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Hessische MorgeilzeitNg

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Donnerstag, den 31. Dezember 1925, mittags.

59. (2.) Jahrgang

Jie unWeme Genfer Wiilinkg.

Das Wehgeschrei der Linken. Marx schwer kompromittiert.

Eine mysteriöse Angelegenheit.

Berlin, 31. Dezember. Der Genfer Korrespondent der B. 3- veröffentlicht folgende Mitteilung, die ihm aus dem General-Sekretariat des Völkerbundes zugeleitet wor­den ist:Die Behauptung, daß irgend eine zuständige Person des General-Sekretariats des Völkerbundes sich beim deutschen Generalkonsul Aschmann oder gar schrift­lich in Berlin über die angebliche Postenjägerei beklagt haben soll, ist vollkommen absurd. Es kann von irgend einer offiziellen oder offiziösen eingereichten Vewerbungs- liste irgend einer deutschen Partei überhaupt keine Rede sein. Das General-Sekretariat des Völkerbundes ist er­staunt, daß es in die innerpolitische Polemik der deutschen Presse hineinbezogen wird." Vom Auswärtigen Amt war am Vortage eine Mitteilung herausgegeben worden, die sich auf einen Bericht des deutschen Generalkonsuls Asch­mann stützt, der behauptet hatte, daß die angeblichen deutschen Bewerbungen beim Völkerbund-Sekretariat Be­unruhigung hervorgerufen hätten.

Die Linkspresse hat sich in der Angelegenheit des Schrit­tes führender Persönlichkeiten deutscher Parteien in Genf mit der Bestätigung durch eine halbamtliche Mitteilung des Auswärtigen Amtes nicht begnügt. DerVorwärts"

----M^Mferrtlicht gestern morgen, offenbar nach einer Inter­vention der Sozialdemokratischen Partei im Auswärtigen Amt,'eine Erklärung Dr. Stresemanns, in der es heißt: Ueber einen Schritt der Sozialdemokratischen Partei beim Völkerbund-Sekretariat ist im Auswärtigen Amt nichts bekannt. Ueber einen derartigen Schritt sind infolgedessen auch keine.Informationen durch das Auswärtige Amt an die Presse gegeben worden."

Diese Erklärung entspricht insofern der Mitteilung des Auswärtigen Amtes nicht, als in ihr gesagt war, daß man im General-Sekretariat des Völkerbundes davon Kenntnis erhalten habe, daß verschiedene politische Par­teien in Deutschland Kandidatenlisten für die deutsche Be­teiligung im Völkerbund-Sekretariat aufgestellt hätten und diese Mitteilung bei der Namhaftmachung verschiedener Parteien nur so verstanden werden konnte, daß neben dem Zentrum auch die Sozialdemokratische Partei eine Liste in Genf eingereicht habe. Natürlich schließt die Erklärung Dr. Stresemanns nicht aus, daß einzelne Persönlich­keiten der Sozialdemokratischen Partei sich nach Genf ge­wandt haben, was auch aus einer ausdrücklichen auf Er­kundigung in Berlin sich stützenden Mitteilung der sozial­demokratischen Sächsischen Volkszeitung hervorgeht.

Die Frage der Erweiterung der Rückwirkungen.

Von unserem Berliner Vertreter.

Berlin, 31. Dezember.

Die Reichsregierung hat bei der Verabschiedung der Locarno-Verträge im Reichstag die nachdrückliche Erklä­rung abgegeben, daß ihr ganzes Streben darauf gerichtet sein werde, die von Deutschland geforderten Rückwirkungen des Sicherheitspaktes auf das besetzte Rheinland zu erwei­tern und durch neue Verhandlungen mit den Besatzungs­mächten wieder aufzurollen. Den ersten Schritt haben der Reichskanzler Dr. Luther unb Außenminister Dr. Strese­mann anläßlich der Unterzeichnung der Paktoerträge in London unternommen, ohne daß jedoch irgend ein positives Resultat erzielt werden konnte. Infolge der frühzeitigen Abreise be^ französischen Außenministers Briand wurden die Verhandlungen unterbrochen, sodaß das neu zu bildende Reichskabinett die Aufgabe haben wird, alsbald eine neuer-

I liche Fühlungnahme mit den Regierungen in London, 'Paris und Brüssel über die Besatzungsfrage herzustellen.

Dieser Tage ging durch die Presse die Meldung, daß bei

- dem gegenwärtig im Gang befindlichen Umgruppierung der Besatzungstruppen bereits das Problem der Verminderung des Truppenstandes und der früheren Räumung des Main-

Das Zentrum glaubt in derGermania" mit einem abermaligen Dementi ohne Abdruck der Erklärung des Auswärtigen Amtes einen Schlußstrich unter die Angele­genheit ziehen zu können, obwohl demokratische Blätter, offenbar gestützt auf eine dem Zentrum sehr nahestehende Korrespondenz, offen von einem

Brief des Abgeordneten Marx

nach Genf gesprochen und berichtet haben, daß der Abge­ordnete Marx in dem Briefe den früheren Pressechef Dr. Spiecker empfohlen habe. Es wird dabei zwar behauptet, daß Marx dieses Schreiben erst auf Anfrage aus Genf ab­geschickt habe, und das Auswärtige Amt gleichzeitig Kennt­nis von dem Schreiben erhalten habe. Anfragen können auch bestellt sein, und über die gleichzeitige Unterrichtung scheint man im Auswärtigen Amt nichts zu wissen; da man sonst etwas darüber gesagt haben würde. Cs liegt nahe, daß sich weder das Auswärtige Amt noch der General- Sekretär des Völkerbundes aus diplomatischen Gründen weiter über die Angelegenheit äußern werden, zumal eine persönliche Aussprache zwischen dem Minister des Aeußern und dem General-Sekretär des Völkerbundes für die nächste Zeit in Berlin in Aussicht genommen ist.

- Ganz unsinnig ist die Meldung eines Berliner Mittag- blattes aus Genf, daß zwei angeblich hohe Beamte des Völkerbundes erklärt hätten, daß überhaupt keine Vor­stellungen bei dem deutschen Generalkonsul in Genf erho­ben seien. Das Auswärtige Amt scheint diese Falschmel­dung mit Stillschweigen übergehen zu wollen, was einer nochmaligen Bestätigung der halbamtlichen Mitteilung des Auswärtigen Amtes gleichkommt.

Die ersten Nachrichten über die Anregungen deutscher Parteipolitiker in Genf sind uns aus dem Auslande zuge­gangen und zwar in sehr bestimmter Form. Sie sind in einer ganzen Reihe deutscher Zeitungen, unabhängig von­einander, teils mit der Betonung des offiziellen Charak­ters des Schrittes, teils mit Bezugnahme auf persönliche Schreiben einzelner Abgeordneter, erschienen. Zentrum und Sozialdemokratie stützen sich in ihrem Entschuldigungs­feldzug teils auf uns, teils auf dieTägliche Rundschau", die unsere Meldung zuerst bestätigt hat, weil sie die Schuld" damit von sich auf das Auswärtige Amt abwäl­zen zu können glauben. Wir können uns, wie nochmals festgestellt sei, mit der Bestätigung unserer Meldung durch dieTägliche Rundschau" und durch die halbamtliche Mit­teilung des Auswärtigen Amtes begnügen.

zer Brückenkopfes in den Vordergrund gedrängt worden sei und daß man schon jetzt mit einer Lösung dieser Fragen rechnen dürfe. Demgegenüber stellt sich jedoch heraus, wie wenig in Wirklichkeit erreicht worden ist, da man es bei den gegenwärtigen Maßnahmen einzig und allein mit der so­genanntenmilitärischen Umgruppierung", nicht aber mit der Verminderung der Besatzungstruppen und der Abkür­zung der Räumungsfristen zu tun hat. Nach unseren In­formationen ist bisher zwischen den alliierten Regierungen und Deutschland über diese Fragen noch keine Einigung er­zielt worden. Als Dr. Luther und Dr. Stresemann in London die Rheinlandfrage zur Sprache gebracht haben, fanden sie zwar bei dem englischen Außenminister Chamber­lain und bei dem belgischen Minister Vandervelde ein freundliches Entgegenkommen, aber es war unmöglich, zu positiven Verhandlungen zu kommen, da die alliierten Mächte unter sich noch nicht in der Lage waren, zu einer Verständigung über das Vesatzungsproblem zu gelangen.

Tatsächlich wird der Eindruck erheblicher Meinungsver­schiedenheiten zwischen London, Paris und Brüssel noch da­durch verstärkt, daß die Besatzungsmächte bei der Frage der Umgruppierung der durch die Räumung der Kölner Zone freigewordenen Truppen auch jetzt noch ernste Unstimmig­keiten unter sich auszutragen haben. England, das seine Truppen bereits auf 8 000 Mann reduziert hat, will auf keinerlei weitere Verminderungen seines Kontingentes ein­gehen, während Frankreich sich mit allem Nachdruck auf den

Standpunkt stellt, daß die französischen Truppenstärke nicht weniger als 60 000 Mann betragen dürfe. Die Folge da­von ist, daß sich bei der Umgruppierung der Truppen Ge­gensätze herausgebildet haben, die einer Lösung des ganzen Besatzungsproblems ernste Schwierigkeiten bereiten.

Es wäre daher völlig verfehlt, wenn man sich deutscher­seits einem gewissen Optimismus hingeben würde.

Vielmehr besteht die dringende Notwendigkeit, die For­derung auf Abkürzung der Besatzungsfristen und Vermin­derung der Truppenstärke in den nächsten Wochen mit gro­ßer Entschiedenheit zu erheben und demgemäß eine Ein­heitsfront aller Parteien im Reichstage herzustellen. Wenn die neue Regierung gebildet sein wird, muß sie sich über diese Fragen vor dem Reichstag aussprechen; denn sie über­nimmt bei ihrem Amtsantritt die Aufgabe, die deutsche Außenpolitik in unveränderter Form fortzuführen. Dazu gehört aber in erster Linie die Erweiterung der Rückwir­kungen des Sicherheitspaktes auf die besetzten Gebiete, eine Frage, die von dem bisherigen Kabinett Luther-Strese­mann nicht mehr gelöst werden konnte und die unter kei­nen Umständen ad acta gelegt werden darf.

Die Hochwafferkatastrophe.

Köln, 30. Dezember. Die Fluten des Rheins steigen unaufhaltsam weiter, zurzeit, 12 Uhr mittags, etwa 3 Zen­timeter die Stunde. Der hiesige Pegelstand zeigt etwa 7,99 Meter. Die Rheinpromenade steht in ihrer ganzen Länge von etwa 8 Kilometern einen Meter unter Wasser. In den tiefer gelegenen Straßen und Gassen in der Nähe der Frankenwerft steht das Wasser teilweise 1,05 Meter hoch. Das städtische Tiefbauamt fährt in großen Mengen schwere Balken, Bretter, Holzblöcke und Leitern heran, um den be­drängten Einwohnern durch Ausstieg aus den Fenstern und aus den höher gelegenen Stockwerken den Verkehr mit der Außenwelt zu ermöglichen. Bei den anhaltenden Nie­derschlägen und dem weiteren Ansteigen fast sämtlicher Nebenflüsse des Rheins ist für die nächsten 24 Stunden mit einem weiteren Anwachsen der Hochflut zu rechnen.

In Koblenz ist der Wasserstand um 10 Uhr 7,31 Meter. Er steigt stündlich 34 Zentimeter. Am Oberrhein herrscht eine Temperatur von 15 Grad Wärme. In Koblenz rechnet man mit einem Hochstand von 8 Metern.

Bei Bonn ist der Rhein bis heute morgen 8 Uhr auf 7,50 Meter gestiegen. Er steigt seitdem weiter stündlich um 3 Zentimeter. Die elektrische Bahn nach Königswinter verkehrt wegen des Hochwassers nur noch bis zur Langen­burg. Die Keller in den Rheinstraßen stehen unter Wasser, in den tiefer gelegenen Häusern auch die Erdgeschoffe.

Die Mosel hatte bei Trier vormittags 10 Uhr einen Stand von 6,99 Meter erreicht. Das Wasser steigt stünd­lich um 45 Zentimeter.

Bei Mannheim erreichte der Rhein heute früh eine Hö­he von 8.20 Meter. Die Wege im Stadtpark und die Rhein­insel stehen zum größtenteils unter Wasser.

Das Wasser der Saar ist zurzeit in starkem Abfluß be­griffen. In Saarbrücken ist ein Pegelstand von 5,88 Me­tern zu verzeichnen.

Bei Duisburg wurde heute morgen ein Wasserstand von 6.32 Metern festgestellt. Das Wasser steigt stündlich um 5 Zentimeter. Die Außenmole des Hafens ist überschwemmt. Der südliche Hafen in Hochfeld ist vollständig unter Wasser.

In Ruhrort ist ein Teil des Rheins überflutet, ebenso das Ufergelände nahe der Eisenbahnbrücke. Das Erzlager der Hütte Phönix steht unter Wasser. In Homburg sind die Ufer vor dem neuen Damm und Leinfahrt in der Flut versunken. Die Hafenmole des Krupphafens in Rheinhau­sen droht überspült zu werden. Im Laufe des heutigen Tages ist mit der vollständigen Lahmlegung der Schiffahrt zu rechnen. Der Verkehr zwischen Cleve und Emmerich ist lahmgelegt. Der Vordamm in Warbeyen überflutet, ein Teil des Dorfes Warbeyen steht unter Wasser. In Koyen an der holländischen Grenze ist das Wasser seit gestern mor­gen um etwa einen Meter gestiegen. Bei München-Gladbach mußte die Rheinische Kraftwagenbetriebsgesellschaft den Autobusverkehr stillegen.