sollen, während die kleinen und bescheidenen irgendwo im schlichten Bürgerheim oder in der ärmlichen Hütte Weihnachtsglanz vorzaubern müssen. Auf diesen Märkten entwickelt sich bann ein bewegliches Leben und Treiben und — wir wollen wünschen — auch ein lebhaftes und gutes Geschäft. Natürlich werden die Tannenbäume, auch wenn sie noch nicht bunten Flitter und Lichterglanz tragen, von den Kindern mit offenem Munde und strahlenden Augen begrüßt. Sie suchen wohl schon vor Weihnachten einige der abgeschnittenen Zweige zu erhaschen und sie jubelnd nach Hause zu bringen; denn der Weihnachtsbaum ist eben für sie der Inbegriff der Zauber- und Märchenwelt.
Und in der Tat, das Christfest ohne Lichterbaum können Kinder und Erwachsene sich heute kaum vorstellen. Aber die Sitte, zu Weihnachten in den Häusern einen Tannenbaum mit funkelnden Lichtern und sonstigen glitzernden Dingen zu schmücken, ist noch nicht so alt und vor allem nicht so allgemein, wie man wohl glauben möchte. Wenn auH die Ansichten der Gelehrten über die ursprüngliche Bedeutung und die Entstehung des Christbaumes auseinan- dergehen, so steht doch fest, daß dieser schöne Brauch zu Beginn der Neuzeit noch keineswegs allgemein eingeführt war. Soweit wir darüber unterrichtet sind, stand in der protestantischen Kirche in der Christmette am Heiligabend, dem Tage Adam und Eva, schon früh der Christbaum im Kerzenschmuck vor dem Taufstein auf dem Altarplatz. Ist es nun der Baum des Lebens aus dem Paradiese? Oder ist es der Saum der Erkenntnis mit seinen verhängnisvollen Aepfelfrüchten? Oder ist's ein Sinnbild für das Reis, das aus der Wurzel Jesse ersprießen sollte? Sicherlich aber ist die Tanne das Bild des Ewiggrünenden, und wohl schon seit langem hat die christliche Kirche den blühenden Baum der Weihnacht in ihren Dienst genommen.
Anders steht es mit der Frage, wann der Lichterbaum am Weihnachtsfest vereinzelt oder allgemein in die Häuser übergegangen und damit Weihnachten, das bis dahin
in erster Linie ein kirchliches Fest war, zu einem echten und wahren deutschen Familienfest geworden ist. Nach der protestantischen Ueberlieferung bescheerte schon der Reformator D. Martin Luther seinen Kindern unter dem Weihnachtsbaume, der ihm ein Abbild des Sternenhimmels gewesen sein soll, und auch Bilder aus späterer Zeit stellen den Reformator im Kreise seiner Familie unter dem Weihnachtsbaum dar und gar Viktor von Scheffel läßt in seinem „Ekkehard" die Herzogin Hadwiga, in die sich der Mönch Ekkehard verliebt hat, schon vor etwa 1000 Jahren einen Christbaum mit „Aepfeln und Lichtlein" schmücken. Hierbei handelt es sich aber einmal augenscheinlich um eine fromme Legende und zum andern um künstlerische Freiheiten, die sich Maler und Dichter erlaubt haben.
In Wirklichkeit stammen die ältesten zuverlässigen Berichte von dem lichtergeschmückten Christbaum in der Familie erst aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts und weisen nach dem Elsaß, nach der Umgebung von Straßburg hin. In einem Buche eines unbekannten Verfassers zu Straßburg heißt es bei dem Jahre 1604: „auf Weihenachten richtet man Dannenbäum zu Straßburg in den Stuben auf, daran benecket man rossen (Rosen), aus vielfarbigen papier geschnitten, Aepfel, Oblaten, Zischgolt (Flittergold),' Zucker usw.". Von Lichtern aber ist auch hier noch nicht die Rede, auch im ganzen 17. Jahrhundert werden sie noch nicht erwähnt. Vielmehr scheint die schöne Sitte, den Baum mit Lichtern zu schlicken, erst während des Dreißigjährigen Krieges aus Schweden zu uns gekommen zu sein und sich dann besonders im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts sehr schnell in allen Gegenden, wo die deutsche Zunge klingt, verbreitet zu haben.
Die Liebe zur Natur, vor allem zum Walde wurzelte ja tief in unserem Volke, und schon im Mittelalter herrsch te überall der Glaube, daß „ze wihen nahten" die Bäume blühten, ja die Apfelbäume Früchte trügen und noch heute pflegt man Zweige von Obstbäumen am Andreastage (30. November), in anderen Gegenden am Barbara-Tage (4. Dezember) zu brechen und ins Wasser zu stellen, damit sie zu Weihnachten blühen. Solche Sehnsucht nach der Natur und solche Freude an ihr ließ die anfangs örtlich beschränkte Sitte, die grünen Weihnachtsbäume in die Wohnungen zu übernehmen, bald immer allgemeiner werden.
Jedenfalls erzählt schon Jung-Stilling, der spätere Professor und Freund Goethes, in seinen Jugenderinnerungen vom „hell erleuchteten Lebensbaum mit vergoldeten Nüssen", den er um das Jahr 1760, als er noch Schneider war, gesehen habe. Goethe selbst hatte 1765, während er in Leipzig studierte, für seinen Hund und „Joli" ein „Christbäumchen mit allerhand Süßem behangen" aufgestellt, und zur Feier war Joli in ein „rotwolle- nes Kamisol" gesteckt worden. Unter dem Baum stand eine Krippe, die Joli beschnupperte „und mit einem Haps das zuckerne Christkindchen aus der Krippe riß und aufs knapperte . . . ein Glück nur, daß Mutter Maria, der heilige Joseph und Ochs und Esel von Holz waren, so blieben sie verschont". Seit dieser Zeit finden sich zahlreiche Berichte über den Lichterbaum, die zeigen, daß er sich bald über ganz Deutschland verbreitet hat, so aus d^r Nähe von Zittau von 1773, aus Straßburg von 1785, aus Hamburg von 1796, aus Dresden von 1807, aus^Lanzig von 1815, aus Leipzig von 1820. Im Jahre brachte ihn bie Herzogin von Orleans, eine mecklenburgische Prinzessin auch nach Paris, und in dem gleichen Jahre zündete der koburgische Prinzgemahl der Königin von England in London den ersten Tannenbaum an.
Seitdem hat sich diese deutsche schöne Sitte des funkelnden Tannenbaumes über die ganze Erde überall dorthin verbreitet, wo Deutsche wohnen. Auch unsere Krieger 1870 und während des Weltkrieges feierten überall Weihnachten in Feindesland. So hat im Laufe der Zeit der Tannenbaum mit seinem Lichterglanze oas Christfest neben der kirchlichen Feier der Geburt Christi zu einem innigen Familienfeste gemacht/wie wir es bei keinem anderen Volke finden. Das Weihnachtsfest in seiner heutigen Form i|i der lebhafteste Ausdruck deutschen Gemütes am deutschen >rerde, die schönste Poesie, die ein ganzes Volk besitzt und sich als festes einigendes Band um hoch und niedrig arm und reich, jung und alt schlingt. Darum brauchen wir letzten Endes nicht ängstlich zu untersuchen, ob die einzelnen Sitten und Gebräuche germanisch-heidnischen oder christlichen oder fremden Ursprungs sind. Mögen sie ererbt oder von außen gekommen sein, sicher ist, daß sie sich nicht erhalten hätten oder nicht ausgenommen wären wenn sie in der Seele des deutschen Volkes keinen so großen' Widerhall gefunden hätten.
Mög denn bei Tannenbaum als schönes Sinnbild des ewiggrünenden Lebens auch für unsere schwere Zeit ein weithin leuchtender Wegweiser in die dunkle und trübe 4u fünft und ein flammendes Wahrzeichen des wirklichen Friedens werden, nach dem sich Volk und Vaterland sehnt 77. "?7lede auf Erden"! —, sodaß wir jetzt und allezeit fröhlich mit unseren Kindern singen können:
O Tannenbaum, 0 Tannenbaum!
Dein Kleid will mich was lehren' Die Hoffnung und Beständigkeit gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit.