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Hessische MWenzeitW

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Nr. 293

Sutter Stelltet, Anzeiger für Wn Md Vogelsberg, Ma- Md Hamtal

Mittwoch, den 30. Dezember 1825, mittags.

Druck und Verlag: Gutenberg-Buchdruckerei ck^

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59. (2.) Jahrgang

LbsMg der Regierongssroge.

Berlin, 30. Dezember.

In den politischen Kreisen hat es einiges Aufsehen her­vorgerufen, daß in Verbindung mit der Wiederaufnahme der Erörterungen über die Regierungsfrage von volks­parteilicher Seite angekündigt wurde, Reichspräsident von Hindenburg werde voraussichtlich nunmehr den Reichskanz­ler Dr. Luther mit der Kabinettsbildung beauftragen Der Kanzler, der gegenwätig außerhalb Berlins einen kur­zen Urlaub verbringt, kehrt am 7. Januar wieder nach der Reichshauptstadt zurück, ohne daß er bis dahin irgendwelche Gelegenheit haben wird, mit den parlamentarischen Krei­sen Fühlung zu nehmen.

Die Version, daß der Reichspräsident sich nunmehr «an Dr. Luther wenden werde, ist insofern beachtens­wert, als gerade jetzt von Seiten des Zentrums und der Demokraten entscheidende Anstrengungen unter­nommen werden, um auf der Basis der Großen Koali­tion über die Regierungsbildung weiter verhandeln zu können.

Die beiden Mittelparteien befürchten dementsprechend, daß die Deutsche Volkspartei ihnen zuvorkommen könne und daß sich durch eine Betrauung Dr. Luthers die letzten Möglichkeiten zu einer Einigung mit der Sozialdemokratie zerschlagen werden. Da man seit einiger Zeit den Zen­trumsführer Dr. Marx als Kanzler eines Kabinetts der Großen Koalition in Aussicht genommen hat,

JM wolle» sowohl das Zentrum als auch die Demo­kraten von einer Betrauung Dr. Luthers nichts wissen und geben der Hoffnung Ausdruck, daß der Reichspräsident nochmals die Parteiführer empfangen wird, ehe er den Auftrag zur Regierungsbildung erteilt.

Inzwischen ist man in den führenden politischen Krei­sen zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Regierungs­krise eine sehr ernste Wendung nehmen muß, wenn es nicht bis Mitte Januar gelingt, ein arbeitsfähiges Kabinett mit ausreichender parlamentarischer Mehrheit zu bilden. Einige pessimistische Kreise gehen sogar so weit, von der Möglich­keit einer zeitweisen gänzlichen Ausschaltung des Parla­mentes zu sprechen, indem sie darauf hinweisen, daß dre Verworrenheit der Lage die maßgebenden Instanzen dazu zwingen könnte, auf Grund des Artikels 48 der Reichsver­fassung mit dem Ausnahmerecht zu regieren. Es handelt sich dabei weniger um eine Drohung mit der Diktatur als vielmehr um die Feststellung, daß der Parlamentarismus im entscheidenden Augenblick nicht imstande sein wird, die Lage zu entwirren und daß man mit anderen ve>fassungs­mäßigen Mitteln versuchen muß, aus der gegenwärtigen unhaltbaren Situation herauszukommen.

Die innere Lage des Reiches hat sich ernst genug ge­staltet,

um zu den ernsten Besorgnissen Anlaß zu geben, und es zeigt sich jetzt mit aller Deutlichkeit, daß ein letzter Apell an das Verantwortungs-Bewußtsein der Parteien notwen­dig ist, um schlimmeren Gefahren vorzubeugen.

Wie wir von gut unterrichteter Seite erfahren, dürfte der Reichspräsident durchaus bereit sein, nochmals einen Versuch mit der Großen Koalition zu machen, wenn die be­teiligten Parteien wirklich in der Lage sein sollten, ihm ei­nen brauchbaren Vorschlag nach dieser Richtung hin zu unterbreiten. Die Weiterentwicklung der Dinge hängt also lediglich davon ab, ob die beteiligten Parteien sich da­zu verstehen werden, bis zum 10. Januar die noch bestehen­den Hindernisse zu beseitigen und eine neue Verhandlungs­grundlage zu schaffen. Die Zeit drängt, sodaß tatsächlich in den nächsten Tagen schon ernsthafte Versuche zu einer Wiederannäherung der Parteien der Großen Koalition unternommen werden müssen, wenn man nicht wieder die Gefahr heraufbeschwören will, daß die parlamentarischen Führer mit leeren Händen vor dem Reichspräsidenten er­scheinen und nicht einmal in der Lage sind, ihm eine posi­tive Möglichkeit zur Lösung der Regierungskrise vorzu­weisen.

Eine Betrauung Dr. Luthers wird notwendig werden, wenn bis zum 10. Janar noch keine Fortschritte in der Fra­ge der Wiederaufrollung der Großen Koalition erzielt sein sollten. Die Parteien werden dem Reichspräsidenten nicht Zumuten können, ohne jede Unterlage weitere Zeit mit

3WN annektiert die

Tschangtsolins Sieg, ein Werk des japanischen Imperialismus zur Verhinderung

der Einigung Chinas.

In der ostasiatischen Wetterecke brennt es in lodernen Flammen und wenn nicht alles täuscht, kann die sich über­stürzende Entwicklung nur mit größeren kriegerischen Ver­wicklungen enden. Japan ist aus seiner Reservestellung herausgegangen, nachdem ihm der Weg einer Expansion nach Osten nicht zuletzt auf der Konferenz von Washington endgültig verlegt worden ist. Korea ist nach scharfen diplo­matischen und militärischen Kämpfen bekanntlich seit 1910 Japan einverleibt. An diesem Schicksal, haben auch die heftigsten Koreaaufstände von 1919-20 nichts zu ändern vermocht. In Tschangsolin, dem Gouverneuer der Mand­schurei, fand dann Japan einen neuen Anhalt, um weiter nach Westen vordringen zu können. Zweifellos hat sich Tschang in den letzten Tagen nur mit japanischer Hilfe hal­ten können. Es war ja bereits auffällig, wie schnell Ja­pan Truppen nach Mulden befördern ließ, als Tschangs Stellung wacklig zu werden begann. Staatsrechtlich ge­hört die Mandschurei zu China. Politisch ist sie seit Jahr­zehnten ein entscheidendes Streitobjekt zwischen Rußland und Japan. Die Frage der Eisenbahnkonzessionen ist dort seit jeher sehr verwickelt und hat zu endlosen Streite­reien, Konferenzen und diplomatisch-politischen Aktionen geführt. Sollte es sich bewahrheiten, daß Japan die Mandschurei einfach schluckt, dann muß mit einem neuen russisch-japanischen Kriege gerechnet werden. Rußland würde dann seine direkte Verbindung mit China verlieren und sich weit zurückgedrängt sehen.! Ohne Frage kann Ruß­land das nicht zulassen. Man wird sich also auf sehr schwerwiegende Ereignisse gefaßt machen müssen, die auch auf Deutschland rückwirken dürften.

Der Japaner regiert bereits.

Wie dieV.-M.-Z." berichtet, kabeltMorningpoft" aus Tokio:

aussichtslosen Verhandlungen zu vergeuden. Das Zen­trum und die Demokraten sind allerdings ernsthaft bemüht, diese Unterlagen herbeizuschaffen, ohne daß jedoch zurzeit irgendwelche Aussichten auf einen positiven Erfolg be­stehen.

Weiteres Steigen des Rheinhochwassers.

Köln und Donn teilweise überschwemmt.

Köln a. NH., 29. Dezember. Im Laufe des heutigen Vormittags ist das Hochwasser auf dem Rhein weiter sehr 'erheblich gestiegen, nachdem in der Begangenen Nacht am Oberrhein das Wasser nicht weiter zugenommen hatte. Heu­te morgen glaubte man daher, in verschiedenen Städten am Oberrhein, daß die Hochwassergefahr als beseitigt ange­sehen werden könnte. Von 1 Uhr vormittags an stieg das Wasser ziemlich bemerkbar, da die Nebenflüsse des Ober­rhein wieder gewaltige Wassermassen heranführten. Der Neckar hatte bereits die ganze Vorstadt von Mannheim unter Wasser gesetzt und steigt weiter. Auch die Mosel ist jetzt schon teilweise über die Ufer getreten. Nachdem im Laufe des gestrigen Nachmittags das Wasser schnell gestie­gen war, war heute Nacht ein, Rückgang zu verzeichnen. Von 7 Uhr vormittags an haben sich jedoch die Wasser- massen wieder erheblich vergrößert. Von der Saar wer­den ebenfalls große Ueberschwemmungen gemeldet, sodaß teilweise der Eisenbahnverkehr gestört ist. In Merzig lie­gen der Stadtpark und der Viehmarkt unter Wasser. Bei Coblenz steigt der Rhein stündlich um 4 Zentimeter. Be­sonders ungünstige Meldungen liegen vom Niederrhein vor. Bei Bonn ist der Fluß in den Morgenstunden über die Ufer getreten und hat bereits einige Stadtteile über­schwemmt. Der Verkehr zwischen den am Ufer gelegenen Häusern wird mit Kühnen aufrecht erhalten. Da das Wasser schnell steigt, befürchtet man weitere Ueberschwem- mungsschäden. Auch Köln ist bereits sehr in Mitleiden­schaft gezogen. Der Rhein ist über die Ufer getreten, so­daß das Wasser die Keller der am Ufer gelegenen Häu­ser gefüllt hat. Die Bewohner der anliegenden Straßen find bemüht, Keller und Erdgeschosse zu räumen, ehe das Wasser bei ihnen eindringt. Der Wasserspiegel steigt hier stündlich um 6 Zentimeter. Auch Duisburg wird vom Hoch­wasser bedroht, das stündlich um 8 Zentimeter steigt.

Ungeachtet der angekündigten Mächteintervention in China setzt Japan alle Maßnahmen fort, die auf die end­gültige Annektion der Mandschurei hinauslaufen. Am 4. Januar erhält die Mandschurei provisorische japanische Zivilverwaltung. Der Hauptteil der Kriegsflotte befindet sich in den koreanischen Gewässern, was auf weitere militä­rische Vorstöße in China schließen läßt.

London, 29. Dezember. Rach Meldungen aus Peking beherrscht jetzt Tschangsolin die ganze Mandschurei. Jedoch braucht er noch einige Zeit, um seine Truppen zu sammeln und zu reorganisieren. Er wird zunächst versuchen, die Ru­he und Ordnung in der Provinz wieder herzustellen, die durch die versprengten Soldaten der geschlagenen Armee des Generals Kuo stark bedroht ist. Man führt die gro­ßen Erfolge Tschangfolins in der Mandschurei auf die Un­terstützung Japans zurück, das durch die Besetzung der Ei­senbahn die Widerstandsfähigkeit der Truppen Tschang- solins sehr gestärkt hat. Auch General Feng unterzieht seine Truppen gegenwärtig einer Umorganisation und rüstet sich zu neuen Kämpfen. Zwar ist es ihm gelungen, den aufständischen General Lichinglin zu schlagen und Tientsin einzunehmen, jedoch konnte er ihn nicht völlig vernichten, da es ihm gelang, den größten Teil seiner Ar­mee nach Süden zurückzunehmen. Feng sieht sich daher noch immer ziemlich starken Streitkräften gegenüber, die es ihm unmöglich machen, schon jetzt gegen Tschangsolin im Norden vorzugehen. Er wird daher sich zunächst gegen seinen Geg­ner im Süden wenden.

Chinesischer Protest.

Wie aus Peking gemeldet wird, hat der chinesische Außenminister bei den Vertretern des diplomatischen Korps Einspruch gegen die Anwesenheit der Japaner in Mulden erhoben.

Namens und im Austrage der »Menschheit".

In Wiesbaden hat sich 1920 ein Revolverblatt neu aufgetan. Natürlich heißt es hochtrabendDie Mensch­heit". Natürlich trägt es einen sinnigen Eeleitspruch am Kopf der ersten Seite.

Für deutsche Kultur, europäische Föderation und menschliche Gesinnung. Für nationale Selbster­kenntnis und Friede durch Recht (? Oh ,ha.) gegen Krieg Nationalismus und Partikularis- mus.

Lügen und Phrasen genug auf einem Raum von wenigen Zeilen. Lügen vor allen Dingen weil das erste Erfor­dernis den Herausgebern und Mitarbeitern des Blattes fehlt: Ehrfurcht vor dem Gewesenen, Verständnis für Ge­schichte und geschichtliche Personen. Denn sonst wäre es un­möglich ,daß am Ende eines geradezu unerhört unsachlichen Artikels über die politischen Gegensätze zwischen Kaiser Friedrich und Bismarck der folgende schlagende Abschnitt stände:

Nur bei völliger Loslösung von der Bismarcktra­dition ist heute für das deutsche Volk eine bessere Zukunft möglich. Diejenigen demokratischen und 'selbst sozialdemokratischen Kreise (von den soge­nannten Bismarckföderalisten gar nicht zu reden), die in Bismarck nicht den Verderber Deutschlands erkennen .sie arbeiten nicht für das Wohl des deutschen Polkes, sondern in Wahrheit pour le roi de Prusse ,d. i. den endgültigen Untergang Deutschlands.

Diesen Behauptungen gegenüber versagen die kräftig­sten Verbaliejurien ihre erleichternde und herzerfrischen­de Wirkung. Es ist tatsächlich zum.....

Und weiter. Zwei Seiten vorher wird dem geistigen und moralischen Gehalt des rheinischen Separatismus (Sitz Wiesbaden) voninteressierten" und an der Be­wegung beteiligten Kreisen eine helle Fanfare geblasen. Eine redaktionelle Anmerkung von 50 Zeilen gibt den Senf zu diesem Mahl. Wohl bekomms, ihr Herren von Dor­tens Gnaden.

Uns aber und allen denen, kritisch sehen und den Unterschied zwischen dem alten Deutschland und demEu­ropäischen Deutschland nie. vergessen wollen:

Hütet Euch, der Feind sitzt links und in der Mitte.